German Chancellor Konrad Adenauer, left, hugs France President Charles de Gaulle, right, after signing the Elysee friendship treaty in the Elysee palace in Paris, France on Jan. 22, 1963. France and Germany kicked off celebrations Wednesday, Jan. 22, 2003 to mark the 40th anniversary of the treaty with a raft of events intended to inject new vitality into their relationship, which is pivotal in efforts to expand and integrate the European Union. (ddp images/AP Photo) --- Bundeskanzler Konrad Adenauer (li) und Staatspraesident Charles de Gaulle umarmen sich nach der Unterzeichnung des Deutsch-Franzoesischen Vertrages am 22. Januar 1963 im Salon Murat im Pariser Elysee-Palast. Rechts neben de Gaulle steht M. Christian Fouchet. (ddp images/AP Photo)

19.12.2012 | Von:
Ansbert Baumann

Ein kritischer Zwischenruf zur deutsch-französischen Kulturpolitik - Essay

Es ist gerade erst ein Jahr her, da waren die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich von einer schier grenzenlos erscheinenden Harmonie geprägt: Die Zusammenarbeit auf Regierungsebene verlief vorbildlich, und Staatspräsident Nicolas Sarkozy bekundete zu Beginn des französischen Präsidentschaftswahlkampfs beharrlich seine Bewunderung für Bundeskanzlerin Angela Merkel und stellte Deutschland als leuchtendes Vorbild für die künftige französische Politik dar ("le modèle allemand"). Seit dem Amtsantritt von François Hollande scheint der deutsch-französische Motor eher ins Stottern geraten und von der Vorbildfunktion der deutschen Politik nicht mehr viel übrig geblieben zu sein. Vielmehr hat es den Anschein, als wolle der neue französische Staatschef Frankreich zum Vorreiter einer Umstrukturierung innerhalb der EU machen. Angesichts dieser Entwicklung bleibt abzuwarten, inwieweit die in der sogenannten Agenda 2020 anvisierten Ziele erreichbar bleiben. In diesen am 4. Februar 2010 vom Deutsch-Französischen Ministerrat verabschiedeten politischen Leitlinien für die deutsch-französische Zusammenarbeit hatte man sich noch auf die "beispielhafte Einigkeit" der beiden Regierungen bei der Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise berufen und eine verstärkte "Koordinierung wirtschaftspolitischer Maßnahmen in den einschlägigen EU-Gremien" beschlossen.[1]

Von einer aufeinander abgestimmten Wirtschaftspolitik ist man derzeit weit entfernt; immerhin sprach sich Hollande anlässlich des Festakts am 22. September 2012 in Ludwigsburg für den Ausbau des künstlerischen, wissenschaftlichen und universitären Austauschs zwischen beiden Ländern aus und bestätigte damit die Ziele der Agenda in einem vordergründig politisch unverfänglicheren Feld: Im Hinblick auf die kulturpolitische Zusammenarbeit bekundeten die beiden Regierungen dort nämlich den Willen, "Vorreiter bei der Schaffung eines gemeinsamen kulturellen Raums in Europa (zu) werden, der die kulturelle Vielfalt und den kulturellen Reichtum unseres Kontinents wahrt und fördert. Um den deutsch-französischen gemeinsamen Kulturraum zu stärken, werden wir uns unter anderem darum bemühen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die der Freizügigkeit kreativer Menschen und Werke im Weg stehen, indem wir neue Förder- und Austauschprogramme für Künstler, Vertreter kultureller Einrichtungen und Mitarbeiter der Kulturministerien schaffen; der gemeinsame deutsch-französische Kulturraum kann in weiteren gemeinsamen Projekten seinen Ausdruck finden."[2]

