Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Michael Tilly

Kurze Geschichte der Apokalyptik

Bildgewaltige Vorstellungen vom Untergang dieser Welt und vom Kommen einer neuen und besseren Welt übten stets eine große Faszination auf die Menschheit aus. In nahezu allen Kulturkreisen und während der gesamten fassbaren Geschichte der Zivilisation begegnen Spekulationen über die Vorzeichen, den Zeitpunkt und den Verlauf des Weltuntergangs.[1] So stießen jüngst auch die geheimnisvollen Hieroglyphen auf dem von Raubgräbern in Mexiko entdeckten Bruchstück einer alten Steintafel ("Tortuguero Monument 6"), die angeblich eine uralte Berechnung des Weltuntergangstermins enthalten, in Wirklichkeit aber nur den Übergang einer bestimmten Gottheit in ein neues Zeitalter ankündigen, auf eine überaus breite Resonanz.[2] Die Verknüpfung solcher vermeintlich wissenschaftlicher Spekulationen über "apokalyptische" Prophezeiungen des nahen Weltendes mit allerlei Weltuntergangsängsten und Weltvernichtungsfantasien hat Eingang in sämtliche Bereiche der populärkulturellen Allgemeinbildung gefunden, vor allem in der westlichen Welt.

Grundlagen des apokalyptischen Denksystems

Mit dem Begriff "Apokalypse" werden häufig Krisen von universalem Ausmaß, grelle Schreckensbilder und Endgerichtserwartungen destruktiver Kulte assoziiert. Zwischen seinem gegenwärtigen Gebrauch, insbesondere im medialen Alltag und in der politischen Rhetorik, und seiner ursprünglichen Bedeutung besteht jedoch eine bedeutsame inhaltliche Differenz, denn das altgriechische Wort ’Aποκάλυψις bedeutet an keiner Stelle ein endgültiges und alles vernichtendes globales Unglück, ein schockierendes Menschheitsverbrechen oder gar den drohenden Untergang der Zivilisation. Sein umgangssprachlicher Gebrauch zur Bezeichnung eines Angst und Schrecken erregenden Weltuntergangsszenarios stellt deshalb eine unzulässige Verkürzung dar.

Ausgehend vom ersten Vers der neutestamentlichen Johannesoffenbarung wurde das Wort "Apokalypse" in der christlichen Theologie seit der Antike zunächst zur Sammelbezeichnung einer literarischen Gattung. Diese Gattungsbezeichnung wiederum wurde bald auf inhaltlich und formal mit dem letzten Buch der christlichen Bibel vergleichbare Offenbarungsschriften übertragen. So benennen die altkirchlichen Autoren als "Apokalypsen" einen besonderen Teil der religiösen Literatur. Als "Apokalyptiker" beziehungsweise Angehörige einer "apokalyptischen Bewegung" gelten nicht nur die Verfasser solcher Apokalypsen, sondern auch alle Gruppen und Individuen, die als Trägerkreise und primäre Adressaten der in diesen Schriften zum Ausdruck kommenden Vorstellungswelt gelten können. Unter dem Begriff "apokalyptische Eschatologie" werden ihre spezifischen Zukunfts- und Endzeiterwartungen zusammengefasst. Auch das Kunstwort "Apokalyptik" entstammt nicht der antiken Terminologie. Erstmals taucht es bei dem evangelischen Theologen Gottfried Chr. F. Lücke (1791–1855) in der Einleitung zu seiner Kommentierung der Johannesoffenbarung auf.[3]

Ein erster Impuls für die Entstehung der apokalyptischen Vorstellungswelt fußt in dem existenziell erlebten Dilemma, dass religiöse Menschen die Welt zuweilen als ungerecht und die eigene Lebenssituation als unerträglich empfinden und sie dennoch am Glauben an die Allmacht und Güte ihres Gottes und an der positiven Einschätzung ihrer eigenen Person festhalten wollen. Hiermit einher geht die Deutung der eigenen Existenz als heillos, gottlos und verloren. Einer solchen tiefgreifenden Defizienz- und Ohnmachtserfahrung korrespondiert die perspektivische Sicht auf die empirische Welt als ein allseitig als abweisend und böse erlebtes Unheilskontinuum. Aus den innerweltlichen Ereignissen und Entwicklungen ist für den Apokalyptiker kein Heil mehr abzuleiten. Seine rundum pessimistische Grundüberzeugung betrifft indes nicht nur Geschichte und Gegenwart, sondern bedeutet zugleich den bedrohlichen Verlust der Zukunft als des für sein eigenes Dasein konstitutiven Raumes der Hoffnung und der Freiheit.

In theologischer Hinsicht hat das apokalyptische Denkmodell die Hoffnung auf Gottes Selbstmitteilung in dieser Welt aufgegeben. Es erwartet nur noch eine rein jenseitige Heilsverwirklichung. Indem dieses neue Offenbarungskonzept dem Augenschein der Realität in der "bösen" diesseitigen Welt, in der Gottes Wege fremd und unerforschlich sind, nun eine verborgene "gute" jenseitige Gegenwelt gegenüberstellt, in der Gott plant, entscheidet und handelt, relativiert es die Bedeutung der erfahrenen Wirklichkeit als alleinigen Maßstab der göttlichen Gerechtigkeit.

