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Prostitution
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Prostitution – Das "älteste Gewerbe der Welt"?


19.2.2013
Die Vorstellung, Prostitution sei "das älteste Gewerbe der Welt" wird – nicht nur am Stammtisch – bis in die Gegenwart hinein kolportiert. Die historische Realität sieht jedoch anders aus. Die ältesten Erscheinungsformen der Prostitution – von der Heiligen Hochzeit über die Hierodulenpaarung bis zur Apotropäischen beziehungsweise Unheilabwehrenden Prostitution – gingen auf sakrale Riten zurück. In der griechischen und römischen Antike waren Prostituierte, von freigelassenen Hetären und Kurtisanen abgesehen, Sklavinnen, in der Neuzeit wurden sie als "Huren" kriminalisiert und seit 1700 als "liederliche Weibspersonen" staatlicherseits reglementiert.

Die sexuelle Dienstleistung meist weiblicher Menschen ist dabei zumindest in der Bundesrepublik Deutschland selbst seit Inkrafttreten des "Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten" am 1. Januar 2002 nur mit Einschränkungen als Gewerbe zu bezeichnen. Dass – wie Monika Heitmann, die Vorsitzende des Bremer Vereins "Nitribitt", im Jahre 1999 sagte – "das älteste Gewerbe … eigentlich gar keins (ist)",[1] soll im Folgenden am Beispiel des 19. und des 20. Jahrhunderts verdeutlicht werden.[2] Im 19. Jahrhundert fand Prostitution ausschließlich, im 20. Jahrhundert vorwiegend in Bordellen statt. Sie waren in der Reformation abgeschafft, aber seit 1700 wieder eingeführt worden, zunächst in Preußen, dann in den unter französischer Herrschaft stehenden Rheinbundstaaten, schließlich auch in den meisten Gebieten des nördlichen und östlichen Deutschland.

1794 legte das Preußische "Allgemeine Landrecht" fest (§999), dass "liederliche Weibspersonen … sich in die unter Aufsicht des Staates geduldeten Hurenhäuser begeben (müssen)". Aber während das Landrecht Prostituierte noch als "Weibspersonen" bezeichnete, "welche mit ihrem Körper ein Gewerbe betreiben wollen",[3] hieß es in den Bordellreglements des 19. Jahrhunderts, dass Prostitution kein Gewerbe im eigentlichen Sinne sei. So besagte das Bremer Reglement von 1852, das auf eine Hamburger Fassung zurückging, dass die "eingezeichneten Mädchen", auch wenn sie Steuern zu zahlen hätten, nicht glauben sollten, "ihr an sich schändliches und verwerfliches Gewerbe (…) sei anderen erlaubten Gewerben gleichzustellen"; die Steuern würden "nur zur Bestreitung der notwendigen Kosten ihrer polizeilichen Beaufsichtigung und der Heilung von Krankheiten erhoben (…), die sich die öffentlichen Mädchen durch ihre liederliche Lebensart selber zuziehen".[4]

"Sittenwidrigkeit"



Hintergrund der strikten Unterscheidung zwischen Prostitution und "erlaubten Gewerben" war das Verdikt der "Sittenwidrigkeit". Die Auffassung, dass Prostitution "sittenwidrig" sei, bestand seit der Reformation. In mittelalterlichen Städten wurde Prostitution – sanktioniert durch die katholische Theologie – als das "geringere Übel" im Gegensatz zu dauerhaftem Ehebruch oder sexuell motivierten Verbrechen von den Stadträten nicht nur geduldet, sondern sogar protegiert. Jedoch forderte Martin Luther in seiner Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation" sowie in einem Brief, der die Abschaffung der "Hurerey" zum alleinigen Gegenstand hatte, deren absolutes Verbot. Denn die "Frauen-" beziehungsweise "Hurenheuser" würden Ehebruch und sexuelle Verbrechen nicht verhindern, sondern erst ermöglichen. Luther ging sogar so weit, Prostitution mit Mord und Diebstahl gleichzusetzen, also mit Straftaten, die zu seiner Zeit mit dem Tode geahndet wurden, wenn er schrieb: Eine Stadt, die "Hurenheuser" dulde, könne ebenso gut "Mörderheuser und Diebeheuser aufrichten".[5]

Noch in Reichstagsdebatten der Kaiserzeit wurde diese Auffassung, wenn auch nur indirekt, vertreten. So plädierte in der Sitzung vom 14. März 1900 ein Abgeordneter für die Schließung aller Bordelle mit der Überlegung, dass in den Zehn Geboten das Verbot des Ehebruchs nicht ohne Grund "mitten drin zwischen dem des Mordes und des Diebstahls" stehe, und "so wenig Sie mit (…) den Sünden gegen das fünfte oder das siebente Gebot paktieren wollen (…), so wenig können Sie mit der Sünde gegen das sechste Gebot paktieren".[6] Schon bald darauf wurde diese religiöse Begründung auch juristisch fundiert. In einem Urteil von 1901 argumentierte das Reichsgericht mit Paragraf 138 des ein Jahr zuvor in Kraft getretenen Bürgerlichen Gesetzbuches, der sich auf "sittenwidrige Rechtsgeschäfte" und "Wucher" bezog und jedes "Rechtsgeschäft, das gegen die guten Sitten verstößt", als "nichtig" bezeichnete. Da Prostitution als "sittenwidrig" galt, befand sich jede Prostituierte im rechtsfreien Raum. Das bedeutete, dass ihr alle Rechte der Gewerbetreibenden verschlossen waren, sogar das Recht, für ihre sexuellen Dienste bezahlt zu werden.