Eingedenk der Tatsache, dass die Interventionsmöglichkeiten im Bereich der Kultur ohnehin schon dadurch begrenzt sind, dass die Politik in demokratischen Staaten lediglich Rahmenbedingungen vorgeben sollte, innerhalb derer sich dann kulturelle Aktivitäten entwickeln können und sich im Fall des deutsch-französischen Austauschs weitere Schwierigkeiten aus dem Unterschied zwischen deutschem Föderalismus und französischem Zentralismus ergeben, bewirken vorschnell abgegebene Erklärungen im kulturpolitischen Bereich erfahrungsgemäß häufig eine Art Bumerangeffekt. Man kann sich deswegen durchaus darüber wundern, mit welcher Selbstverständlichkeit gerade in Zeiten wirtschaftspolitischer Differenzen wagemutige kulturpolitische Ziele formuliert werden. Dies ist umso erstaunlicher, weil die grundsätzliche Bedeutung kultur- und bildungspolitischer Initiativen ja keinesfalls unterbewertet werden sollte und sich hierbei gerade im deutsch-französischen Verhältnis innerhalb der zurückliegenden Jahrzehnte eklatante Defizite auftun, die nicht gerade für eine Vorbildfunktion in Europa prädestinieren: Vielen wohlklingenden Verlautbarungen und Erklärungen steht eine Bilanz gegenüber, die wenige konkrete Fortschritte aufzuweisen hat, auch wenn im Anschluss an die Agenda 2020 einzelne Maßnahmen elanvoll in Angriff genommen wurden. So wird beispielsweise am 21. Januar 2013 bereits zum dritten Mal der von einer deutsch-französischen Jury ausgelobte Franz-Hessel-Preis an zeitgenössische Autoren aus beiden Ländern verliehen, um – so die offizielle Begründung – "den literarischen Dialog zwischen Deutschland und Frankreich zu vertiefen (…) und damit einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des deutsch-französischen Kulturraums zu leisten".[3]

Unterschiedliche Begriffstraditionen

Es ist durchaus lohnenswert, sich ein paar grundsätzliche Gedanken zu jenem immer wieder propagierten "Kulturraum" zu machen: Seit mit dem Vertrag von Maastricht 1992 die Zuständigkeit der europäischen Gemeinschaft erstmals auch auf den Bereich der Kultur ausgeweitet wurde,[4] erlebte der Begriff in der Politik eine Renaissance: Beispielsweise verabschiedete das Europäische Parlament am 5. September 2001 den Beschluss "die kulturelle Zusammenarbeit sowohl auf politischer Ebene als auch auf der Ebene des Haushaltsplans (…) zu stärken, um die Schaffung eines ‚europäischen Kulturraums‘ zu ermöglichen".[5]

Gerade im deutsch-französischen Kontext ist die Bezeichnung "Kulturraum" jedoch extrem problematisch: Entstanden ist der Begriff im Kontext der Institutionalisierung der Volkskunde in der Zeit nach 1800, Verbreitung fand er allerdings vor allem durch die Arbeit des Bonner Instituts für Rheinische Landeskunde, welches in den 1920er und 1930er Jahren eine führende Rolle innerhalb der sogenannten Westforschung spielte. Zu dieser gehörte, wie es ein Institutsmitarbeiter 1934 ausdrückte, beispielsweise auch die "Historikerschlacht um das linke Rheinufer".[6] Den damaligen "Kulturraumforschern" – neben Historikern waren dies Geografen, Sprachwissenschaftler und Archäologen – ging es vor allem darum, Expansionsbestrebungen der deutschen Politik mit mehr oder weniger wissenschaftlichen Argumenten zu legitimieren. Interessanterweise beschäftigten sich mehrere dieser Wissenschaftler nach 1945 nicht mehr mit dem deutschen, sondern mit dem "europäischen Kulturraum",[7] womit der Begriff eine erste Rehabilitierung und Umdeutung erfuhr, die dann nach und nach auch in die Politik eindringen konnte.

