Prostitution
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Motive der männlichen Nachfrage nach käuflichem Sex


19.2.2013
In diesem Beitrag beschäftige ich mich mit der Frage, aus welchen empirisch bestimmbaren Gründen, heterosexuelle Männer käuflichen Sex nachfragen. Trotz unzureichender Datenlage vertrete ich die These, dass nur ein geringer Teil der bundesrepublikanischen Männer Prostitutionssex dauerhaft nachfragt. Die Gründe hierfür können aus der hybriden und "zerrissenen" Struktur des Prostitutionsfeldes abgeleitet werden, die zum einen Zugänge zur Prostitution rechtfertigt, zum anderen aber die Nachfragepraxis mit delegitimierender Ambivalenz belegt. Dieser Artikel wird einige dieser Aspekte näher beleuchten und im Schwerpunkt ergründen, welche spezifische Anziehungskraft Prostitution auf die männliche Nachfrageseite ausübt, wie sich der individuelle Weg in dieses Feld hinein im Konkreten gestaltet und wie sich die dortigen Machtverhältnisse darstellen.[1]

Machtdiskurse und Zugangshürden zum Prostitutionsfeld



Trotz tief greifender gesellschaftlicher Transformationsprozesse der sexuellen Liberalisierung im Zuge der 1968er Revolte[2] und einer legalen, flächendeckend etablierten prostitutiven Infrastruktur in der Bundesrepublik findet die konkrete Nachfrage weitgehend im Verborgenen statt und ist immer noch mit gesellschaftlichen Tabus belegt, die eine private und öffentliche Unsichtbarkeit von Freiern produzieren. Im Konkreten können vier nachfragefokussierte Machtdiskurse beziehungsweise delegitimierende Disziplinartechnologien benannt werden: der feministische Täterdiskurs, das (christliche) Monogamiegebot, innermännliche Hegemoniekämpfe um (legitimes) sexuelles Kapital und der Entfremdungsdiskurs.

Die feministische Kritik der historischen und zweiten Frauenbewegung wertet dabei die männliche Nachfrage nach Prostitution als frauenverachtende sexuelle Gewalt und als männliche Ausbeutung des weiblichen Körpers und der weiblichen Sexualität.[3] Prostitution stellt in diesem Kontext einen existenziellen Angriff auf das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen dar und degradiert diese zu einem Tauschobjekt männlich-sexueller Unterwerfungslust. In Anlehnung an die schwedische Gesetzeslage wird aus dieser Richtung mitunter die strafrechtliche Verfolgung der Nachfrageseite gefordert, wie es beispielhaft die britische Labour-Abgeordnete Mary Honeyball formuliert: "There is however one lesson that we can learn from abroad. That is to aggressively tackle the demand for prostitution by criminalising the purchase of sex. The law should treat prostitution in much the same way as it treats rape. Both are generally an act of male violence against helpless women."[4] Das Monogamiegebot speist sich aus einem religiös-sittlichen beziehungsweise normativ operierenden Diskurs, der die männliche Prostitutionsnachfrage als unmoralische Sexualpraktik klassifiziert und darin einen Angriff auf die "heilige" Institution der Ehe sieht. Der dritte Diskurs der Delegitimation von Prostitutionskunden kommt überraschend aus den inneren männlichen Konkurrenz- und Distinktionskämpfen selbst.[5] Sex stellt in diesem Arrangement eine begehrte und geschlechtsidentitär hoch aufgeladene Ressource dar. Die Nachfrage von Prostitution wird dabei als minderwertige sexuelle Praxis abgewertet und als subjektiver Misserfolg sexueller Selbstinszenierung markiert. Die Inanspruchnahme einer Sexarbeiterin verweist dabei auf potenzielle Defizite in der privaten Sexualität oder auf das subjektive Unvermögen eines Freiers, das Begehren von Frauen im Privaten zu erobern. Die Aussage eines Probanden (24 Jahre, abgebrochenes Studium) bebildert dies eindrücklich: "Daher hab ich mich schon so’n bisschen vor mir selbst geschämt, also, dass ich da hingegangen bin, oder dass ich’s überhaupt nötig hatte, oder dass ich das nötig hatte, das haben ja viele andere nicht, für so was zu bezahlen."[6] Der Entfremdungsdiskurs speist sich inhaltlich aus der positiven Bezugnahme auf Beziehungs- und Sexualitätsformen, die durch emotionale Authentizität (also Liebe, Romantik, Bindung), Ehrlichkeit und Gegenseitigkeit gekennzeichnet sind. Prostitutive Sexualität wird hierin als verdinglichte, warenförmige Tauschbeziehung charakterisiert und abgelehnt, wahlweise in Kombination mit feministischen Kritikpunkten. Daher wird sie sexuell, emotional und sozial als uninteressant eingeordnet. Diese Position dürfte die Mehrheit prostitutionsinaktiver Männer und Frauen einnehmen.

