Ort:	Berlin, Charlottenburg
Gebiet:	Berlin
Alte PLZ:	W-1000
Neue PLZ:	10000
Beschreibung:	Luisenplatz; Berliner Straße; Rathaus
Verlag:	Berl. Phototyp. Inst. Rob. Prager, Berlin
Datierung:	1913
Status:	gelaufen
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1913 als Kriegsjahr: Südosteuropa und die Balkankriege


11.3.2013
Am Sonntag, den 10. August 1913, gestand Bulgarien im Friedensvertrag von Bukarest seine Niederlage ein; in den Monaten darauf folgten weitere Friedensschlüsse zwischen den Balkanstaaten und dem Osmanischen Reich. Formal endeten damit die beiden Balkankriege, die seit Oktober 1912 ganz Südosteuropa erschüttert hatten und beinahe zu einem "großen Krieg" zwischen den rivalisierenden Großmächten geführt hätten. Schätzungsweise 200.000 Soldaten und eine unbekannte Zahl Zivilisten hatten ihr Leben verloren, Hunderttausende waren zu Flüchtlingen und Vertriebenen geworden. Trotzdem glaubte an jenem Sonntag wahrscheinlich keiner der Unterzeichner, dass mit dem Bukarester Vertrag eine tragbare Friedensordnung geschaffen worden wäre: Zu viele Fragen blieben ungeklärt. Und tatsächlich wurde der Balkan nur ein Jahr später erneut von einem Krieg erfasst – einem Krieg, der den in den europäischen Salons gefürchteten und ersehnten "großen Krieg" auslösen und, zumindest mit Blick auf den griechisch-türkischen Teilkonflikt, erst mit dem Vertrag von Lausanne 1923 enden sollte.

Konfliktherd Balkan



Wer rückblickend einen Stein sucht, der die Ereignisse bis zum Frieden von Bukarest 1913 und von Lausanne 1923 ins Rollen brachte, landet zwangsläufig im Jahr 1903. Das Osmanische Reich, einst prosperierende Großmacht im östlichen Mittelmeer, war nur noch ein Koloss auf tönernen Füßen: Zwar herrschte Sultan Abdülhamid II. noch immer über beträchtliche Teile des Balkans; aber es gärte an allen Ecken und Enden, und in seiner wirtschaftlichen Rückständigkeit war das Reich finanzpolitisch nahezu ganz von den zentraleuropäischen Mächten abhängig. Unter dem Vorwand, die christliche Bevölkerung schützen zu müssen, mischten sich die europäischen Großmächte zunehmend in die inneren Angelegenheiten des Reiches ein und versuchten die Balkanstaaten für ihre Interessen zu instrumentalisieren. Dabei rivalisierten sie um die Vorherrschaft in der Region und gaben den bestehenden Gegensätzen auf dem Balkan durch die Übertragung ihrer Konflikte einen immer gefährlicheren Charakter. In der Wahrnehmung der europäischen Öffentlichkeit entwickelte sich der Balkan so immer mehr zu einem "Pulverfass", wobei es jedoch gerade die imperialistischen Ambitionen der Großmächte waren, allen voran Österreich-Ungarns und Russlands, die der komplizierten Verstrickung unterschiedlicher Konflikte im Osmanischen Reich eine europäische Dimension gaben.

Das schwächelnde Osmanische Reich schien als nahezu letzte Region in Europa noch Spielräume zu bieten, Einflusssphären zu verändern. Während Russland sich als Schutzmacht der orthodoxen, slawischen Bevölkerung sah und gleichzeitig nach einem direkten Zugang zum Mittelmeer trachtete, strebte Österreich-Ungarn als Vielvölkerstaat aus innenpolitischen Gründen zwar weniger nach territorialer Expansion, betrachtete Südosteuropa aber als "seinen" politischen und wirtschaftlichen "Hinterhof" – nur hier spielte Wien als alte Großmacht noch eine spürbare Rolle. Gleichzeitig wähnte Italien in der bröckelnden osmanischen Herrschaft auf dem Balkan eine ideale Chance, sich als neue Stimme im Konzert der Mächte zu etablieren. Es waren jedoch nicht mehr die Großmächte allein, die den Takt der Musik angaben. Hinzu kamen die im 19. Jahrhundert entstandenen südosteuropäischen Staaten, die immer selbstbewusster und aggressiver als Sprecher "ihrer" Bevölkerung unter osmanischer Herrschaft auftraten. Länder wie Bulgarien, Griechenland und Serbien hatten inzwischen einen Staatsapparat und schlagkräftige Wehrpflichtarmeen modernen Zuschnitts aufgebaut, die eine eigene imperialistische Politik zuließen. Mit dem Ziel, mittelfristig möglichst große Territorien zu "befreien", organisierten oder unterstützen sie tatkräftig bewaffnete Rebellengruppen, die gegen die osmanisch-muslimische Herrschaft kämpften. Gleichzeitig rangen diese Guerillabewegungen untereinander um die Vorherrschaft in der Region und destabilisierten sie dadurch zusätzlich.

