2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti
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29.11.2012 | Von:
Harald Schoen

Persönlichkeit, politische Präferenzen und politische Partizipation

Die Vorstellung, dass die Persönlichkeit eines Menschen sein politisches Denken und Handeln beeinflusse, ist nicht neu. In den Sozialwissenschaften und darüber hinaus erlangte sie vor mehr als einem halben Jahrhundert einige Prominenz. Damals meinten Theodor W. Adorno und seine Kolleginnen und Kollegen, mit der im Kindesalter geformten autoritären Persönlichkeit ein Denkmuster gefunden zu haben, das Menschen potenziell faschistisch werden lasse.[1] Die Arbeit von Adorno und Kollegen zog wohlbegründete Kritik auf sich.[2] Doch wurde dabei das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Denn es wurde nicht nur Adornos Konzept verworfen, sondern es geriet die gesamte Vorstellung, politische Einstellungen und politisches Verhalten von Bürgerinnen und Bürgern würden von deren Persönlichkeit beeinflusst, in Misskredit und Vergessenheit.[3]Seit zwei Jahrzehnten erlebt diese Idee jedoch eine Renaissance. Die Grundannahme, dass in der Persönlichkeit zusammengefasste psychische Kräfte politisches Denken und Handeln beeinflussen, ist dieselbe geblieben. Allerdings haben sich seit der Untersuchung zur "Authoritarian Personality" Konzepte, Theorien und Instrumente der Forschung deutlich gewandelt. Daher werden im Folgenden zunächst wichtige Konzepte der Persönlichkeitsforschung im Überblick dargestellt, ehe Wirkungen von Persönlichkeitseigenschaften auf politische Vorlieben und politisches Verhalten erläutert sowie Folgerungen gezogen werden.

Persönlichkeitseigenschaften

Fragt man nach der Persönlichkeit eines Menschen, bezieht man sich meist auf Verhaltenstendenzen, die eine Person über die Zeit und Situationen hinweg an den Tag legt, und die sie von anderen Personen gleichen Alters in der gleichen Kultur unterscheiden.[4] Wird beispielsweise eine Person als schüchtern beschrieben, ist damit gemeint, dass sie häufig zurückhaltender handelt als andere Personen. Der wohl führende Ansatz in der Persönlichkeitspsychologie sieht in Eigenschaften, die in Anlehnung an die Alltagspsychologie gewonnen werden, solche langfristig stabilen Merkmale zur Charakterisierung der individuellen Besonderheiten von Menschen.

Innerhalb des Eigenschaftsparadigmas hat sich seit den 1990er Jahren die Auffassung durchgesetzt, dass fünf relativ umfassende Eigenschaftsdimensionen, die sogenannten Big Five, genügen, um wesentliche Unterschiede zwischen Menschen zu erfassen.[5] Es handelt sich um die Dimensionen Verträglichkeit, Extraversion, emotionale Stabilität (oder Neurotizismus), Gewissenhaftigkeit und Offenheit für Erfahrung. Verträglichkeit bezieht sich auf das Bedürfnis nach harmonischen Beziehungen zu anderen Menschen. Personen mit hohen Werten auf dieser Dimension werden als vertrauensvoll, altruistisch, mitfühlend und warmherzig beschrieben und ziehen Kooperation dem Wettbewerb vor. Extraversion meint in erster Linie das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und sozialer Interaktion. Hohe Extraversionswerte zeigen an, dass Menschen aktiv, gesprächig und durchsetzungsfähig sind. Personen am oberen Ende der Gewissenhaftigkeitsdimension, die sich wesentlich auf Zuverlässigkeit und Leistung bezieht, werden als fleißig, gründlich, gut organisiert und einfallsreich beschrieben. Emotional stabile Personen lassen sich nicht leicht aus der Ruhe bringen, können negative Emotionen wie Sorgen, Enttäuschung und Wut gut kontrollieren. Schließlich suchen Personen mit hohen Werten auf der Offenheitsdimension verschiedenste Informationen und Anregungen und werden als tolerant, vielfältig interessiert und aufgeschlossen für Neues beschrieben.[6]

