2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Désirée Waterstradt

Sozialisierung oder Zivilisierung der Eltern?

Das heutige Verständnis von Sozialisation macht deutlich, dass die Vergesellschaftung von Menschen ein Leben lang anhält. Die vielschichtigen Facetten unserer Identität entwickeln wir im Laufe unseres Lebens nicht aus uns selbst heraus, sondern vor allem in den Beziehungen zu anderen Menschen – als ständige, aktive Aneignung unserer gesellschaftlichen Umgebung. "Sozialisation bezeichnet (…) den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt. Sozialisation ist die lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundlagen, die für den Menschen die ‚innere Realität‘ bilden, und der sozialen und physikalischen Umwelt, die für den Menschen die ‚äußere Realität‘ bilden."[1]

In der Sozialisationstheorie spielen Eltern eine zentrale Rolle: Sie sollen die ersten Beziehungspartner und Beziehungsmaßstab jedes Menschen sein; als solche sollen sie als Übungspartner, Setzer von Bewertungsmaßstäben und emotionale Brücke in andere Beziehungsgeflechte fungieren; Eltern sollen durch das dauerhafte Zusammenleben mit ihren Kindern die primäre Sozialisationsinstanz Familie begründen.[2] Das gesellschaftliche und wissenschaftliche Interesse an der Sozialisation von Kindern durch Eltern ist deshalb verständlicherweise groß.

Sozialisierung als Eltern

Die Ergebnisse der Verhaltensforschung machen einen wesentlichen Aspekt menschlicher Elternschaft deutlich: Im Umgang mit dem eigenen Nachwuchs gibt es bei Menschen kaum genetisch basierte, "natürliche" Verhaltensausstattungen; das heißt, sie müssen sich diese im Lauf ihres Lebens erst aneignen. Sie müssen also zur Elternschaft sozialisiert werden, um den Umgang mit Nachwuchs zu erlernen. Menschliche Elternschaft ist insofern immer soziale Elternschaft, auch wenn sie unverzichtbare biologische Grundlagen hat.

Biologische Grundlagen können jedoch durch die jeweiligen Konzepte sozialer Elternschaft verstärkt oder abgeschwächt werden – wie etwa die Handhabung des Stillens zeigt: Elternschaftskonzepte gehobener Gesellschaftsschichten sahen schon in der Antike und bis ins 19. Jahrhundert, wenn möglich, eine Amme vor.[3] In unteren Gesellschaftsschichten sorgten bis Anfang des 20. Jahrhunderts die arbeitsbedingt geringe Stillfrequenz und die inadäquate, oft gesundheitsgefährdende Säuglingsernährung durch Tiermilch oder Nahrungsbreie für eine dramatisch hohe Säuglingssterblichkeit; auch in ganzen Regionen konnte Stillen unüblich sein – beispielsweise wurde in manchen Teilen Bayerns vor 1900 generell kaum gestillt.[4]

Die jeweiligen gesellschaftlichen Elternschaftsmuster geben vor, wer für welche Aufgaben bei der Sozialisierung von Kindern in welcher Phase zuständig ist, wie diese Menschen genannt werden, welche Beziehungen die verschiedenen Beteiligten untereinander haben sollen und wie sich die jeweiligen Beziehungen später weiterentwickeln sollen. Sie geben auch vor, welches Verhalten, Denken, Sprechen und Empfinden mit den jeweiligen Positionen einhergehen und damit die Kinder prägen sollen. Elternschaftsmuster können jedoch nicht jenseits der Menschen und ihrer Gesellschaften existieren, sondern bedürfen ihrer als Träger dieser Muster. Nur wenn Menschen sie physisch und psychisch verinnerlichen, können sie diese auch verkörpern, weitertragen und dadurch gesellschaftliche Elternschaftsmuster aufrechterhalten – oder verändern. Als Träger solcher Muster "wissen" Menschen beispielsweise, ob eine Frau ihr Kind stillen sollte oder nicht.

Der Wandel gesellschaftlicher Verhaltensmuster lässt sich häufig an den sie abbildenden Begriffskonzepten beobachten. In unserem Sprachraum etwa konnte der Begriff "Eltern" bis zur Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung vor etwa 100 Jahren noch als "Aeltern" geschrieben werden. Diese Schreibweise deutet darauf hin, dass es in Beziehungen zu Kindern damals nicht primär um direkte genetische Abstammung ging, sondern um den Aspekt des sozialen Alters. So vollzog sich bereits im Mittelalter in Nordwesteuropa eine Lockerung des Abstammungsprinzips,[5] die zu einer erweiterten, flexibilisierten Verantwortungsübernahme der sozial Älteren für die Entwicklung der sozial Jüngeren führte.