Anhand der Herkunft des deutschen Begriffs "Kulturraum" lässt sich zudem ein wesentlicher Unterschied in der kulturellen Selbstwahrnehmung zwischen Deutschen und Franzosen festmachen. Die Idee eines "deutschen Kulturraums" entstammte nämlich letztlich dem im Vergleich zu Frankreich völlig unterschiedlichen Nationalbewusstsein: Die moderne Idee des Nationalstaats entstand bekanntlich im Zuge der Französischen Revolution, die ja indirekt 1806 auch zum Ende des "Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation" führte. Angesichts der Tatsache, dass nach 1815 der Integralität des französischen Nationalstaats ein in 39 Einzelstaaten aufgeteiltes Deutschland gegenüberstand, entwickelte sich der deutsche Nationalismus quasi zwangsläufig gegen Frankreich: So wurden die Kriege gegen Napoleon im Nachhinein zu nationalen "Befreiungskriegen" deklariert,[8] und im Kontext der sogenannten Rheinkrise von 1840, als die national-patriotische, antifranzösische Stimmung einen Höhepunkt erlebte, entstanden die bekanntesten patriotischen Lieder – nicht nur die "Wacht am Rhein", sondern auch das "Lied der Deutschen", unsere heutige Nationalhymne.

Hieran lässt sich exemplarisch zeigen, wie sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in Frankreich und Deutschland unterschiedliche Vorstellungen vom Nationsbegriff durchsetzten: Die französische Idee entwickelte sich nach 1789 in einem klaren staatlichen Rahmen; demnach stellt die Nation, wie es der Philosoph Ernest Renan in seiner berühmten Rede aus dem Jahr 1882 definierte, ein "ständiges Plebiszit" dar, wodurch jeder Einzelne, indem er aktiv an ihr teilnimmt, zu einem integrativen Bestandteil von ihr wird und sich mit ihr identifizieren kann.[9] Im Gegensatz dazu entstand das deutsche Nationalbewusstsein vor allem während der Romantik, und damit zu einer Zeit, als es keine staatlich-politische Identifikationsmöglichkeit gab; demzufolge ist der Einzelne ohne sein Zutun aufgrund von Herkunft, Geschichte, Kultur und Sprache Mitglied einer Nation.[10] Für diese Sichtweise ist die Bezugnahme auf die Vergangenheit, die Kultur und die Sprache, also letztlich auf einen imaginären "Kulturraum" von entscheidender Bedeutung.

Zum "Kampfgebiet" dieser unterschiedlichen Vorstellungen wurde ab 1870 das Annexionsgebiet Elsass-Lothringen: Die dortigen Bewohner wollten ursprünglich mehrheitlich Franzosen bleiben, so dass es zu einem großen Diskurs zwischen deutschen und französischen Wissenschaftlern kam, in welchem die einen beweisen wollten, dass jene aufgrund von Geschichte, Kultur und Sprache eindeutig Deutsche seien, während die anderen auf die gegenwärtige Situation verwiesen, um damit den Gegenbeweis anzutreten.[11]

Im Hinblick auf das nationale Selbstverständnis sind Deutsche und Franzosen also eher Antipoden, in dem Sinne, dass sich die deutschen Vorstellungen außerhalb einer staatlichen Realität entwickelten und eine entsprechende kulturelle Überhöhung fanden. Unter diesem Gesichtspunkt stehen sich zum Beispiel Deutsche und Polen wesentlich näher als Deutsche und Franzosen.

