2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Käthe Schneider

Bildung zur Selbstbestimmung im Erwachsenenalter

Gegenstand dieses Beitrags ist der Prozess der Bildung, verstanden als Prozess hin zur Selbstbestimmung im Erwachsenenalter.[1] Bildung als Selbstbestimmung stellt das Selbst in den Fokus des Prozesses. Das Selbst ist sowohl Subjekt als auch Objekt:[2] Als Subjekt umfasst das Selbst das Ich ("I"), als das Wissende und das bewusst handelnde Ich; als Objekt umfasst es das Bewusstsein von der eigenen Person, das Mich ("Me") oder das Gewusste. Das Selbst als Subjekt, als das bewusst handelnde und wissende Ich, generiert das Selbst als Objekt.[3] Es ist konstitutiv für den fundamentalen bedeutungsbildenden Prozess, welcher Selbstwirksamkeit, Identität mit sich, Einheit des Tuns und Unterscheidung von sich als Subjekt mit anderen Subjekten erfahren lässt.[4] Kurzum: Es ist Voraussetzung für eine eigene Identität und selbstbestimmtes Handeln. Das zentrale Strukturmerkmal dieses Bewusstseinsraums stellt die Perspektivität dar, das heißt, dass das Bewusstsein als zentriertes Bewusstsein an die "Perspektive der ersten Person" gebunden ist:[5] "Er (dieser Bewusstseinsraum, K.S.) wird durch ein handelndes und erlebendes Subjekt zentriert, durch ein Selbst, das Beziehungen zu sich selbst und zur Welt aufbaut."[6]

Diese subjektive Selbstheit wird am klarsten in der Intentionalität erfahren.[7] Intentionalität im philosophischen Sinne bedeutet, dass der geistige Zustand auf ein Objekt gerichtet ist oder dass die Person über ein Objekt nachdenkt, weswegen die Intentionalitätsrelation in erster Linie eine Wissensbeziehung zwischen Subjekt und Objekt darstellt.[8] Im Falle der Intentionalität bezieht sich eine Person in Gedanken auf einen Inhalt und erlangt ein Bewusstsein davon. Laut der Wissenschaftstheoretikerin Sunny Auyang kann ein Subjekt nur dadurch ein Bewusstsein von sich erlangen, wenn es Objekten in der Welt begegnet, die für das Subjekt erkennbar werden oder es ein Bewusstsein von diesen erlangt.[9] Das Objekt kann beispielsweise eine Theorie, ein Gedicht oder ein Handlungsziel sein:[10] Das Subjekt existiert nicht schon von Anfang an, sondern entsteht erst mit der Erkennbarkeit von Objekten und dem intersubjektiven Verstehen.[11] Wenn zahlreiche Relationen zwischen Subjekt und Objekt vorhanden sind, dann bestimmt sich das Selbst in einer zunehmend ausgedehnten "Perspektive der ersten Person".[12]

Selbst als Subjekt. Das Bestreben, Erfahrungen zu bewältigen, zu integrieren und sie als sinnvoll zu erleben, ist die Essenz des Selbst als Subjekt.[13] In Anlehnung an den Psychologen Augusto Blasi wird der bedeutungsbildende Prozess des Subjekts unterschieden nach einem Meaning-making- und einem Significance-making-Prozess:[14] Während meaning rein kognitiv ist und für das Wissen steht, das sich durch Beziehungen von Objekten und Ereignissen und dem mentalen Zustand einer Person auszeichnet, wird durch den Begriff significance die Bedeutung von Ereignissen und Wissen für die Person ausgedrückt. Significance stattet eine Person mit Einheit und Kohärenz aus.[15] Wenn man die nur aus heuristischen Gründen zulässige Trennung für den Zweck des weiteren Gedankengangs als möglich annimmt, dann gilt: Die Person repräsentiert im meaning making system die Welt als Wissen; sobald die Person dieses Wissen mit einer Wertigkeit versieht, erhält das Ding in unserer Erfahrung im significance making system seine Bedeutung.

