Ort:	Berlin, Charlottenburg
Gebiet:	Berlin
Alte PLZ:	W-1000
Neue PLZ:	10000
Beschreibung:	Luisenplatz; Berliner Straße; Rathaus
Verlag:	Berl. Phototyp. Inst. Rob. Prager, Berlin
Datierung:	1913
Status:	gelaufen
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11.3.2013 | Von:
Björn Opfer-Klinger

1913 als Kriegsjahr: Südosteuropa und die Balkankriege

Am Sonntag, den 10. August 1913, gestand Bulgarien im Friedensvertrag von Bukarest seine Niederlage ein; in den Monaten darauf folgten weitere Friedensschlüsse zwischen den Balkanstaaten und dem Osmanischen Reich. Formal endeten damit die beiden Balkankriege, die seit Oktober 1912 ganz Südosteuropa erschüttert hatten und beinahe zu einem "großen Krieg" zwischen den rivalisierenden Großmächten geführt hätten. Schätzungsweise 200.000 Soldaten und eine unbekannte Zahl Zivilisten hatten ihr Leben verloren, Hunderttausende waren zu Flüchtlingen und Vertriebenen geworden. Trotzdem glaubte an jenem Sonntag wahrscheinlich keiner der Unterzeichner, dass mit dem Bukarester Vertrag eine tragbare Friedensordnung geschaffen worden wäre: Zu viele Fragen blieben ungeklärt. Und tatsächlich wurde der Balkan nur ein Jahr später erneut von einem Krieg erfasst – einem Krieg, der den in den europäischen Salons gefürchteten und ersehnten "großen Krieg" auslösen und, zumindest mit Blick auf den griechisch-türkischen Teilkonflikt, erst mit dem Vertrag von Lausanne 1923 enden sollte.

Konfliktherd Balkan

Wer rückblickend einen Stein sucht, der die Ereignisse bis zum Frieden von Bukarest 1913 und von Lausanne 1923 ins Rollen brachte, landet zwangsläufig im Jahr 1903. Das Osmanische Reich, einst prosperierende Großmacht im östlichen Mittelmeer, war nur noch ein Koloss auf tönernen Füßen: Zwar herrschte Sultan Abdülhamid II. noch immer über beträchtliche Teile des Balkans; aber es gärte an allen Ecken und Enden, und in seiner wirtschaftlichen Rückständigkeit war das Reich finanzpolitisch nahezu ganz von den zentraleuropäischen Mächten abhängig. Unter dem Vorwand, die christliche Bevölkerung schützen zu müssen, mischten sich die europäischen Großmächte zunehmend in die inneren Angelegenheiten des Reiches ein und versuchten die Balkanstaaten für ihre Interessen zu instrumentalisieren. Dabei rivalisierten sie um die Vorherrschaft in der Region und gaben den bestehenden Gegensätzen auf dem Balkan durch die Übertragung ihrer Konflikte einen immer gefährlicheren Charakter. In der Wahrnehmung der europäischen Öffentlichkeit entwickelte sich der Balkan so immer mehr zu einem "Pulverfass", wobei es jedoch gerade die imperialistischen Ambitionen der Großmächte waren, allen voran Österreich-Ungarns und Russlands, die der komplizierten Verstrickung unterschiedlicher Konflikte im Osmanischen Reich eine europäische Dimension gaben.

Das schwächelnde Osmanische Reich schien als nahezu letzte Region in Europa noch Spielräume zu bieten, Einflusssphären zu verändern. Während Russland sich als Schutzmacht der orthodoxen, slawischen Bevölkerung sah und gleichzeitig nach einem direkten Zugang zum Mittelmeer trachtete, strebte Österreich-Ungarn als Vielvölkerstaat aus innenpolitischen Gründen zwar weniger nach territorialer Expansion, betrachtete Südosteuropa aber als "seinen" politischen und wirtschaftlichen "Hinterhof" – nur hier spielte Wien als alte Großmacht noch eine spürbare Rolle. Gleichzeitig wähnte Italien in der bröckelnden osmanischen Herrschaft auf dem Balkan eine ideale Chance, sich als neue Stimme im Konzert der Mächte zu etablieren. Es waren jedoch nicht mehr die Großmächte allein, die den Takt der Musik angaben. Hinzu kamen die im 19. Jahrhundert entstandenen südosteuropäischen Staaten, die immer selbstbewusster und aggressiver als Sprecher "ihrer" Bevölkerung unter osmanischer Herrschaft auftraten. Länder wie Bulgarien, Griechenland und Serbien hatten inzwischen einen Staatsapparat und schlagkräftige Wehrpflichtarmeen modernen Zuschnitts aufgebaut, die eine eigene imperialistische Politik zuließen. Mit dem Ziel, mittelfristig möglichst große Territorien zu "befreien", organisierten oder unterstützen sie tatkräftig bewaffnete Rebellengruppen, die gegen die osmanisch-muslimische Herrschaft kämpften. Gleichzeitig rangen diese Guerillabewegungen untereinander um die Vorherrschaft in der Region und destabilisierten sie dadurch zusätzlich.

