2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Haci-Halil Uslucan

Familiale Einflussfaktoren auf delinquentes Verhalten Jugendlicher

Die Jugend wird immer brutaler", "unsere Kinder werden zu Tyrannen", "Eltern versagen völlig bei der Erziehung", "gewalttätige, archaische Erziehungsmethoden von Migrantenfamilien", so und ähnlich lauten tägliche Horrormeldungen. Doch wie weit können diese Feststellungen jenseits von Einzelbeobachtungen durch empirische Forschungsbefunde untermauert werden? Welche Details und welche Analysen sollten dabei berücksichtigt werden? Über die gesamte Lebensspanne betrachtet markiert die Jugendphase in allen Gesellschaften einen gefährdeten Schwellenzustand: Sie stellt ein Stadium physischer (Pubertät) und psychischer Umbrüche dar, in der vor allem die Frage der Identität eine zentrale Rolle spielt. Jugendliche können einerseits für ihre Handlungen und Verfehlungen nicht mehr den Schutzraum des Kindes beanspruchen, andererseits haben sie aber auch noch nicht die uneingeschränkten Möglichkeiten der Partizipation an der Lebenswelt des Erwachsenen.

Kulturhistorische Techniken wie Initiations- und Übergangsriten haben schon immer versucht, dieses anthropologische Datum des biografischen Überganges zu entschärfen. In modernen Gesellschaften haben jedoch solche überindividuellen Kulturtechniken an Relevanz eingebüßt; die Bewältigung dieses Überganges – vom Kind zum Erwachsenen – ist mehr denn je eine Frage des Einzelnen geworden.

Zwar widerspricht die Psychologie der Vorstellung, die Jugend sei immer und unausweichlich eine Zeit heftiger Krisen.[1] Nichtsdestotrotz gelten Devianz, Rebellion und Fehlanpassungen als typische Symptome dieser Phase und markieren eine gewisse Problembelastetheit dieses Lebensabschnittes. Studien, die den Zusammenhang zwischen psychologischem Wohlbefinden und Alter untersuchten, verdeutlichen, dass in fast allen Bereichen des Lebens wie Familie, Arbeit oder materieller Wohlstand Menschen unter 30 Jahren am unzufriedensten sind, sich jedoch hinsichtlich ihrer körperlichen Gesundheit durchweg positiver als ältere Gruppen zeigen.[2]

Die Erfahrung sozialer Anomie (das Gefühl, den eigenen "Platz in der Gesellschaft" noch nicht gefunden zu haben) scheint im Jugendalter am stärksten ausgeprägt zu sein. Die Adoleszenz ist für männliche wie weibliche Jugendliche häufig durch ein Fehlen an sozialer Einbettung, normativer Führung und klarer Verantwortlichkeiten gekennzeichnet. Delinquenz ist aus dieser Perspektive als eine Form zu verstehen, Grenzen zu testen und an der Welt der Erwachsenen zu partizipieren; sie ist auch als Zeichen eines jugendlichen Autonomieanspruchs zu werten.

Was den lebensgeschichtlichen Verlauf von Gewalthandlungen betrifft, so heben einschlägige Studien hervor, dass die Gewaltrate ab dem 13. Altersjahr stark ansteigt, aber spätestens nach dem 20. Jahr wieder absinkt. Eine genauere Analyse aus dem Jahr 1993[3] zeigt, dass es hier sinnvoll ist, zwischen zwei Gruppen zu unterscheiden: eine, deren Gewalthandlungen sich weitestgehend auf die Adoleszenz beschränkt (adolescence-limited), und eine andere, die über die gesamte Lebensphase Gewalthandlungen zeigt (life-course-persistent antisocial behaviour). So lassen sich bei der Entwicklung aggressiven Verhaltens Frühstarter von Spätstartern unterscheiden, wobei das Alter von 14 Jahren als "Marker" zugrunde gelegt wird: Während Frühstarter oft durch eine häusliche Umgebung mit geringer elterlicher Aufsicht, negativen Erziehungspraktiken, aggressivem Verhalten während der Kindheit und einer Ablehnung durch Gleichaltrige charakterisiert sind, weisen Spätstarter während der Kindheit nur in geringem Maße aggressive Verhaltensweisen auf. Vielfach kommen Eltern von Spätstartern ihrer Aufsichtspflicht eher mäßig nach und haben selbst häufig Partnerschaftskonflikte.