Die Auffassung von der "Sittenwidrigkeit" der Prostitution überdauerte alle Gesetzesnovellen und politischen Umwälzungen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Obwohl Bordelle und Kontrollstraßen der Weimarer Republik seit 1927 zumindest vorübergehend verboten waren – sie wurden 1933 wieder eröffnet, obwohl "Sexuelle Revolution" und Reformierung des Sexualstrafrechts in der Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre zur Modernisierung konservativer Wertvorstellungen führten, kam es noch in den 1980er Jahren zu höchstrichterlichen Urteilen, die fast nahtlos an die des Reichsgerichts der Kaiserzeit anknüpften. So stellte das Bundesverwaltungsgericht am 15. Juli 1980 fest, dass "Erwerbsunzucht (…) eine sittenwidrige und in vieler Hinsicht sozialwidrige Tätigkeit"[7] sei und 1993 zog die Bundesregierung aus dem Makel der Sittenwidrigkeit den bewährten Schluss, "daß die Ausübung der Prostitution nicht als Gewerbe im gewerbsrechtlichen Sinne angesehen werden kann".[8]

Gewerberecht



Neben der "Sittenwidrigkeit" war seit Beginn des 19. Jahrhunderts das moderne Gewerberecht ein weiterer Grund dafür, dass Prostitution nicht als Gewerbe galt. In der mittelalterlichen Ständegesellschaft waren die "erlaubten Gewerbe" in Zünften organisiert und entsprechend streng geregelt. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit traten an die Stelle des Zunftzwangs Freizügigkeit und Selbstständigkeit: Im Preußischen Edikt von 1810 sicherte König Friedrich Wilhelm seinen "Unterthanen (…) das Recht" zu, "in dem ganzen Umfang Unserer Staaten, sowohl in den Städten als auf dem platten Lande (…) Gewerbe (…) zu treiben und von den Behörden dabey geschützt zu werden".[9]

Die Reichsgewerbeordnung, die auf die 1869 beschlossene Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes zurückging, befasste sich darüber hinaus mit "Frauen, welche selbständig ein Gewerbe betreiben"; sie konnten "in Angelegenheiten ihres Gewerbes selbständig Rechtsgeschäfte abschließen", und es machte "hierbei keinen Unterschied, ob sie das Gewerbe allein oder in Gemeinschaft mit anderen Personen (…) betreiben".[10] Dass diese Gewerbefreiheit für "liederliche Weibspersonen" keine Gültigkeit besaß, geht aus den Vorschriften des bereits genannten Bordellreglements beispielhaft hervor, unter anderem daraus, dass ihnen die für ihre Arbeit notwendige Anwerbung von Kunden "bei Gefängnisstrafe von 2 bis 8 Tagen (…) bei Wasser und Brot" verboten war. Auch mussten sie sich "alle acht Tage zweimal oder wenn nötig in noch kürzerem Zeitraum (…) der ärztlichen Untersuchung unterwerfen, welche in ihrer Wohnung, und zwar in den Morgenstunden, vorgenommen werden muß", wobei "der Arzt die bei der Untersuchung ausbleibenden Mädchen sogleich der Polizei an(zeigt)".[11]


Fußnoten

1.
Angestelltenverhältnisse im Bordell, in: Die Tageszeitung vom 16.8.1999.
2.
Vgl. Romina Schmitter, Prostitution – Das "älteste Gewerbe der Welt"? Fragen der Gegenwart an die Geschichte, Oldenburg 2007²; 2005 vom Bremer Senator für Bildung und Wissenschaft für den Schulunterricht empfohlen. Der Beitrag folgt Teilen des Buchs. Für genauere Erläuterung der religiösen Riten oder der Situation in der Antike vgl. Kapitel 1 und 2.
3.
Hans Hattauer (Hrsg.), Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten 1794, Berlin 1970, Teil I, Titel 20, §999.
4.
Johann-Günther König, Die feine Bremer Art …, Bremen 1982, S. 86.
5.
Martin Luther, Martin Luthers Werke, 120 Bd., Weimar 1967, S. 297.
6.
Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstags, Berlin 1900, S. 4682.
7.
Zit. nach: Joachim Riecker, Ware Lust – Wirtschaftsfaktor Prostitution, Frankfurt/M. 1985, S. 37.
8.
Zit. nach: ebd.
9.
Zit. nach: Ute Gerhard, Verhältnisse und Verhinderungen. Frauenarbeit, Familie und Rechte der Frauen im 19. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1978, S. 243.
10.
Zit. nach: Romina Schmitter, Dienstmädchen, Jutearbeiterinnen und Schneiderinnen – Frauenerwerbsarbeit in der Stadt Bremen 1871–1914, Bremen 1996, S. 353.
11.
Zit. nach: J.G. König (Anm. 4), S. 86.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Romina Schmitter für bpb.de
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