Zerstörtes Gebäude in der Nähe von Bab Dreeb, Syrien.
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Syrien: Ein historischer Überblick


14.2.2013
Die syrische Geschichte des 20. Jahrhunderts ist geprägt durch die Erfahrung von Fremdherrschaft und Imperialismus sowie die schwierige Herausbildung einer syrischen nationalen Identität, verbunden mit Fragen nach territorialer Integrität und staatlicher Einheit. Hiermit verflochten sind mit rapiden Modernisierungsprozessen einhergehende gesellschaftliche Umwälzungen und der Streit um soziale Gerechtigkeit, um politische und wirtschaftliche Teilhabe. In Anbetracht des begrenzten Raums können diese Themen jedoch nur angedeutet werden, da sich die Darstellung auf einen sehr knappen, politisch-ereignisgeschichtlichen Überblick beschränken muss.

Syrien ist ein junger Staat, der erst seit dem Ende des Ersten Weltkrieges in (mehr oder weniger) seinen heutigen Grenzen existiert; 1946 erlangte er seine vollständige Unabhängigkeit. Dies kontrastiert mit jahrtausendealten Siedlungstraditionen. Auf dem Gebiet des heutigen Syrien waren Zivilisationen beheimatet, die zu den ältesten der Menschheitsgeschichte gehören. Im mittleren Euphrattal wurde bereits etwa 10.000 v. Chr. Ackerbau und Viehzucht betrieben; im dritten und zweiten vorchristlichen Jahrtausend existierten hier bedeutende Stadtstaaten wie Ebla und Mari.

Die Verwendung der griechischen Bezeichnung Syrien ist seit dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert belegt; das so umschriebene geografische Gebiet variierte jedoch stark. Erst mit der Annexion durch Pompeius 64 v. Chr. bezeichnete Provincia Syria ein bestimmtes Territorium, das sich vom Euphrat bis Ägypten erstreckte. Zu Beginn der byzantinischen Ära im späten 4. Jahrhundert n. Chr. wurden nur noch die nördlichen Gebiete um Antiochia und Apamea als "Syrien" bezeichnet.[1] Mit der muslimischen Eroberung von Damaskus 635 n. Chr. begann die schrittweise Islamisierung und Arabisierung des Landes. Das arabische al-Scham stand nun für "das Gebiet zur Linken beziehungsweise im Norden" (von der arabischen Halbinsel, der Heimat der Eroberer, gesehen), das im alltäglichen Sprachgebrauch bis heute auch für die Stadt Damaskus verwendet wird. Bilad al-Scham ("das syrische Land") bezeichnete die besiedelten Gebiete zwischen Taurus und Sinai. Während der Herrschaft der Omayyaden (661 bis 750) stieg Damaskus zur Hauptstadt des islamischen Reiches auf, verlor diesen Rang mit dem Machtwechsel zu den Abbasiden jedoch an Bagdad. In den nächsten Jahrhunderten wechselten sich regionale Fürsten und Dynastien ab; Teile Nordsyriens wurden kurzzeitig vom byzantinischen Reich zurückerobert. Die allgemeine Unsicherheit setzte sich mit dem Einfall der Seldschuken im 11. Jahrhundert und der Errichtung seldschukischer Fürstentümer in Aleppo und Damaskus fort. Nach der Etablierung der Kreuzfahrerstaaten in der Levante (1099 bis 1265) waren Damaskus, Homs, Hama, Aleppo und Baalbek den Kreuzfahrern tributpflichtig, blieben aber unabhängig; lokale Herrscher wie Nuraddin (gest. 1174) und Saladin (gest. 1193) waren den Kreuzfahrern starke Gegner. Mit der Eroberung von Akko durch die Mameluken 1291 endete diese Periode. Um die Wende zum 15. Jahrhundert wurden Aleppo und Damaskus von den einfallenden Mongolen unter Timur erobert, geplündert und gebrandschatzt. Die Mamelukenzeit in Syrien endete 1516 mit der Eroberung durch die Osmanen.