Persönlichkeitseigenschaften sind zum Teil genetisch angelegt, zum Teil in frühen Lebensjahren erworben und bleiben im Laufe des Lebens relativ konstant. Damit sind die Neigungen und Bedürfnisse, die sich in Persönlichkeitseigenschaften niederschlagen, Einstellungen und Verhalten in spezifischen Situationen zeitlich vorgelagert und können auf diese wirken. Dies geschieht dadurch, dass sie Einfluss darauf nehmen, welche Ziele eine Person verfolgt, welche Stimuli in ihrer Umwelt sie als wichtig erachtet und wie sie darauf reagiert. Im Zusammenspiel mit Umwelteinflüssen führen tief verankerte Persönlichkeitseigenschaften somit zu charakteristischen Anpassungen eines Menschen, also zur Ausprägung bestimmter Gewohnheiten, Einstellungen und Verhaltensmuster.[7]

Vor diesem Hintergrund kann es kaum erstaunen, dass Persönlichkeitseigenschaften menschliches Verhalten in verschiedenen gesellschaftlichen Sphären vorhersagen können. Ebenso liegt es nahe, Informationen über die Persönlichkeit von Menschen etwa bei der Personalauswahl zu nutzen. Beispielsweise würde man einer schüchternen Person nicht unbedingt raten, einen Beruf als Lehrkraft zu ergreifen, dagegen gewissenhafte Personen gerne mit Aufgaben betrauen, die Akribie erfordern.

Wenigstens auf den ersten Blick könnte es jedoch fragwürdig erscheinen, diese allgemeinen, gleichsam unpolitischen Persönlichkeitseigenschaften mit politischen Einstellungen und Verhaltensweisen in Verbindung zu bringen. Tatsächlich liegt es jedoch gar nicht so fern. Denn Menschen legen tief verankerte Verhaltenstendenzen nicht ab, sobald sie sich der politischen Sphäre nähern. Man mag allerdings zweifeln, ob das politische Geschehen Reize bereithält, auf die Personen in Abhängigkeit von ihren Persönlichkeitseigenschaften unterschiedlich reagieren. Eine wachsende Zahl von Befunden zu Wirkungen von Persönlichkeitseigenschaften auf politisches Verhalten und politische Präferenzen spricht dafür, dass diese Zweifel unbegründet sind.

Persönlichkeit und politische Partizipation

Wie sehr sich Menschen für politisches Geschehen interessieren und wie stark sie sich am politischen Prozess beteiligen, hängt auch von Persönlichkeitseigenschaften ab. Solche Zusammenhänge entstehen, sofern politisches Engagement den mit der Persönlichkeit eines Menschen zusammenhängenden Neigungen und Bedürfnissen entspricht (positiver Zusammenhang) oder diesen widerspricht (negativer Zusammenhang).

Um diese Überlegung anwenden zu können, ist es nützlich, sich Eigenschaften verschiedener Formen von politischer Beteiligung ins Gedächtnis zu rufen. In politischen Prozessen versuchen Akteurinnen und Akteure nicht zuletzt ihre Auffassungen darzustellen, für sie zu werben und in der Auseinandersetzung mit anderen durchzusetzen. Politische Prozesse führen somit zu häufig konflikthaften Auseinandersetzungen zwischen Menschen. Für die verschiedenen Formen politischen Engagements von Bürgerinnen und Bürgern gilt das in unterschiedlichem Maße. Die Kandidatur für ein öffentliches Amt und die Organisation einer Demonstration erfordern es beispielsweise, im öffentlichen Wettstreit die eigenen Standpunkte darzulegen und um Unterstützung zu werben. In Wahlen können Bürgerinnen und Bürger ihre politischen Vorlieben hingegen geheim zum Ausdruck bringen. Im Vergleich mit den beiden anderen politischen Aktivitäten ist die Teilnahme an Wahlen somit weniger geeignet, Selbstdarstellungsbedürfnisse zu befriedigen, erfordert aber auch weniger Streitbarkeit und Mut zum öffentlichen Bekenntnis. Diese Unterschiede zwischen Formen politischer Teilhabe spiegeln sich in Einflüssen von Extraversion, emotionaler Stabilität und Verträglichkeit auf ihre Nutzung wider. Für die USA konnte gezeigt werden, dass verträgliche[8] Menschen politische und daher potenziell konflikthafte Diskussionen eher meiden. Dagegen sind emotional stabile und extravertierte Personen dazu überdurchschnittlich bereit.[9]

Hohe Extraversionswerte begünstigen darüber hinaus in verschiedenen Gesellschaften die Nutzung diverser Formen politischer Teilhabe, etwa Kontakte zu Abgeordneten, die Unterstützung von Parteien und Kandidaten in Wahlkämpfen sowie die Teilnahme an (genehmigten und nicht genehmigten) Demonstrationen.[10] Auch die Übernahme öffentlicher Ämter scheint wahrscheinlicher zu werden, je extravertierter, emotional stabiler und weniger verträglich Personen sind.[11]

