Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Franz M. Wuketits

Apokalyptische Rhetorik als politisches Druckmittel - Essay

Szenarien des Weltuntergangs haben immer Konjunktur. Allein in den vergangenen 20 Jahren wurde das Ende der Welt mindestens sechsmal prophezeit. Doch nichts geschah, die Welt steht immer noch. Aber Endzeitapostel sind anscheinend sehr geduldig und finden immer einen neuen Zeitpunkt für die Apokalypse. Der Mensch ist im Allgemeinen sehr empfänglich für Katastrophen- und Endzeitszenarien, seine Lust an Untergängen gehört zu seiner psychischen Grundausstattung und spiegelt nicht nur seine zerstörerischen Potenziale wider, sondern auch seine Sehnsucht nach einer neuen, besseren Welt.[1] Es kann kein Zufall sein, dass so gut wie alle Weltuntergangsmythen einen Neuanfang ermöglichen. Die biblische Sintflut, die in der abendländischen Kulturgeschichte einen mächtigen Eindruck hinterlassen hat, durften ein Menschenpaar und ein Paar jeder anderen Art überleben. Noahs Arche wurde zum Symbol der Rettung; wer sich rechtzeitig eine baut, wird auch die schlimmste Katastrophe überstehen.

Nun zeigt gerade der biblische Bericht über die Sintflut aber auch, dass Menschen deswegen von der Katastrophe heimgesucht wurden, weil sie sich versündigt hatten und bestraft werden mussten: "Der Herr sah, wie groß die menschliche Bosheit auf Erden war, und daß jegliches Gebilde ihrer Herzensgedanken allzeit nur böse war. Es reute ihn, den Menschen gemacht zu haben auf Erden (…). Der Herr sprach: ‚Ich will den Menschen, den ich geschaffen, vom Erdboden vertilgen, vom Menschen bis zum Vieh und zum Kriechtier und zu den Himmelsvögeln. Denn es reut mich, sie gemacht zu haben‘" (1 Mose 6, 5–7). So wurde die Sintflut zu einer "Sündflut" umgedeutet, wobei dahingestellt bleiben soll, warum Gott nicht nur den Menschen, sondern auch alle anderen (unschuldigen) Kreaturen vernichten wollte. Wie an vielen anderen Bibelstellen geht es hier jedoch in der Hauptsache um eine Begrenzung des Bösen.

Schuld und Sühne

Im biblischen Sintflut-Mythos ist, wie in anderen vergleichbaren Mythen – beispielsweise eine Flut-Geschichte aus der griechischen Mythologie, in der Zeus die Menschen wegen ihrer Verkommenheit vernichtet und auch nur ein Menschenpaar überleben lässt –, ein psychologisch und gesellschaftspolitisch tief verwurzeltes Grundmuster zu erkennen: Menschen laden Schuld auf sich und müssen dafür büßen. Dabei muss "Schuld" in einem objektiven Sinn nicht einmal im Spiel sein; viele Menschen sind wahre Meister darin, bloße "Schuldgefühle" zu entwickeln und zu hegen. Die Disposition zu Schuldgefühlen ist aber dem Menschen als Gattung eigen, und damit lässt sich gut Politik machen.[2] Das Christentum kennt die "Erbsünde", wonach jeder Mensch bereits mit Schuld beladen zur Welt kommt und in dem Augenblick also, in dem er – naturgemäß ungefragt – geboren wird, auch schon verstrickt ist in all das Unheil, das Menschen vor ihm angerichtet haben. Wenn Menschen fortgesetzt Schuld auf sich laden, kann ihnen beispielsweise die Sintflut geschickt werden, womit sie für ihre Freveltaten zur Verantwortung gezogen und bestraft werden.

