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Der tägliche Untergang der Maya


11.12.2012
Manuel Segovia und Isidro Velázquez, zwei betagte Männer, die im Dorf Ayapa im mexikanischen Gliedstaat Tabasco rund 500 Meter voneinander entfernt wohnen, sprechen wegen persönlicher Animositäten nicht miteinander. Und weil sie die beiden letzten Sprecher des Ayapaneco sind, einer vom Aussterben bedrohten indigenen Sprache, werden die beiden Griesgrame das Erbe einer ganzen Kultur mit sich ins Grab nehmen. Die 2011 von Medien auf beiden Seiten des Atlantiks verbreitete Story war bestürzend und spektakulär. Bloß stimmte sie so nicht. Segovia und Velázquez sind tatsächlich die kompetentesten Träger des Ayapaneco, und miteinander pflegen sie durchaus keinen Kontakt. Doch beherrschen laut einem amerikanischen Anthropologen noch weitere Personen die Sprache zumindest bruchstückhaft. Und mit dem angeblich kleinlichen Gehabe der alten Männer hat der unausweichliche Untergang des Ayapaneco ohnehin nichts zu tun.[1]

Moderner Konservierungseifer



Die Maya sprechenden Einwohner Mexikos und Zentralamerikas weisen mit den letzten Trägern des Ayapaneco einige Gemeinsamkeiten auf, obwohl ihre Zahl auf sechs bis acht Millionen geschätzt wird und ihre Sprache erst langfristig ihr wortwörtliches Ende erreichen dürfte. Indigene Völker geraten zunehmend ins Blickfeld einer modernen, westlichen Welt, die den Rückgang an kultureller Vielfalt als Verlust betrachtet und aufzuhalten versucht. In Mexiko inventarisieren in- und ausländische Wissenschaftler in einem Rennen gegen die Zeit mit heißem Eifer Sprachen, Riten oder heilpflanzliches Wissen vormodernen Ursprungs. Die Bundesregierung und die Gliedstaaten der Halbinsel Yucatán, dem Hauptsiedlungsgebiet der Maya in Mexiko, investieren seit einigen Jahren in Schulen und Universitäten, an denen in Maya gelehrt und gelernt wird. Die Verurteilung der Diskriminierung von Ureinwohnern ist fester Bestandteil der Political Correctness geworden, und Behörden zur Bekämpfung solcher Diskriminierung sind gleichsam ins Kraut geschossen.

Der yucatekische Anthropologe Luis Ramírez beschreibt solche Bemühungen als "musealen Kraftakt". Geplagt von einem schlechten Gewissen wollten wir Angehörigen der modernen Welt den Rest an kultureller und auch biologischer Vielfalt bewahren, die unsere expansive und zerstörerische Lebensweise noch nicht plattgewalzt habe. Weil wir aber nicht zum Verzicht auf die wirtschaftliche Nutzung dieser Lebensräume bereit seien – die touristischen Großprojekte an der karibischen Küste Yucatáns legen davon eindrückliches Zeugnis ab –, würde die kulturelle und biologische Diversität in eigens dafür bestimmten sozialen und geografischen Räumen konserviert. Solche Reservate befriedigen jedoch weniger die Bedürfnisse der Bewahrten als vielmehr ihrer Außenwelt. So wie die Nachfrage der amerikanischen und europäischen Medienkonsumenten nach ungewöhnlichen Geschichten dafür verantwortlich war, wie das Schicksal des Ayapaneco und seiner vermeintlich letzten, zerstrittenen Sprecher dargestellt wurde, so entspringt der Schutz des indigenen Erbes in Mexiko durch Staat und Wissenschaft dem Blick und den Bedürfnissen der modernen Mehrheitsgesellschaft.

Just in einer solchen Projektion fremder Hoffnungen und Ängste auf den prähispanischen Nachlass Mexikos gründet auch der mediale Hype um eine angebliche Prophezeiung der prähispanischen Maya, wonach am 21. Dezember 2012 die Welt untergehen werde. In Nordamerika und Westeuropa ist eine Unzahl an Büchern, Artikeln und Blogs über apokalyptische Fantasien publiziert worden, die sich auf die Maya beziehen. Die englischsprachige Wikipedia widmet dem "2012 phenomenon" einen langen, kritischen und aufschlussreichen Beitrag, und der Fachmann für Katastrophenfilme, der deutsche Regisseur Roland Emmerich, bannte bereits vor drei Jahren mit "2012" das Untergangsjahr schlechthin auf die Leinwand.

