2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti
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Sozialisierung oder Zivilisierung der Eltern?


29.11.2012
Das heutige Verständnis von Sozialisation macht deutlich, dass die Vergesellschaftung von Menschen ein Leben lang anhält. Die vielschichtigen Facetten unserer Identität entwickeln wir im Laufe unseres Lebens nicht aus uns selbst heraus, sondern vor allem in den Beziehungen zu anderen Menschen – als ständige, aktive Aneignung unserer gesellschaftlichen Umgebung. "Sozialisation bezeichnet (…) den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt. Sozialisation ist die lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundlagen, die für den Menschen die ‚innere Realität‘ bilden, und der sozialen und physikalischen Umwelt, die für den Menschen die ‚äußere Realität‘ bilden."[1]

In der Sozialisationstheorie spielen Eltern eine zentrale Rolle: Sie sollen die ersten Beziehungspartner und Beziehungsmaßstab jedes Menschen sein; als solche sollen sie als Übungspartner, Setzer von Bewertungsmaßstäben und emotionale Brücke in andere Beziehungsgeflechte fungieren; Eltern sollen durch das dauerhafte Zusammenleben mit ihren Kindern die primäre Sozialisationsinstanz Familie begründen.[2] Das gesellschaftliche und wissenschaftliche Interesse an der Sozialisation von Kindern durch Eltern ist deshalb verständlicherweise groß.

Sozialisierung als Eltern



Die Ergebnisse der Verhaltensforschung machen einen wesentlichen Aspekt menschlicher Elternschaft deutlich: Im Umgang mit dem eigenen Nachwuchs gibt es bei Menschen kaum genetisch basierte, "natürliche" Verhaltensausstattungen; das heißt, sie müssen sich diese im Lauf ihres Lebens erst aneignen. Sie müssen also zur Elternschaft sozialisiert werden, um den Umgang mit Nachwuchs zu erlernen. Menschliche Elternschaft ist insofern immer soziale Elternschaft, auch wenn sie unverzichtbare biologische Grundlagen hat.

Biologische Grundlagen können jedoch durch die jeweiligen Konzepte sozialer Elternschaft verstärkt oder abgeschwächt werden – wie etwa die Handhabung des Stillens zeigt: Elternschaftskonzepte gehobener Gesellschaftsschichten sahen schon in der Antike und bis ins 19. Jahrhundert, wenn möglich, eine Amme vor.[3] In unteren Gesellschaftsschichten sorgten bis Anfang des 20. Jahrhunderts die arbeitsbedingt geringe Stillfrequenz und die inadäquate, oft gesundheitsgefährdende Säuglingsernährung durch Tiermilch oder Nahrungsbreie für eine dramatisch hohe Säuglingssterblichkeit; auch in ganzen Regionen konnte Stillen unüblich sein – beispielsweise wurde in manchen Teilen Bayerns vor 1900 generell kaum gestillt.[4]

Die jeweiligen gesellschaftlichen Elternschaftsmuster geben vor, wer für welche Aufgaben bei der Sozialisierung von Kindern in welcher Phase zuständig ist, wie diese Menschen genannt werden, welche Beziehungen die verschiedenen Beteiligten untereinander haben sollen und wie sich die jeweiligen Beziehungen später weiterentwickeln sollen. Sie geben auch vor, welches Verhalten, Denken, Sprechen und Empfinden mit den jeweiligen Positionen einhergehen und damit die Kinder prägen sollen. Elternschaftsmuster können jedoch nicht jenseits der Menschen und ihrer Gesellschaften existieren, sondern bedürfen ihrer als Träger dieser Muster. Nur wenn Menschen sie physisch und psychisch verinnerlichen, können sie diese auch verkörpern, weitertragen und dadurch gesellschaftliche Elternschaftsmuster aufrechterhalten – oder verändern. Als Träger solcher Muster "wissen" Menschen beispielsweise, ob eine Frau ihr Kind stillen sollte oder nicht.

