2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Stephan Lessenich

Der Sozialstaat als Erziehungsagentur

Schicksalsmacht Sozialstaat

Um es gleich an dieser Stelle möglichst deutlich zu machen: Webers auf die kapitalistische Wirtschaftsordnung gemünzte und hier auf die politisch überformte, wohlfahrtskapitalistische Gesellschaftsordnung übertragene und ausgeweitete Formulierung, wonach sich eine anonyme, überindividuelle Struktur "ihre" konkreten, individuellen Akteure "schafft", ist hier wie dort nicht so zu verstehen, als wäre damit ein gleichsam frankensteinscher Akt der systemischen Schöpfung willenloser Verhaltensautomaten gemeint. Weder "der Markt" noch "der Staat" formen den modernen Menschen nach Gutdünken zum politischen Marktsubjekt, und "die Leute"[12] in modernen Gesellschaften sind keine beliebig formbaren Objekte in Markt- und Staatshänden.

Was Weber mit seiner Formulierung vor Augen hatte, waren real existierende Menschen in historisch konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen, die dem abstrakten Handlungstypus des Marktakteurs faktisch möglichst weitreichend entsprechen – das heißt möglichst weitgehend den Marktsignalen und -mechanismen gemäß handeln – müssen, wenn sie nach Maßgabe einer marktwirtschaftlichen Ordnung "Erfolg" haben wollen: also danach trachten, Unternehmensgewinne einzufahren oder Arbeitseinkommen zu erzielen, und dies nicht nur einmal oder ab und an, sondern kontinuierlich und auf die Dauer. Ob die sozialen Akteure in diesem Sinne tatsächlich erfolgreich sind, ist dabei aber grundsätzlich ebenso offen – also eine strikt empirische, sich immer wieder neu stellende und zu klärende Frage – wie es nicht schon a priori gesichert ist, dass "das System" darin erfolgreich ist, die sozialen Akteure zu systemkonformem, im hier interessierenden Fall also marktgemäßem oder markterfolgsgerechtem, Handeln anzuhalten.

Historisch bedurfte es jedenfalls des Staates, sprich einer auf den Markt, das Markthandeln und die Markthandelnden bezogenen politischen Intervention, um den modernen Kapitalismus überhaupt möglich zu machen und langfristig als wirtschaftliche (und tendenziell über das wirtschaftliche Feld ausgreifende) Handlungsordnung zu stabilisieren. Nicht "immer schon" wurden die Menschen in den – mit Weber gesprochen – gesellschaftlichen Kosmos kapitalistischen Marktlebens hineingeboren, um sich in die damit gegebenen Umstände ein- und in ihnen zurechtfinden zu müssen. Der moderne Kapitalismus ist, auch wenn die gegenwärtig herrschende Ökonomik dies nicht wissen und wahrhaben will, ein durch und durch politischer Kapitalismus. Von Anfang an funktionierte er nur aufgrund politischer Intervention – im Sinne etwa der Sicherung des Privateigentums und entsprechender individueller Verfügungsrechte über selbiges, der Gewährleistung persönlicher Freiheitsrechte und damit auch "freier" Arbeitskräfte, der Produktion öffentlicher Dienstleistungen und Infrastrukturen (vom Bildungs- und Gesundheitswesen bis zur Verkehrs- und Energieversorgung) als Voraussetzungen eines marktförmigen Warentauschs, öffentlicher Eingriffe zum Ausgleich des zyklischen Ungleichgewichts von Arbeitsangebot und -nachfrage, der sozialen Sicherung nicht (oder noch nicht oder nicht mehr) "marktgängiger" Arbeitskraft.[13]

Mit all diesen Institutionen und Interventionen setzte der Sozialstaat gleichsam eigene – marktbezogene und zugleich doch einer politischen Logik gehorchende sowie mit der potenziellen staatlichen Zwangsgewalt versehene – Daten, an denen die Marktakteure, Unternehmer wie Arbeiter, ihr Handeln wohl oder übel auszurichten hatten: "neue Lebensdaten für alle".[14]

Eben diese "politische Ökonomie" des sozialen Handelns in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung aber gilt im Grundsatz, bei allem Gestaltwandel des Wohlfahrtskapitalismus, bis heute: Wenn auch unter historisch (und national) wechselnden Bedingungen, so bewegen sich die modernen Individuen doch stets in einem Geflecht politisch-ökonomischer beziehungsweise ökonomisch-politischer, "marktstaatlicher" Rahmungen und Maßgaben des Handelns, deren Achtung ihnen nicht wirklich freigestellt ist (beziehungsweise deren Missachtung sie sich leisten können müssen, womit die Missachtungsfähigkeit von entsprechenden Handlungsvorgaben als ein Ausweis sozialer Macht gelten kann). Hineingeboren und -erzogen in eine politisch gestaltete und sanktionsbewehrte Handlungsordnung des Marktes werden die Menschen zu Marktsubjekten geformt, und das im passiv-aktiven Doppelsinne: den "Marktgesetzen" unterworfen und zu Akteuren ihres je eigenen "Marktschicksals".