Die in menschlichen Gesellschaften gelebten Elternschaftsmuster kann man auch als Habitus[6] der Elternschaft bezeichnen. Er gehört zur gesellschaftlichen "Umgebung", in der Menschen aufwachsen, und er wird ihnen deshalb in seiner jeweiligen gesellschaftsspezifischen Variante zur zweiten Natur – genau wie etwa die jeweilige Sprache. So empfinden Menschen den für ihre Gesellschaft spezifischen Elternhabitus als "natürlich" und die Elternhabitus anderer Zeiten oder Gesellschaften als "unnatürlich", oftmals sogar als bedrohlich oder unmenschlich. Der Habitus der Elternschaft ist für jede Gesellschaft von zentraler Bedeutung, um deren Generativität und Zukunft zu gewährleisten. Auf seiner Grundlage bilden sich reale Ideale und Traumbilder von Elternschaft heraus.

Der Habitus der Elternschaft ist Teil der gesamten gesellschaftlichen Standards und Strukturen. Diese lassen Elternindividuen wissen, ob sie sich mit ihrem persönlichen Elternschaftshabitus noch innerhalb oder schon außerhalb des gesellschaftlichen Elternschaftshabitus bewegen. Dies zeigen auch die gesellschaftsspezifischen Muster des "Lob- und Schimpfklatschs"[7] über Elternschaft an, die oftmals über viele Generationen weitergegeben werden – wie etwa unser Ausdruck der "Rabenmutter". Je nach Spielräumen werden Verstöße gegen den jeweiligen gesellschaftlichen Elternschaftshabitus durch die umgebende Gesellschaft mehr oder weniger stark sanktioniert. Dabei reichen Sanktionen von leichten Beschämungen über Belehrungen, Schimpfklatsch, Zurechtweisungen und gemäßigte Strafen bis hin zu Haft, Folter und Todesstrafe. Während beispielsweise Kindsmord in der Antike und im Mittelalter lange Zeit als eine Art erweiterte, postnatale "Geburtenkontrolle" üblich war, stand später darauf die Todesstrafe.

Bedeutung des Elternschaftshabitus

Der Unterschied zwischen der "Sozialisierung durch Eltern" und der "Sozialisierung als Eltern" ändert den Betrachtungswinkel von Elternschaft grundlegend. Doch trotz des enormen konzeptionellen Unterschieds ist beides alltagspraktisch nur bedingt auseinanderzuhalten. Denn von klein auf lernen wir den Elternschaftshabitus unserer Gesellschaft kennen. Ob wir es wollen oder nicht, ob wir selbst Kinder haben oder nicht: Alle Menschen verinnerlichen den sozialen Elternschaftshabitus ihrer Gesellschaft von klein auf psychisch und physisch. Wie der lebenslange Spracherwerb zu einem sehr persönlichen Sprachstil wird, so wird die Aneignung des sozialen Elternschaftshabitus zum persönlichen Elternschaftshabitus. Dabei sind beide nicht starr, sondern entwickeln sich laufend weiter.

In ihrem Leben als Kinder, Jugendliche, Erwachsene oder Alte tragen Menschen stets ihre verinnerlichten Auffassungen von Elternschaft in alle Beziehungen hinein und sozialisieren andere zur Elternschaft – durch Erwartungen, Verhalten, Reden, Denkweisen, positive und negative Empfindungen, Gestik, Mimik, Beschämungen und zahllose andere Habitusaspekte. Da Menschen Beziehungswesen sind, haben der soziale Habitus wie der daraus entwickelte persönliche Habitus immer auch Aufforderungscharakter. So sehr die Wahlfreiheiten in etlichen Gesellschaften auch zugenommen haben mögen und so sehr wir diese auch rhetorisch verstärken, sie finden ihre Grenzen in grundlegenden Ordnungsprinzipien menschlicher Gesellschaften – wie etwa im Habitus.