Der Wandel gesellschaftlicher Verhaltensmuster lässt sich häufig an den sie abbildenden Begriffskonzepten beobachten. In unserem Sprachraum etwa konnte der Begriff "Eltern" bis zur Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung vor etwa 100 Jahren noch als "Aeltern" geschrieben werden. Diese Schreibweise deutet darauf hin, dass es in Beziehungen zu Kindern damals nicht primär um direkte genetische Abstammung ging, sondern um den Aspekt des sozialen Alters. So vollzog sich bereits im Mittelalter in Nordwesteuropa eine Lockerung des Abstammungsprinzips,[5] die zu einer erweiterten, flexibilisierten Verantwortungsübernahme der sozial Älteren für die Entwicklung der sozial Jüngeren führte.

Die in menschlichen Gesellschaften gelebten Elternschaftsmuster kann man auch als Habitus[6] der Elternschaft bezeichnen. Er gehört zur gesellschaftlichen "Umgebung", in der Menschen aufwachsen, und er wird ihnen deshalb in seiner jeweiligen gesellschaftsspezifischen Variante zur zweiten Natur – genau wie etwa die jeweilige Sprache. So empfinden Menschen den für ihre Gesellschaft spezifischen Elternhabitus als "natürlich" und die Elternhabitus anderer Zeiten oder Gesellschaften als "unnatürlich", oftmals sogar als bedrohlich oder unmenschlich. Der Habitus der Elternschaft ist für jede Gesellschaft von zentraler Bedeutung, um deren Generativität und Zukunft zu gewährleisten. Auf seiner Grundlage bilden sich reale Ideale und Traumbilder von Elternschaft heraus.

Der Habitus der Elternschaft ist Teil der gesamten gesellschaftlichen Standards und Strukturen. Diese lassen Elternindividuen wissen, ob sie sich mit ihrem persönlichen Elternschaftshabitus noch innerhalb oder schon außerhalb des gesellschaftlichen Elternschaftshabitus bewegen. Dies zeigen auch die gesellschaftsspezifischen Muster des "Lob- und Schimpfklatschs"[7] über Elternschaft an, die oftmals über viele Generationen weitergegeben werden – wie etwa unser Ausdruck der "Rabenmutter". Je nach Spielräumen werden Verstöße gegen den jeweiligen gesellschaftlichen Elternschaftshabitus durch die umgebende Gesellschaft mehr oder weniger stark sanktioniert. Dabei reichen Sanktionen von leichten Beschämungen über Belehrungen, Schimpfklatsch, Zurechtweisungen und gemäßigte Strafen bis hin zu Haft, Folter und Todesstrafe. Während beispielsweise Kindsmord in der Antike und im Mittelalter lange Zeit als eine Art erweiterte, postnatale "Geburtenkontrolle" üblich war, stand später darauf die Todesstrafe.

Bedeutung des Elternschaftshabitus



Der Unterschied zwischen der "Sozialisierung durch Eltern" und der "Sozialisierung als Eltern" ändert den Betrachtungswinkel von Elternschaft grundlegend. Doch trotz des enormen konzeptionellen Unterschieds ist beides alltagspraktisch nur bedingt auseinanderzuhalten. Denn von klein auf lernen wir den Elternschaftshabitus unserer Gesellschaft kennen. Ob wir es wollen oder nicht, ob wir selbst Kinder haben oder nicht: Alle Menschen verinnerlichen den sozialen Elternschaftshabitus ihrer Gesellschaft von klein auf psychisch und physisch. Wie der lebenslange Spracherwerb zu einem sehr persönlichen Sprachstil wird, so wird die Aneignung des sozialen Elternschaftshabitus zum persönlichen Elternschaftshabitus. Dabei sind beide nicht starr, sondern entwickeln sich laufend weiter.

In ihrem Leben als Kinder, Jugendliche, Erwachsene oder Alte tragen Menschen stets ihre verinnerlichten Auffassungen von Elternschaft in alle Beziehungen hinein und sozialisieren andere zur Elternschaft – durch Erwartungen, Verhalten, Reden, Denkweisen, positive und negative Empfindungen, Gestik, Mimik, Beschämungen und zahllose andere Habitusaspekte. Da Menschen Beziehungswesen sind, haben der soziale Habitus wie der daraus entwickelte persönliche Habitus immer auch Aufforderungscharakter. So sehr die Wahlfreiheiten in etlichen Gesellschaften auch zugenommen haben mögen und so sehr wir diese auch rhetorisch verstärken, sie finden ihre Grenzen in grundlegenden Ordnungsprinzipien menschlicher Gesellschaften – wie etwa im Habitus.