In diesem Kontext sollte auch erwähnt werden, dass der deutsche Kulturbegriff Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts bewusst in Opposition gegen die Civilisation française gestellt wurde: Während der westlichen "Zivilisation" ein politisches und gesellschaftliches Sendungsbewusstsein unterstellt wurde, wurde der deutschen, der "abendländischen" Kultur ein über der Politik und der Gesellschaftsordnung stehender, grundsätzlicher und unumstößlicher Anspruch zugesprochen. So erklärte Thomas Mann in seiner zu Beginn des Ersten Weltkriegs entstandenen Vorrede zu den "Betrachtungen eines Unpolitischen": "Der Unterschied von Geist und Politik enthält den von Kultur und Zivilisation, von Seele und Gesellschaft, von Freiheit und Stimmrecht, von Kunst und Literatur; und Deutschtum, das ist Kultur, Seele, Freiheit, Kunst und nicht Zivilisation, Gesellschaft, Stimmrecht, Literatur. (…) Dieser Gegensatz bleibt auf Seiten des Deutschtums eine nur zögernd einzugestehende Tatsache des Gemütes, etwas Seelisches, nicht verstandesmäßig Erfaßtes und darum Unaggressives. Auf Seiten der Zivilisation aber ist er politischer Haß: Wie könnte es anders sein? Sie ist Politik durch und durch, ist die Politik selbst, und auch ihr Haß kann immer nur und muß sofort politisch sein. Der politische Geist als demokratische Aufklärung und ‚menschliche Zivilisation‘ ist nicht nur psychisch widerdeutsch; er ist mit Notwendigkeit auch politisch deutschfeindlich, wo immer er walte."[12] In gleichem Sinn wandten sich 93 deutsche Professoren im Oktober 1914 in ihrem Aufruf "An die Kulturwelt" und forderten diese zur Unterstützung des deutschen Kampfes auf.[13] Schon allein die Begriffe "Kultur" und "Kulturraum" deuten also auf relevante Unterschiede und lang währende Konflikte zwischen der "Staatsnation" Frankreich und der "verspäteten Nation" Deutschland hin.

Fußnoten

1.
Deutsch-Französische Agenda 2020, online: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2010/02/2010-02-04-deutsch-franzoesische-agenda-2020.html« (3.12.2012).
2.
Ebd.
3.
Pressemitteilung des Staatsministers für Kultur und Medien Bernd Neumann, 10.12.2010, http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Pressemitteilungen/BPA/2010/12/2010-12-10-bkm-literaturpreis-deutsch-franzoesisch.html« (3.12.2012).
4.
Art. 128 EG-Vertrag. Vgl. Thomas Läufer (Bearb.), Europäische Union, Europäische Gemeinschaft. Die Vertragstexte von Maastricht mit den deutschen Begleitgesetzen, Bonn 19965, S. 205f.
5.
Entschließung des Europäischen Parlaments zur kulturellen Zusammenarbeit in der Europäischen Union, in: Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften C72E vom 21.3.2002, S. 142–146, hier: S. 144.
6.
So der Historiker Leo Just in seiner Antrittsvorlesung "Lothringen und die Saar", zit. nach: Bernd-A. Rusinek, Das Bonner Institut für Rheinische Landeskunde, in: Ulrich Pfeil (Hrsg.), Deutsch-französische Kultur- und Wissenschaftsbeziehungen im 20. Jahrhundert, München 2007, S. 31–46, hier: S. 40.
7.
Vgl. Karl Ditt, Die Kulturraumforschung zwischen Wissenschaft und Politik. Das Beispiel Franz Petri (1903–1993), in: Westfälische Forschungen, 46 (1996), S. 73–176.
8.
Vgl. Ute Planert, Der Mythos vom Befreiungskrieg. Frankreichs Kriege und der deutsche Süden, Alltag – Wahrnehmung – Deutung 1792–1841, Paderborn 2007.
9.
Vgl. Patrick Cabanel, Nation, nationalités et nationalismes en Europe, 1850–1920, Paris 1995, S. 81ff.
10.
Vgl. Jörg Echternkamp, Der Aufstieg des deutschen Nationalismus (1770–1840), Frankfurt/M.–New York 1998, S. 483.
11.
Vgl. Ansbert Baumann, Die Erfindung des Grenzlandes Elsass-Lothringen, in: Burkhard Olschowsky (Hrsg.), Geteilte Regionen – geteilte Geschichtskultur(en). Muster der Identitätsbildung im europäischen Vergleich, München 2013.
12.
Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, Berlin 1920, S. XXXIIIf.
13.
An die Kulturwelt!, 4. Oktober 1914, in: Klaus Böhme (Hrsg.), Aufrufe und Reden deutscher Professoren in Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1975, S. 47ff.
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