Darüber hinaus entsprechen nicht alle Formen politischer Aktivität gleichermaßen den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln. Einige Formen sind illegal, andere legal, aber wenig verbreitet und gelten nicht als legitim, wieder andere sind erlaubt, gelten als legitim, ja die Nutzung mancher wird geradezu als Bürgerpflicht angesehen. Die Gewissenhaftigkeitsdimension erfasst unter anderem, inwieweit Menschen sich an geschriebenen oder ungeschriebenen Regeln orientieren. Daher erscheint es folgerichtig, dass in Deutschland hohe Gewissenhaftigkeitswerte dazu beitragen, dass Bürgerinnen und Bürger mit dem Wahlrecht eine gewisse Verpflichtung verbunden sehen und auch tatsächlich ihre Stimme abgeben. Dagegen halten sich Menschen mit dieser psychischen Disposition von weniger konventionellen und illegalen Formen der politischen Aktivität eher fern.[12] Schließlich darf nicht übersehen werden, dass politische Prozesse sich auf gesamtgesellschaftliche Fragen beziehen, die jenseits des unmittelbaren Erfahrungshorizonts vieler Menschen liegen. Sich mit Politik zu befassen, ist daher nicht selbstverständlich. Es erstaunt deshalb nicht, dass Offenheit für Erfahrung, also die Disposition, nach diversen Anregungen zu suchen, auch Interesse an politischen Fragen, politische Informiertheit wie auch verschiedene politische Aktivitäten begünstigt.[13]

Politisches Engagement spiegelt somit zu einem gewissen Teil die in Persönlichkeitseigenschaften erfassten Neigungen und Bedürfnisse von Menschen wider. Nicht zuletzt tragen offenbar hohe Werte auf den Dimensionen Offenheit und Extraversion zu ausgeprägter politischer Aktivität bei. Sie lassen es also wahrscheinlicher werden, dass Personen dem in der politischen Bildung häufig hochgehaltenen Ideal politisch interessierter und aktiver Bürgerinnen und Bürger entsprechen.

Persönlichkeit und politische Präferenzen

Der Einfluss von Persönlichkeitseigenschaften ist nicht auf den Grad politischer Aktivität beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf politische Präferenzen. Dementsprechend spiegeln sich Unterschiede in der Persönlichkeit auch in politischen Wertorientierungen, ideologischen Vorstellungen sowie Einstellungen zu politischen Sachfragen, Kandidaten und Parteien wider. Eine wesentliche Ursache für diese Zusammenhänge ist wiederum darin zu suchen, dass etwa bestimmte Vorschläge zur Lösung gesellschaftlicher Probleme den psychischen Neigungen und Bedürfnissen einer Person besonders gut entsprechen oder diesen widersprechen. Beispielsweise könnte eine liberalere Zuwanderungspolitik von offenen Menschen als Möglichkeit gesehen werden, zusätzliche Anregungen zu erhalten, und daher begrüßt werden. Personen mit niedrigen Ausprägungen dürften dieselbe Aussicht eher als Störung oder Bedrohung empfinden und daher ablehnend reagieren.

Das Beispiel bezieht sich nicht zufällig auf Offenheit. Denn diese Eigenschaft erweist sich auch hier als ausgesprochen einflussreich.[14] Sehr offene Menschen tendieren eher zu politisch linken Grundorientierungen, betrachten überkommene Moralvorstellungen kritisch und legen vergleichsweise großen Wert auf erfüllende Beziehungen zu anderen Menschen, auf individuelle Selbstverwirklichung und auf das Wohlergehen auch ihnen fernstehender Menschen. Vor diesem Hintergrund erscheint es geradezu folgerichtig, dass Offenheit auch die Haltung zu politischen Sachfragen beeinflusst. Bei gesellschaftspolitischen Streitfragen befürworten offene Personen überdurchschnittlich häufig liberale Positionen, so etwa in der Zuwanderungspolitik, in der Abtreibungsfrage und bei der Regelung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften. In der Außenpolitik treten sie mit erhöhter Wahrscheinlichkeit für die Vertiefung der europäischen Integration sowie eine im engen Verbund mit anderen Ländern abgestimmte Außenpolitik ein, während sie den Irakkrieg 2003 überdurchschnittlich stark ablehnten. In den USA begünstigt eine stark ausgeprägte Offenheit auch eine marktkritische Haltung in der Wirtschafts- und Sozialpolitik; in Deutschland sind die entsprechenden Befunde nicht eindeutig. Bei Wahlen entscheiden sich sehr offene Personen schließlich überdurchschnittlich häufig für linke und linksliberale Parteien, Kandidatinnen und Kandidaten, während sie konservative eher meiden.