Die Delinquenz von Spätstartern weist eine eher vorübergehende Natur auf und ist häufig weniger gravierend; sie ist vielfach ein "Ausprobieren" sozialer Rollen und sozialer Normverletzungen, die abgelegt werden, wenn dieses Verhalten aus subjektiver Perspektive als nicht mehr funktional betrachtet wird. Vor allem bei der Billigung von Gewalt wird in der Forschung von einem Aging-out-Phänomen gesprochen: Mit zunehmendem Alter und der adäquateren Bewältigung von Entwicklungsaufgaben wird Gewalt kognitiv als eine Strategie der Konfliktlösung unattraktiver. Längsschnittstudien zeigen, dass nur rund ein bis vier Prozent aller Delinquenten ihre erste Straftat nach dem Alter von 17 Jahren begehen; ein adult onset crime (Beginn im Erwachsenenalter) scheint daher eher selten zu sein.[4] Dabei kann die häufig besorgte Rede von der "Verjüngung" der Delinquenzbelastung sowohl als ein sozialpolitisches Signal als auch eine "günstige Botschaft" gedeutet werden, weil dann nämlich eher zu erwarten ist, dass diese Jugendlichen vermutlich am Beginn einer "delinquenten Karriere" stehen und erzieherische Bemühungen eher einen Erfolg zeitigen werden.

In einigen Studien wird auf die erhöhte Gewaltbelastung von Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte hingewiesen.[5] Doch bei der Deutung von Gewalthandlungen ist es unerlässlich, nicht allein auf den ethnischen Hintergrund zu fokussieren, sondern ebenfalls den Bildungshintergrund zu berücksichtigen. So ist in der Forschung gut belegt, dass Gewalthandlungen häufiger in Hauptschulen auftreten, Gymnasien dagegen mit diesem Problem deutlich weniger konfrontiert sind.[6] Gleichzeitig ist eine deutlich stärkere Präsenz von Migrantenjugendlichen in Hauptschulen zu verzeichnen. Für Heranwachsende ist der besuchte Schultyp oft verbunden mit erlebter Benachteiligung und birgt schlechtere Zukunftsperspektiven und Chancen für späteres soziales Prestige, Einkommen und vor allem Selbstverwirklichung.

Darüber hinaus ist in Erinnerung zu rufen, dass die Lebenswelten von Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte heterogener und spannungsreicher sind als die der Einheimischen. Sie müssen sowohl elterliche Inkonsistenzen und Unklarheiten als auch kulturelle Inkonsistenzen, unterschiedliche Anforderungen und Erwartungen austragen. Bei ihnen kommt darüber hinaus ein Konfliktfeld hinzu, das in dieser Form bei Jugendlichen ohne Zuwanderungsgeschichte nicht vorhanden ist: das Themenspektrum um ihre Integration, Assimilation, Separation sowie ethnische Diskriminierung im Alltag.[7] Und nicht zuletzt bringen einige Familien und Jugendliche auch Traumatisierungen oder traumatische Kriegs- und Gewalterlebnisse aus den Herkunftsländern mit (so etwa aus dem Libanon oder Bosnien), die zu einer individuell deutlich höheren Gewalttoleranzschwelle führen.

Fußnoten

1.
Vgl. Leo Montada, Delinquenz, in: Rolf Oerter/ders. (Hrsg.), Entwicklungspsychologie, Weinheim 1995.
2.
Vgl. Walter R. Gove, The Effect of Age and Gender on Deviant Behavior: A Biopsychosocial Perspective, in: Alice S. Rossi (ed.), Gender and the Life Course, New York 1985.
3.
Vgl. Terrie Moffitt, "Life-Course Persistent" and "Adolescent-Limited" Antisocial Behaviour, in: Psychological Review, (1993) 100, S. 674–701.
4.
Vgl. David Farrington/Lloyd E. Ohlin/James Wilson (eds.), Understanding and controlling crime, New York 1986.
5.
Vgl. Dirk Baier et al., Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum, KFN-Forschungsbericht 109/2010.
6.
Vgl. Christian Babka von Gostomski, Einflussfaktoren inter- und intraethnischen Gewalthandelns bei männlichen deutschen, türkischen und Aussiedler-Jugendlichen, in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, (2003) 23, S. 399–415.
7.
Vgl. Kismet Seiser, "Das ist bei türkischen Familien so …". Psychodynamische, kulturelle und migrationsspezifische Aspekte der Beratung von Migrantenfamilien", in: Klaus Menne/Andreas Hundsalz (Hrsg.), Jahrbuch für Erziehungsberatung, München 2006.
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Autor: Haci-Halil Uslucan für bpb.de
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