Einen Höhepunkt der Rebellenaktivitäten stellte der Aufstand und die Ausrufung einer unabhängigen Republik seitens der stärksten pro-bulgarischen Rebellengruppierung, der Inneren Makedonisch-Thrakischen Revolutionären Organisation (IMRO) in Makedonien im August 1903 dar. Der sogenannte Ilinden-Aufstand wurde zwar rasch niedergeschlagen, aber seine Folgen waren vielfältig: Während die pro-bulgarische Bewegung geschwächt wurde, intensivierten die Anhänger der griechischen und serbischen, aber auch der albanischen Autonomiebewegung ihre Aktivitäten. Der Bandenkrieg nahm immer blutigere Formen an.[1] Gleichzeitig animierten die Ereignisse die Großmächte zu einer "humanitären Intervention" auf dem Balkan. Mit dem Argument, die christliche Bevölkerung besser schützen zu müssen, zwangen Österreich-Ungarn und Russland in Abstimmung mit den anderen Großmächten dem Osmanischen Reich das sogenannte Mürzsteger Reformprogramm auf. Ab Frühjahr 1904 wurden zwei zivile Vertreter aus Österreich-Ungarn und Russland nach Makedonien entsandt, die fortan als Ansprechpartner für Klagen der christlichen Bevölkerung dienen sollten. Probleme der christlichen Minderheiten wurden dadurch automatisch internationalisiert. Darüber hinaus übernahmen 25 Offiziere der Großmächte, sozusagen als ein frühes Beispiel von "Blauhelmen", die Reformierung der dortigen osmanischen Gendarmerie. Die osmanische Regierung protestierte nachdrücklich gegen diese empfindlichen Eingriffe in die Souveränität ihres Staates, musste sich jedoch den ausländischen Mächten beugen.

Zuspitzungen nach der jungtürkischen Revolution

Für die oppositionelle Sammelbewegung der Jungtürken, die besonders unter der jüngeren Offiziers- und Beamtenschaft viele Anhänger hatte, brachten vermutlich die Auswirkungen dieser "humanitären Intervention" das Fass zum Überlaufen. Am 3. Juli 1908 kam es, ausgehend von Garnisonen in Makedonien, zur jungtürkischen Revolution. Diese zwang den autoritär regierenden Sultan, die 1876 eingeführte, jedoch 1878 wieder ausgesetzte Verfassung wieder in Kraft zu setzen. Das Osmanische Reich wurde zur konstitutionellen Monarchie, und eine Entwicklung zu einem Staat gleichberechtigter Bürger – ungeachtet ihrer religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit – erschien nun möglich. Dies aber konnte weder im Sinne der konservativen osmanischen Eliten noch der südosteuropäischen Anrainerstaaten und den von ihnen unterstützten nationalistischen Organisationen sein.

Von nun an sollte der Balkan nicht mehr zur Ruhe kommen. Österreich-Ungarn nutzte die Schwäche der gerade erst an die Macht gekommenen heterogenen jungtürkischen Bewegung und annektierte die seit 1878 besetzten osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina. Damit löste es nicht nur die sogenannte Annexionskrise aus und riskierte damit, dass eine territoriale Frage des Balkans einen "großen Krieg" zwischen den Mächten auszulösen drohte. Gleichzeitig provozierte dieses Vorgehen die radikalen Vertreter der serbischen Nationalbewegung. 1911 sollte sich aus serbischen Offizieren die Geheimorganisation Ujedinjenje ili Smrt (Vereinigung oder Tod) gründen, die später zu den Drahtziehern des folgenreichen Attentats von Sarajevo gehörte, bei dem am 28. Juni 1914 der Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand, getötet wurde. Auch unter den bulgarischen und serbischen Eliten wuchs die Bereitschaft, zur Durchsetzung ihrer Expansionsziele notfalls einen militärischen Konflikt zu riskieren. In Griechenland inspirierte die jungtürkische Revolution im Sommer 1909 unzufriedene griechische Offiziere zum Aufstand von Goudi, der Züge einer bürgerlichen Revolution annahm und dem kretischen Politiker Eleftherios Venizelos, später ein Hauptverfechter der Idee eines Großgriechenlands, den Weg an die Macht ebnete.