Die Lange Zählung der alten Maya



Als Beleg für den zu erwartenden Schrecken wird die sogenannte Lange Zählung der alten Maya angeführt, die zwischen dem 4. und 10. Jahrhundert n. Chr. eine hochentwickelte Zivilisation aufbauten. Worum handelte es sich bei der Langen Zählung? Wie andere indigene Völker Mesoamerikas, also des Kulturraums, der sich von der heutigen guatemaltekisch-honduranischen Grenze bis nach Zentralmexiko erstreckte, blickten die Maya gebannt zum Himmel hoch, der in ihrer Vorstellung neben der Erde und der Unterwelt einen der drei kosmischen Bereiche darstellte. Die Gestirne waren wie alle anderen Naturerscheinungen "stoffliche Manifestation des Geistigen" – und das Geistige "das wahre Wesen der Natur".[2]

Während in der westlichen Kultur das Naturgeschehen durch die Wissenschaft erklärt wird und diesbezügliche religiöse Begründungen seit dem Beginn der Neuzeit im 16. Jahrhundert sukzessive an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben, dominierte die Spiritualität die Umweltwahrnehmung der Maya. Sie glaubten, eine von zwei miteinander verbundenen Seinssphären zu bewohnen. In der anderen lebten die Götter, Ahnen und weitere Geistwesen. Wenn sich nun die geistige, jenseitige Welt in Naturerscheinungen manifestierte, zum Beispiel den Gestirnen, so mussten diese interpretiert werden. Denn davon, ob die Maya die am Himmel abgebildeten kosmischen Kräfte richtig interpretierten und angemessen darauf reagierten, hingen die Geschicke sowohl der Erdenbürger wie der Jenseitsbewohner ab.[3]

Die Beobachtung und Interpretation der Gestirne war Sachverständigen übertragen, die – entsprechend der Verwobenheit von Dies- und Jenseits – im westlich-modernen Verständnis zugleich als Astronomen und Astrologen wirkten. Sie fertigten Kalender an, denen entnommen werden konnte, ob die Zeit für bestimmte Aktivitäten wie Kriege, Handel, Aussaat, Ernte oder Eheschließung günstig war oder nicht. So waren die Menschen in eine feste Struktur des Ablaufs und der Perioden der Zeit eingebunden. Angesichts der kausalen Verbindungen zwischen den beiden Seinssphären überrascht nicht, dass die Maya ein theokratisches System hatten, der König als göttergleicher Schamane also politischer und religiöser Führer war.

Das Zählsystem, das den Kalendern zugrunde lag, beruhte auf der Zahl 20. Während in Europa mit den zehn Fingern gezählt wird, nahmen die Maya auch noch die zehn Zehen zu Hilfe. Deshalb fassten sie die Tage in 20er-Einheiten zusammen. Anhand dieser entwickelten sie kürzere Zyklen, etwa den religiösen Ritualkalender von 13 mal 20 Tagen, oder den für die Landwirtschaft wichtigen Kalender, der das Sonnenjahr spiegelte und 18 mal 20 Tage zählte (die fünf überschüssigen Tage wurden einem Kurzmonat zugeordnet, der "Ruhe" oder "Schlaf" des Jahres hieß). Indem die Maya diese Kalender beliebig oft mit der Zahl 20 multiplizierten, gelangten sie zu potenziell unendlich großen Zyklen. Der zeitliche Raum, in dem sich diese abspielten, war die Lange Zählung. Und weil die Maya diese Zählung an einem bestimmten Tag beginnen ließen, der im gregorianischen Kalender dem 13. August 3114 v. Chr. entspricht, konnten sie auch für große Zyklen präzise einen Anfangs- und Schlusstag definieren – wie den 21. Dezember 2012, an dem ein Zyklus von 5125 Jahren endet.[4]


Fußnoten

1.
Vgl. Daniel F. Suslak, Ayapan Echoes. Linguistic Persistence and Loss in Tabasco, Mexico, in: American Anthropologist, 113 (2011) 4, S. 569–581. Für die mediale Verbreitung vgl. beispielsweise Jo Tuckman, Language at risk of dying out – the last two speakers aren’t talking, in: The Guardian vom 13.4.2011, sowie den Blog http://www.redlinels.com/2012/09/27/last-two-speakers-of-a-dying-language/«# (23.10.2012).
2.
Linda Schele/David Freidel, Die unbekannte Welt der Maya. Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt, München 1991, S. 52.
3.
Vgl. für diesen und die zwei folgenden Abschnitte L. Schele/D. Freidel (Anm. 2), Kapitel 2; Carmen Arellano Hoffmann et al. (Hrsg.), Die Bücher der Maya, Mixteken und Azteken. Die Schrift und ihre Funktion in vorspanischen und kolonialen Codices, Frankfurt/M. 1998.
4.
Einer weniger bekannten wissenschaftlichen Interpretation zufolge legten die Maya den Beginn der Langen Zählung auf den 11. August 3114 v. Chr. fest, so dass der 5125-Jahres-Zyklus am 23. Dezember 2012 zu Ende gehen würde. Vgl. L. Schele/D. Freidel (Anm. 2), S. 74.
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Autor: Alex Gertschen für bpb.de
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