Einen Höhepunkt der Rebellenaktivitäten stellte der Aufstand und die Ausrufung einer unabhängigen Republik seitens der stärksten pro-bulgarischen Rebellengruppierung, der Inneren Makedonisch-Thrakischen Revolutionären Organisation (IMRO) in Makedonien im August 1903 dar. Der sogenannte Ilinden-Aufstand wurde zwar rasch niedergeschlagen, aber seine Folgen waren vielfältig: Während die pro-bulgarische Bewegung geschwächt wurde, intensivierten die Anhänger der griechischen und serbischen, aber auch der albanischen Autonomiebewegung ihre Aktivitäten. Der Bandenkrieg nahm immer blutigere Formen an.[1] Gleichzeitig animierten die Ereignisse die Großmächte zu einer "humanitären Intervention" auf dem Balkan. Mit dem Argument, die christliche Bevölkerung besser schützen zu müssen, zwangen Österreich-Ungarn und Russland in Abstimmung mit den anderen Großmächten dem Osmanischen Reich das sogenannte Mürzsteger Reformprogramm auf. Ab Frühjahr 1904 wurden zwei zivile Vertreter aus Österreich-Ungarn und Russland nach Makedonien entsandt, die fortan als Ansprechpartner für Klagen der christlichen Bevölkerung dienen sollten. Probleme der christlichen Minderheiten wurden dadurch automatisch internationalisiert. Darüber hinaus übernahmen 25 Offiziere der Großmächte, sozusagen als ein frühes Beispiel von "Blauhelmen", die Reformierung der dortigen osmanischen Gendarmerie. Die osmanische Regierung protestierte nachdrücklich gegen diese empfindlichen Eingriffe in die Souveränität ihres Staates, musste sich jedoch den ausländischen Mächten beugen.

Zuspitzungen nach der jungtürkischen Revolution



Für die oppositionelle Sammelbewegung der Jungtürken, die besonders unter der jüngeren Offiziers- und Beamtenschaft viele Anhänger hatte, brachten vermutlich die Auswirkungen dieser "humanitären Intervention" das Fass zum Überlaufen. Am 3. Juli 1908 kam es, ausgehend von Garnisonen in Makedonien, zur jungtürkischen Revolution. Diese zwang den autoritär regierenden Sultan, die 1876 eingeführte, jedoch 1878 wieder ausgesetzte Verfassung wieder in Kraft zu setzen. Das Osmanische Reich wurde zur konstitutionellen Monarchie, und eine Entwicklung zu einem Staat gleichberechtigter Bürger – ungeachtet ihrer religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit – erschien nun möglich. Dies aber konnte weder im Sinne der konservativen osmanischen Eliten noch der südosteuropäischen Anrainerstaaten und den von ihnen unterstützten nationalistischen Organisationen sein.

Von nun an sollte der Balkan nicht mehr zur Ruhe kommen. Österreich-Ungarn nutzte die Schwäche der gerade erst an die Macht gekommenen heterogenen jungtürkischen Bewegung und annektierte die seit 1878 besetzten osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina. Damit löste es nicht nur die sogenannte Annexionskrise aus und riskierte damit, dass eine territoriale Frage des Balkans einen "großen Krieg" zwischen den Mächten auszulösen drohte. Gleichzeitig provozierte dieses Vorgehen die radikalen Vertreter der serbischen Nationalbewegung. 1911 sollte sich aus serbischen Offizieren die Geheimorganisation Ujedinjenje ili Smrt (Vereinigung oder Tod) gründen, die später zu den Drahtziehern des folgenreichen Attentats von Sarajevo gehörte, bei dem am 28. Juni 1914 der Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand, getötet wurde. Auch unter den bulgarischen und serbischen Eliten wuchs die Bereitschaft, zur Durchsetzung ihrer Expansionsziele notfalls einen militärischen Konflikt zu riskieren. In Griechenland inspirierte die jungtürkische Revolution im Sommer 1909 unzufriedene griechische Offiziere zum Aufstand von Goudi, der Züge einer bürgerlichen Revolution annahm und dem kretischen Politiker Eleftherios Venizelos, später ein Hauptverfechter der Idee eines Großgriechenlands, den Weg an die Macht ebnete.

Die Wiedereinsetzung der osmanischen Verfassung verhieß zunächst eine Verbesserung der Situation der christlichen Bevölkerung im Osmanischen Reich; die jungtürkische Regierung zeigte sich 1908/1909 gegenüber Mitbestimmungs- und Autonomieforderungen christlicher beziehungsweise nichttürkischer Bevölkerungsgruppen aufgeschlossen. Allerdings blieben diese Ansätze in ihren Anfängen stecken, vielen muslimischen Konservativen und türkischen Nationalisten gingen die Autonomieforderungen der Minderheitenvertreter zu weit. Der seit 1909 herrschende Sultan Mehmed V. vermochte es nicht, eine eigenständige Rolle zu spielen und überließ den Jungtürken vollends das Heft des Handelns. Andererseits gingen die Veränderungen vielen bulgarischen, albanischen und griechischen Radikalen nicht schnell genug. So wuchs der Unmut, und bald explodierten wieder Bomben gegen staatliche Einrichtungen und wurden bewaffnete Banden aktiv. Als die türkische Regierung ab 1910 ihre Vorstellungen eines modernen Zentralstaates umzusetzen begann, entschlossen sich besonders unter den traditionellen albanischen Eliten viele zum bewaffneten Widerstand. Anrainerstaaten wie Montenegro schürten solche Erhebungen zusätzlich durch Waffenlieferungen. Im Dezember 1911 lösten die Jungtürken das Parlament auf, und bei den anschließenden Neuwahlen erlangte der radikale Flügel eine deutliche Mehrheit, wohingegen alle wichtigen Vertreter der verschiedenen Minderheitsfraktionen an einem Wiedereinzug ins Parlament gehindert wurden.