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die politisch-ökonomische Sozialfigur, an der die übergroße Mehrzahl der besitzlosen – und mehrheitlich männlichen – Marktakteure ihre Handlungen orientierten und die damit gesellschaftlich struktur- und kulturprägend wurde, die des "verberuflichten Arbeitnehmers":[15] Die Verausgabung von Arbeitskraft im lohnabhängigen, betrieblichen, qualifizierten, tariflich wie sozialpolitisch gesicherten, ununterbrochenen und langfristigen "Normalarbeitsverhältnis" wurde zur gesellschaftlichen Norm und Normalität[16] – wenn auch nur, wie bereits angedeutet wurde und hier nicht weiter ausgeführt werden kann, einer geschlechterpolitisch wie nationalgesellschaftlich halbierten.[17] Ausbildungswege und Erwerbsverläufe, Familienformen und Haushaltsstrukturen, Konsummuster und alltägliche Lebensführung waren durch und durch "arbeitnehmerlich" geprägt[18] – durch einen ebenso marktschaffenden wie -regulierenden, -schützenden wie -kompensierenden Sozialinterventionsstaat, dessen gesellschaftlich handlungsprägende Effekte gar nicht überschätzt werden können.

Über seine zentralen Steuerungsmedien Recht (von der Schulpflicht bis zum Kündigungsschutz), Geld (von der Arbeitslosenhilfe bis zur Eigenheimzulage) und Moral (von der "Leistungsgerechtigkeit" bis zum "Generationenvertrag") bildete er das institutionelle Korsett der "Arbeitnehmergesellschaft"[19] der langen Nachkriegszeit, deren Kinder im Zuge und Zeichen einer historisch nie dagewesenen Prosperitätsrevolution nicht etwa gefressen, sondern genährt wurden – nicht zuletzt in ihren Hoffnungen auf eine dauerhafte Verstetigung der arbeitnehmergesellschaftlichen Verhältnisse.[20]

Doch die Verhältnisse blieben nicht so. Zwar gewannen durch die Ausbildung sozialstaatlicher "Institute" – Gesetze und Ämter, Programme und Einrichtungen – "die neuen, von der Sozialpolitik umgestalteten Lebensformen Dauer und bestimmtes Gepräge".[21] Doch andererseits veränderte sich, gewissermaßen im Hintergrund und in einer komplexen Konstellation von Bedingungsverhältnissen, die Struktur und Dynamik der wirtschaftlichen Handlungsordnung und der auf sie bezogenen politischen Interventionen. Im späten 20. Jahrhundert entwickelt sich die Strukturdynamik eines flexiblen Kapitalismus – sowie eines damit vermittelten und wahlverwandten, "aktivierenden" Sozialstaats. Auch diese neue ökonomisch-politische Formation aber erzieht und schafft sich – in dem nunmehr erläuterten Sinn – die Subjekte, deren sie bedarf, und schreitet zu sozialpolitischen Akten ihrer "Resozialisierung".[22]

Fußnoten

12.
Vgl. Georg Vobruba, Die Gesellschaft der Leute. Kritik und Gestaltung der sozialen Verhältnisse, Wiesbaden 2009.
13.
Vgl. Gero Lenhardt/Claus Offe, Staatstheorie und Sozialpolitik. Politisch-soziologische Erklärungsansätze für Funktionen und Innovationsprozesse der Sozialpolitik, in: Christian von Ferber/Franz-Xaver Kaufmann (Hrsg.), Soziologie und Sozialpolitik, Opladen 1977, S. 98–127.
14.
H. Achinger (Anm. 1), S. 97.
15.
Vgl. G. Günter Voß/Hans J. Pongratz, Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?, in: KZfSS, 50 (1998) 1, S. 131–158.
16.
Vgl. Ulrich Mückenberger, Die Krise des Normalarbeitsverhältnisses. Hat das Arbeitsrecht noch Zukunft?, in: Zeitschrift für Sozialreform, 31 (1985) 7/8, S. 415–434, S. 457–475.
17.
Vgl. Stephan Lessenich, Das Anerkennungsdefizitsyndrom des Wohlfahrtsstaats, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 37 (2012) 11, S. 99–115.
18.
Vgl. zur Charakterisierung der DDR als "arbeiterliche Gesellschaft": Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999.
19.
M. Rainer Lepsius, Soziale Ungleichheit und Klassenstrukturen in der Bundesrepublik Deutschland. Lebenslagen, Interessenvermittlung und Wertorientierungen, in: Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.), Klassen in der europäischen Sozialgeschichte, Göttingen 1979, S. 187.
20.
Vgl. Burkart Lutz, Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Eine Neuinterpretation der industriell-kapitalistischen Entwicklung im Europa des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M.–New York 1984; Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz 2000.
21.
H. Achinger (Anm. 1), S. 102.
22.
Vgl. ausführlich: Stephan Lessenich, Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus, Bielefeld 2008.
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