Das Euro-Zeichen vor der Europaeischen Zentralbank in Frankfurt am Freitag, 5. November 2004. (AP Photo/Bernd Kammerer) ---- The euro sculpture at the European Central Bank in Frankfurt, Germany, Friday, Nov. 5, 2004. The euro reached a change rate of US$ 1.29 on Friday. (AP Photo/Bernd Kammerer)
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Zentrum und Peripherie in Europa aus historischer Perspektive


1.2.2013
Zu keiner Zeit waren die Lebensbedingungen in Europa überall gleich, aber in der Moderne stiegen die Differenzen zwischen den Regionen: Um das Jahr 1000 waren alle Länder Europas noch ziemlich gleich arm; um 1500 betrug das Verhältnis zwischen Italien und Finnland, dem damals ärmsten Land, zweieinhalb zu eins.[1] 500 Jahre später, im Jahr 2007, lag die größte Differenz zwischen den Regionen der Europäischen Union (nach Kaufkraftstandards berechnet) dagegen bei zwölf zu eins (London im Vergleich zur bulgarischen Region Severozapaden).[2] Doch nicht nur die Einkommensunterschiede sind gewachsen, sondern auch die Unterschiede hinsichtlich der persönlichen Freiheit, der medizinischen Versorgung oder der Zugänge zu Bildung. Schon am Beginn der Moderne entwickelten sich dabei innerhalb von Staaten die Zentren oft rascher als die Randgebiete. Erstere profitierten unter anderem von Verkehrssystem, Attraktivität für arbeitswillige Zuwanderer sowie höherer Effektivität der Verwaltungen. Zudem akkumulierten sie Kompetenzen – zum Beispiel in sozialer Disziplin oder in der Entwicklung angemessener Konzepte. In den Randlagen sammelten sich dagegen leicht Schwächen an – eingefahrener Habitus, wenig politische Aktivität und manchmal Rentenmentalität in den regionalen Verwaltungen. Die großen Märkte waren nur selten Räume, in denen alle gleiche Möglichkeiten hatten, sondern häufig schiefe Ebenen, in denen für die Zentren mehr Chancen anfielen als für die Peripherien.

Solche Differenzen werden als "Gefälle", "innerer Kolonialismus"[3] oder weniger interpretierend als "räumliche Ungleichheiten"[4] beschrieben beziehungsweise im Rahmen des Konzepts von Zentrum, Halbperipherie und Peripherie als "innere Peripherien"[5] in Vergleichen und Interaktionsanalysen untersucht. Dabei geht es hier nicht um die Frage, ob die Nutzung der Peripherie konstitutiv für die Beschleunigung des Zentrums war,[6] sondern nur um die Frage, wie das Zusammenleben so verschiedener Regionen in einem Staat oder einer Union organisiert wurde.

In der Regel wurde Angleichung als Ziel festgelegt. Ungleiche Beziehungen zwischen Zentren und Peripherien sind stabil, aber nicht etwa "ewig" – eine Peripherie kann zum Zentrum werden, zum Beispiel wenn neue Konjunkturen die Voraussetzungen ändern und vor allem, wenn regionale Eliten mit guten Konzepten Politik machen. Elite wird hier nicht als wertende, sondern als beschreibende Kategorie benutzt – Frauen und Männer, Dynastien und Verwaltungen, Adel, Kaufleute und Unternehmer, Gewerkschaften und Parteien, aber auch Bauern, Arbeiter und Hochschullehrer sind als Akteure aufgetreten und haben Entwicklungen bestimmt. Parlamentarische Verfassungen haben oft eine genauer ausdiskutierte Politik gefördert als absolutistische; aber auch Parlamente machen Fehler – zum Beispiel einigen sie sich oft auf Kosten von Außenstehenden und geben häufig mehr aus, als sie einnehmen.

