Zerstörtes Gebäude in der Nähe von Bab Dreeb, Syrien.

14.2.2013 | Von:
Salam Said

Gesellschaftliche und sozioökonomische Entwicklung Syriens

Die syrische Gesellschaft zeichnet sich durch eine komplexe religiöse, ethnische und kulturelle Zusammensetzung aus. Geprägt durch eine sehr diverse kulturräumliche Gliederung des Landes zwischen bewaldeten Gebirgszügen am Mittelmeer und ariden Steppen Nordmesopotamiens und eine lange gemeinsame historische Erfahrung lebten verschiedenste muslimische, christliche und jüdische Konfessionen und Gruppen über die Jahrhunderte relativ friedlich nebeneinander. Dabei machte sich die soziale Heterogenität Syriens nicht nur durch religiöse oder ethnische Identitäten bemerkbar, sondern auch durch einen starken Unterschied städtischer, agrarisch-ländlicher oder beduinischer Lebensweisen. Die sozioökonomischen Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten haben ferner dazu geführt, dass sich kulturelle Lebensarten einkommensstarker Schichten in den großen Städten Aleppo und Damaskus immer deutlicher von urbanen und ruralen Peripherien unterscheiden. Um die soziale Dynamik des Landes zu verstehen, sind also neben der historischen Entwicklung der Bevölkerungsstruktur besonders auch die großen Umbrüche der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu betrachten.

Historisches Erbe

Die kaleidoskopische Vielfalt des Landes liegt ursächlich in seinem reichen und bedeutenden historischen Erbe begründet. Das heutige Syrien ist als Teil des "syrischen" Kulturraums (Bilad al-Scham) seit frühgeschichtlicher Zeit Wiege zahlreicher Zivilisationen. Es war nicht nur ein wichtiger Bestandteil der sumerischen, akkadischen, assyrischen und phönizischen Zivilisationen des alten Orients, sondern spielte auch in der hellenistischen und römischen Antike eine beachtliche Rolle. Neben dutzenden versunkenen Städten wie Ebla, Ugarit, Apameia, Palmyra oder Bosra bergen die vier großen Städte im Korridor zwischen Küstengebirge und Steppe, Aleppo, Hama, Homs und Damaskus, beeindruckende Zeugnisse dieser historischen Epochen des Altertums. Die religiöse Pluralität des Landes entstand primär in der Spätantike, als es eine wichtige Provinz des byzantinischen Reiches war, und in frühislamischer Zeit. Im Zuge der arabischen Eroberungen im 7. Jahrhundert wurde Damaskus zwischen 661 und 750 Hauptstadt der ersten islamischen Dynastie der Ommayyaden und damit Zentrum eines Weltreiches, das von Spanien bis nach Zentralasien reichte. Beginnende Arabisierung, aber auch religiöse Toleranz gegenüber den rivalisierenden und so sich weiter verästelnden christlichen Gruppen zeichneten diese Epoche aus. Nach der politischen Zersplitterung des arabischen Reiches ab dem 9./10. Jahrhundert wurden türkische und kurdische Eliten immer wichtiger. Die Zeit der Kreuzzüge belastete primär orientalische Christen, während die Mongolenstürme ganze Landstriche entvölkerten. Als Teil des osmanischen Reiches ab 1516 blühten syrische Städte – besonders Aleppo – kulturell und wirtschaftlich auf und waren wie schon in den Jahrhunderten zuvor durch eine hohe soziale Mobilität gekennzeichnet. Ein Großteil der urbanen Eliten des frühen 20. Jahrhunderts war in den vier osmanischen Jahrhunderten zugewandert (unter anderem aus dem Irak und kurdischen Gebieten). Nach einem beachtlichen kulturellen Wandel im 19. Jahrhundert und einer zum Teil erzwungenen Ansiedlung von tscherkessischen und armenischen Flüchtlingen entstand mit dem Ende des Osmanischen Reiches der Nahe Osten und somit auch Syrien in seinen heutigen politischen Grenzen im Zuge der kolonialen Grenzziehungen. Als "Mandatsgebiet" stand das junge Land ab 1920 unter direkter französischer Kontrolle und damit ebenfalls unter europäischem Einfluss. Am 17. April 1946 erlangte Syrien durch eine Revolution seine Unabhängigkeit und feierte die Gründung der Syrischen Arabischen Republik.