Gewissenhaftigkeit scheint in gewisser Weise spiegelbildlich zu Offenheit zu wirken. Sehr gewissenhafte Menschen neigen dazu, in der Gesellschaftspolitik an traditionellen Moralvorstellungen festzuhalten und beurteilen daher Politikvorschläge kritisch, die davon abzurücken versprechen. In der Außenpolitik treten sie eher für isolationistische Positionen ein und sind überdurchschnittlich oft bereit, den Einsatz militärischer Gewalt zu befürworten. Letzteres dürfte nicht zuletzt mit ihrer Neigung zusammenhängen, eindeutig zwischen "richtig" und "falsch" zu unterscheiden. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik scheinen sie marktfreundliche Vorstellungen zu bevorzugen, auch wenn die Befunde für Deutschland an dieser Stelle nicht ganz eindeutig sind. Hohe Werte auf der Gewissenhaftigkeitsdimension begünstigen die Ausprägung eher rechter oder gar rechtsextremer Grundorientierungen sowie auf Bewahrung zielender Wertorientierungen. An der Wahlurne lassen sie ein Votum für konservative Parteien wahrscheinlicher werden, Stimmen für linke und linksliberale Parteien hingegen weniger wahrscheinlich.

Für die übrigen Persönlichkeitseigenschaften liegen weniger eindeutige und konsistente Befunde vor. Hochgradig verträgliche Menschen befürworten überdurchschnittlich stark eine auf sozialen Ausgleich bedachte Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie kooperative und gewaltfreie Lösungen in der Außenpolitik. Für emotionale Stabilität konnten Wirkungen zugunsten einer marktfreundlichen Haltung in der Wirtschafts- und Sozialpolitik nachgewiesen werden. Extraversion scheint hingegen nur vereinzelt mit politischen Grundorientierungen, Einstellungen zu Sachfragen oder Wahlverhalten zusammenzuhängen.

Persönlichkeitseigenschaften beeinflussen, so können wir festhalten, auch politische Präferenzen. Zum Teil spielen dabei dieselben Eigenschaften eine prominente Rolle wie bei der politischen Aktivität, zum Teil auch andere. Extraversion beeinflusst offenbar die Bereitschaft zu politischer Aktivität, jedoch kaum politische Vorlieben. Für Gewissenhaftigkeit gilt der Tendenz nach das Gegenteil. Offenheit für Erfahrung erweist sich hingegen in beiden Hinsichten als einflussreich.

Folgerungen

Wie der vorangegangene Überblick über ausgewählte Forschungsergebnisse zeigt, kommen die in Persönlichkeitseigenschaften gebündelten Neigungen und Bedürfnisse auch darin zum Ausdruck, wie stark sich Menschen mit Politik befassen, wie stark sie Möglichkeiten zur politischen Beteiligung nutzen, welche Standpunkte sie zu politischen Sachfragen beziehen, wie sie Parteien und Politiker bewerten und wen sie wählen. Wie in anderen Lebensbereichen auch spielen bei der politischen Urteilsbildung und Partizipation zum Teil unbewusste, kaum willentlich beeinflussbare psychische Neigungen und Bedürfnisse eine Rolle. Politik ist also durchaus eine Frage der Persönlichkeit.

Die vorgestellten Zusammenhänge dürfen allerdings nicht überinterpretiert werden. Manche Befunde scheinen von der Messmethode abzuhängen und über Gesellschaften hinweg nicht stabil zu sein.[15] Auch handelt es sich um Tendenzen, nicht um deterministische Beziehungen. Beispielsweise mischen sich sehr extravertierte Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit als introvertierte häufig und vernehmbar in politische Prozesse ein. Aber stark ausgeprägte Extraversion führt nicht zwangsläufig zu politischer Aktivität, wie auch Introvertiertheit politisches Engagement nicht ausschließt.

Das kann kaum anders sein, da Persönlichkeitseigenschaften allgemeine, nicht politikspezifische Neigungen und Bedürfnisse erfassen. Geht es um Politik, kommen zusätzliche Einflüsse ins Spiel, beispielsweise früh erworbene Parteibindungen oder ein aus der Situation heraus erwachsendes Interesse an bestimmten Fragen.