Szenarien des Weltuntergangs eignen sich in Religionen wie auch in der säkularen Politik sehr gut als Druckmittel: "Wenn ihr so weiter macht und euer Leben nicht ändert, dann kommt die große Katastrophe." Um sie gefügig zu machen, kann man (sofern Pädagogik und politische Korrektheit das heutzutage noch zulassen) unartigen Kindern etwa mit dem bösen Wolf, dem schwarzen Mann oder sonstigen zur Verkörperung des Bösen stilisierten Figuren drohen, und man kann analog dazu ganzen Völkern oder überhaupt der ganzen Menschheit zum Zwecke der (Um-)Erziehung den Weltuntergang in Aussicht stellen. Das menschliche Denken, Fühlen und Wollen ist in seinen Grundlagen in der Steinzeit – der "Kindheit" der Entwicklungsgeschichte unserer Gattung – stecken geblieben, und so funktioniert dieser Mechanismus sehr gut. Es bedarf nur politischer und/oder religiöser Führer, die einigermaßen wissend und glaubhaft auftreten. Heutzutage tun noch die Massenmedien das Ihre dazu.

Nicht von ungefähr kommt es, dass kreuz und quer durch Zeiten und Kulturen Menschen "sündigen" und dafür durch "höhere Gewalten" zur Rechenschaft gezogen, bestraft werden. Und so wie der Mensch also (objektiv berechtigte oder unberechtigte) Schuldgefühle zu entwickeln vermag, so kann er auch (objektiv begründet oder nicht) von Ängsten heimgesucht werden. Die Kombination beider, die "Schuld-Angst",[3] ist seit jeher dazu geeignet, Menschen von ihnen selbst verschuldete (!) Bedrohungen vorzuführen und letztlich die Apokalypse anzukündigen. Haben sich in früheren Zeiten Menschen in der Hauptsache gegen Gott versündigt, so "versündigen" sie sich heutzutage gegen das Klima, gegen Sicherheitsvorschriften im Interesse der Terrorbekämpfung oder gegen die zur Bewältigung der Finanzkrise eingeführten Sparmaßnahmen. Das archaische Grundmuster von Schuld und Sühne ist geblieben, es durchzieht die politische Rhetorik – und auch das politische Handeln.

Katastrophen – Wirklichkeit und Mythos

Katastrophen begleiten die Erd- und Menschheitsgeschichte. Aus evolutionstheoretischer Sicht sind sie sozusagen ganz normale Phänomene. Mehrmals wurde in den vergangenen 500 Jahrmillionen die Pflanzen- und Tierwelt gewaltig erschüttert, vor etwa 250 Millionen Jahren entging das Tierreich nur knapp seinem totalen Untergang. Eine katastrophale Klimaänderung könnte die Ursache dafür gewesen sein. Am bekanntesten ist natürlich das Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren. Mit ihnen starben damals auch andere, weniger spektakuläre Tiergruppen aus, etwa die Ammoniten (zu den Kopffüßern zählende Weichtiere). Der Auslöser dieses Massensterbens war der Einschlag eines Meteoriten oder Asteroiden auf der Erde.

Bemerkenswert ist der Umstand, dass jede der großräumigen erdgeschichtlichen Katastrophen zugleich einen Neuanfang markiert. Nach dem Niedergang einer Tiergruppe kommt es stets zur Entfaltung einer anderen, so dass man in Katastrophen sogar eine Triebkraft der Evolution sehen kann.[4] Wir dürfen mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass es uns Menschen, die Menschenaffen und andere Primaten sowie die meisten übrigen heute lebenden Säugetiere gar nicht gäbe, wenn die Dinosaurier weiterhin ihre dominierende Position in der Natur eingenommen hätten. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass alles so kommen musste, wie es eben kam, weil die Evolution keine Pläne und Absichten kennt. Es bleibt uns aber unbenommen, dem Asteroiden dankbar dafür zu sein, dass er damals auf die Erde geflogen kam und nicht an ihr vorbeiflog, da wir uns sonst unseres Lebens nicht erfreuen könnten.