Brücken zum Prostitutionsfeld



In Anbetracht dieser Ausführungen könnte der Eindruck entstehen, dass damit nicht nur die Ebene der Sichtbarkeit des Nachfragephänomens berührt wird, sondern die konkrete Nachfragepraxis insgesamt. Tatsächlich drückt sich hierin ein Teil der Wahrheit aus, dennoch existieren komplementär hierzu gesellschaftliche Strukturen, die der Nachfrageseite wirkmächtige geschlechtsidentitäre und geschlechterpolitische Brücken zum Feld bauen: Das wichtigste Muster markiert die Prostitutionsnachfrage als standardbiografisches Element männlicher Lebenswelt und als legitime Option maskuliner sexueller Selbstkonzepte. In dieser männlichen Erzählung ist es "normal" eine Prostituierte aufzusuchen, sei es, weil der Mann einen biologisch begründeten Sexualtrieb in sich verspürt, der periodisch entladen werden muss, sei es als sexualbiografische Statuspassage ("muss man mal gemacht haben") oder als männliches Gruppenerlebnis. Die Prostitution und die Nachfrage werden darin auf normativer und leiblicher Ebene als legitime männliche Institution und "Spieloption" wahrgenommen, wo "Mann" mit seiner Sexualität und Geschlechtlichkeit organisch aufgehoben ist.

Die zweite Brücke leitet sich aus der Logik des Prostitutionsfeldes als ökonomisches Teilfeld ab, das der kapitalistischen Tauschlogik unterworfen ist. Sexualität oder genauer sexuelle Dienstleistungen werden in diesem Rahmen, wie andere Gebrauchswerte auch, zu einer "normalen" Ware transformiert und gegen Geld getauscht. Der Akt des Tausches, der sämtlichen Mitgliedern kapitalistischer Gesellschaften als habitualisierte Alltagspraxis vertraut ist, entwickelt dabei eine fundamentale legitimatorische Kraft über den Wirkmechanismus "wofür bezahlt wurde, das ist in Ordnung".

Der dritte Weg ins Feld führt über die magische Anziehungskraft, die das Prostitutionsfeld als Subkultur auf potenzielle Freier ausübt. Neben seiner Anziehungskraft als antibürgerliche Subversionsfantasie ("Milieu") wird damit auf das Prostitutionsfeld als omnipotenter Kosmos männlicher sexueller Wunscherfüllung verwiesen. Moralische und kommunikative Begrenzungen privater Sexualität werden hierin aufgehoben, beschleunigt und entritualisiert: kein Werben, kein Aufschub, keine Zurückweisung, Sex sofort in jeglicher Ausformulierung mit privat "unerreichbaren" Frauen. Reale oder subjektiv empfundene körperliche, psychische und kommunikative Defizite im Feld privater Sexualität werden so für eine begrenzte Zeit außer Kraft gesetzt.

Historisch abgesichert wird der ungehinderte käufliche Zugriff auf weibliche Sexualität dann über die Machttechnologie der doppelten Moral. Vor der Hintergrundfolie der Spaltung des weiblichen Geschlechterraums in "Heilige" und "Huren" (ehrbare Ehefrauen und "gefallene Mädchen") wird ein männlich dominiertes, staatliches Kontroll- und Disziplinarregime etabliert, welches unerbittlich und voller moralischer Entrüstung gegen die Prostitution und vor allem gegen Prostituierte vorgeht und Männern gleichzeitig ungehinderten Zugriff auf die Sexualität der "verachteten" Prostituierten garantiert.[7] Die männliche Nachfrage nach käuflichem Sex blieb und bleibt strukturell aus diesem Diskurs- und Disziplinarregime – mit Ausnahmen von Hygienediskursen – ausgeschlossen und in ihrer sozialen Praxis unangetastet. Unangetastet auch von der Geschichtswissenschaft und größtenteils von der bundesdeutschen Sozialwissenschaft, die bislang nur sieben wissenschaftliche Monografien[8] und zwei populärwissenschaftliche Beiträge[9] zur Untersuchung der männlichen Nachfrage nach käuflicher Sexualität aufzuweisen hat.[10]