Zudem setzen politische Eliten in ihrem Kampf um die politische Deutungshoheit Kommunikationsstrategien ein, welche die politische Prägekraft von Persönlichkeitseigenschaften verstärken oder abschwächen können. Nicht zuletzt diese Argumente sollten auch verdeutlichen, dass es verfehlt wäre, aus dem Nachweis von Wirkungen zum Teil erblicher, zum Teil früh erworbener Persönlichkeitseigenschaften zu folgern, politische Ansichten und Verhaltensweisen seien von frühester Jugend an für das gesamte Leben genau festgelegt.

Diese Einschränkungen vermögen aber nichts daran zu ändern, dass Persönlichkeitseigenschaften politische Präferenzen und politisches Verhalten beeinflussen. Gerade die Verknüpfung beider Wirkungen erscheint bemerkenswert und politisch bedeutsam. So begünstigt stark ausgeprägte Offenheit für Erfahrung nicht nur aktive Beteiligung am politischen Geschehen, sondern gleichzeitig eine Präferenz für eher linke, traditionelle Vorstellungen infrage stellende Politikentwürfe.

Personen, die persönlichkeitsbedingt politisch vergleichsweise aktiv sind, vertreten also aus demselben Grund überzufällig häufig bestimmte politische Standpunkte. Insoweit sind diese politischen Standpunkte persönlichkeitsbedingt unter politisch aktiven Personen stärker vertreten als in der Gesamtbevölkerung. Sie dürften daher öffentlich sichtbarer sein und stärkeren Einfluss auf politische Prozesse und deren Ergebnisse, also etwa Gesetze, nehmen, als es ohne politische Wirkungen von Persönlichkeitseigenschaften der Fall wäre. Es scheint daher persönlichkeitsbedingte Ungleichheiten in der Repräsentation politischer Standpunkte zu geben.

Dieser Befund kann unterschiedlich bewertet werden. Im Vergleich zu den Wünschen der Bevölkerung stärker auf Wandel bedachte politische Entscheidungen könnten als Triebfeder des gesellschaftlichen Fortschritts angesehen werden. Die Bewertung dürfte noch wohlwollender ausfallen, wenn man annimmt, dass eine sich rasch wandelnde Gesellschaft – man denke an Migration, den demografischen Wandel und die Pluralisierung von Lebensformen – einer hohen Anpassungsfähigkeit politischer Entscheidungen bedürfe.