Historische Beispiele: Irland und Europas Süden



Ein klassisches Beispiel für die Durchsetzung einer peripheren Struktur bietet der "keltische Rand" Englands, das in Irland seit dem Mittelalter Macht ausgeübt hat, aber erst seit den Tudors (ab 1485) Land im großen Stil an Engländer vergab und in Nordirland eine "Pflanzung" britischer Bauern anlegte. Bis 1703, nach mehreren Aufständen und der Flucht katholischer Adliger, waren 86 Prozent des Grund und Bodens an protestantische Landlords verteilt, während die Mehrheit der Bevölkerung katholisch blieb.[7] Der Eigentumstransfer ermöglichte es, den Londoner Markt für Irland richtungweisend zu machen – die Insel wurde zum Produktionsort für Bedarfsgüter wie Butter und Rohstoffe wie Wolle. Die irische Wollindustrie wurde behindert, und viele Gutsbesitzer legten Gewinne aus der grünen Insel an der Londoner Börse an. Irland hatte (meist) ein eigenes Parlament, aber dessen protestantische Mitglieder vertraten nur selten regionale Interessen gegen England. Eine katholische Gegenelite entstand erst im 19. Jahrhundert. Sie hat den Süden Irlands kulturell vereinheitlicht, glaubte aber, gegen London und die protestantische Minderheit der Besitzenden nur mit Gewalt zum Erfolg kommen zu können. 1922 wurde Irland – ohne den Norden – selbstständig, konnte jedoch in den folgenden Jahrzehnten die ökonomische Zuordnung zu England nicht überwinden.

Ähnlich wie vom "keltischen Rand" Englands kann man vom (ehemals) "muslimischen Rand" Europas sprechen – jener weiten Kette von Regionen nördlich des Mittelmeers, die zwischen dem 8. und dem 17. Jahrhundert durch islamische und zwischen dem 13. und dem 20. Jahrhundert wieder durch christliche Mächte erobert wurden. Dabei wurden Nichtchristen vertrieben oder ermordet; etwa die sephardischen Juden, die in Spanien eine städtische Schicht gebildet hatten. Muslime wurden auch aus Süditalien und Ungarn vertrieben sowie in den Balkankriegen aus den meisten neuen Nationalstaaten verdrängt oder gegen anatolische Christen "ausgetauscht". Im Kontext der Verluste an Bauern, Kaufleuten und Handwerkern in diesen Vertreibungen wurden die ehemals islamisch beherrschten Regionen von der Algarve bis zur Südukraine durchweg zu inneren Peripherien, deren Interessen im jeweiligen Zentrum nicht angemessen vertreten wurden.[8]

Andalusien[9] wurde zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert von Kastilien erobert. An die Stelle einer intensiven Gartenwirtschaft trat zum Teil extensive Schafzucht, die durch Wanderschäferei den Norden Iberiens mit dem Süden verband. Der neue, aus Kastilien stammende Adel beherrschte die großen Städte wie Córdoba oder Granada, sein Zentrum aber war Madrid. Er konnte, nicht zuletzt bei den vielen Staatsbankrotten Spaniens, seinen Landbesitz ausbauen, bis der latifundismo (Großgrundbesitz als Herrschaftsbasis) vorherrschende Agrarverfassung wurde. Im Bürgerkrieg (1936–1939) forderte eine syndikalistische Arbeiterbewegung die Großgrundbesitzer heraus, deren Macht jedoch erst mit dem Ende der Francozeit eingeschränkt wurde. Andalusien blieb aber auch danach im Vergleich mit den Zentren Spaniens zurück; ab den 1970er Jahren wurde die Küste jedoch für den Tourismus entwickelt.

Historische Beispiele im Osten Europas



Das "Gefälle" in Europa, von der "blauen Banane" im Zentrum zu den "Rändern", wird von Mitteleuropa aus vor allem in der "Rückständigkeit" Osteuropas konkret. Der Begriff meint hier nicht eine theoretische Einordnung in den historischen Prozess, sondern bezeichnet die Vorstellungen der Eliten Osteuropas, dass man die Modelle Westeuropas übernehmen müsse; von der Industrialisierung bis zur Demokratisierung.