In Anlehnung an den Kommunikationsforscher Paul Watzlawick ließe sich sagen, dass Menschen sich gegenseitig "nicht nicht sozialisieren" können – auch und gerade zum Thema Elternschaft. Die hohe Emotionalisierung der Debatten zu diesem Thema bestätigt dies täglich aufs Neue: Während uns viele andere Habitusaspekte egal sind, wenn wir nicht betroffen sind, scheint sich die Betroffenheit beim Thema Elternschaft für jeden Menschen schnell einzustellen und lässt Abweichungen vom eigenen persönlichen Elternhabitus bedrohlich erscheinen. Dessen Infragestellung scheint wie ein Erdbeben für die Balancen unserer Beziehungsgeflechte zu wirken und in einer unmittelbaren Kettenreaktion viele grundlegende Aspekte unseres Lebens zu gefährden – wie etwa Gefühle, die berufliche Position, die Partnerschaft. Erhebliche Wandlungen des gesellschaftlichen Elternschaftshabitus machen eine grundlegende Neuinterpretation unseres gesamten bisherigen Lebens notwendig: War denn alles falsch, was wir früher für richtig, natürlich und unumstößlich hielten, was wir dachten und fühlten, wonach wir unser Leben und unsere sozialen Beziehungen ausgerichtet haben?

Umgekehrt können Menschen mit ihrem persönlichen Elternschaftshabitus nur sehr begrenzt gegen den sozialen Strom schwimmen. Beispielsweise spiegelt die hiesige Struktur von Berufswelt und Kleinkinderbetreuung unseren Elternschaftshabitus wider und führt in den Jahren nach der Geburt eines Kindes zu einer sehr ausgeprägten Traditionalisierung der elterlichen Geschlechterrollen. Angesichts des Gleichheitsanspruchs zieht dies zahlreiche offene und verdeckte Konflikte in Partnerschaft, Beruf und anderen Lebensbereichen nach sich – ganz zu schweigen von den inneren Konflikten der Beteiligten.

Fehlende Geschlechtsneutralität



Dass Elternschaft nicht geschlechtsneutral ist und als zentrale Grundlage des doing gender gilt, haben wir von klein auf verinnerlicht. Ob bestimmte Funktionen des Elternschaftshabitus primär Frauen oder Männern oder aber beiden Geschlechtern zugeschrieben werden, ist gesellschaftsspezifisch. Wie sehr wir gesellschaftlich von der geschlechterspezifischen "Natur" von Elternschaft überzeugt sind, zeigen bereits die tief verankerten Begriffskonzepte von weiblicher Elternschaft als "Mutterschaft" und männlicher Elternschaft als "Vaterschaft". Sogar soziologische Lexika kennen den Begriff der Elternschaft nicht, sondern verweisen lediglich auf familiale und geschlechterduale Begriffskonzepte wie "Kindheit", "Soziologie der Familie", "Vaterschaft" und "Mutterschaft".[8]

Die Geschlechterforschung weist schon lange darauf hin, wie problematisch die Kategorie Geschlecht in Bezug auf den Elternschaftshabitus ist: Entweder das Geschlecht wird trotz besseren Sozialisationswissens als nicht weiter erklärungsbedürftige Kategorie naturalisiert oder es wird im sprachlich geschlechterneutralen Begriff der Elternschaft verschleiert. Da uns bislang keine anderen Begriffskonzepte von Elternschaft zur Verfügung stehen, müssen wir je nach Kontext und Elternschaftsidealen entweder auf die naturalisierend-vergeschlechtlichten oder auf die geschlechtsverschleiernden Begriffe zurückgreifen: in Gesetzen, wissenschaftlichen Studien, Familienfördermaßnahmen, Spielen, Aufteilung von Haushaltsfunktionen. Unsere sprachlichen Begriffskonzepte transportieren im Sprachentwicklungsprozess eingelagerte, unterschiedliche Aspekte des Elternschaftshabitus früherer Gesellschaften und legen uns damit Beschreibungen von Elternschaft nahe, die zahlreiche Widersprüche zu unseren modernen Patchworkidentitäten entstehen lassen.

