2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Stephan Lessenich

Der Sozialstaat als Erziehungsagentur

Man wird in der Regel die Berufserziehung wie die Erziehung überhaupt nicht zu den sozialpolitischen Angelegenheiten rechnen."[1] So viele dauerhaft richtige Einsichten Hans Achinger, der Doyen der bundesdeutschen Sozialpolitikforschung, in seinem Wissenschaftlerleben auch gehabt haben mag: Hier irrte er. Und dies gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen im eigentlichen Sinne, denn mit der faktischen Zustimmung zur typisch deutschen Ausgliederung des Erziehungs- wie des Bildungswesens aus dem Gegenstandsbereich sozialpolitischen Handelns reproduzierte er in seinem Standardwerk – das zu Recht "Sozialpolitik als Gesellschaftspolitik" verstanden wissen wollte – eine Leerstelle, die sich hierzulande erst in jüngster Zeit langsam zu füllen beginnt. Zum anderen aber auch im übertragenen Sinne, denn bei Lichte besehen kann kein Zweifel herrschen, dass eine der wesentlichen Wirkungen des modernen Sozialstaats und seiner "Institute"[2] in der politisch-sozialen Erziehung der Bürger und Bürgerinnen demokratisch-kapitalistischer Gesellschaften besteht.

Bei Lichte besehen war dies – so viel Ehrenrettung muss sein – selbstverständlich auch Hans Achinger bewusst. Schon seine Definition sozialpolitischer "Institute" und ihrer Wirkungsmacht lässt dies deutlich werden, wollte er darunter doch "alle Apparaturen des Vollzugs sozialer Geld- und Sachleistungen verstehen, die Dauer besitzen, von eigenem Geist erfüllt sind und ihrerseits nach kurzer Zeit beginnen, die soziale Intention der Gesamtheit zu beeinflussen, zu deklarieren und zu steuern".[3] Im selben Atemzug mit seinem Verweis der Erziehungsfrage in die Welt des Außersozialpolitischen gab er selbst einen unmissverständlichen Hinweis auf die erzieherischen Ambitionen des Sozialstaats seiner Zeit, übe dieser doch "einen stetigen Druck in der Richtung aus, daß abhängige Arbeit möglichst frühzeitig beendet werde".[4]

Nun wirkt der sozialpolitische Druck auf die lohnabhängig Arbeitenden heute, ein gutes halbes Jahrhundert Sozialstaatsgeschichte später, in genau die entgegengesetzte Richtung, auf dass sie ihr Arbeitsleben möglichst spät beenden mögen. So oder so aber, mit und gegen Achinger, ist eines klar: Die "Institute" des Sozialstaats formen und prägen, neben anderen gesellschaftlichen Institutionen, die moderne Marktgesellschaft und die in ihr handelnden Subjekte, ihre Interessenlagen und Wertideen, ihre Alltagspraktiken und Lebenswege.

Der Sozialstaat ist eine veritable Erziehungsagentur, eine Schulungsinstanz sozialen Handelns. Als solcher wird er im Folgenden in einem ersten Schritt ganz grundsätzlich kenntlich gemacht und in seinen typischen Erziehungsmethoden charakterisiert. In einem zweiten Schritt werden die erzieherischen Ansprüche beschrieben, die er in seiner gegenwärtigen Gestalt als "aktivierender" Sozialstaat an die Adressaten und Adressatinnen seiner Intervention stellt. Der Beitrag schließt mit einigen Überlegungen zur Frage der Erziehungsberechtigung im Sozialstaat.

Kapitalismus als Schicksal

Es war mit Max Weber einer der Klassiker soziologischen Denkens, der vor nunmehr bald einem Jahrhundert vom Kapitalismus als "der schicksalsvollsten Macht unsres modernen Lebens"[5] sprach. Was aber ist am Kapitalismus – mit Weber verstanden als eine historisch spezifische Ordnung des wirtschaftlichen Handelns, im Sinne einer Orientierung desselben auf permanente Produktivitätssteigerung und Profitproduktion im Rahmen rationaler Betriebsführung – das Schicksalsvolle? Webers berühmte Sentenz ist nicht so zu verstehen, dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung rückblickend gleichsam die unausweichliche, von "höheren", sprich außersozialen Mächten ausgehende Bestimmung der industriellen Gesellschaften der westlichen Welt (und später des gesamten Globus) gewesen wäre. Vielmehr war gerade er es, der mit seinem Werk auf die konkreten historisch-sozialen Bedingungen und damit auf die Kontingenz (und eben nicht schicksalhafte Notwendigkeit) der Herausbildung des modernen Kapitalismus in ganz bestimmten Weltregionen verwiesen hat.

Schicksalsvoll ist der Kapitalismus für ihn allerdings in dem – zugleich handlungs- wie zukunftsorientierten – Sinn, dass dieser das Leben moderner Gesellschaften und der Menschen in modernen Gesellschaften auf eine besondere, durch keine andere soziale Instanz erreichte Weise beeinflusst, bestimmt und prägt. Es ist die wirtschaftsordnungsbedingte, das heißt vom Feld wirtschaftlichen Handelns ausgehende, Prägung ihrer Strukturbildungen und ihres Selbstverständnisses, der Denk- und Lebensweisen der Menschen, welche die moderne Gesellschaft – trotz ihrer Differenziertheit in verschiedenartigste Funktionsbereiche und Handlungsfelder – zu einer kapitalistischen Gesellschaft hat werden lassen und als solche immer wieder zu neuem Leben erweckt.[6]