Innerhalb der Staaten östlich der deutschen Grenze gab es stets noch einmal "innere Peripherien" – wie das weithin von nicht-kapitalistischer Landwirtschaft geprägte östliche Polen ("Polen C", nach 1918 östlich des Bug, nach 1945 östlich der Weichsel) oder die vom 16. bis zum 18. Jahrhundert vom Zarenreich eroberten Territorien von der Oka bis ans Schwarze Meer. Im heutigen Tatarstan[10] verlor die Handelsstadt Kasan mit der Eroberung ihre Funktionen als muslimische Hauptstadt, außerdem erhielten russische Adelsfamilien und Bauern Land. Die muslimischen Adligen wurden aber nicht vertrieben, sondern in den russischen Dienstadel kooptiert – allerdings im Kontext der Verwestlichung Russlands unter Peter I. (1682–1721) dann doch deklassiert. Die Zaren förderten die orthodoxe Mission, die gegenüber dem Islam allgemein kaum zu Erfolgen führte; wer jedoch Karriere machen wollte, der musste orthodox werden und nach Moskau gehen.

Es blieb genug Handel und Handwerk in Händen von Tataren, um – besonders in der Lederindustrie – an der russischen Industrialisierung teilzuhaben; da aber der Staat die Schwerindustrie förderte, konnte man mit den Regionen Petersburg, Ural und Donbas nicht Schritt halten. Ein Teil der tatarischen Intelligenz strebte nach einer Wiederherstellung des Khanats unter kommunistischen Vorzeichen, was sich jedoch mit der Nationalitätenpolitik der UdSSR nicht vereinbaren ließ, da mehrere Ethnien mit unterschiedlichen Sprachen und Religionen hätten vereint werden müssen. Aber trotz der stalinistischen Unterdrückung entstand die heutige Republik Tatarstan, die durch Erdölfunde und Autoindustrie in sowjetischer Form industrialisiert wurde und heute zu den stabilen "Subjekten der Russischen Föderation" gehört.[11]


Fußnoten

1.
Vgl. Angus Maddison, Contours of the World Economy, Oxford 2007, S. 55, S. 382.
2.
Vgl. Eric von Broska, Europäische Kommission (Hrsg.), In Europas Zukunft investieren. 5. Bericht über den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt, Brüssel 2010, S. 12, S. 22f., Zusammenfassung: S. 30f.
3.
Michael Hechter, Internal Colonialism, London 1975.
4.
Heiderose Kilper (ed.), New Disparities in Spatial Development in Europe, Heidelberg u.a. 2009.
5.
Hans-Heinrich Nolte (ed.), Internal Peripheries in European History, Göttingen 1991; ders. (Hrsg.), Europäische innere Peripherien im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1997; ders. (Hrsg.), Innere Peripherien in Ost und West, Stuttgart 2002. Zu den folgend skizzierten Beispielen vgl. die Aufsätze in diesen drei Bänden, für die es mehrfach gelungen ist, Forscher aus den analysierten Regionen als Beiträger zu gewinnen.
6.
Vgl. Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt, München 2009, S. 909–957; Hans-Heinrich Nolte, Weltgeschichte. Imperien, Religionen und Systeme, Wien 2005, S. 320–347.
7.
Vgl. Jürgen Elvert, Geschichte Irlands, München 19994; Theodore W. Moody, Francis X. Martin (eds.), The Course of Irish History, Cork 197811; Peter Wende, Das Britische Empire, München 2011.
8.
Vgl. Hans-Heinrich Nolte, A chain of Internal Peripheries along the old Muslim-Christian Borders, in: Peter Herrmann/Arno Tausch (eds.), Dar al Islam, New York 2005, S. 21–35.
9.
Vgl. Walther L. Bernecker, Spanische Geschichte, München 2010.
10.
Vgl. Mirfatykh Z. Zakiev, Istorija tatarskogo naroda, Moskva 2008.
11.
Vgl. Andreas Kappeler, Russland als Vielvölkerreich, München 1992; Hans-Heinrich Nolte, Geschichte Russlands, Stuttgart 2012³.
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Autor: Hans-Heinrich Nolte für bpb.de
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