Sozialisierung oder Zivilisierung?



Obwohl der theoretische Ansatz des Habitus heute zu den Sozialisationstheorien gezählt wird, hielten die Begründer des soziologischen Habitusbegriffs Norbert Elias und Pierre Bourdieu davon nicht viel. Bourdieu war der Auffassung, dass eine Soziologie, die Sozialisation als Ausbildung des Habitus sieht, keine Sozialisationstheorie im engeren Sinne braucht.[9] Elias ging weiter: Auf der Basis sozialhistorischer Verhaltensstudien beschrieb er 1939 den Zusammenhang von Psychogenese und Soziogenese als Metaprozess menschlicher Zivilisation.[10] Wie die Sozialisationstheorie wies er darin zwar einerseits auf den lebenslangen psychischen Vergesellschaftungsprozess von Menschen hin. Jedoch zeigte er darüber hinaus den unauflösbaren Zusammenhang mit den historischen Entwicklungsprozessen von Gesellschaften auf. In der Verknüpfung von beidem meinte er, einen Metaprozess zu erkennen: den Zivilisationsprozess – weswegen er den lebenslangen psychischen Vergesellschaftungsprozess von Menschen als Zivilisierung bezeichnete und nicht als Sozialisierung.

Nicht nur die Entwicklungsprozesse von Menschen, sondern auch die ihrer Gesellschaften weisen jeweils eigene, quasi "individuelle" Pfade auf. Dennoch weisen diese unterschiedlichen Entwicklungspfade nach Elias’ Überzeugung in allen menschlichen Gesellschaften langfristig in die gleiche Entwicklungsrichtung: Die Verflechtung nimmt zu, lässt Beziehungsgeflechte komplexer werden und führt zu einer Verringerung von Machtungleichheiten, die in ehemals hierarchischen Beziehungen Spannungen und Konflikte zunehmen lassen – wie etwa zwischen Herrschenden und Beherrschten, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, aber auch zwischen Nationen sowie nicht zuletzt auch zwischen Eltern und Kindern. Die Spannungen und Konflikte eskalieren nur dort nicht, wo das Nebeneinander ungezügelter Impulse und starker Selbstzwänge einer ebenmäßigeren, allseitigeren und stabileren Selbstregulierung von Menschen und ihren Gesellschaften weicht.

Mit seinen wissenschaftlichen Ansätzen eilte Elias dem gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Mainstream voraus: Während Deutschland, Europa und die Welt im barbarischen Dezivilisierungsschub des deutschen Nationalsozialismus versanken, entwickelte er als exilierter deutscher Jude seine Zivilisationstheorie. Es ist wenig erstaunlich, dass sein Werk damals kaum Beachtung fand. Doch nach einer Neuauflage 30 Jahre später erhielt Elias für dieses Werk breite Anerkennung und 1977 schließlich den Adorno-Preis. Auf der Basis seiner grundlegenden Ansätze menschlich-gesellschaftlicher Entwicklung wurde er quasi ex post zum Klassiker der Soziologie in Theorie und Forschung – von der Wirtschafts-, Musik-, Umwelt-, Sport- und Zeitsoziologie über die Ungleichheits- und Migrationsforschung bis zur Psychologie. Im Bereich der Familien- und Elternschaftsforschung werden Elias’ Ansätze bislang jedoch eher selten verwendet.

Auf der Grundlage seiner Zivilisationstheorie waren Eltern für Elias nicht nur "die – oft unzulänglichen – Instrumente, die primären Exekutoren der Konditionierung" im Zivilisationsprozess.[11] Denn auch an den Eltern-Kind-Beziehungen ließ sich nach seiner Überzeugung die Entwicklungsrichtung des Zivilisationsprozesses beobachten. Auf beide Aspekte von Elternschaft kam Elias in seinen Schriften immer wieder zurück.