Aber die Menschheitsgeschichte bietet keineswegs nur Anlass zur Freude. Sie wurde – und wird – ständig von Naturkatastrophen begleitet, die zumindest regional mit größter Wucht zuschlagen.[5] Zu den jüngsten dieser Katastrophen gehört der Hurrikan "Sandy", der an der nordamerikanischen Ostküste und unter anderem in Haiti (wo sich die Menschen von dem Erdbeben aus dem Jahr 2010 noch nicht erholt hatten) Verwüstungen anrichtete. Er forderte unmittelbar mehr als 180 Menschenleben. Schwere Stürme, Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche, Überflutungen, Dürrekatastrophen, extreme Kälte, Epidemien – sie treffen Menschen mit großer Wucht und kommen unerwartet oder sind doch nur bedingt voraussagbar. Daneben verzeichnet die Menschheitsgeschichte in jüngster Zeit auch wiederholt technische Katastrophen wie Zugentgleisungen, Massenkarambolagen auf Autobahnen, Flugzeugabstürze oder Reaktorunfälle, die auch in Kombination mit oder als Folge von Naturkatastrophen auftreten können (siehe Fukushima). Schließlich erweist sich der Mensch selbst als gewaltige Katastrophe. Die beiden Weltkriege haben mehr Menschenopfer gefordert als unzählige Erdbeben, Tsunamis, Überflutungen und sonstige Naturkatastrophen zusammengenommen.

Die Allgegenwart von Katastrophen hat Menschen zu allen Zeiten beschäftigt. In Ermangelung rationaler, naturwissenschaftlicher Erklärungen wurden Mythen gesponnen, für katastrophale Ereignisse die Verantwortlichkeit "höherer Mächte" angenommen; zürnende Götter standen stets zur Verfügung. Ursachen für Katastrophen deutete der Mensch als "Schuld" und projizierte sie auf sich selbst – oder, besser gesagt, auf diejenigen seiner Artgenossen, die sich den jeweils herrschenden (Moral-)Vorstellungen gemäß frevelhaft benahmen. Eines der besten Beispiele dafür ist das Erdbeben, das am 1. November 1755 Lissabon erschütterte und in der Folge ein geistiges Nachbeben auslöste. Mit etwa 30.000 Todesopfern war es keineswegs das größte Erdbeben der überlieferten Menschheitsgeschichte,[6] erlangte aber eine große kulturhistorische Bedeutung. Es erschütterte sowohl die Fortschrittsoptimisten als auch alle diejenigen, die glaubten, dass sie in der besten, von einem allmächtigen und gütigen Gott regierten Welten leben. Das Erdbeben rief viele Prediger, vor allem aus dem protestantischen Kirchenlager, auf den Plan: Angesichts des großen Reichtums der Stadt konnten die Sünden ihrer Bewohner nicht weit sein, und obendrein schien die katholische Tradition mit ihrer dem Aberglauben gleichkommenden Heiligenverehrung Lissabon als Zielscheibe des göttlichen Zorns zu prädestinieren.[7]

Fußnoten

1.
Vgl. Franz M. Wuketits, Die Boten der Nemesis. Katastrophen und die Lust auf Weltuntergänge, Gütersloh 2012; ders., Die Lust an Katastrophen, in: Psychologie heute, 39 (2012) 3, S. 40–43. Siehe auch den Beitrag von Wolf-Detlef Rost in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Vgl. F.M. Wuketits, Nemesis (Anm. 1), S. 175ff.
3.
Vgl. Rudolf Bilz, Studien über Angst und Schmerz, Frankfurt/M. 1974.
4.
Vgl. Erhard Oeser, Katastrophen. Triebkraft der Evolution, Darmstadt 2011.
5.
Vgl. F.M. Wuketits, Nemesis (Anm. 1), S. 57ff.
6.
Ein Erdbeben in China am 2. Februar 1556 forderte an die 800.000 Menschenleben, und dem wohl katastrophalsten Erdbeben im Jahr 1201, das mehrere Länder (unter anderem Syrien und Ägypten) erfasste, fielen etwa eine Million Menschen zum Opfer.
7.
Vgl. Martina Kölbl-Ebert, Lissabon 1755 – Anatomie einer Erderschütterung, in: Archaeopteryx, 23 (2005), S. 83–98.
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Autor: Franz M. Wuketits für bpb.de
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