Prostitution
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Motive der männlichen Nachfrage nach käuflichem Sex


19.2.2013
In diesem Beitrag beschäftige ich mich mit der Frage, aus welchen empirisch bestimmbaren Gründen, heterosexuelle Männer käuflichen Sex nachfragen. Trotz unzureichender Datenlage vertrete ich die These, dass nur ein geringer Teil der bundesrepublikanischen Männer Prostitutionssex dauerhaft nachfragt. Die Gründe hierfür können aus der hybriden und "zerrissenen" Struktur des Prostitutionsfeldes abgeleitet werden, die zum einen Zugänge zur Prostitution rechtfertigt, zum anderen aber die Nachfragepraxis mit delegitimierender Ambivalenz belegt. Dieser Artikel wird einige dieser Aspekte näher beleuchten und im Schwerpunkt ergründen, welche spezifische Anziehungskraft Prostitution auf die männliche Nachfrageseite ausübt, wie sich der individuelle Weg in dieses Feld hinein im Konkreten gestaltet und wie sich die dortigen Machtverhältnisse darstellen.[1]

Machtdiskurse und Zugangshürden zum Prostitutionsfeld



Trotz tief greifender gesellschaftlicher Transformationsprozesse der sexuellen Liberalisierung im Zuge der 1968er Revolte[2] und einer legalen, flächendeckend etablierten prostitutiven Infrastruktur in der Bundesrepublik findet die konkrete Nachfrage weitgehend im Verborgenen statt und ist immer noch mit gesellschaftlichen Tabus belegt, die eine private und öffentliche Unsichtbarkeit von Freiern produzieren. Im Konkreten können vier nachfragefokussierte Machtdiskurse beziehungsweise delegitimierende Disziplinartechnologien benannt werden: der feministische Täterdiskurs, das (christliche) Monogamiegebot, innermännliche Hegemoniekämpfe um (legitimes) sexuelles Kapital und der Entfremdungsdiskurs.

Die feministische Kritik der historischen und zweiten Frauenbewegung wertet dabei die männliche Nachfrage nach Prostitution als frauenverachtende sexuelle Gewalt und als männliche Ausbeutung des weiblichen Körpers und der weiblichen Sexualität.[3] Prostitution stellt in diesem Kontext einen existenziellen Angriff auf das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen dar und degradiert diese zu einem Tauschobjekt männlich-sexueller Unterwerfungslust. In Anlehnung an die schwedische Gesetzeslage wird aus dieser Richtung mitunter die strafrechtliche Verfolgung der Nachfrageseite gefordert, wie es beispielhaft die britische Labour-Abgeordnete Mary Honeyball formuliert: "There is however one lesson that we can learn from abroad. That is to aggressively tackle the demand for prostitution by criminalising the purchase of sex. The law should treat prostitution in much the same way as it treats rape. Both are generally an act of male violence against helpless women."[4] Das Monogamiegebot speist sich aus einem religiös-sittlichen beziehungsweise normativ operierenden Diskurs, der die männliche Prostitutionsnachfrage als unmoralische Sexualpraktik klassifiziert und darin einen Angriff auf die "heilige" Institution der Ehe sieht. Der dritte Diskurs der Delegitimation von Prostitutionskunden kommt überraschend aus den inneren männlichen Konkurrenz- und Distinktionskämpfen selbst.[5] Sex stellt in diesem Arrangement eine begehrte und geschlechtsidentitär hoch aufgeladene Ressource dar. Die Nachfrage von Prostitution wird dabei als minderwertige sexuelle Praxis abgewertet und als subjektiver Misserfolg sexueller Selbstinszenierung markiert. Die Inanspruchnahme einer Sexarbeiterin verweist dabei auf potenzielle Defizite in der privaten Sexualität oder auf das subjektive Unvermögen eines Freiers, das Begehren von Frauen im Privaten zu erobern. Die Aussage eines Probanden (24 Jahre, abgebrochenes Studium) bebildert dies eindrücklich: "Daher hab ich mich schon so’n bisschen vor mir selbst geschämt, also, dass ich da hingegangen bin, oder dass ich’s überhaupt nötig hatte, oder dass ich das nötig hatte, das haben ja viele andere nicht, für so was zu bezahlen."[6] Der Entfremdungsdiskurs speist sich inhaltlich aus der positiven Bezugnahme auf Beziehungs- und Sexualitätsformen, die durch emotionale Authentizität (also Liebe, Romantik, Bindung), Ehrlichkeit und Gegenseitigkeit gekennzeichnet sind. Prostitutive Sexualität wird hierin als verdinglichte, warenförmige Tauschbeziehung charakterisiert und abgelehnt, wahlweise in Kombination mit feministischen Kritikpunkten. Daher wird sie sexuell, emotional und sozial als uninteressant eingeordnet. Diese Position dürfte die Mehrheit prostitutionsinaktiver Männer und Frauen einnehmen.