Untersuchungsgegenstand



Um im Folgenden näher zu bestimmen, mit welchen Handlungsmotiven Männer sich dem Prostitutionsfeld annähern, ist es in einem ersten Schritt notwendig zu definieren, was hierunter genau zu verstehen und wie weit das Phänomen empirisch verbreitet ist.[11] Der Prostitutionsakt ist im Kern als eine geldbasierte soziale Beziehung zwischen einem Prostitutionskunden beziehungsweise Freier und einer Sexarbeiterin zu charakterisieren. Die gekauften sexuellen Akte und Handlungen sind in der Regel preislich eindeutig fixiert und werden im Vorhinein von den Vertragsparteien ausgehandelt und festgelegt. Bestimmend ist hierin, dass nicht der Körper oder gar die Frau als Totalität gekauft wird, sondern eine sexuelle Dienstleistung, wie Girtler es treffend formuliert: "Das zu erwartende Einkommen bestimmt den Strich; der Warencharakter der Sexualität veranlaßt also Frauen sich zu prostituieren. Prinzipien der Konkurrenz und des Warenverkehrs regieren genauso am Strich wie am Arbeitsmarkt, die Mittel, deren sich Prostituierte und Zuhälter bedienen, sind jedoch andere. (…) Die Frau verkauft ihre Ware Sexualität, nicht jedoch sich selbst (…), um einen angestrebten Lebensstandard o.ä. erkaufen zu können."[12]

Der Dienstleistungscharakter erweist sich darin, dass von der Sexarbeiterin ein auf die sexuellen und sozialen Wünsche und Fantasien des jeweiligen Prostitutionskunden abgestimmtes Schauspiel inszeniert wird, unter Einsatz des Körpers als Ressource zur Konstruktion dieser sexuellen und emotionalen Illusion. Haben die Vertragsparteien "Kunde" und "Sexarbeiterin" den Kaufvertrag abgeschlossen, erwirbt der Käufer de jure – für einen begrenzten Zeitraum und in abgesteckten Grenzen – das aktive Zugriffsrecht und die Verfügungsgewalt über den Körper der Sexarbeiterin. Die Entfremdungslogik, wie sie für unselbstständige Arbeit in kapitalistischen Produktions- und Tauschverhältnissen bestimmend ist, trifft auch hier den Punkt: "The essence of the prostitution contract is that the prostitute agrees in exchange for money or another benefit, not to use her personal desire or erotic interests as the determing criteria for her sexual interaction".[13]

Die Mikrophysik der Macht in der Interaktion zwischen Freier und Sexarbeiterin hängt stark von den handlungsleitenden Motivstrukturen der Freier ab (dem Wunsch nach emotionaler Nähe, "reinem" Sex oder dem Wunsch, gewaltvolle, frauenverachtende Anteile auszuleben). Zugleich spielt eine Rolle, welches Bild Freier von Sexarbeiterinnen internalisiert haben (beispielsweise respektvoll, bewundernd, neutral, herablassend, verachtend, hassend) und welche Macht-Ressourcen Sexarbeiterinnen ihrerseits mobilisieren können. Letzteres korreliert wiederum mit der sozialen, emotionalen und ökonomischen Lebens- und Arbeitssituation der jeweiligen Sexarbeiterin (Berufserfahrung, Menschenkenntnis, Selbstbewusstsein, körperliche Verfassung, Arbeitsbedingungen und Prostitutionssegment, Aufenthaltsstatus und weiteres). Der Kontrakt, in den beide Parteien eingewilligt haben, kann aber auch durch patriarchale Macht- und Gewaltmittel unterwandert oder außer Kraft gesetzt werden, beispielsweise in Form sexueller Versklavung von (migrantischen) Frauen, durch Lohnraub, Demütigungen, Zwang zu ungewollten Sexualpraktiken, durch physische und sexuelle Gewaltanwendung sowie mittels Vergewaltigungen durch Freier oder männliche Milieuangehörige.