Während die Kindzentrierung westlicher Familien voranschritt und das Kindeswohl wachsende Bedeutung erlangte, beschrieb Elias in einer Publikation zum "Internationalen Jahr des Kindes" 1979 seine Sichtweise auf Familie als "Zivilisierung der Eltern".[12] Er wies darauf hin, dass viele Probleme der heutigen Eltern-Kind-Beziehung Zivilisationsprobleme seien: der schwindende Machtunterschied zwischen Eltern und Kindern, die wachsende Bedeutung des Staates in der Eltern-Kind-Beziehung, das anachronistische Beharren auf einer idealisierenden Eltern-Kind-Beziehung, der wachsende Druck auf Eltern in Richtung einer ebenmäßigeren, allseitigeren und stabileren Selbstregulierung in der Beziehung zu ihren Kindern.

Seine wissenschaftlichen Ansätze hielt Elias keineswegs für unumstößlich oder abgeschlossen, sondern war an deren Verbesserung interessiert, damit Menschen sich in der sozialen Welt besser orientieren können. Gerade deshalb betonte er, dass die sozialhistorisch beobachtbaren, gesellschaftlichen und psychischen Entwicklungsprozesse ohne eine Metaprozesstheorie unverständlich und unerklärbar bleiben müssten – auch die sozialhistorische Veränderung der Eltern-Kinder-Beziehung.

Von der Kinderbeschämung zur Elternbeschämung



Im heutigen Elternschaftshabitus werden Beziehungen zu Kindern mit zweierlei Maß gemessen. Die "Balance zwischen Kindzentrierung und Kinddezentrierung"[13] spreizt sich immer weiter: Die zunehmende gesellschaftliche Kinddezentrierung führt für Eltern komplementär zu einer zunehmenden Kindzentrierung. Die Entwicklung lässt sich unter anderem an der Veränderung der emotionalen Selbststeuerung innerhalb der Habitusentwicklung ablesen: an Scham, Peinlichkeit, Moralvorstellungen, Geschmack, Stolz oder Ekel. Diese weichen Indikatoren machen deutlich, wofür sich wann und wer in einer Gesellschaft schämen muss. Auch für Elternschaft zeigen sie, welche Scham- und Peinlichkeitsstandards Eltern ihren Kindern beizubringen haben und welche für Eltern in ihrer Elternrolle gegenüber Dritten gelten. Mit anderen Worten: Wurde früher ein brüllendes Kind beim Einkauf beschämend zurechtgewiesen, so ist es heute an den Eltern, sich für die Szene zu schämen.

Gesellschaftliche Beschämungsbalancen laufen entlang der jeweiligen Stärkeverhältnisse: Durch Beschämungen entwaffnen Etablierte die Außenseiter, wodurch deren Gegenstigmatisierungen umgekehrt kraftlos bleiben und keinen Stachel besitzen.[14] Indem sich Außenseiter schämen, verurteilen sie die eigenen Erwartungen und verbieten sich, solche Erwartungen überhaupt noch erheben zu dürfen.[15] Fremdbeschämungen werden mit der Zeit verinnerlicht, wodurch sie sich als Selbstbeschämungen verselbstständigen können. Mit der Verankerung einer zunehmenden Kindzentrierung im Elternschaftshabitus gilt die Beschämung von Kindern als psychisch problematisch sowie folgenschwer. Sie soll im Rahmen der Sozialisation einer freundlich-warmen, emotional zugewandt-akzeptierenden Anerkennung, positiv rückkoppelnder Anregung und entwicklungsgemäßen Anleitung weichen, welche die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes berücksichtigen.[16]

Sozialhistorisch fiel die Beschämungsbalance lange Zeit zuungunsten der Kinder (und meist auch der Frauen) aus: in patriarchalen Beziehungsgeflechten gesichert durch die "väterliche Gewalt", in ehegattenzentrierten Beziehungsgeflechten durch "elterliche Gewalt". Eine kinddezentrierte Gesellschaft, die von Eltern zunehmende Kindzentrierung fordert, verschiebt die Beschämungsbalance nicht nur familial zwischen Eltern und Kindern, sondern auch gesamtgesellschaftlich zuungunsten der Elternposition – ohne dadurch die Kinderposition gesamtgesellschaftlich unbedingt zu stärken. Mehr noch: Elternschaft selbst scheint zu einem Platz der Beschämung geworden zu sein.