Brücken zum Prostitutionsfeld



In Anbetracht dieser Ausführungen könnte der Eindruck entstehen, dass damit nicht nur die Ebene der Sichtbarkeit des Nachfragephänomens berührt wird, sondern die konkrete Nachfragepraxis insgesamt. Tatsächlich drückt sich hierin ein Teil der Wahrheit aus, dennoch existieren komplementär hierzu gesellschaftliche Strukturen, die der Nachfrageseite wirkmächtige geschlechtsidentitäre und geschlechterpolitische Brücken zum Feld bauen: Das wichtigste Muster markiert die Prostitutionsnachfrage als standardbiografisches Element männlicher Lebenswelt und als legitime Option maskuliner sexueller Selbstkonzepte. In dieser männlichen Erzählung ist es "normal" eine Prostituierte aufzusuchen, sei es, weil der Mann einen biologisch begründeten Sexualtrieb in sich verspürt, der periodisch entladen werden muss, sei es als sexualbiografische Statuspassage ("muss man mal gemacht haben") oder als männliches Gruppenerlebnis. Die Prostitution und die Nachfrage werden darin auf normativer und leiblicher Ebene als legitime männliche Institution und "Spieloption" wahrgenommen, wo "Mann" mit seiner Sexualität und Geschlechtlichkeit organisch aufgehoben ist.

Die zweite Brücke leitet sich aus der Logik des Prostitutionsfeldes als ökonomisches Teilfeld ab, das der kapitalistischen Tauschlogik unterworfen ist. Sexualität oder genauer sexuelle Dienstleistungen werden in diesem Rahmen, wie andere Gebrauchswerte auch, zu einer "normalen" Ware transformiert und gegen Geld getauscht. Der Akt des Tausches, der sämtlichen Mitgliedern kapitalistischer Gesellschaften als habitualisierte Alltagspraxis vertraut ist, entwickelt dabei eine fundamentale legitimatorische Kraft über den Wirkmechanismus "wofür bezahlt wurde, das ist in Ordnung".

Der dritte Weg ins Feld führt über die magische Anziehungskraft, die das Prostitutionsfeld als Subkultur auf potenzielle Freier ausübt. Neben seiner Anziehungskraft als antibürgerliche Subversionsfantasie ("Milieu") wird damit auf das Prostitutionsfeld als omnipotenter Kosmos männlicher sexueller Wunscherfüllung verwiesen. Moralische und kommunikative Begrenzungen privater Sexualität werden hierin aufgehoben, beschleunigt und entritualisiert: kein Werben, kein Aufschub, keine Zurückweisung, Sex sofort in jeglicher Ausformulierung mit privat "unerreichbaren" Frauen. Reale oder subjektiv empfundene körperliche, psychische und kommunikative Defizite im Feld privater Sexualität werden so für eine begrenzte Zeit außer Kraft gesetzt.