Die "kapitalistische Gesellschaft" ist ein Vergesellschaftungsmodus, der dadurch charakterisiert ist, dass eine bestimmte Form des Rentabilitätskalküls nicht nur das im engeren Sinne wirtschaftliche Handeln der Menschen anleitet, sondern auch deren Handlungsvollzüge in anderen, nicht- oder jedenfalls nicht unmittelbar wirtschaftlichen Dimensionen ihres Lebens – Familie und Freizeit, Lust und Liebe – bestimmt oder zumindest mitbestimmt. Auf das wirtschaftliche Handlungsfeld beziehungsweise das eigentliche "Wirtschaftsleben" bezogen hatte Weber schon für seine Zeit eindrücklich beschrieben, wie der Kapitalismus zur – zunächst einmal "teilsystemischen" – gesellschaftlichen Herrschaftsgewalt aufsteigt und damit auch zu einer veritablen Sozialisations- und Erziehungsinstanz wird: "Die heutige kapitalistische Wirtschaftsordnung ist ein ungeheurer Kosmos, in den der einzelne hineingeboren wird und der für ihn, wenigstens als einzelnen, als faktisch unabänderliches Gehäuse, in dem er zu leben hat, gegeben ist. Er zwingt dem einzelnen, soweit er in den Zusammenhang des Marktes verflochten ist, die Normen seines wirtschaftlichen Handelns auf. Der Fabrikant, welcher diesen Normen dauernd entgegenhandelt, wird ökonomisch ebenso unfehlbar eliminiert, wie der Arbeiter, der sich ihnen nicht anpassen kann oder will, als Arbeitsloser auf die Straße gesetzt wird. Der heutige, zur Herrschaft im Wirtschaftsleben gelangte Kapitalismus also erzieht und schafft sich im Wege der ökonomischen Auslese die Wirtschaftssubjekte – Unternehmer und Arbeiter – deren er bedarf."[7]

Wie aber setzt sich die kapitalistische Handlungsnorm – und damit der Kapitalismus als wirtschaftliche Handlungsordnung – gesellschaftshistorisch durch? Wie werden wirtschaftliche Handlungsnorm und Handlungsordnung dauerhaft reproduziert? Und wie können sie sich, auch jenseits des wirtschaftlichen Handlungsfelds, als gesellschaftliche Norm und Ordnung ausbreiten und etablieren?

Die ersten beiden Fragen verweisen auf das Problem der Institutionalisierung des Handelns beziehungsweise spezifischer Handlungsorientierungen[8] und fordern eine spontane Antwort heraus, die im Weiteren genauer auszuführen sein wird: Die effektive Durchsetzung und beständige Reproduktion der spezifisch kapitalistischen Handlungsnorm "rentablen" Wirtschaftens lässt sich nur politisch erklären. Oder mit anderen Worten: Die Antwort liegt in der historischen Ausformung des modernen Staats als Sozialstaat. Die dritte Frage – die man inhaltlich auch als die nach den sozialen Mechanismen der "Ökonomisierung" tendenziell aller gesellschaftlichen Lebensbereiche umschreiben könnte – zielt formalanalytisch auf das Phänomen der Isomorphie[9], also der Herausbildung von insofern gleichgestaltigen (oder "gleichgerichteten"[10]) gesellschaftlichen Handlungsfeldern, als in ihnen strukturell gleichartige Handlungslogiken wirksam werden. Und auch auf diese Frage muss die Antwort lauten: Nur die in den Institutionen und Interventionen des modernen Sozialstaats verankerte und sich Bahn brechende politische Handlungslogik vermag diesen Prozess gesellschaftsweiter Gleichgestaltung nachvollziehbar zu machen.

Ist demnach der Kapitalismus die schicksalsvollste Macht des modernen Gesellschaftslebens, so ist es der Sozialstaat – beziehungsweise, im weiten Verständnis als politische Form moderner kapitalistischer Gesellschaftsordnung, der "Wohlfahrtsstaat"[11] –, der unter dem Druck und im Sog des Kapitalismus, gleichermaßen mit ihm und gegen ihn, als eine weitere Schicksalsmacht des individuellen wie kollektiven Lebens auf die Bühne der modernen Gesellschaftsformation tritt. Und wie der Kapitalismus so ist auch der Sozialstaat maßgeblich daran beteiligt, die Subjekte zu schaffen und zu erziehen, deren diese Gesellschaftsformation bedarf.

Fußnoten

1.
Hans Achinger, Sozialpolitik als Gesellschaftspolitik. Von der Arbeiterfrage zum Wohlfahrtsstaat, Hamburg 1958, S. 76.
2.
Vgl. ebd., S. 102ff.
3.
Ebd., S. 102.
4.
Ebd., S. 76.
5.
Max Weber, Vorbemerkung [1920], in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 19889, S. 4.
6.
Vgl. Uwe Schimank, Die Moderne: Eine funktional differenzierte kapitalistische Gesellschaft, in: Berliner Journal für Soziologie, 19 (2009) 3, S. 327–351.
7.
Max Weber, Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus [1904/05], in: ders. (Anm. 5), S. 37.
8.
Vgl. Thomas Schwinn, Max Webers Konzeption des Mikro-Makro-Problems, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (KZfSS), 45 (1993) 2, S. 220–237.
9.
Vgl. Paul J. DiMaggio/Walter W. Powell, The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields, in: American Sociological Review, 48 (1983) 2, S. 147–160.
10.
Vgl. Karl Polanyi, Die Wirtschaft als eingerichteter Prozeß [1957], in: ders., Ökonomie und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1979, S. 219–244.
11.
Vgl. Stephan Lessenich, Theorien des Sozialstaats zur Einführung, Hamburg 2012, S. 25ff.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Stephan Lessenich für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.