Gesellschaftliche Struktur

Die Gesellschaft unterteilt sich in mehr als 15 religiöse und ethnische Gruppen. Neben der arabischen Mehrheit leben Kurden, Armenier, Turkmenen, Tscherkessen, Aramäer und Assyrer in Syrien.[1] Unter den knapp 21 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern bilden die Kurden mit einem Anteil von zehn bis zwölf Prozent die größte ethnische Minderheit.[2] Sie leben größtenteils im Norden und Nordosten des Landes sowie in den Großstädten Damaskus und Aleppo. Bekannte kurdische Städte und Dörfer sind al-Hasaka, al-Qamishli, Amuda, Afrin und Kurd Dagh (Berg der Kurden). Die Zahl der Turkmenen wurde 2012 auf rund zwei Millionen (neun Prozent der Bevölkerung) geschätzt.[3] Tscherkessen stellen die kleinste ethnische Minderheit islamischen Glaubens. Über eine Million Aramäer und Assyrer (etwa 4,5 Prozent) leben zum großen Teil in al-Hasaka (Nordostregion Syriens) und in der Stadt und Region Maalula nordöstlich von Damaskus. Die meisten Armenier kamen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts als Flüchtlinge aus der Türkei. Sie machen weniger als ein Prozent der syrischen Bevölkerung aus und leben hauptsächlich in Aleppo, aber auch in Damaskus und nördlichen Städten des Landes. Die offizielle Sprache des Landes ist Arabisch. Jedoch sprechen die ethnischen Minderheiten zusätzlich im Alltag Kurdisch, Aramäisch, Armenisch, Turkmenisch, Tscherkessisch oder andere Minderheitensprachen.

Neben den unterschiedlichen ethnischen Gruppen unterteilt sich die syrische Bevölkerung in verschiedene Religionen und Konfessionen. Selbst die muslimische Mehrheit (zwischen 85 und 90 Prozent der Bevölkerung) besteht aus heterogenen religiösen Gruppierungen, darunter Sunniten (rund 73 Prozent der Bevölkerung), Alawiten (10 bis 11 Prozent), Drusen (etwa 3 Prozent), Ismailiten und Schiiten. Syrer christlichen Glaubens werden auf 10 bis 12 Prozent geschätzt[4] und sind ebenfalls stark fragmentiert. Die "christliche Minderheit" setzt sich aus einem knappen Dutzend Konfessionen zusammen: Die griechisch-orthodoxe, die maronitische, die syrisch-orthodoxe und die syrisch-katholische, die chaldäische, die assyrische, die armenisch-katholische und die armenisch-orthodoxe sowie protestantische Kirchen sind staatlich anerkannt. Die beiden größten Kongregationen sind die griechisch-orthodoxe Kirche und die melkitische griechisch-katholische Kirche. Zusätzlich zu den Muslimen und Christen leben im Nordosten eine kleine Gemeinde von Yeziden und noch etwa hundert Juden in Aleppo und Damaskus. 1948 wohnten noch 15.000 bis 30.000 arabische und sephardische Juden in Syrien, die traditionell ein fester Bestandteil der Bevölkerung waren.

Obwohl manche Stadtteile und Dörfer überwiegend von einer bestimmten religiösen oder ethnischen Gruppe bewohnt sind, gibt es keine strikte religiöse oder ethnische Abgrenzung zwischen den Wohnorten. Dennoch bestimmt die religiöse oder ethnische Zugehörigkeit weitgehend die Landkarte Syriens. Die Mehrheit der Bewohner von Dörfern im sogenannten Tal der Christen (Wadi al-Nasara) oder im Qalamun-Gebirge sind zum Beispiel Christen. Manche Stadtteile in Aleppo, Damaskus und Homs sind historisch als Christenviertel bekannt. Drusen stammen traditionell hauptsächlich aus Suwaida oder dem Drusen-Gebirge (Jabal al-Druze oder Jabal al-Arab) in Südsyrien und haben sich im 20. Jahrhundert in dem Damaszener Vorort Jaramana angesiedelt. Alawitische Wohngebiete liegen ursprünglich im Küstengebirge im Nordwesten, vor allem rund um Latakia, Tartus, Jable und Baniyas. Ismailiten konzentrieren sich in der kleinen Stadt Salamiya südöstlich von Hama. Die heutige demografische Verteilung differenziert sich zunehmend entlang sozialer, politischer und wirtschaftlicher Faktoren aus. Besonders in urbanen Neubaugebieten mittlerer und hoher Einkommensschichten haben sich die Grenzen verwischt. Im Gegensatz zu den Dörfern, die meist durch eine überschaubare gesellschaftliche Struktur charakterisiert sind und die weitgehend ihre ursprüngliche Bevölkerungszusammensetzung behalten haben, sind die Städte im Zuge der zunehmenden Urbanisierung ein Spiegelbild des komplizierten ethnischen, religiösen und sozialen Pluralismus des Landes geworden.