Auf struktureller Ebene weist die Prostitution mit ihrer stabilen geschlechtsspezifischen und geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung einen patriarchalen oder sexistischen Charakter auf, in der ein weibliches Angebot einer männlichen Nachfrage epochenübergreifend gegenübersteht. Auf der Mikroebene (der Macht) differenziert sich dieses Muster jedoch situations- und feldspezifisch aus. Eine klare Täter-Opfer Zuweisung mit einem männlichen Täter (Kollektiv) und einem weiblichen Opfer (Kollektiv) beziehungsweise einer klaren Oben-Unten Klassifikation, beschreibt die empirische Realität daher nur unzureichend. Ein Ansatz, um diese zum Teil extrem festgefahrene Debatte um Prostitution und die männliche Nachfrage nach Kaufsex voranzubringen, besteht meines Erachtens darin, die Macht konsequent vom sozialen Feld aus zu denken und empirisch zu bestimmen.[14]

Zahlen und Fakten



Für die Bundesrepublik liegen aktuell keine validen Daten bezüglich der Grundgesamtheit der männlichen Nachfrageseite vor. Viele Zahlen sind Schätzwerte oder basieren auf Hochrechnungen anderer Studien, die zum Teil mit Daten aus den 1980er Jahren operieren, wie auch das wissenschaftlich und medial breitrezipierte "Dreigespann" von 1.200.000 Kundenkontakten pro Tag und 400.000 Sexarbeiterinnen bei 14,5 Milliarden Euro Jahresumsatz im Prostitutionsfeld.[15] Die einzige quantitativ-empirisch operierende bundesdeutsche Untersuchung von Dieter Kleiber und Doris Velten aus dem Jahr 1994 geht von 18 Prozent dauerhaft aktiven Prostitutionskunden (zum damaligen Zeitpunkt) aus.[16] Wissenschaftlich gesichert gilt hingegen die Jedermann-Hypothese,[17] die besagt, dass zur Kategorie der Prostitutionskunden "Männer aller Altersklassen (15–74), jedes Familienstandes, jedes Bildungsniveaus, verschiedenster Tätigkeits-, Berufs- und Einkommensgruppen"[18] zu zählen sind, die sich auch hinsichtlich psychischer und gewaltbezogener Parameter nicht wesentlich von der durchschnittlichen männlichen Gesamtbevölkerung unterscheiden.[19]

Feld, Motive und soziale Praxis



Selbst wenn die Zahl von 18 Prozent aktiven Prostitutionskunden nur einen Annäherungswert darstellt, kann daraus geschlossen werden, dass nur ein geringer Teil des männlichen Kollektivs käuflichen Sex regelmäßig nachfragt. Es ist daher erklärungsbedürftig, warum nur ein Teil der Männer die Motivation entwickelt, in das Prostitutionsfeld "eintauchen" zu wollen beziehungsweise – eine weitere Teilgruppe – langfristig darin sexuell aktiv ist.[20] Wie kommen also die Männer ins Feld, wie verläuft der Feldeinstieg und was bewirkt die Transformation hin zu einer stabilen, dauerhaften Nachfragepraxis?