Die Ursachen der Beschämungen reichen von direkten Äußerungen über Eigeninteressen bis zu strukturellen Blockaden – etwa die Einstufung von Familienaufgaben als "Gedöns", der Allzweckverweis auf Verantwortung von Eltern oder die strukturelle Rücksichtslosigkeit von Wirtschaft und Staat gegenüber Eltern als Verantwortungsträgern der Familie. Unternehmen, staatliche Institutionen, Lebenspartner, pflegebedürftige eigene Eltern und Kinder stehen im Wettbewerb um die Humanressourcen von Elternindividuen. Lange Zeit führte dies vor allem Frauen in die "beschämende" Lage, ihren wachsenden Aufgaben und Verantwortungen nicht gerecht werden zu können. Doch mit dem Wandel des männlichen Elternschaftsideals empfinden auch immer mehr Männer die distanzierte Beziehung zu ihren Kindern als unzeitgemäß und beschämend; so beginnen sie, in ehemals weibliche Beschämungssituationen hineinzuwachsen.

Allein das gesellschaftliche Kindheitsideal hält für Eltern eine fatale Beschämungszwickmühle bereit: Entweder sie gelten wahlweise als überfordernd und überehrgeizig oder als überbehütend oder vernachlässigend – für eine Frau liegt ein schmaler Grat zwischen "Super-Mutti", "Glucke" und "Rabenmutter". Zudem sollen Eltern die zahllosen Beschämungen der eigenen Kinder in einer kinddezentrierten Gesellschaft wie eine Art Beschämungsschutz abfangen, abfedern und auf sich nehmen – klaglos, diskret und wirksam. Das macht die elterliche Beschämungszwickmühle nur noch unentrinnbarer, beispielsweise bei Beschwerden über Kinderlärm, schlechten Schulnoten, sexuellem Missbrauch oder Kriminalität der eigenen Kinder.

Doch auch ohne persönliche Elternschaft hält der Elternschaftshabitus mögliche Beschämungen bereit: Für Kinderlosigkeit sollten sich Menschen gegenüber einer Gesellschaft schämen, die darin Egoismus vermutet. Den unerfüllten Kinderwunsch sollten Menschen beschämt vor einer Gesellschaft verbergen, die darin tiefliegende psychische Störungen, mangelnde Weiblichkeit oder Männlichkeit oder gar den heimlichen medizinischen Weg zum Designerbaby sieht. Die Reihe weiterer Beschämungen ließe sich problemlos fortsetzen.

Entdeckung der Elternschaft ist notwendig



Noch weit über das Mittelalter hinaus war der Übergang zur Elternschaft in Verbindung mit der Ehe der Übergang zum selbstständigen Erwachsenenleben, während er heute vorhandene Selbstständigkeit eher einschränkt. Insgesamt ist er heute zu einem unterschätzten, nicht leicht zu bewältigenden Lebensereignis geworden, nicht zuletzt deshalb, weil es in unserer Gesellschaft ein enormer Unterschied ist, "Eltern zu haben" oder "Eltern zu sein". Elternschaftsideale und reale Bedingungen der Elternschaft klaffen erheblich auseinander. Deutlich wird Menschen dies erst, wenn sie selbst Eltern und von nun an zu Gefangenen und Dienern der beschämend überfordernden Ideale werden. Eltern stehen dann unter einem enormen Zeit-, Organisations-, Leistungs- und Erfolgsdruck, doch bei der Suche nach Lösungen heißt es in Gesellschaft, Wissenschaft und Politik bislang noch eher selten: "Fragt die Eltern!"[17]

Von der früheren Kindererziehung wissen wir, dass Beschämung eine wirksame Methode ist, um Menschen fügsam zu machen. Bei Eltern ist dies nicht anders. Allerdings scheint es kein vielversprechender Weg zu sein, da Elternschaft erheblich an Attraktivität einbüßt. Die Beschämungsbalance könnte ein wichtiger Indikator sein, um Wandlungsphänomene der Elternschaft zu erklären – vielleicht auch das jahrhundertelange, hartnäckige Delegieren von (potenziell beschämenden) kindbezogenen Aufgaben an (oft weibliche) Außenseiter wie Sklaven, Bedienstete oder statusniedere Berufsgruppen.

