2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Jutta Hartmann

Institutionen, die unsere Existenz bestimmen: Heteronormativität und Schule

Die Journalistin Carolin Emcke hat kürzlich eine autobiografische Erzählung mit dem Titel "Wie wir begehren"[1] vorgelegt. Darin rekonstruiert sie die Entwicklung des Begehrens an der Nahtstelle von Schule, Familie und Peergroup (Gruppe der Gleichaltrigen) als eine hochkomplexe Auseinandersetzung mit Erwartungen des sozialen Umfelds, vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, uneindeutigen Bedürfnissen und widersprüchlichen Gefühlen sowie deren mehr oder weniger bewusste Verarbeitung. Die Autorin erzählt ebenso die eigene beglückende und leidenschaftlich bejahte Begehrensgeschichte, wie sie Überlegungen zur Entwicklung ihres Mitschülers Daniel aufgreift, der sich das Leben nahm. Warum hat er das getan? "War der Grund, warum ich noch Jahre nach dem Abitur gebraucht habe, um mein Begehren zu entdecken, derselbe wie der, warum er sich das Leben genommen hat? War die Sehnsucht, die wir nicht verstehen, nicht entdecken, nicht leben konnten in dieser Zeit, dieselbe?"[2] Die heute lesbisch lebende Autorin spielt sowohl auf das in der Regel mit der größten Selbstverständlichkeit vertretene und selten hinterfragte Alltagsverständnis von Heterosexualität als natürlich und normal als auch auf die mit diesem verbundenen Auslassungen an.

Emcke und ihr Mitschüler besuchten zur selben Zeit das gleiche Gymnasium. Die in der Schule an sie herangetragenen gesellschaftlichen Erwartungen und kollektiven Erfahrungen verarbeiteten sie in unterschiedlicher Weise. Gemeinsam war den beiden im Jahr 1967 Geborenen jedoch das erfahrene Schweigen über die vielfältigen Möglichkeiten, sich geschlechtlich zu begreifen und sexuell zu begehren – ein Schweigen, worunter auch heute noch viele (nicht nur junge) Menschen leiden. Die Autorin gibt als eine Intention ihres Schreibens an, "gegen das Schweigen von damals eine Erzählung setzen" zu wollen, "eine, die nicht nur die von Daniel sein könnte, sondern auch die all derer, die heute nach Geschichten suchen, die sie leben können".[3] Emcke interessiert, wie das Begehren bei ihr und anderen auftaucht und wie sie eine Sprache entwickeln konnte, die ihr erlaubt, ihr Begehren differenzierter zu artikulieren. Ihr Interesse gilt den "Bedingungen der Möglichkeit des Begehrens".[4]

In meinem Beitrag folge ich diesen Bedingungen dort, wo sie Teil schulischer Sozialisationsprozesse sind. Dabei werde ich an einigen Stellen auf die literarisch-essayistische Erzählung von Carolin Emcke zurückkommen, mich aber hauptsächlich der aktuellen wissenschaftlichen Debatte zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt in transdisziplinärer Perspektive zuwenden. Zur theoretischen Einbettung der aufgeworfenen Fragen soll zunächst das analytische Konzept der Heteronormativität vorgestellt werden. Die Rolle, die Institutionen im Sozialisationsprozess von Individuen spielen, können so anhand der Wirkkraft von auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelten Institutionen in den Blick genommen werden: Zum einen auf der Ebene eines in der Regel nicht als Institution wahrgenommenen Verhaltensmusters mit Orientierungsfunktion – der Institution Heterosexualität –, zum anderen auf der Ebene der Beeinflussung der Persönlichkeitsentwicklung durch eine staatliche Bildungseinrichtung – der formalen Institution Schule. Denn die Herausbildung eines eigenen Verhältnisses zu sich selbst, eines Wissens über eigene Bedürfnisse, Gefühle, Eigenschaften, Fähigkeiten und Vorlieben findet immer statt in Auseinandersetzung mit Erwartungen bedeutsamer Bezugspersonen, des sozialen Umfelds und mit darüber vermittelten gesellschaftlichen Einflüssen.

Im zweiten Teil gilt mein Interesse den Ergebnissen aktueller Studien, die den Umgang mit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt in der Schule untersuchen: Mit welchen Mitteln und Mechanismen ist diese daran beteiligt, Heterosexualität als unhinterfragten Common Sense hervorzubringen, zu vermitteln oder auch infrage zu stellen? Anschließend werden ein dynamisches Verständnis von Identität und eine transformative Diversity Education als alternativer Denkrahmen und pädagogische Ermöglichungsbedingung vorgestellt.