Grundlegende Voraussetzung für einen initialen Prostitutionsbesuch stellen drei relativ "triviale" Begründungsmuster dar: Zeit, Geld und Infrastruktur. Die Zeitdimension ist dabei insbesondere für Freier in einer Paarbeziehung von großer Bedeutung, sofern wir der These folgen, dass die Mehrheit dieser Männer ihre Prostitutionsaktivitäten vor ihrer Partnerin verheimlicht. Die emotionale Energie (etwa Scham- und Schuldgefühle, Angst vor Entdeckung, Angst vor Beziehungsende), die der Besuch einer Prostituierten die Freier kostet sowie der organisatorische Aufwand, um das Lügengebäude zu etablieren und aufrechtzuerhalten, kann sehr belastend sein. Die finanzielle Dimension wird von drei sich wechselseitig bedingenden Faktoren bestimmt: erstens vom aktuellen Preisniveau im Prostitutionsfeld, zweitens von den finanziellen Ressourcen der Männer sowie drittens von der individuellen Nachfragedynamik der Männer. Das Preisniveau im Prostitutionsfeld folgt hierin der allgemeinen Logik hierarchisierter Märkte. Im untersten Prostitutionssegment, dem Drogenstrich, auf dem Frauen mit der geringsten Marktmacht arbeiten, sind aktuell Preise von 10 bis 20 Euro für Oralverkehr, 20 bis 30 Euro für Geschlechtsverkehr und 40 bis 60 Euro für Analverkehr durchaus üblich.[21] Der sexuellen und ökonomischen Ausbeutung dieser Frauen durch Freier sind damit Tür und Tor geöffnet. Im mittleren Segment der Laufhäuser, Bordelle und Wohnungsprostitution werden etwa 50 Euro für eine halbe und 100 Euro für eine volle Stunde als Preis veranschlagt. Üblicherweise sind hierin Oral- und Geschlechtsverkehr enthalten; Extras müssen zusätzlich bezahlt werden. Im Hochpreissegment – BDSM[22]-Studios, exklusive Clubs oder die Escort-Prostitution – hat sich eine nach oben hin offene Preisskala etabliert, beginnend mit 150 Euro bis hin zu 300 Euro pro Stunde oder gar 5.100 Euro für eine ganze Woche.[23] Welches Segment die Freier wählen, hängt neben ihren persönlichen und sexuellen Präferenzen auch von ihren finanziellen Ressourcen ab.[24] Der Zugang zu einer prostitutiven Infrastruktur ist eine logische Bedingung für einen Prostitutionsbesuch. In der Bundesrepublik ist dies aus Sicht der Freier mehr als gegeben: die Ausübung der Prostitution ist weitgehend legalisiert, wenn auch reguliert und reglementiert, die Nachfrage nach käuflichem Sex ist nicht kriminalisiert, wie beispielsweise in Schweden oder den USA und die prostitutive Infrastruktur ist bis in ländliche Gebiete hinein sehr gut ausgebaut, so dass für potenzielle Freier auf dieser Ebene grundsätzlich keine Zugangshürden zum Feld existieren.[25]

Die sozialen Settings der Einstiegsphase – Einzel- oder Gruppenbesuch – sind stark an die konkreten Motivmuster des Erstbesuchs gekoppelt. Wer aus einer krisenbeladenen, kompensatorischen Motivation heraus eine Sexarbeiterin aufsucht (beispielsweise aufgrund einer als beschämend empfundenen Partnerinnenlosigkeit), wird dies selten zu einem Gruppenevent ausweiten wollen. Im Gegensatz hierzu existieren geplante wie auch ungeplante Gruppenbesuche im Rahmen männlicher Freizeitaktivitäten, wie Vatertags-, Betriebs- oder Vereinsausflüge, Stadionbesuche, inklusive eines gezielt organisierten Prostitutionstourismus. Beruflich-geschäftliche Settings, wie Messe- oder Konferenzbesuche, Dienstreisen, Geschäftsabschlussfeiern, Montageaufenthalte, Auslandsaufenthalte oder gemeinsame Freigänge Militärangehöriger können ebenfalls hierunter subsumiert werden. Für alle Einstiegssettings kann abschließend festgestellt werden, dass die enthemmende Wirkung von Alkohol eine Katalysatorfunktion hinsichtlich der Prostitutionsnachfrage darstellen kann, ebenso wie die selbstreferenziell-legitimatorische Funktion der Gruppe, wobei sich die Gruppenmitglieder wechselseitig die soziale und moralische Legitimität ihres Tuns spiegeln und so die Zugangshürden zum Feld deutlich herabgesetzt werden.