Nach der "Entdeckung der Kindheit" vor gut 200 Jahren brauchen wir dringend eine "Entdeckung der Eltern"[18] und der Elternschaft in ihrem gesamten sozialhistorischen, psycho- und soziogenetischen Zusammenhang. Wir benötigen mehr Wissen über die zugrunde liegende Entwicklung von Elternschaftshabitus und die damit in Verbindung stehenden Beziehungs- und Identitätsideale. Auch in Bezug auf Kinder war zunehmendes Interesse und Wissen die Basis, um von deren Beschämung und Instrumentalisierung zur Anerkennung als Individuen zu kommen und sich für ihre Wünsche und Bedürfnisse zu interessieren. Ohne weiteres Wissen über Elternschaft wird es uns nicht gelingen, den noch immer anhaltenden Schub der familialen Kindzentrierung sowie der gesellschaftlichen Kinddezentrierung zu bremsen und Elternschaft wieder attraktiver zu machen sowie zu stärken. "Das anachronistische Beharren auf einer idealisierten Vorstellung von der Eltern-Kind-Beziehung, wie von den Familienbeziehungen überhaupt, ist eines der großen Hindernisse, das einer sachgerechteren Bewältigung zeitgenössischer Familienprobleme im Wege steht."[19]

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Fußnoten

1.
Klaus Hurrelmann, Einführung in die Sozialisationstheorie, Weinheim 2006, S. 15f.
2.
Vgl. ebd., S. 127, S. 137.
3.
Vgl. Elke Niehüser/Otmar Tönz, Zur Geschichte des Stillens, in: Veronika Scherbaum (Hrsg.), Stillen: Frühkindliche Ernährung und reproduktive Gesundheit, Köln 2003, S. 1–13.
4.
Vgl. Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, Bd. I, München 1990, S. 18f.
5.
Vgl. Michael Mitterauer, Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs, München 2003, S. 276.
6.
Vgl. zum vielschichtigen Habitus-Konzept: Norbert Elias, Gesamtregister, Frankfurt/M. 2010.
7.
Vgl. Norbert Elias, Etablierte und Außenseiter, Frankfurt/M. 2006, S. 166ff.
8.
Vgl. u.a.: Gordon Marshall/John Scott (eds.), A Dictionary of Sociology, Oxford 2009.
9.
Vgl. Beate Krais/Gunter Gebauer, Habitus, Bielefeld 2002, S. 61.
10.
Vgl. Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation, Frankfurt/M. 1997.
11.
Ebd., S. 282f.
12.
Norbert Elias, Zivilisierung der Eltern, in: ders., Aufsätze und andere Schriften II, Frankfurt/M. 2006, S. 7–44.
13.
Trutz von Trotha, Eltern-Kind-Beziehung: Frankreich und Deutschland, Januar 2008, online: »http://www.berlin-institut.org/online-handbuchdemografie/bevoelkerungsdynamik/faktoren/eltern-kind-beziehung.html« (4.10.2012).
14.
Vgl. N. Elias (Anm. 7).
15.
Vgl. Sighard Neckel, Status und Scham, Frankfurt/M. 1991, S. 230.
16.
Vgl. K. Hurrelmann (Anm. 1), S. 164ff.
17.
Vgl. Tanja Merkle/Carsten Wippermann, Eltern unter Druck, Stuttgart 2008, S. 6; Hans Bertram/Katharina Spieß, Fragt die Eltern!, Baden-Baden 2011.
18.
Haim Omer/Arist von Schlippe, Autorität ohne Gewalt, Göttingen 2010, S. 76.
19.
N. Elias (Anm. 12), S. 42f.
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