In Anlehnung an den Kommunikationsforscher Paul Watzlawick ließe sich sagen, dass Menschen sich gegenseitig "nicht nicht sozialisieren" können – auch und gerade zum Thema Elternschaft. Die hohe Emotionalisierung der Debatten zu diesem Thema bestätigt dies täglich aufs Neue: Während uns viele andere Habitusaspekte egal sind, wenn wir nicht betroffen sind, scheint sich die Betroffenheit beim Thema Elternschaft für jeden Menschen schnell einzustellen und lässt Abweichungen vom eigenen persönlichen Elternhabitus bedrohlich erscheinen. Dessen Infragestellung scheint wie ein Erdbeben für die Balancen unserer Beziehungsgeflechte zu wirken und in einer unmittelbaren Kettenreaktion viele grundlegende Aspekte unseres Lebens zu gefährden – wie etwa Gefühle, die berufliche Position, die Partnerschaft. Erhebliche Wandlungen des gesellschaftlichen Elternschaftshabitus machen eine grundlegende Neuinterpretation unseres gesamten bisherigen Lebens notwendig: War denn alles falsch, was wir früher für richtig, natürlich und unumstößlich hielten, was wir dachten und fühlten, wonach wir unser Leben und unsere sozialen Beziehungen ausgerichtet haben?

Umgekehrt können Menschen mit ihrem persönlichen Elternschaftshabitus nur sehr begrenzt gegen den sozialen Strom schwimmen. Beispielsweise spiegelt die hiesige Struktur von Berufswelt und Kleinkinderbetreuung unseren Elternschaftshabitus wider und führt in den Jahren nach der Geburt eines Kindes zu einer sehr ausgeprägten Traditionalisierung der elterlichen Geschlechterrollen. Angesichts des Gleichheitsanspruchs zieht dies zahlreiche offene und verdeckte Konflikte in Partnerschaft, Beruf und anderen Lebensbereichen nach sich – ganz zu schweigen von den inneren Konflikten der Beteiligten.

Fehlende Geschlechtsneutralität

Dass Elternschaft nicht geschlechtsneutral ist und als zentrale Grundlage des doing gender gilt, haben wir von klein auf verinnerlicht. Ob bestimmte Funktionen des Elternschaftshabitus primär Frauen oder Männern oder aber beiden Geschlechtern zugeschrieben werden, ist gesellschaftsspezifisch. Wie sehr wir gesellschaftlich von der geschlechterspezifischen "Natur" von Elternschaft überzeugt sind, zeigen bereits die tief verankerten Begriffskonzepte von weiblicher Elternschaft als "Mutterschaft" und männlicher Elternschaft als "Vaterschaft". Sogar soziologische Lexika kennen den Begriff der Elternschaft nicht, sondern verweisen lediglich auf familiale und geschlechterduale Begriffskonzepte wie "Kindheit", "Soziologie der Familie", "Vaterschaft" und "Mutterschaft".[8]

Die Geschlechterforschung weist schon lange darauf hin, wie problematisch die Kategorie Geschlecht in Bezug auf den Elternschaftshabitus ist: Entweder das Geschlecht wird trotz besseren Sozialisationswissens als nicht weiter erklärungsbedürftige Kategorie naturalisiert oder es wird im sprachlich geschlechterneutralen Begriff der Elternschaft verschleiert. Da uns bislang keine anderen Begriffskonzepte von Elternschaft zur Verfügung stehen, müssen wir je nach Kontext und Elternschaftsidealen entweder auf die naturalisierend-vergeschlechtlichten oder auf die geschlechtsverschleiernden Begriffe zurückgreifen: in Gesetzen, wissenschaftlichen Studien, Familienfördermaßnahmen, Spielen, Aufteilung von Haushaltsfunktionen. Unsere sprachlichen Begriffskonzepte transportieren im Sprachentwicklungsprozess eingelagerte, unterschiedliche Aspekte des Elternschaftshabitus früherer Gesellschaften und legen uns damit Beschreibungen von Elternschaft nahe, die zahlreiche Widersprüche zu unseren modernen Patchworkidentitäten entstehen lassen.

Fußnoten

1.
Klaus Hurrelmann, Einführung in die Sozialisationstheorie, Weinheim 2006, S. 15f.
2.
Vgl. ebd., S. 127, S. 137.
3.
Vgl. Elke Niehüser/Otmar Tönz, Zur Geschichte des Stillens, in: Veronika Scherbaum (Hrsg.), Stillen: Frühkindliche Ernährung und reproduktive Gesundheit, Köln 2003, S. 1–13.
4.
Vgl. Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, Bd. I, München 1990, S. 18f.
5.
Vgl. Michael Mitterauer, Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs, München 2003, S. 276.
6.
Vgl. zum vielschichtigen Habitus-Konzept: Norbert Elias, Gesamtregister, Frankfurt/M. 2010.
7.
Vgl. Norbert Elias, Etablierte und Außenseiter, Frankfurt/M. 2006, S. 166ff.
8.
Vgl. u.a.: Gordon Marshall/John Scott (eds.), A Dictionary of Sociology, Oxford 2009.
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Autor: Désirée Waterstradt für bpb.de
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