Neben den innenpolitischen Veränderungen heizte die imperialistische Politik der Großmächte die Situation an. Die italienische Regierung, durch soziale und wirtschaftliche Probleme unter Druck, sah in den Umwälzungen im Osmanischen Reich eine willkommene Chance, die eigene Stellung durch den Erwerb neuer Kolonien zu stärken und erklärte dem jungtürkischen Staat am 29. September 1911 den Krieg. Wenig später eroberten italienische Truppen die Küstenregionen der osmanischen Provinzen in Nordafrika (das heutige Libyen). Im Frühjahr 1912 weitete sich der Krieg in das Ägäische Meer aus, wo Italien die Dodekanes-Inselgruppe besetzte. Unter diesen Bedingungen waren die Jungtürken gezwungen, der albanischen Aufstandsbewegung, die im Sommer 1912 große Teile Nordalbaniens, des Kosovos und Westmakedoniens unter ihre Kontrolle gebracht hatte, mit umfangreichen Zugeständnissen entgegenzukommen. Das wiederum widersprach den Interessen der angrenzenden Balkanstaaten und einiger Großmächte.

Seit der Annexion Bosnien-Herzegowinas durch Österreich-Ungarn hatte die russische Regierung eine weitere Expansion der Habsburger auf dem Balkan befürchtet, weswegen sich die russische Diplomatie verstärkt darum bemühte, die Balkanstaaten in einem gemeinsamen pro-russischen Balkanbund zusammenzuführen. Tatsächlich kam es am 13. März 1912 zu einem bulgarisch-serbischen Freundschafts- und Bündnisvertrag. In einem geheimen Zusatzartikel wurde vereinbart, etwaige Unruhen im europäischen Teil des Osmanischen Reiches, welche die nationalen Interessen beider Staaten berühren würden, als Grund für einen gemeinsamen Krieg gegen den osmanischen Nachbar anzusehen. An dieser Stelle begannen die südosteuropäischen Akteure bereits, sich vom Einfluss der Großmächte, in diesem Falle Russlands, zu emanzipieren. Ohne vorherige Rücksprache mit der russischen Regierung schloss Bulgarien am 29. Mai 1912 ein Bündnis mit Griechenland, das von der italienischen Expansion ins ägäische Meer zutiefst beunruhigt war. Wenig später verbündete sich auch Montenegro mit Bulgarien und Serbien; gemeinsam bereiteten sie sich auf einen Angriffskrieg vor. Über die Aufteilung der zu erobernden Gebiete wurden allerdings nur sehr vage Absprachen getroffen. Serbien und Bulgarien vereinbarten lediglich, einen Schiedsspruch des russischen Zaren zu akzeptieren, sollten sie sich im Ernstfall nicht über die Aufteilung Makedoniens einigen können.[2]

In den folgenden Monaten entglitt der russischen Diplomatie die Kontrolle über "ihren" Balkanbund. Anfang Oktober 1912 begannen die Balkanstaaten, ihre Streitkräfte mobil zu machen. Aufgeschreckt versuchten die Großmächte nunmehr, die jungtürkische Regierung zu Reformen in Makedonien zu drängen, um die Lage zu entschärfen, doch war es dazu bereits zu spät. Nachdem Montenegro am 8. Oktober den Kriegszustand verkündet hatte, folgten die anderen Balkanstaaten eine Woche später nach.


Fußnoten

1.
Vgl. Duncan M. Perry, The Politics of Terror. The Macedonian Liberation Movements 1893–1903, London 1988; Fikret Adanır, Die Makedonische Frage. Ihre Entstehung und Entwicklung bis 1908, Wiesbaden 1979; Mehmet Hacısalihoğlu, Die Jungtürken und die Mazedonische Frage (1890–1918), München 2003.
2.
Vgl. Karl Adam, Großbritanniens Balkandilemma. Die britische Balkanpolitik von der bosnischen Krise bis zu den Balkankriegen 1908–1913, Hamburg 2009, S. 131f.; Konrad Clewing, Staatensystem und innerstaatliches Agieren im multiethnischen Raum: Südosteuropa im langen 19. Jahrhundert, in: ders./Oliver Jens Schmitt (Hrsg.), Geschichte Südosteuropas, Regensburg 2011, S. 486.
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Autor: Björn Opfer-Klinger für bpb.de
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