30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Anne Seibring

Editorial

Das Ende ist nahe! Vier Tage nach Erscheinen dieser Ausgabe soll die Welt untergehen – mal wieder. Der bevorstehende Untergangstermin ist offenbar einer Missdeutung von Überlieferungen der alten Maya geschuldet. Im Maya-Kalender endet, so interpretiert es der Großteil der seriösen Wissenschaft, lediglich ein langer Zyklus in der Zählung, der den Übergang zu einem neuen Zeitalter markiert. Touristisch und medial lassen sich indes apokalyptische Deutungen besser vermarkten.

Chiliastische Strömungen und ihre endzeitlichen Prophezeiungen, die Angst davor, manchmal auch der Wunsch danach, sind so alt wie die menschliche Zivilisation. Während die biblisch überlieferten Vorstellungen einer Apokalypse die Perspektive eines Neuanfangs boten, enden moderne Erzählungen und Szenarien zumeist in Zerstörung und im Chaos. Sie verhandeln reale und fiktive Bedrohungen aufgrund plötzlich eintretender Ereignisse oder langfristiger Folgen menschlichen Handelns und sind oft Spiegel der Umbrüche ihrer Entstehungszeit und deren Krisendiskursen.

Die Beschäftigung des Menschen mit dem Weltuntergang ist zugleich auch immer eine Auseinandersetzung mit dem Selbst. (Post)Apokalyptische Fiktionen bieten dabei Räume, das Verhalten von Menschen im Angesicht des bevorstehenden oder bereits erfolgten Zusammenbruchs zu imaginieren: Was bleibt vom Menschen und der Menschlichkeit, von Zivilisiertheit und Moral, wenn die Welt bedroht ist, Ressourcen knapp werden und sich politische und gesellschaftliche Institutionen in Auflösung befinden oder bereits zerstört sind?