Was also, um zum Kern des Geschehens zu kommen, motiviert einen Teil des männlichen Kollektivs, Frauen aufzusuchen, um sie für Sex zu bezahlen? Grundlegend können empirisch vier generalisierte Motivmuster bestimmt werden: die sexuelle Motivdimension, die soziale Motivdimension, die psychische Motivdimension und die subkulturelle Erotisierung des Feldes. Die sexuelle Dimension erweist sich empirisch als wichtigstes Motivmuster der heterosexuellen Prostitutionsnachfrage. Diese umfasst sämtliche körperlichen, erotischen beziehungsweise sexuellen Bedürfnisse. Die soziale Motivebene weist eine Zweiteilung auf. Zum einen umfasst sie kommunikativ-emotionale Bedürfnismuster, wie beispielsweise den Wunsch nach Nähe, Zärtlichkeit oder einer Gesprächspartnerin ("sich das Herz ausschütten") zum anderen sind hiermit destruktive Motivmuster gemeint, in denen sich männliche Macht-, Gewalt- oder Dominanzmuster zeigen oder sich Frauenhass manifestiert. Die psychische Motivebene bezieht sich auf Motivmuster, die darauf ausgerichtet sind, psychische Spannungszustände wie beispielsweise Scham- und Schuldgefühle, narzisstische Kränkungen, Selbstwertkrisen, Depressionen oder andere missliebige Stimmungslagen wie etwa Langeweile oder Frustration in der Prostitution auszuagieren. Die vierte Ebene generalisierter Motivstrukturen bezieht sich auf die Erotisierung des Prostitutionsfelds als fantastischen sexuellen Ort und antibürgerliche Subkultur. Verbunden wird hiermit die Option einer omnipotenten Befriedigung sexueller Wünsche und Fantasien, die von einigen Probanden mit dem Begriff des "Schlaraffenlandes" assoziiert wird.

Das konkrete Einstiegsszenario in das soziale Feld der Prostitution wird dann durch drei zentrale Strukturmuster bestimmt: Neugierde, Zufall und die strategische Sex-Suche als Ausdruck einer sexualbiografischen Krise. Das Motiv der Neugierde an der Prostitution und käuflicher Sexualität zu Beginn einer Freierkarriere ist im Wesentlichen als Affinität zur subkulturellen Dimension des Prostitutionsfeldes zu deuten und besteht in der vorausgehenden Produktion vielfältiger Gedanken, Gefühle, Fantasien und Begierden in Bezug auf das Prostitutionsfeld. Der Einstieg in das Prostitutionsfeld als nichtwillentlicher beziehungsweise situationsspezifischer Prozess wird im Gegensatz dazu als "außerhalb" der Person liegender Handlungsgrund wahrgenommen. Im zufälligen, nicht-intendierten Zusammentreffen einer Person mit dem Prostitutionsfeld (etwa auf der Straße angesprochen werden, in einer Anbahnungsbar "landen", einem "zufälligen" Internetauftritt folgen) kann sich eine un- oder vorbewusste Affinität zum Prostitutionsfeld ausdrücken. Hiervon abgegrenzt werden muss der Feldeinstieg, der auf eine sexualbiografische Krise oder Ablaufstörung zurückgeführt werden kann. Ausgelöst werden kann diese Krise unter anderem durch fehlende Sexualerfahrung, kommunikative Probleme im Kontakt mit Frauen, eine subjektiv empfundene Unattraktivität, den Verlust der Partnerin, den "quälenden" Wunsch nach sexueller Abwechslung, durch privat unrealisierbare sexuelle Praktiken oder Settings. Die Prostitution nimmt darin eine klassisch (männliche) Kompensationsrolle zur Bewältigung der Krise und zur Abwehr der Beschädigung männlicher Identität ein.

Bleibt die sexuelle Krise bestehen, ergibt sich daraus ein wesentliches Muster der Etablierung einer dauerhaften Nachfrage nach käuflichem Sex. Diese muss aber auch aus der feldimmanenten Logik des Prostitutionsfeldes (Sogeffekte) erklärt werden, beispielsweise aus der spezifischen Faszination, die der Prostitutionssex für die Freier darstellt. Der allzeit mögliche, garantierte und unkomplizierte Zugriff auf jede denkbare Form gewünschter Sexualität – ohne Vorlaufzeit, ohne Beziehungserwartungen, ohne Verantwortungsdruck und mit einem klar definierten Ende – ist dabei als stärkstes Muster zu werten. Diese Sog- beziehungsweise Erregungseffekte des "grenzenlos" konsumierbaren Prostitutionssexes ("Kick", "Rausch", Aufregung) können sich mit zunehmender Feldpraxis aber auch aufbrauchen und in Langweile umschlagen. Eine Strategie der Freier damit umzugehen, liegt in der quantitativen und qualitativen Ausweitung der Nachfragepraxis ("Dosissteigerung").