Historisch abgesichert wird der ungehinderte käufliche Zugriff auf weibliche Sexualität dann über die Machttechnologie der doppelten Moral. Vor der Hintergrundfolie der Spaltung des weiblichen Geschlechterraums in "Heilige" und "Huren" (ehrbare Ehefrauen und "gefallene Mädchen") wird ein männlich dominiertes, staatliches Kontroll- und Disziplinarregime etabliert, welches unerbittlich und voller moralischer Entrüstung gegen die Prostitution und vor allem gegen Prostituierte vorgeht und Männern gleichzeitig ungehinderten Zugriff auf die Sexualität der "verachteten" Prostituierten garantiert.[7] Die männliche Nachfrage nach käuflichem Sex blieb und bleibt strukturell aus diesem Diskurs- und Disziplinarregime – mit Ausnahmen von Hygienediskursen – ausgeschlossen und in ihrer sozialen Praxis unangetastet. Unangetastet auch von der Geschichtswissenschaft und größtenteils von der bundesdeutschen Sozialwissenschaft, die bislang nur sieben wissenschaftliche Monografien[8] und zwei populärwissenschaftliche Beiträge[9] zur Untersuchung der männlichen Nachfrage nach käuflicher Sexualität aufzuweisen hat.[10]


Fußnoten

1.
Die theoretischen und empirischen Kernaussagen sowie die zitierte Interviewpassage dieses Artikels, gründen sich auf meine qualitativ-empirische Untersuchung (zugleich Dissertation), basierend auf 20 leitfadengestützten Interviews mit aktiven heterosexuellen Prostitutionskunden im Untersuchungszeitraum in 1999 bis 2010, 2012 zusammenfassend publiziert: Udo Gerheim, Die Produktion des Freiers. Macht im Feld der Prostitution, Bielefeld 2012.
2.
Vgl. Rüdiger Lautmann, Soziologie der Sexualität. Erotischer Körper, intimes Handeln und Sexualkultur, Weinheim–München 2002; Gunter Schmidt, Das neue DER DIE DAS. Über die Modernisierung des Sexuellen, Gießen 2005; Volkmar Sigusch, Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversionen, Frankfurt/M.–New York 2006.
3.
Vgl. Petra Schmackpfeffer, Frauenbewegung und Prostitution. Über das Verhältnis der alten und neuen Frauenbewegung zur Prostitution, Oldenburg 1989.
4.
Mary Honeyball 2008, zit. nach: U. Gerheim (Anm. 1), S. 9.
5.
Vgl. Robert W. Connell, Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen 1999; U. Gerheim (Anm. 1).
6.
U. Gerheim (Anm. 1), S. 173, Interviewpassage redaktionell geringfügig überarbeitet.
7.
Vgl. Regina Schulte, Sperrbezirke. Tugendhaftigkeit und Prostitution in der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt/M. 1984.
8.
Vgl. Dieter Kleiber/Doris Velten, Prostitutionskunden. Eine Untersuchung über soziale und psychologische Charakteristika von Besuchern weiblicher Prostituierter in Zeiten von AIDS, Baden-Baden 1994; Doris Velten, Aspekte der sexuellen Sozialisation. Eine Analyse qualitativer Daten zu biographischen Entwicklungsmustern von Prostitutionskunden, Berlin 1994; Heinrich Ahlemeyer, Prostitutive Intimkommunikation. Zur Mikrosoziologie heterosexueller Prostitution. Beiträge zur Sexualforschung, Stuttgart 1996; Andrea Rothe, Männer, Prostitution, Tourismus. Wenn Herren reisen…, Münster 1997; Sabine Grenz, (Un)heimliche Lust. Über den Konsum sexueller Dienstleistungen, Wiesbaden 2005; U. Gerheim (Anm. 1).
9.
Hydra (Hrsg.), Freier – das heimliche Treiben der Männer, Hamburg 1991; Martina Steiner/Falco Steiner, Halbe Stunde, 60 Euro! Über 500 brandaktuelle, schonungslose und ehrliche Berichte von Männern über ihre wahren Erlebnisse mit Prostituierten, Hamburg 2005.
10.
Zum aktuellen Stand der Forschung auf nationaler und internationaler Ebene vgl. U. Gerheim (Anm. 1), S. 13–26.
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Autor: Udo Gerheim für bpb.de
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