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Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Judith Schossböck

Letzte Menschen. Die Heldinnen und Helden des Weltuntergangs

Hinter den Geschichten vom Weltuntergang, die wir erzählen, steckt eine Sehnsucht – nach Transformation und Umkehr, aber auch der Möglichkeit, das vollkommen Andere zu denken, sei es in Bezug auf gesellschaftliche Umbrüche, aber auch im Hinblick auf Potenziale des eigenen Ichs oder des Menschseins an sich. So beschreiben viele, die sich mit Szenarien vom Untergang der Menschheit beschäftigen, den spezifischen Reiz daran anhand der Möglichkeit, in der (Post)Apokalypse dem nahe zu kommen, was den Menschen eigentlich ausmacht. Science-Fiction-Forscher Mike Alsford stellt dazu fest, dass dieses Genre weniger mit der Zukunft oder Technologie zu tun hat als mit der human condition, also mit den Bedingungen und der Lage des Menschen an sich: "The question that consumes producers of SF as much as it does theologians and philosophers is what one might call the primal question: What are we?"[1]

Wer sind aber diese letzten Menschen, und wie verhalten sie sich, wenn alle gesellschaftlichen Sicherheiten beziehungsweise Gegenüber plötzlich weggefegt sind? Dieser Beitrag wirft einen exemplarischen Blick auf diese Figuren und behandelt hierzu vorrangig Beispiele der Neueren Deutschen Literatur nach 1945.[2] Ein wichtiges Bestimmungsmerkmal der Texte ist dabei, dass der Roman von einer Hauptfigur getragen wird beziehungsweise nur ein perspektivischer Überlebender/eine perspektivische Überlebende vorhanden ist.

Der Wunsch nach Einsamkeit beziehungsweise dem Verschwinden der uns manchmal an unserer Selbstentfaltung hinderlichen Umgebung ist nicht unbedingt mit apokalyptischen Vorstellungen verbunden. Der (post)apokalyptische Kontext macht es aber leichter, fungiert als narratives Setting, in der grundsätzliche Fragen des Menschseins beziehungsweise von Menschlichkeit verhandelt werden. In einem Tagebuch-Eintrag von Franz Kafka aus dem Jahr 1913 findet sich eine Stelle, in der er den "Wunsch nach besinnungsloser Einsamkeit. Nur mir gegenübergestellt sein." verzeichnet.[3] Genau dieser Selbstkonfrontation mangelt es den Protagonistinnen und Protagonisten meiner Textauswahl nicht. Deren Isolation ist jedoch meist nicht selbst gewählt beziehungsweise nicht aus eigenem Entschluss gefasst, wenngleich sie manchmal nicht ungelegen kommt oder sich oft in der Persönlichkeitsstruktur vorabzeichnet.

Der letzte Mensch in Kultur- und Literaturgeschichte

Der Weltuntergang beziehungsweise die Auseinandersetzung mit diesen Räumen der Einsamkeit ist Teil der Kulturgeschichte. Immer, so der Salzburger Arzt und Psychoanalytiker Bodo Kirchner in Bezug auf Wurzeln der Apokalypse, trägt dieser Untergang auch einen Retter oder eine Retterin in sich.[4] Und wenn nicht, dann zumindest eine Heldin oder einen Helden, aus deren oder dessen Perspektive der Untergang uns alle betrifft. Von daher ist die Figurenzeichnung der letzten Überlebenden alles andere als irrelevant: Vertreten sie einen "richtigen" Glauben, sind sie welche von den "Guten", tun wir gut daran, uns dieser Richtung anzuschließen, wenn uns der Untergang droht? Die ethischen Bezüge rund um die Thematik sind evident.

Welche Eigenschaften die Figuren, die in die Dialektik von Überleben und Verhandeln von Beziehungen im Angesicht des Untergangs eingewoben sind, tendenziell an den Tag legen und ob sich darin bestimmte Muster beziehungsweise Vergleichsmomente finden lassen, ist unter anderem Gegenstand dieser Betrachtung. Auch zeigen sich im postapokalyptischen Überlebenskampf oftmals dieselben, klassischen Probleme – beispielsweise hinsichtlich der Frage, wie man sich als letzter Mensch denn alleine einen Zahn zieht beziehungsweise mit Zahnschmerzen umgeht. Einfach selber reißen? Schmerztabletten auftreiben? Sich selbst überlisten? Ein derartiges Szenario ist deshalb besonders häufig und eben auch narrativ ergiebig, weil die damit aufgeworfenen Bedeutungsebenen von Schmerz, Krankheit und Expertentum eine besonders gute Metapher für unsere Abhängigkeit von anderen darstellen und damit die Unmöglichkeit des Austritts aus der Gesellschaft versinnbildlichen. Ebenso individuell ist der unterschiedliche Grad von Rebellion gegen gesellschaftliche Strukturen. Häufig werden jedoch letzte Menschen vorgestellt, die in irgendeiner Art und Weise eine Tendenz zum Außenseiter oder zur Außenseiterin aufweisen beziehungsweise mit bestimmten gesellschaftlichen Vorgängen bereits vor dem Einbruch der Katastrophe irgendwie auf Kriegsfuß standen.