Ausgangspunkt der apokalyptischen Deutung der Weltgeschichte ist ihre Wahrnehmung als eine lineare und determinierte Geschehensfolge. Dabei erfährt ihr Verlauf eine deutliche Periodisierung. Sie hat einen Anfang und ein Ende. Dazwischen reihen sich verschiedene Äonen ("Weltzeitalter") beziehungsweise sukzessive Epochen einer sichtlichen Verschlechterung der irdischen Zustände und eines zunehmenden Ordnungsverlustes aneinander. Während sowohl am Ausgangspunkt als auch am Zielpunkt der Menschheitsgeschichte umfassendes Heil steht, wird dieses Heil in ihrem eigentlichen Verlauf in immer stärkerem Maße bedroht und prekär. Die von der apokalyptischen Bewegung als Gegenwart erlebte Periode des völligen Ordnungsverlustes und der bis zur Unerträglichkeit gesteigerten Not wird von ihr zugleich als Bestandteil des letzten und schlimmsten Zeitabschnitts vor dem totalen katastrophischen Ende der Geschichte betrachtet.[4]

Innerhalb dieses Komplexes ist die Vorstellung von den endzeitlichen Plagen und Drangsalen und vom katastrophalen Zusammenbruch dieser Welt kein finales Geschehen, sondern nur ein Durchgangsstadium auf dem Weg zur endgültigen Erlösung und zum Heil. Einem solchen Geschichtsverständnis entspricht der Dreischritt "Krise – Katharsis – Heil". Seine Pragmatik besteht in der Provokation einer persönlichen Glaubensentscheidung gegen den Augenschein der Realität und zugleich in der Überwindung der bisherigen Weltangst durch eine neue Deutung des eigenen Daseins, das die Erwartung des Weltendes nunmehr in eine umfassende Hoffnungsbotschaft integriert.

Neben dieser grundsätzlich positiven Geschichtsdeutung existiert auch ein negatives apokalyptisches Konzept einer transzendenzlos gedachten Welt, die – ausgehend von einem ursprünglichen Idealzustand – unaufhaltsam auf ihr Ende zuläuft, wobei den katastrophalen Schrecken der Endzeit keine Heilszeit folgt. Die Pragmatik dieses Konzeptes besteht ihrerseits vor allem darin, Reformdruck zur Abwehr einer als möglich oder wahrscheinlich erachteten Krise zu erzeugen. Einige neuzeitliche apokalyptische Vorstellungen, wie beispielsweise die fortschrittskritische Ideologie der radikalen Ökologiebewegung, entsprechen diesem Konzept.

Die Hoffnung auf das heilvolle Eingreifen Gottes zugunsten der Frommen trägt dazu bei, dass die apokalyptische Eschatologie ihre Kraft vor allem in Zeiten der Unterdrückungs- und Verfolgungserfahrung entfaltet und den sektiererischen Rückzug aus der Mehrheitsgesellschaft oder den aktiven Widerstand gegen sie provoziert. Gerade die Relativierung weltlicher Machtstrukturen und die Distanzierung von vorgegebenen Regeln und Konventionen können dazu führen, dass gegen solche Strukturen und Regeln – und auch gegen ihre Repräsentanten – gewaltsam vorgegangen wird.[5]

Die religiös begründeten Abgrenzungsbestrebungen der apokalyptischen Bewegung haben nicht nur eine religiöse, sondern auch eine soziale Funktion. Im Rahmen der apokalyptischen Vorstellungswelt wird als Konsequenz abweichenden Verhaltens die zukünftige Bestrafung im universalen Endgericht erwartet und zugleich der gegenwärtige Ausschluss aus der eigenen Gruppe vollzogen. Die Furcht vor dieser zweifachen Bestrafung soll die Angehörigen einer apokalyptischen Gemeinschaft motivieren, den Konformitätserwartungen und dem Assimilationsdruck ihrer Umwelt konsequent standzuhalten.

Fußnoten

1.
Vgl. Bernard McGinn et al. (eds.), The Encyclopedia of Apocalypticism, 3 Bde., London–New York 2000–2003; Michael Tilly, Apokalyptik, Stuttgart–Basel 2012.
2.
Vgl. Sven Gronemeyer/Barbara MacLeod, What Could Happen in 2012: A Re-Analysis of the 13-Bak’tun Prophecy on Tortuguero Monument 6, in: Wayeb Notes, 34 (2010), S. 1–68. Siehe auch den Beitrag von Alex Gertschen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
3.
Gottfried Christian Friedrich Lücke, Commentar über die Schriften des Evangelisten Johannes IV, 1. Versuch einer vollständigen Einleitung in die Offenbarung Johannis und in die gesammte apokalyptische Litteratur, Bonn 1832, S. VIII. Vgl. Alf Christophersen, Die Begründung der Apokalyptikforschung durch Friedrich Lücke, in: Kerygma und Dogma. Zeitschrift für theologische Forschung und kirchliche Lehre, 47 (2001), S. 158–179.
4.
Vgl. Bernd U. Schipper, Apokalyptik und Apokalypse. Ein religionsgeschichtlicher Überblick, in: Alexander K. Nagel et al. (Hrsg.), Apokalypse. Zur Soziologie und Geschichte religiöser Krisenrhetorik, Frankfurt/M.–New York 2008, S. 73–98.
5.
Vgl. Heinz-Josef Fabry, Die apokalyptische Literatur als Reaktion auf Fremdherrschaft, in: Bernd Kollmann (Hrsg.), Antikes Judentum und frühes Christentum, Berlin–New York 1999, S. 84–98.
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Autor: Michael Tilly für bpb.de
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