Selbst als Objekt. Ich betrachte nun das Selbst als Objekt, das mithilfe des Drei-Ebenen Modells des Psychologen Dan McAdams verstanden werden kann:[16] Es umfasst die Ebenen (1) dispositionale Eigenschaften (dispositional traits), (2) charakteristische Anpassungen (characteristic adaptations) und (3) Lebenserzählung (life narrative). Ebene 1 mit den dispositionalen Eigenschaften bezieht sich auf vergleichbare Dimensionen von Personen, zu denen beispielsweise Eigenschaften der Introversion, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit oder Offenheit für Erfahrungen zählen. Die dispositionalen Eigenschaften sind nicht an Bedingungen geknüpft, sind im Laufe des Lebens relativ stabil und situationsübergreifend. Die charakteristischen Anpassungen auf Ebene 2 sind kontextabhängige Verhaltenstendenzen. Sie repräsentieren, wie Personen mit den unterschiedlichen Anforderungen, die das Leben an sie stellt, umgehen. Zu den charakteristischen Anpassungen zählen beispielsweise die Wahl und Realisierung neuer Ziele im Falle von Elternschaft oder im Falle von Verrentung und Pensionierung. Die Lebensgeschichte auf Ebene 3 bildet Konstruktionen der Personen ab, was bedeutet, dass Menschen Lebensgeschichten erzählen und ihrem Leben dadurch eine Bedeutung und einen Zweck geben.[17] Auf Ebene 3 der Persönlichkeit stellt sich der Person die grundsätzliche Frage nach dem: "Wer bin ich?"

Dieses Modell wurde 2006 um zwei weitere Ebenen ergänzt: die der Evolution und menschlichen Natur sowie die der Kultur.[18] Ersteres betrifft die evolutionär bedingten Universalien, die den Menschen schlechthin auszeichnen und die er mit allen Menschen teilt, wie etwa die Lernfähigkeit oder das Altern. Letzteres, das durch Bedeutungssysteme und Praktiken konstituiert wird, übt unterschiedliche Einflüsse auf die verschiedenen Persönlichkeitsebenen aus: Die Kultur hat einen mäßigen Effekt auf den phänotypischen Ausdruck der Eigenschaften, einen stärkeren Effekt auf die charakteristischen Adaptionen und einen sehr starken Einfluss auf die Lebensgeschichte.[19]

Wenn man auf die Entwicklung des Selbst als Objekt blickt, zeigt sich, dass die dispositional traits im frühen Erwachsenenalter relativ stabil sind, wohingegen sich die charakteristischen Anpassungen und die Lebensgeschichten im Lebenslauf verändern. Vor diesem Hintergrund zielt die Veränderung bedeutungsbildender Prozesse im Erwachsenenalter aus pädagogischer Sicht vor allem auf die Formierung charakteristischer Anpassungen und der Lebensgeschichten ab.

Fußnoten

1.
Vgl. Käthe Schneider, The Narrative Dimension of Becoming Oneself, in: dies. (ed.), Becoming Oneself, Wiesbaden 2012, S. 55–74.
2.
Vgl. James William, Psychology, Greenwich 1963.
3.
Vgl. Dan P. McAdams, Ego, Trait, Identity, in: P. Michiel Westenberg/Augusto Blasi/Lawrence D. Cohn (eds.), Personality Development, Mahwah 1998, S. 29ff.
4.
Vgl. ebd., S. 34.
5.
Vgl. Thomas Metzinger, Die Selbstmodell-Theorie der Subjektivität: Eine Kurzdarstellung für Nicht-Philosophen in fünf Schritten, in: Werner Greve (Hrsg.), Psychologie des Selbst, Weinheim 2000, S. 318f.
6.
Ebd., S. 319f.
7.
Vgl. D.P. McAdams (Anm. 3), S. 34.
8.
Vgl. T. Metzinger (Anm. 5), S. 332.
9.
Vgl. Sunny Y. Auyang, Who am I? What is it? The subject-object relation, 1999, S. 1, online: http://www.creatingtechnology.org/papers/mind.pdf« (26.9.2012).
10.
Vgl. T. Metzinger (Anm. 5), S. 332.
11.
Vgl. S.Y. Auyang (Anm. 9), S. 3.
12.
T. Metzinger (Anm. 5), S. 332.
13.
Vgl. D.P. McAdams (Anm. 3), S. 35.
14.
Vgl. Augusto Blasi, Loevinger’s Theory of Ego Development and Its Relationship to the Cognitive-Developmental Approach. in: P.M. Westenberg/A. Blasi/L. D. Cohn (Anm. 3), S. 17.
15.
Vgl. Robert A. Emmons, Striving and feeling: Personal goals and subjective well-being, in: John Bargh/Peter Gollwitzer (eds.), The psychology of action: Linking motivation and cognition to behavior, New York 1996, S. 25.
16.
Vgl. D.P. McAdams (Anm. 3), S. 30.
17.
Vgl. ebd., S. 35.
18.
Vgl. ders./Jennifer L. Pals, A New Big Five, in: American Psychologist, 61 (2006) 3, S. 204–217.
19.
Vgl. ebd., S. 211. Vgl. hierzu auch den Beitrag von Rudolf Leiprecht in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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