Struktur des Sozialen erkennen: Die heterosexuelle Matrix

Carolin Emcke beschreibt in ihrer Erzählung Klassenlisten, Umkleidekabinen und Beliebtheitstabellen der Heranwachsenden, die allesamt nach Geschlecht getrennt waren. Sie resümiert: "Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität waren gesetzt, noch bevor Geschlechtlichkeit oder Sexualität recht herangereift waren."[5] In den Gender Studies dient der Begriff der Heteronormativität zur Analyse entsprechender Phänomene. Er problematisiert die Binarität sexueller Identitäten – heterosexuell/homosexuell – mit dem ihr zugrunde liegenden System der Zweigeschlechtlichkeit – männlich/weiblich. Der Begriff hebt die Erkenntnis hervor, dass der vorherrschende Geschlechterdiskurs in doppelter Weise heterosexualisiert ist. Zum einen basiert er auf der Annahme von zwei klar voneinander unterscheidbaren, sich ausschließenden Geschlechtern und zum anderen auf der Setzung von Heterosexualität als natürlich und normal. Judith Butler, eine einflussreiche Theoretiker_in[6] der Gender Studies, bezeichnet dies als "heterosexuelle Matrix", die das Soziale in Gänze durchzieht und beispielsweise in Diskurse über Körper, Familie oder Staat eingeschrieben ist. Geschlecht und Sexualität bringen sich über dieses Regulierungsprinzip in einer Weise hervor, welche die potenzielle Vielfalt geschlechtlicher und sexueller Lebensweisen begrenzt. Die gesetzte Normalität heterosexueller Geschlechtlichkeiten und Begehrensstrukturen geht gleichzeitig mit der Konstruktion von Homo- und Bisexualität sowie von Trans*[7] und Inter* als Abweichung einher.

Die Einteilung aller Menschen in Frauen und Männer scheint banal und eine der größten Selbstverständlichkeiten zu sein. Im sozialen Alltag wird die Existenz zweier Geschlechter in der Regel nicht für erklärungsbedürftig gehalten. Sie gilt als von Natur aus gegeben. Damit existiert ein kultureller Zwang, sich selbst in Abgrenzung und Unterscheidung zum jeweils anderen Geschlecht einem Geschlecht zuzuordnen. Vorherrschende Geschlechtsvorstellungen fließen so in das eigene Selbstverständnis ein. Für die Verwiesenheit von Geschlecht und Sexualität ist das im modernen Geschlechterdiskurs als kongruent und natürlich unterstellte Verhältnis zwischen anatomischem Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität (gender) und sexuellem Begehren ausschlaggebend. Die vorherrschende Geschlechterordnung, die beispielsweise einen als weiblich klassifizierten Körper mit als weiblich klassifizierten Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensmustern sowie einem notwendig auf Männer gerichteten Begehren verknüpft, erfährt durch das Konzept der Heteronormativität eine grundlegende Kritik. Diese fußt auf der Beobachtung, dass eine Vielzahl sozialer Geschlechter sowie verschiedenste Begehrensweisen unterschieden werden können und auch das "biologische Geschlecht" Produkt soziokultureller Hervorbringung ist. Entsprechend wird Geschlecht in der aktuellen Forschung als eine Handlung konzipiert, die über Sozialität bedingt ist und wie Sexualität gebunden ist an die Wirkkraft "soziale(r) Normen, die unsere Existenz bestimmen".[8]

Normen können als informelle Institutionen verstanden werden, die sich über Konventionen vermitteln. Sie habitualisieren sich, sodass sie als solche kaum wahrnehmbar sind. Die soziale Klassifikation legitimiert sich durch Naturalisierung. Heterosexualität als Institution zu verstehen bedeutet, sie nicht einfach als natürlich gegeben, vielmehr in ihrer sozialen Hervorbringung und gesellschaftlichen Funktionalität zu begreifen. Denn die gelebte Vielfalt erweist sich als hierarchisiert. Lebensweisen, die nicht den vorherrschenden Normalitätserwartungen entsprechen, werden gesellschaftlich untergeordnet und sozial abgewertet. Menschen werden durch Zuweisungen, entsprechendes Verhalten wie durch ihr geschlechtliches oder sexuelles Selbstverständnis zu Angehörigen von dominanten Gruppen oder von machtunterlegenen.

Geschlechter- und Sexualitätsnormen haben konstitutiven Einfluss auf alle Menschen – unabhängig davon, wie sich diese selbst verstehen und leben. Dabei erschweren sie jedoch denjenigen das Leben, die sich in diesen Normen nicht wiederfinden, insbesondere den Menschen, die deutlich wahrnehmbar nicht eindeutig als Frauen oder Männer, und den Menschen, die nicht eindeutig heterosexuell leben wollen oder können. Damit laufen diese Menschen Gefahr, ausgegrenzt zu werden. Ihr Leben mag durch Infragestellung, Diskriminierung, Pathologisierung gekennzeichnet sein – im Extremfall durch ein Absprechen, überhaupt ein lebenswertes Leben zu verkörpern. Die Kategorien Geschlecht und Sexualität erweisen sich so gesehen als gesellschaftliche Ordnungskategorien, über die Identität wie Macht, soziale Anerkennung und Teilhabechancen zugewiesen und verhandelt werden.

