Zerstörtes Gebäude in der Nähe von Bab Dreeb, Syrien.

14.2.2013 | Von:
Salam Said

Gesellschaftliche und sozioökonomische Entwicklung Syriens

Gesellschaftlicher Wandel seit der Unabhängigkeit

Die Phase nach der Unabhängigkeit war durch politische Instabilität gekennzeichnet und wurde wegen der vielfachen Coups d’État durch das Militär "Zeitraum der Putsche" genannt. Die politischen Entwicklungen waren divergent und erlebten unterschiedliche politische Strömungen, die zwischen Sozialismus/Kommunismus, Nationalismus, Panarabismus, Liberalismus und konservativen Ideologien variierten. Während die kommunistischen und sozial orientierten Parteien sehr populär in den ärmeren sozialen Schichten, vor allem auf dem Land, waren, gab es in den großen Städten Aleppo und Damaskus ein breiteres Spektrum von politischen Orientierungen. In diesem Rahmen entstand auch die Baath-Partei.

Die Baath-Partei (Arabisch-Sozialistische Baath-Partei), die bis heute Syrien regiert, kam 1963 durch einen Putsch mit der Parole "Einheit, Freiheit, Sozialismus" an die Macht. Sie entstand durch eine Vereinigung der ersten Baath-Partei, die sich aus Mitgliedern der urbanen intellektuellen Mittelschicht und Studentenschaft zusammensetzte, mit der Sozialistischen Arabischen Partei, deren Mitglieder sich aus Bauern und den armen Gesellschaftsschichten rekrutierten. Die Machtübernahme der Baath-Partei führte zu einem tief greifenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel in Syrien. Ihr Konzept von "Sozialismus" sah eine sozialistische Transformation der Gesellschaft durch Entmachtung der Bourgeoisie und Beseitigung von privatem Eigentum vor. Ihre Politik manifestierte sich in erster Linie in der entschiedenen Fortsetzung der Landreformen und Verstaatlichungen privater Unternehmen, die bereits während der Syrisch-Ägyptischen Einheit (Vereinigte Arabische Republik 1958 bis 1961) begonnen worden waren. Diese Politik zog nicht nur eine Erweiterung der Rolle des Staates in der Wirtschaft nach sich, ebenso waren der Verfall des privaten Sektors und die Abwanderung nationalen Kapitals direkte Folgen.[5] Zudem führte sie zur erheblichen Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen auf dem Land sowie in den Städten. Um soziale Gerechtigkeit zu befördern und die Lebensbedingungen aller Bürger zu verbessern, investierte der Staat massiv in die Infrastruktur und das Gesundheits- und Bildungswesen und kontrollierte die Preise. So baute der Staat zahlreiche Schulen, Krankenhäuser und Gesundheitszentren in den ländlichen Gebieten. Elektrizität und sauberes Wasser (Trinkwasser) erreichten die Häuser der kleinen Dörfer landesweit. Um eine gute Vernetzung zwischen Stadt und Land zu ermöglichen, wurden Fernstraßen und Brücken gebaut. Zielvorgaben für die verstaatlichten industriellen Unternehmen und landwirtschaftlichen Kooperativen waren keine hohen Gewinne, sondern die Bereitstellung der Produkte zu günstigen Preisen. Viele Güter, wie Heizöl, Zucker, Brot, Zement, wurden darüber hinaus subventioniert. Schließlich sollten alle Bürger sozial- und krankenversichert werden.

Die Bewohner ländlicher Gebiete haben von diesen Entwicklungen enorm profitiert. In den Folgegenerationen zog es immer mehr Bewohner ländlicher Peripherien zum Universitätsstudium in die nächstgelegenen großen Städte. Die Grundschulpflicht wurde eingeführt; Arbeitsplätze für Hochschulabsolventen waren überdurchschnittlich gut bezahlt. Die Jobmöglichkeiten auf dem Land blieben hingegen sehr begrenzt. Die lukrativen Jobangebote in den Städten zusammen mit der Verschlechterung der Lage der Landwirtschaft führten zu einer starken, bis heute fortwirkenden Landflucht. Die neuen Bildungschancen veränderten auch das Wertesystem in Syrien und entsprechend wurde gesellschaftlich großer Wert auf schulische und berufliche Bildung gelegt. Das soziale Prestige war damit nicht mehr nur von Herkunft, religiösem Hintergrund und familiärem Reichtum abhängig. Berufliche Position und manchmal auch politische Zugehörigkeit waren wichtige Elemente der sozialen Werteskala, und so sind bis heute zum Beispiel die Berufsbilder von Professoren, Lehrern, Ärzten, Ingenieuren und Anwälten hoch geschätzt. Zudem wurden Frauen unter dem Einfluss liberaler und kommunistischer Ideologien ermutigt, ein Universitätsstudium zu beginnen und leitende Positionen anzustreben – ein bedeutender Schritt in einer traditionell patriarchalischen Gesellschaft.

Damaskus als Hauptstadt und Aleppo als Handels- und Industriezentrum haben in dieser historischen Phase einen tief greifenden gesellschaftlichen Wandel durchlebt. Die alte Mittel- und Oberschicht, die seit dem 19. Jahrhundert aus Grundbesitzern, Bürgerlich-Intellektuellen und hohen Beamten, Händlern sowie Unternehmern entstanden war, verlor durch die Verstaatlichung und Landreform an sozialer, politischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Gleichzeitig entwickelten sich neue Eliten und ebenso eine neue Mittelschicht, die aufgrund ihrer politischen Position zahlreiche wirtschaftliche Privilegien erhalten hatte. Neben der neuen politischen und militärischen Elite aus Mitgliedern der Baath-Partei, die oft einen ländlichen Hintergrund hatten, gehörten Studenten und Mitarbeiter des wachsenden staatlichen Sektors (Verwaltung und Produktion) zur neuen Mittelschicht. Die zugezogenen Stadtbewohner siedelten sich hauptsächlich in den Neubaugebieten am Rande der Stadt an, während ärmere Landflüchtige in die nicht mehr als zeitgemäß bewerteten und daher vernachlässigten Altstädte zogen.

Fußnoten

5.
Zur politischen Ökonomie Syriens siehe Hanna Batatu, Syria’s Peasantry: The Descendants of Its Lesser Rural Notables and their Politics, Princeton 1999; Volker Perthes, The Political Economy of Syria Under Asad, London–New York 1997.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Salam Said für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Wer möchte diese DVD ausprobieren? Auf der DVD geht es u.a. um die Berichterstattung von Medien im Krieg und die Wirkung von Kriegs- und Gewaltdarstellungen in Filmen und Computerspielen.

Mehr lesen auf werkstatt.bpb.de

Informationsportal Krieg und Frieden

Wo gibt es Kriege und Gewaltkonflikte? Und wo herrscht am längsten Frieden? Welches Land gibt am meisten für Rüstung aus? Sicherheitspolitik.bpb.de liefert wichtige Daten und Fakten zu Krieg und Frieden.

Mehr lesen auf sicherheitspolitik.bpb.de

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2013

Der APuZ-Jahresband 2013: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” aus dem Jahr 2013. Weiter...

Zum Shop