Das Phänomen Postapokalypse betrachte ich als Genre, welches wiederum ein System von Teilgenres konstituieren kann.[5] Literaturgeschichtlich lässt sich seit den 2000er Jahren ein Trend zur Darstellung einer unbestimmten und undefinierten Katastrophe ausmachen. In den Jahren zuvor, insbesondere den 1980er Jahren, in der die Ausgestaltung von Szenarien mit Bezug auf Atomwaffen und -kraft vorherrschend ist, findet man hingegen meist sehr konkrete Beschreibungen der Gründe für den Weltuntergang.[6] In den 1960er und 1970er Jahren wurde Apokalypse gewissermaßen zum Modewort – viele Weltuntergangsvisionen begleitete eine "fundamentale Zivilisationskritik".[7] Gerade jüngere Publikationen stehen symptomatisch für eine neuere Entwicklung, die suggeriert, dass die konkrete Gestaltung des Untergangs zugunsten vager und uneindeutiger Darstellungen in den Hintergrund tritt.

Das Motiv des letzten Menschen reiht sich darüber hinaus in eine lange Tradition des philosophischen Diskurses ein. So bildet beispielsweise "Der letzte Mensch" von Maurice Blanchot ab, wie ein Wesen ohne Schicksal und Wahrheit literarisch aussehen könnte.[8] Der letzte Mensch von Blanchot ist auch als Abspaltung des eigenen Ichs begreifbar. Weitere Betrachtungen des Motivs finden sich beispielsweise bei Friedrich Nietzsche in "Oedipus. Reden des letzten Philosophen mit sich selbst. Ein Fragment aus der Geschichte der Nachwelt" (1872/73). Dieser Text beginnt mit den Worten: "Den letzten Philosophen nenne ich mich, denn ich bin der letzte Mensch".[9] Die existenziellen Bezüge des Motivs sowie dessen Fruchtbarkeit für Fragen der Identität und des Menschseins sind evident.

Die Allgegenwart des Themas "Untergang der Menschheit" und dessen nahezu ständige Aktualität wird bei der Betrachtung von Diskussionen um nukleare Katastrophen, aber auch dem Klimawandel deutlich. Aufgrund einer inflationären Verwendung von Katastrophenbegriffen nimmt man in der Kulturwissenschaft eine "Normalität" des apokalyptischen Diskurses an. Laut Jacques Derrida befinden wir uns durch die potenzielle Vernichtung des gesamten literarischen Archivs und damit aller symbolischer Kapazität in einem postapokalyptischen Zeitalter.[10] Unser Zeitalter ist postapokalyptisch, insofern auch die Apokalypse immer schon stattgefunden hat – in den Texten, den Medien, den Simulationszentren, die voll sind von ihrer sinnlich anschaulichen Präsenz.[11] Vielleicht denken wir uns also deshalb gerne als letzten Menschen, weil wir uns bereits an die Vorstellung des postapokalyptischen Raums gewöhnt haben.

