Zerstörtes Gebäude in der Nähe von Bab Dreeb, Syrien.

14.2.2013 | Von:
Daniel Gerlach
Nils Metzger

Männer, die auf Leichen starren. Wie unser Bild vom Krieg in Syrien entsteht

Wenn Deine Bilder nicht gut genug sind, warst Du nicht nah genug dran", lautet das bekannte Bonmot des Fotografen Robert Capa, der im Indochinakrieg 1954 starb. Generationen von Reportern eifern diesem Grundsatz nach. Sie halten ihre Kameras in das Granatfeuer und die Mikrofone in das Schluchzen der Hinterbliebenen. Und für die schreibende Zunft gilt: Ein Korrespondent, der für seine "Augenzeugenberichte" das Hotel nicht mehr verlässt, fliegt heute, anders als früher, sehr schnell als Scharlatan auf. Zweifellos kann auch die Nähe zum Geschehen es erschweren, ja sogar unmöglich machen, eine Art von Wahrheit aus dem Gesehenen und Gehörten zu extrahieren. Unter welchen Umständen kann zu große Nähe das Urteil von Journalisten beeinflussen? Und wie entstehen die verschiedenen Narrative der Konfliktereignisse?

Grenzen der Berichterstattung

Der Krieg in Syrien polarisiert. Die Berichterstattung hat die internationale Gemeinschaft und nicht zuletzt die Haltung der Mächte im UN-Sicherheitsrat beeinflusst – in gleichem Maße wie auch der politische Diskurs in einem Land auf die Medien wirkt. Wer die Berichte russischer Sender – und zwar nicht nur staatlicher Kanäle wie Russia Today – mit der europäischen Konkurrenz vergleicht, könnte den Eindruck gewinnen, es gehe um völlig verschiedene Konfliktschauplätze. Und diese Unterschiede sind gewiss nicht nur das Resultat gezielter Propaganda: Je nach Zugang zum Geschehen können auch rechtschaffen recherchierende Journalisten zu sehr verschiedenen Haltungen und Sympathien kommen. Wenn Reporter durch die zerschossenen Wohnhäuser der Altstadt Aleppos hechten, halten sie den Kopf aus Angst vor Scharfschützen unten. Sie folgen konzentriert dem Vordermann im Flecktarn, der nicht nur eine Kalaschnikow, sondern auch Ortskenntnis besitzt. Ihm haben sie oftmals ihr Leben anvertraut – ein quid pro quo: Viele Syrer riskieren jeden Tag ihr Leben, um ausländische Journalisten zu den Brennpunkten zu führen. Das verbindet, zweifellos.

Der letzte Beitrag, den die erfahrene Korrespondentin der "Sunday Times", Marie Colvin, am 21. Februar 2012 aus der belagerten Stadt Homs sendete, war die tragische Geschichte eines kleinen Jungen, der in einem Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen war. Sie selbst starb Stunden darauf, gemeinsam mit dem jungen französischen Fotografen Rémi Ochlik, als Regierungstruppen ein Medienzentrum der Opposition unter Beschuss nahmen. Neues bot diese letzte Geschichte kaum – sie emotionalisierte, gab dem Schlachten ein Gesicht. Sie sollte die Wohnzimmer Amerikas und Europas erreichen und daran erinnern, dass jeden Tag in Syrien Kinder sterben. Immer wieder mahnen Hilfsorganisationen, die Zivilisten und Flüchtlinge in der Berichterstattung nicht zu vergessen, das Leiden des Einzelnen zum Thema zu machen und nicht nur Opferstatistiken zu aktualisieren.
Während der Belagerung von Aleppo bewegten sich die Kämpfer der Freien Syrischen
Armee (FSA) zwischen Wohnhäusern hin und her.Während der Belagerung von Aleppo bewegten sich die Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) zwischen Wohnhäusern hin und her. (© Philipp Breu/philippbreu.com.)

Tatsächlich blieb vielen Korrespondenten und einer großen Zahl freier Reporter, die in Syrien ihr "Glück" versuchten, auch kaum etwas anderes übrig, als Einzelschicksale zu präsentieren. Wie die Zivilisten war auch Colvin zuletzt eine Gefangene, eingeschlossen in dem umkämpften Stadtteil Baba Amr. Oft sitzen Reporter über Tage an Orten fest und horchen auf Gerüchte und die Meinungen von Aktivisten. Ein umfassendes Bild der Lage im Land kann man sich so nur schwerlich machen. Auch bei der Rekonstruktion konkreter Ereignisse stoßen Reporter schnell an Grenzen. Wenngleich inzwischen zahlreiche Journalisten über die türkische Grenze in den Norden Syriens einreisen und sich in der Nähe der Kampfzone aufhalten, vergehen oft mehrere Tage, bis die Meldungen über angebliche Gräueltaten der Regierung oder der Rebellen unabhängig und detailliert recherchiert werden können. Oft fällt es schwer, die tagesaktuelle Lage überhaupt zu sondieren: Wo befindet sich die Armee? Welche neuen Checkpoints gibt es? Welche Straßen sind befahrbar? Welches Dorf hält noch zu welcher Seite? Wie Beobachter im Rest der Welt sind auch Journalisten vor Ort auf die Facebook-Nachrichten von Aktivisten angewiesen.
Trümmer einer Nachbarschaft im nordsyrischen Grenzort Azaz, der fortwährend
von der syrischen Armee bombardiert wird.Trümmer einer Nachbarschaft im nordsyrischen Grenzort Azaz, der fortwährend von der syrischen Armee bombardiert wird. (© Philipp Breu/philippbreu.com.)

Die Autoren dieses Textes berichteten aus verschiedenen Landesteilen für das Nahost-Magazin "zenith": Nils Metzger reiste im Sommer 2012 über die von der Freien Syrischen Armee (FSA) kontrollierte türkisch-syrische Grenze ins umkämpfte Aleppo; Daniel Gerlach gelangte im Frühjahr 2012 über die libanesische Nordgrenze an Syriens Küste und in die sogenannten Alawitenberge, von dort aus nach Damaskus und in die Umgebung von Homs. Selbst mitten in Damaskus konnte es zu dieser Zeit gelingen, über Kontaktleute Aufständische zu treffen. Diese Männer waren unmittelbar an der Revolte in Homs beteiligt und nach dem Generalangriff der Armee in der Großstadt untergetaucht. Sie operierten als eine Art Oppositionsgeheimdienst und versuchten, über Freunde, Verwandte und ehemalige Studienkollegen an Informationen über das Vorgehen der Sicherheitskräfte zu gelangen.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Daniel Gerlach, Nils Metzger für bpb.de

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