Die Einzelnen sind herausgefordert, die mit Geschlecht, Sexualität und Lebensweisen verbundenen Zuschreibungen und zum Teil heterogenen Erfahrungen kognitiv wie emotional zu verarbeiten. Sozialisation wäre als Prägung oder Determination falsch verstanden. Individuen verhalten sich zu den normativen Zwängen, sind handlungsfähig. Sozialisation ist eine aktive Leistung des Subjekts. Anja Tervooren spricht von einem "Aufwachsen zwischen Tun und Widerfahren"[9] und analysiert Interaktionen und Praxen im Kontext von Schule, in denen die Heranwachsenden vor dem Horizont heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit diese aufrufen, aber auch unterwandern. Sie beschreibt beispielsweise eine Szene, in der eine Schülerin "ganz nebenbei als Junge durchgeht", und arbeitet heraus, wie in einer gewöhnlichen Interaktion zwischen einem Lehrer und einer Grundschulklasse Geschlecht (verstanden als sex und gender) als kontingent hervorgebracht wird. Tervooren verweist damit auf die alltäglichen Spielräume von Geschlecht.

Sozialisation zielt auf Integration in die Gesellschaft und ist immer normativ fundiert. Normen unterscheiden sich jedoch nicht nur im Grad ihrer Bewusstheit, sondern auch im Grad der Verhandelbarkeit und Güte der mit ihnen verfolgten Ziele.[10]In ihrer Auseinandersetzung mit Geschlechternormen orientiert sich Butler an der Frage, was die Chance, ein lebenswertes Leben gestalten zu können, und was die Gefahr, ein unerträgliches Leben führen zu müssen, befördert. Butler sieht eine zentrale Aufgabe darin, gerade auch mit Blick auf Geschlecht und Sexualität "zwischen den Normen und Konventionen zu unterscheiden, die es den Menschen erlauben, zu atmen, zu begehren, zu lieben und zu leben, und solchen Normen und Konventionen, welche die Lebensbedingungen selbst einengen oder aushöhlen".[11] Es macht einen Unterschied, ob als ein Sozialisationsziel demokratisches Lernen oder heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit identifiziert wird.

In ihrer lebensgeschichtlichen Erzählung trifft Carolin Emcke als Erwachsene, ohne vorher gewusst zu haben, "dass es das gab",[12] auf die intersexuelle Nicola, die "in einen Körper hineingeboren (war), der zwei Geschlechter entwickelt hatte und gleichsam unentschieden geblieben war. Ihre Pubertät, in der sich die Brüste gleichzeitig zu ihrem Penis ausbildeten, war eine Geschichte der fortlaufenden Ausgrenzung, weil die Ambivalenz ihres Geschlechts vor allem als soziale Bedrohung wahrgenommen worden war."[13] Emcke berichtet, wie für Nicola die Umkleidekabinen beim Schulsport ein Ort qualvoller Erfahrung und Normierung darstellten. Eindeutigkeit verlangend sperrten sie sie aus. Nicola gab die Schule auf, nicht "weil sie die Anforderungen nicht hätte erfüllen können oder nicht gerne lernen wollte, sondern weil sie nicht passte in diese aufgeteilte Welt".[14] Nicolas Geschlecht war mit ungleichen Bildungschancen verbunden. Ihr Beispiel zeigt eine Form von Heteronormativität im Schulalltag: Trans* und Inter* sind nicht vorgesehen.

Fußnoten

1.
Carolin Emcke, Wie wir begehren, Frankfurt/M. 2012.
2.
Ebd., S. 16.
3.
Ebd., S. 34.
4.
Ebd., S. 110.
5.
Ebd., S. 18.
6.
Mit der Schreibweise des gender gap – eines Unterstrichs – wird versucht, Geschlecht als soziale Kategorie zu markieren sowie die binäre Struktur der Sprache zu überschreiten und der Vielfalt an Geschlechtern Raum zu geben.
7.
Die Schreibweise Trans* markiert den Bezug auf Menschen, die in vielfältiger Weise eine Nichtübereinstimmung ihres biologischen mit ihrem sozialen Geschlecht leben – Transsexuelle, Transidenten, Transgender und transgeschlechtliche Menschen. Inter* markiert den Bezug auf Menschen, deren Geschlechtsorgane (bei Geburt) keine eindeutige Zuordnung zu einem von zwei Geschlechtern zulassen – Intersexuelle, Intersex, zwischen- oder intergeschlechtliche Menschen. Vgl. Jana Mittag/Arn Sauer, Geschlechtsidentität und Menschenrechte im internationalen Kontext, in: APuZ, (2012) 20–21, S. 55–62.
8.
Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt/M. 2009, S. 10.
9.
Anja Tervooren, Im Spielraum von Geschlecht und Begehren. Ethnographie der ausgehenden Kindheit, Weinheim–München 2006, S. 37.
10.
Zit. nach: ebd., S. 20.
11.
C. Emcke (Anm. 1), S. 18.
12.
Ebd., S. 20f.
13.
Ebd., S. 21.
14.
Vgl. Melanie Bittmer, Geschlechterkonstruktionen und die Darstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter* (LSBTI) in Schulbüchern. Eine gleichstellungsorientierte Analyse, Frankfurt/M. 2012.
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Autor: Jutta Hartmann für bpb.de
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