Warum wir uns gerne alleine denken

Szenarien vom Untergang der Menschheit werden oft auf deren gesellschaftliche, ontologische und identitätspolitische Relevanz hinterfragt. Auch personifizierte Ängste, die mehr oder weniger diffus in unserem Unbewussten existieren, spielen dabei eine Rolle. In den meisten Erzählungen vom Ende wird die Frage, was den Menschen, seine Identität und sein "Ich" eigentlich ausmacht beziehungsweise auszeichnet, früher oder später ausführlich gestellt. In Bezug auf die gesellschaftskritische Komponente bieten die Figuren für den Leser oder die Leserin auch eine Möglichkeit, sich eine Art "anarchistische Tarnkappe" aufzusetzen beziehungsweise in eine revolutionäre Rolle, die gängigen Gesellschaftsentwürfen entgegensteht oder diese anzweifelt, zu schlüpfen. Insofern stellt der Entwurf von Weltuntergängen immer auch einen Angriff auf bestehende Mächte dar, durch den wir unbewusst unsere Wut gegen ein Gesellschaftssystem ausdrücken. Und wenn sich diese letzten Menschen mit weniger zufrieden geben müssen, spiegelt das auch den freiwilligen Verzicht wider, der als Antithese zu kapitalistischen und konsumbasierten Modellen oft gefordert wird. Damit im Zusammenhang steht die Hypothese von der Erfüllung eines Wunsches (wish-fulfillment hypothesis): Wir halten an der Vorstellung eines Weltendes fest, weil wir uns insgeheim nach der Zerstörung der Gesellschaft allgemein oder speziell des Kapitalismus sehnen.[12] Der letzte Mensch aus einem fiktionalen Szenario ermöglicht uns diesen kulturkritischen Prozess entlang eines Gedankenexperiments. In der Folge soll ein genauerer Blick auf Herkunft und Charakteristika dieser Figuren und deren mehr oder weniger anti-normative oder (gesellschafts-)kritische Eigenschaften geworfen werden.

Fußnoten

1.
Mike Alsford, What if? Religious Themes in Science Fiction, London 2000, S. 26.
2.
Der Beitrag beruht unter anderem auf: Judith Schossböck, Letzte Menschen. Postapokalyptische Narrative und Identitäten in der Neueren Literatur nach 1945, Bochum 2012; dies., Das bin (doch) ich. Identität und personale Einzigartigkeit in postapokalyptischen Szenarien, in: Leo Schlöndorff (Hrsg.), Die Apokalypse. Funktionen und symbolische Repräsentationen eines Begriffs, 2013 (i.E.); dies., Postapokalypse – Wow! Faszination und Funktion der Rezeption postapokalyptischer Narrationen, in: Christian Hoffstadt/Stefan Höltgen (Hrsg.), This is the End … Mediale Visionen vom Untergang der Menschheit, Bochum 2011, S. 53–72.
3.
Franz Kafka, zit. nach: Andreas Töns, "Nur mir gegenübergestellt". Ich-Fragmente im Figurenfeld: Reduktionsstufen des Doppelgängermotivs in Kafkas Erzählprosa, Bern u.a. 1998, S. 15.
4.
Vgl. Martin Stricker, Die Katastrophe macht den Thrill aus, in: Salzburger Nachrichten vom 4.3.2011.
5.
Ähnlich geht auch Hans Krah in seiner Untersuchung vor, in der er "Endzeit" als Genre begreift, das sich durch eine spezifische Narration auszeichnet. Er spricht von "genrespezifische(n) Modelle(n) narrativer Programme". Hans Krah, Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe. Narrationen vom ‚Ende‘ in Literatur und Film 1945–1990, Kiel 2004, S. 375.
6.
Romane wie "Die Rättin" (1986) von Günter Grass oder "Julius oder Der schwarze Sommer" (1983) von Udo Rabsch wurden für eine nähere Analyse nicht ausgewählt, da der Fokus der Texte auf anderen Aspekten liegt.
7.
Gerhard R. Kaiser, Apokalypsedrohung, Apokalypsegerede, Literatur und Apokalypse, in: ders., Poesie der Apokalypse, Würzburg 1991, S. 7.
8.
Vgl. Maurice Blanchot, Der letzte Mensch, Basel–Wien 2005; Josef Hanimann, Auch Gott braucht Zeugen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4.3.2006, S. 50.
9.
Friedrich Nietzsche, Kritische Studienausgabe, hrsg. von Giorgio Colli/Mazzino Montinari, Bd. 7, München 1988, S. 460f.
10.
Vgl. Jacques Derrida, No Apocalypse, not now, in: ders., Apokalypse, hrsg. von Peter Engelmann, Wien 20002, S. 81–118.
11.
Vgl. Michael Wetzel, "Apocalypse now". Der Wahrheitsbegriff der Postmoderne? (Nachwort des Übersetzers), in: J. Derrida, Apokalypse (Anm. 13), S. 119–125, hier: S. 124.
12.
Vgl. Gerry Canavan, The Past as Anti-Future, http://culturemonkey.blogspot.com/2008/01/past-as-anti-future.html« (10.11.2012).
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