Ausblick



Der Überblick über den Untersuchungsgegenstand birgt eine erstaunliche Komplexität. Darüberhinaus bleiben viele Fragen offen und bedürfen weiterführender Forschungsbemühungen. Geleistet werden müsste meiner Ansicht nach eine dezidiert historische Analyse des Phänomens (Geschichte der männlichen Prostitutionsnachfrage), eine strukturtheoretische, macht- und herrschaftskritische Einbettung der empirisch erhobenen Motivmuster (beispielsweise im Rahmen der bourdieuschen Feld-Habitus-Theorie), eine weitergehende empirische Analyse von sexualbiografischen Verlaufsmustern der Nachfrageseite sowie der Mikrophysik der Macht in den Interaktionen zwischen Freiern und Sexarbeiterinnen. Auch die zum Teil erbittert geführte und festgefahrene Debatte um Sexarbeit und Prostitution bedarf dringend einer neuer Perspektiven. Aus Sicht des hier vorgestellten Ansatzes, die Macht vom Feld aus zu denken, müsste die Anti-Prostitutionsseite beispielsweise begründen, welche qualitative Differenz – theoretisch und politisch – zwischen der Veräußerung sexueller Dienstleistungen gegen Geld und der Veräußerung von Arbeitskraft in allgemein akzeptierten Erwerbs- und Berufsfeldern gegen Entgelt besteht (sowie vice versa für die Nachfrageseite). Die "gewerkschaftlich" orientierte Pro-Prostitutionsseite müsste – jenseits der berechtigten Forderung nach der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiterinnen – begründen, worin der grundlegende emanzipatorische Gehalt der Subsumtion von Sexualität unter das Diktat kapitalistischer Entfremdungslogik besteht. Verkürzt gesprochen kann argumentiert werden, dass erst dadurch der Blick frei werden kann für die Frage nach einer emanzipatorischen Form der gesellschaftlichen Organisation von Sexualität und ökonomischer Reproduktion – jenseits von Macht, Herrschaft und Ausbeutung von Menschen durch Menschen.