In Syrien leben nicht nur Syrer, sondern auch palästinensische und irakische Flüchtlinge. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts kamen mit der Gründung Israels in mehreren Wellen Flüchtlinge aus Palästina; etwa eine halbe Million Palästinenser sind heute in Syrien zuhause. Irakische Flüchtlinge kamen nach dem Irakkrieg 2003 ins Land, Tausende sind geblieben. Sowohl Palästinenser als auch Iraker genießen zahlreiche bürgerliche Rechte in Syrien. Sie dürfen arbeiten und können ihre Kinder in staatliche Schulen schicken. Die "neuen" Bewohner haben ihre kulturellen und sozialen Spuren in manchen Außenbezirken von Damaskus hinterlassen, wie beispielsweise im Stadtteil Yarmouk, in dem ursprünglich nur Palästinenser wohnten, und Jaramana, wo sich der größte Teil der irakischen Flüchtlinge niedergelassen hat.

Die religiöse und ethnische Vielfalt war immer ein besonderer Reichtum der syrischen Gesellschaft. Zwar entlud sich sozial motivierte Gewalt im Laufe der Geschichte verschiedentlich entlang der religiösen Trennlinien (wie in Aleppo 1850 oder Damaskus 1860), doch kann man besonders im Vergleich zur europäischen Geschichte von einem lange existierenden und relativ friedlichen religiösen und ethnischen Pluralismus sprechen. Der Alltag der Menschen war meist durch gemeinsame soziokulturelle Werte und Respekt geprägt. Forschungen zu den vielen prachtvollen Wohnhäusern in den Altstädten von Aleppo und Damaskus aus osmanischer Zeit zeigen, dass Syrer aller Konfessionen in den Städten eine fast identische Wohnkultur pflegten, die sich primär nach Region und Einkommensgruppen ausdifferenzierte. Das berühmte Aleppozimmer einer christlichen Familie oder die Damaszener Wohnhausnische eines jüdischen Hausbesitzers im Berliner Pergamonmuseum sind dafür eindrucksvolle Beispiele.

Dieser soziale und kulturelle Reichtum birgt jedoch auch die Gefahr einer Instrumentalisierung in Zeiten des Konflikts – wobei die religiöse und ethnische Zugehörigkeit keine Auskunft über politische Überzeugungen gibt. Mit Blick auf den aktuellen Konflikt laufen Pro- und Contra-Assad-Konfliktlinien quer durch viele christliche und drusische Familien, genauso wie konservativ-bürgerliche Sunniten mittlerer und besserer Einkommensschichten radikal-islamistische Aktivisten strikt ablehnen – obwohl letztere sich oftmals auf den sunnitischen Islam beziehen. Gesellschaftliche Entwicklungen folgen sozioökonomischen Dynamiken und persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen und sind nicht alleine kulturalistisch oder durch einen religiösen Determinismus zu verstehen. Daher ist es wichtig, die gesellschaftlichen Strömungen des 20. Jahrhunderts zu verstehen, die zu großen Veränderungen in Syrien geführt haben.

Fußnoten

1.
Offizielle Statistiken über die zahlenmäßige Verteilung der religiösen und ethnischen Gruppen in Syrien existieren nicht und alle vorhandenen Angaben und Statistiken für Gegenwart und Vergangenheit stellen lediglich Annäherungswerte dar. Die in diesem Beitrag genannten Zahlen wurden in mehreren Quellen angegeben. Vgl. zum Beispiel The International Religious Freedom Report for 2011 issued by Bureau of Democracy, Human Rights and Labor/U.S. Department of State, Syria: Executive Summary, http://www.state.gov/documents/organization/193119.pdf« (2.1.2013); Minority Rights Group International, Syria Overview, Oktober 2011, http://www.minorityrights.org/5266/syria/syria-overview.html« (2.1.2013).
2.
2011 hat Olivier De Schutter die Kurden auf 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung geschätzt. Vgl. Olivier De Schutter, Report of the Special Rapporteur an the right to food, UN-Human Rights Council, Mission to the Syrian Arab Republic, S. 14, online: http://www2.ohchr.org/english/bodies/hrcouncil/docs/16session/A.HRC.16.49.Add.2_en.pdf« (28.1.2013).
3.
Vgl. Hasan Kanbolat, Syrian Turkmen, 19.3.2012, http://www.todayszaman.com/columnist-274772-syrian-turkmen.html« (18.1.2013).
4.
Laut Philip S. Khoury machten die Christen im Jahr 1945 14 Prozent der syrischen Gesamtbevölkerung aus. Vgl. Philip S. Khoury, Syria and the French Mandate: The Politics of Arab Nationalism, 1920–1945, Princeton 1987, S. 14. Kristin Helberg schätzt die Christen weiterhin auf zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung. Vgl. Kristin Helberg, Brennpunkt Syrien. Einblick in ein verschlossenes Land, Freiburg/Br. 2012, S. 44. An dieser Stelle möchte die Autorin sich bei Erik Mohns für seine wertvollen Kommentare bedanken.
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Autor: Salam Said für bpb.de
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