Osmanisches Syrien



Die Osmanen gliederten die Bilad al-Scham in die drei Provinzen Aleppo, Damaskus und Tripoli; im 17. Jahrhundert kam Sidon hinzu. Mit den Reformen des späten 19. Jahrhunderts wurden die Provinzen neu gegliedert (in Damaskus, Aleppo und Beirut), hinzu kamen Jerusalem als eigenständiger Verwaltungsbezirk und das Libanongebirge. Das Gebiet des heutigen Syriens umfasst Teile der osmanischen Provinzen Damaskus und Aleppo sowie den Bezirk Deir ez-Zor.

Die religiös legitimierten, absolutistisch herrschenden osmanischen Sultane stützten sich auf eine Schicht von Notabeln und Religionsgelehrten, lokale Eliten, die zwischen dem imperialen Zentrum und der Provinz vermittelten. In den Städten, die als Handels- und Verwaltungsmetropolen, Pilgerstationen und religiöse Zentren fungierten, konzentrierte sich die wirtschaftliche, politische und soziale Macht. Die Reichweite staatlicher Kontrolle und die Ausdehnung des Kulturlandes schwankten beträchtlich. Im späten 18. Jahrhundert erreichten sie einen Tiefpunkt. Die Gouverneure von Damaskus und Aleppo waren kaum in der Lage, ihr Hinterland und selbst ihre Städte zu kontrollieren beziehungsweise vor kriegerischen Beduinenstämmen zu schützen; lokale Potentaten agierten weitgehend unabhängig von Istanbul. 1831 besetzte Ibrahim Pascha, Sohn des Regenten von Ägypten, die Bilad al-Scham, doch nach einer Intervention europäischer Mächte, die die Schwächung oder gar den Zerfall des osmanischen Reiches fürchteten, musste er sich 1840 wieder zurückziehen.

Die folgenden Jahrzehnte waren gekennzeichnet durch vermehrte administrative Reformen und die wachsende politische und wirtschaftliche Dominanz europäischer Akteure. Der Ausbau der Infrastruktur und effektiverer Schutz vor Beduinenüberfällen ließen Landwirtschaft und Handel aufblühen. Dies erleichterte die Integration in internationale Märkte sowie die staatliche Kontrolle der Peripherie. Der zunehmende Import europäischer Waren veränderte die Konsumgewohnheiten in den rasch wachsenden Städten zum Nachteil der einheimischen Handwerker und insbesondere des Textilgewerbes. Steigende Nachfrage aus Europa führte zum vermehrten Anbau von cash crops, von deren Export eine neu entstehende Schicht von Mittelsmännern und Kaufleuten mit guten Beziehungen nach Europa, viele von ihnen Christen oder Juden, profitierte. Politisch trat Frankreich als Schutzmacht der katholischen, Russland als die der orthodoxen Christen auf; 1856 erklärte der Sultan alle Untertanen ohne Ansehen der Religion für gleichberechtigt. All dies verschärfte soziale Spannungen, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewaltsam entluden: 1850 kam es in Aleppo, 1860 in Damaskus zu blutigen Übergriffen auf christliche Viertel; 1860 wurde der Libanon durch brutale Kämpfe zwischen Maroniten und Drusen erschüttert.[2]

Mit dem neuen osmanischen Landrecht von 1858 akkumulierten viele Notabeln ausgedehnten privaten Grundbesitz. Dies führte zu einer Macht- und Ressourcenkonzentration in den Händen der traditionellen Eliten und zur Herausbildung beziehungsweise Verfestigung von Abhängigkeitsbeziehungen. Kollektive (kommunale, tribale) Solidaritätsverhältnisse verschoben sich nach und nach hin zu individuellen oder schichtspezifischen Differenzierungen. Die staatliche Verwaltung wurde zunehmend von einer neuen, gebildeten Beamtenschicht getragen. Eine wachsende Zahl von Bildungseinrichtungen bot neue Aufstiegsmöglichkeiten, und die sich immer weiter differenzierende Presselandschaft wurde zum wichtigen Medium kulturell-literarischer und politischer Diskussionen. Die so entstehende neue Öffentlichkeit war männlich dominiert, schloss aber auch weibliche Leserinnen und Autorinnen ein. Neben die kleinteiligen kollektiven Bezugsrahmen (Dorf, Stamm, Religionsgemeinschaft) traten nun auch übergreifende Bezüge. Die vielschichtige Bewegung des arabischen nationalen "Erwachens" (nahda) zielte unter anderem auf die literarisch-kulturelle Erneuerung der arabischen Hochsprache und Kultur, formulierte aber auch politisch-reformerische und emanzipatorische Forderungen. Die Notwendigkeit religiöser Reform, um traditionelle und moderne Wissensformen in Einklang zu bringen, wurde ebenfalls diskutiert. Doch schlossen arabische und osmanische Loyalitäten und Identifikationen einander nicht unbedingt aus, sondern stellten unterschiedliche Facetten kultureller und politischer Identität dar.