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Fußnoten

1.
Die theoretischen und empirischen Kernaussagen sowie die zitierte Interviewpassage dieses Artikels, gründen sich auf meine qualitativ-empirische Untersuchung (zugleich Dissertation), basierend auf 20 leitfadengestützten Interviews mit aktiven heterosexuellen Prostitutionskunden im Untersuchungszeitraum in 1999 bis 2010, 2012 zusammenfassend publiziert: Udo Gerheim, Die Produktion des Freiers. Macht im Feld der Prostitution, Bielefeld 2012.
2.
Vgl. Rüdiger Lautmann, Soziologie der Sexualität. Erotischer Körper, intimes Handeln und Sexualkultur, Weinheim–München 2002; Gunter Schmidt, Das neue DER DIE DAS. Über die Modernisierung des Sexuellen, Gießen 2005; Volkmar Sigusch, Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversionen, Frankfurt/M.–New York 2006.
3.
Vgl. Petra Schmackpfeffer, Frauenbewegung und Prostitution. Über das Verhältnis der alten und neuen Frauenbewegung zur Prostitution, Oldenburg 1989.
4.
Mary Honeyball 2008, zit. nach: U. Gerheim (Anm. 1), S. 9.
5.
Vgl. Robert W. Connell, Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen 1999; U. Gerheim (Anm. 1).
6.
U. Gerheim (Anm. 1), S. 173, Interviewpassage redaktionell geringfügig überarbeitet.
7.
Vgl. Regina Schulte, Sperrbezirke. Tugendhaftigkeit und Prostitution in der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt/M. 1984.
8.
Vgl. Dieter Kleiber/Doris Velten, Prostitutionskunden. Eine Untersuchung über soziale und psychologische Charakteristika von Besuchern weiblicher Prostituierter in Zeiten von AIDS, Baden-Baden 1994; Doris Velten, Aspekte der sexuellen Sozialisation. Eine Analyse qualitativer Daten zu biographischen Entwicklungsmustern von Prostitutionskunden, Berlin 1994; Heinrich Ahlemeyer, Prostitutive Intimkommunikation. Zur Mikrosoziologie heterosexueller Prostitution. Beiträge zur Sexualforschung, Stuttgart 1996; Andrea Rothe, Männer, Prostitution, Tourismus. Wenn Herren reisen…, Münster 1997; Sabine Grenz, (Un)heimliche Lust. Über den Konsum sexueller Dienstleistungen, Wiesbaden 2005; U. Gerheim (Anm. 1).
9.
Hydra (Hrsg.), Freier – das heimliche Treiben der Männer, Hamburg 1991; Martina Steiner/Falco Steiner, Halbe Stunde, 60 Euro! Über 500 brandaktuelle, schonungslose und ehrliche Berichte von Männern über ihre wahren Erlebnisse mit Prostituierten, Hamburg 2005.
10.
Zum aktuellen Stand der Forschung auf nationaler und internationaler Ebene vgl. U. Gerheim (Anm. 1), S. 13–26.
11.
Die Fokussierung des Untersuchungsgegenstands auf die männlich-heterosexuelle Prostitutionsnachfrage – in Abgrenzung zur weiblichen bzw. mann-männlichen – hat drei Gründe: zum einen stellt das männlich-heterosexuelle Nachfragekollektiv die quantitativ größte Gruppe dar, zum zweiten ist die Auswahl forschungspraktisch begründet, hinsichtlich einer inhaltlichen Fokussierung und Vergleichbarkeit der Daten und zum dritten ging es darum, die heterosexuelle 'Normalität', die sich 'traditionell' aus den wissenschaftlichen Diskursen und Analysen heraushalten konnte, einer grundlegenden Untersuchung zu unterziehen.
12.
Roland Girtler, Der Strich. Soziologie eines Milieus, Wien 1994.
13.
Julia O’Connell Davidson 2002, zit. nach: Martin A. Monto, Female Prostitution, Customers and Violence, in: Violence against Women, 10 (2004) 2, S. 160–188, hier: S. 178.
14.
Vertiefend vgl. U. Gerheim (Anm. 1).
15.
Vgl. D. Kleiber/D. Velten (Anm. 8); Richard Reichel/Karin Topper, Prostitution. Der verkannte Wirtschaftsfaktor, in: Aufklärung und Kritik, 10 (2003) Sonderdruck 2, S. 3–29; Emilija Mitrovic/Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di (Hrsg.), Arbeitsplatz Prostitution, 2004, online: »http://www.arbeitsplatz-prostitution.de/download/StudieInnen.pdf« (7.8.2007); S. Grenz (Anm. 8); Gabriele Goettle, Übermannung. Von den vielerlei Übungen der Frau Ludwig, in: Die Tageszeitung vom 26.6.2006; TAMPEP European Network for HIV/STI Prevention and Health Promotion for Migrant Sex Workers (ed.), TAMPEP VIII, Final Reports, Germany, 2009, online: »http://www.amnestyforwomen.de/_notes/FInal%20Report%20TAMPEP%208%20BRD%202009.pdf« (13.1.2010).
16.
Vgl. D. Kleiber/D. Velten (Anm. 8), S. 16.
17.
Vgl. Rosie Campbell, Invisible Men. Making Visible Male Clients of Female Prostitutes in Merseyside, in: James E. Elias et al. (eds.), Prostitution. On whores, hustlers and johns, Amherst–New York 1998, S. 155–171; Ronald Weitzer, Prostitution as a Form of Work, in: Sociology Compass 1 (2007) 1, S. 143–155.
18.
Dieter Kleiber 2004, zit. nach: U. Gerheim (Anm. 1), S. 15.
19.
Zur ausführlichen Diskussion der quantitativen Dimension auf nationaler und internationaler Ebene vgl. ebd., S. 14–17.
20.
Forschungslogisch basiert diese Herangehensweise auf der hier nicht näher ausgeführten Annahme, dass sich die Gruppe mit singulärer Nachfrageerfahrung (ein bis zwei Prostitutionskontakte bezogen auf die Lebensspanne) signifikant von der Gruppe dauerhaft Prostitutionssex nachfragender Männer unterscheidet.
21.
Mündliche Auskunft der Beratungsstelle für drogenabhängige und sich prostituierende Frauen ragazza e.V., Hamburg/St. Georg vom 19.1.2010
22.
Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism.
23.
Vgl. U. Gerheim (Anm. 1), S. 119–123.
24.
Auf die potenzielle Abhängigkeitsdimension der Prostitutionsnachfrage kann hier nicht näher eingegangen werden. Vgl. hierzu U. Gerheim (Anm. 1), S. 258–266.
25.
Vgl. Barbara Kavemann/Heike Rabe (Hrsg.), Das Prostitutionsgesetz. Aktuelle Forschungsergebnisse, Umsetzung und Weiterentwicklung, Opladen 2009.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Udo Gerheim für bpb.de

 
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