Legt man die Messlatte demokratischer Gleichheit an, kann ein kritischeres Urteil resultieren.[16] Denn es treten offenbar Ungleichheiten auf, die überdies auf relativ stabilen, nicht beliebig veränderbaren und zum Teil unbewusst wirkenden Neigungen und Bedürfnissen beruhen. Über die Konsequenzen, die man aus den kleinen, subtilen Wirkungen von Persönlichkeitsunterschieden zieht, entscheiden somit nicht zuletzt demokratietheoretische Vorstellungen. Welche Position man hier bezieht, dürfte auch von Persönlichkeitseigenschaften abhängen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Theodor W. Adorno et al., The Authoritarian Personality, New York 1950.
2.
Vgl. Richard Christie/Marie Jahoda (eds.), Studies in the Scope and Method of "The Authoritarian Personality", Glencoe 1954; John Levi Martin, The Authoritarian Personality, 50 Years Later: What Questions Are There for Political Psychology, in: Political Psychology, 22 (2001) 1, S. 1–26.
3.
Persönlichkeitseinflüsse auf politische Eliten wurden hingegen untersucht. Vgl. David G. Winter, Personality and Political Behavior, in: David O. Sears/Leonie Huddy/Robert Jervis (eds.), Political Psychology, Oxford 2003.
4.
Vgl. Jens B. Asendorpf, Psychologie der Persönlichkeit, Heidelberg 20074, insbes. Kap. 1–4.
5.
Diese fünf Dimensionen umfassen verschiedene Unterdimensionen oder Facetten, auf die hier nicht eingegangen wird.
6.
Vgl. Paul T. Costa/Robert R. McCrae, Revised NEO Personality Inventory (NEO PI-R) and NEO Five Factor Inventory. Professional Manual, Odessa 1992; Jeffery J. Mondak, Personality and the Foundations of Political Behavior, Cambridge, MA 2010, S. 47ff.
7.
Vgl. Dan P. McAdams/Jennifer L. Pals, A New Big Five: Fundamental Principles for an Integrative Science of Personality, in: American Psychologist, 61 (2006) 3, S. 204–217. Vgl. kritisch zur Wirkung von Persönlichkeitsmerkmalen: Brad Verhulst/Lindon J. Eaves/Peter K. Hatemi, Correlation not Causation: The Relationship between Personality Traits and Political Ideologies, in: American Journal of Political Science, 56 (2012) 1, S. 34–51.
8.
Der Einfachheit halber werden Menschen mit hohen Werten auf der jeweiligen Persönlichkeitsdimension mit dem entsprechenden Adjektiv beschrieben.
9.
Vgl. Alan S. Gerber et al., Disagreement and the Avoidance of Political Discussion: Aggregate Relationships and Differences across Personality Types, in: American Journal of Political Science (i.E.); Markus Steinbrecher/Harald Schoen, Persönlichkeit und politische Partizipation im Umfeld der Bundestagswahl 2009, in: Politische Psychologie, 2 (2012) 1, S. 58–74.
10.
Vgl. J.J. Mondak (Anm. 6); ders. et al., The Participatory Personality: Evidence from Latin America, in: British Journal of Political Science, 41 (2011) 1, S. 211–221; M. Steinbrecher/H. Schoen (Anm. 9); Michele Vecchione/Gian Vittorio Caprara, Personality determinants of political participation, in: Personality and Individual Differences, 46 (2009) 4, S. 487–492; Alan S. Gerber et al., Personality Traits and Participation in Political Processes, in: Journal of Politics, 73 (2011) 3, S. 692–706.
11.
Vgl. Heinrich Best, Does Personality Matter in Politics?, in: Comparative Sociology, 10 (2011) 6, S. 928–948.
12.
Vgl. Sandra Huber/Hans Rattinger, Die Nichtwähler – ein besonderer Menschenschlag?, in: Siegfried Schumann unter Mitarbeit von Harald Schoen (Hrsg.), Persönlichkeit, Wiesbaden 2005; M. Steinbrecher/H. Schoen (Anm. 9).
13.
Vgl. J.J. Mondak (Anm. 6); Harald Schoen/Markus Steinbrecher, Beyond Total Effects, in: Political Psychology (i.E.).
14.
Vgl. zu den in diesem Abschnitt dargestellten Befunden: Gian Vittorio Caprara et al., Personality and Politics, in: Political Psychology, 27 (2006) 1, S. 1–28; ders./Michele Vecchione/Shalom H. Schwartz, Mediational Role of Values in Linking Personality Traits to Political Orientation, in: Asian Journal of Social Psychology, 12 (2009) 1, S. 82–94; Alan S. Gerber et al., Personality and the Strength and Direction of Partisan Identification, in: Political Behavior (i.E.); Markus Klein, Der Stellenwert von Persönlichkeitseigenschaften im Rahmen einer Theorie des Postmaterialismus, in: S. Schumann (Anm. 12); J.J. Mondak (Anm. 6); Harald Schoen, Stabil, aber auch politisch stabilisierend?, in: S. Schumann (Anm. 12); ders., Personality Traits and Foreign Policy Attitudes in German Public Opinion, in: Journal of Conflict Resolution, 51 (2007) 3, S. 408–430; ders./Siegfried Schumann, Personality Traits, Partisan Attitudes, and Voting Behavior, in: Political Psychology, 28 (2007) 4, S. 471–498; Siegfried Schumann, Persönlichkeitsbedingte Einstellungen zu Parteien, München u.a. 2001; Michele Vecchione et al., Personality Correlates of Party Preference, in: Personality and Individual Differences, 51 (2011) 6, S. 737–742; Jürgen R. Winkler, Persönlichkeit und Rechtsextremismus, in: S. Schumann (Anm. 12).
15.
Vgl. Alan S. Gerber et al., The Big Five Personality Traits in the Political Arena, in: Annual Review of Political Science, 14 (2011), S. 265–287. Auch sind einige Zusammenhänge komplizierter, als es an dieser Stelle ausgeführt werden konnte. Vgl. J.J. Mondak (Anm. 6); M. Steinbrecher/H. Schoen (Anm. 9).
16.
Vgl. Sidney Verba/Kay Lehman Schlozman/Henry Brady, Voice and Equality. Civic Voluntarism in American Politics, Cambridge, MA 1995, S. 163ff.
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