Erster Weltkrieg



Die Herrschaft der Osmanen endete mit der Niederlage und anschließenden Zerschlagung des Reichs am Ende des Ersten Weltkrieges. Die Kriegsjahre bedeuteten für die syrische Zivilbevölkerung eine Zeit des Leidens. Tausende junger Männer wurden zum Armeedienst gezwungen; hunderttausende Zivilisten starben infolge von Krankheiten und Hunger. Hinzu kamen die militärischen und politischen Auseinandersetzungen. Arabische Intellektuelle und Offiziere, teilweise in Geheimgesellschaften organisiert, verfolgten die Unabhängigkeit von Istanbul; der osmanische Gouverneur von Damaskus reagierte darauf mit brutaler Repression. Im Juni 1916 rief der haschemitische Scherif von Mekka, Husain, zum arabischen Aufstand gegen die Osmanen auf. Zuvor hatte ihm der britische Hochkommissar in Ägypten Unterstützung für ein unabhängiges arabisches Königreich zugesagt. Großbritannien hatte allerdings im Sykes-Picot-Abkommen 1916 und der Balfour-Erklärung von 1917 weitere, widersprüchliche Erklärungen über die Zukunft der arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches abgegeben, die hier aus Platzgründen nicht erörtert werden können, aber Folgen von großer Tragweite hatten.[3]

Nach der Niederlage des osmanischen Reiches wurde Syrien zwischen 1918 und 1920 mit britischer Billigung von einer arabisch-nationalistischen Regierung unter Husains Sohn Faisal regiert. Die Herausbildung politischer Identitäten in jenen Jahren erfolgte im Spannungsfeld panarabischer und territorial orientierter syrischer beziehungsweise libanesischer Loyalitäten sowie (arabisch-)islamischer Bezüge, die einander im Einzelfall nicht unbedingt ausschlossen. Trotz verbreiteter Kritik an Faisals Regierung erklärte ein Syrischer Generalkongress im März 1920 das Land zur unabhängigen konstitutionellen Monarchie unter Faisal.[4]

Die Monarchie war jedoch nur von kurzer Dauer. Im April 1920 einigten sich die Großmächte auf der Konferenz von San Remo auf die Verteilung ihrer Interessengebiete in Form von Mandaten (Libanon und Syrien an Frankreich, Irak, Palästina und Transjordanien an Großbritannien), die 1922 vom Völkerbund bestätigt wurde. Frankreich stellte Faisal ein Ultimatum für den Rückzug seiner Truppen und die Annahme des Mandats. Die aus dem Libanon vordringenden französischen Truppen schlugen ein schwächeres syrisches Kontingent unter Faisals Kriegsminister Yusuf al-Azma bei Maisalun nahe Damaskus am 24. Juni 1920; am folgenden Tag wurde Damaskus von französischen Truppen besetzt und Syrien unter französische Verwaltung gestellt. Faisal floh zunächst nach Palästina und wurde 1921 mit britischer Unterstützung zum König des Irak gekrönt.


Fußnoten

1.
Vgl. Lamia Rustum Shehadeh, The name of Syria in ancient and modern usage, in: Adel Beshara (ed.), The Origins of Syrian Nationhood. Histories, pioneers and identity, London 2011.
2.
Zusammengefasst in: Eugene Rogan, Die Araber. Eine Geschichte von Unterdrückung und Aufbruch, Berlin 2012, S. 132–138.
3.
Zusammengefasst in: ebd., S. 210–220.
4.
Vgl. Eliezer Tauber, The Formation of Modern Syria and Iraq, Newbury Park 1995.
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Autor: Katharina Lange für bpb.de
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