Die Wiedereinsetzung der osmanischen Verfassung verhieß zunächst eine Verbesserung der Situation der christlichen Bevölkerung im Osmanischen Reich; die jungtürkische Regierung zeigte sich 1908/1909 gegenüber Mitbestimmungs- und Autonomieforderungen christlicher beziehungsweise nichttürkischer Bevölkerungsgruppen aufgeschlossen. Allerdings blieben diese Ansätze in ihren Anfängen stecken, vielen muslimischen Konservativen und türkischen Nationalisten gingen die Autonomieforderungen der Minderheitenvertreter zu weit. Der seit 1909 herrschende Sultan Mehmed V. vermochte es nicht, eine eigenständige Rolle zu spielen und überließ den Jungtürken vollends das Heft des Handelns. Andererseits gingen die Veränderungen vielen bulgarischen, albanischen und griechischen Radikalen nicht schnell genug. So wuchs der Unmut, und bald explodierten wieder Bomben gegen staatliche Einrichtungen und wurden bewaffnete Banden aktiv. Als die türkische Regierung ab 1910 ihre Vorstellungen eines modernen Zentralstaates umzusetzen begann, entschlossen sich besonders unter den traditionellen albanischen Eliten viele zum bewaffneten Widerstand. Anrainerstaaten wie Montenegro schürten solche Erhebungen zusätzlich durch Waffenlieferungen. Im Dezember 1911 lösten die Jungtürken das Parlament auf, und bei den anschließenden Neuwahlen erlangte der radikale Flügel eine deutliche Mehrheit, wohingegen alle wichtigen Vertreter der verschiedenen Minderheitsfraktionen an einem Wiedereinzug ins Parlament gehindert wurden.

Neben den innenpolitischen Veränderungen heizte die imperialistische Politik der Großmächte die Situation an. Die italienische Regierung, durch soziale und wirtschaftliche Probleme unter Druck, sah in den Umwälzungen im Osmanischen Reich eine willkommene Chance, die eigene Stellung durch den Erwerb neuer Kolonien zu stärken und erklärte dem jungtürkischen Staat am 29. September 1911 den Krieg. Wenig später eroberten italienische Truppen die Küstenregionen der osmanischen Provinzen in Nordafrika (das heutige Libyen). Im Frühjahr 1912 weitete sich der Krieg in das Ägäische Meer aus, wo Italien die Dodekanes-Inselgruppe besetzte. Unter diesen Bedingungen waren die Jungtürken gezwungen, der albanischen Aufstandsbewegung, die im Sommer 1912 große Teile Nordalbaniens, des Kosovos und Westmakedoniens unter ihre Kontrolle gebracht hatte, mit umfangreichen Zugeständnissen entgegenzukommen. Das wiederum widersprach den Interessen der angrenzenden Balkanstaaten und einiger Großmächte.

Seit der Annexion Bosnien-Herzegowinas durch Österreich-Ungarn hatte die russische Regierung eine weitere Expansion der Habsburger auf dem Balkan befürchtet, weswegen sich die russische Diplomatie verstärkt darum bemühte, die Balkanstaaten in einem gemeinsamen pro-russischen Balkanbund zusammenzuführen. Tatsächlich kam es am 13. März 1912 zu einem bulgarisch-serbischen Freundschafts- und Bündnisvertrag. In einem geheimen Zusatzartikel wurde vereinbart, etwaige Unruhen im europäischen Teil des Osmanischen Reiches, welche die nationalen Interessen beider Staaten berühren würden, als Grund für einen gemeinsamen Krieg gegen den osmanischen Nachbar anzusehen. An dieser Stelle begannen die südosteuropäischen Akteure bereits, sich vom Einfluss der Großmächte, in diesem Falle Russlands, zu emanzipieren. Ohne vorherige Rücksprache mit der russischen Regierung schloss Bulgarien am 29. Mai 1912 ein Bündnis mit Griechenland, das von der italienischen Expansion ins ägäische Meer zutiefst beunruhigt war. Wenig später verbündete sich auch Montenegro mit Bulgarien und Serbien; gemeinsam bereiteten sie sich auf einen Angriffskrieg vor. Über die Aufteilung der zu erobernden Gebiete wurden allerdings nur sehr vage Absprachen getroffen. Serbien und Bulgarien vereinbarten lediglich, einen Schiedsspruch des russischen Zaren zu akzeptieren, sollten sie sich im Ernstfall nicht über die Aufteilung Makedoniens einigen können.[2]

In den folgenden Monaten entglitt der russischen Diplomatie die Kontrolle über "ihren" Balkanbund. Anfang Oktober 1912 begannen die Balkanstaaten, ihre Streitkräfte mobil zu machen. Aufgeschreckt versuchten die Großmächte nunmehr, die jungtürkische Regierung zu Reformen in Makedonien zu drängen, um die Lage zu entschärfen, doch war es dazu bereits zu spät. Nachdem Montenegro am 8. Oktober den Kriegszustand verkündet hatte, folgten die anderen Balkanstaaten eine Woche später nach.

Erster Balkankrieg

Der Erste Balkankrieg stellte die europäische Diplomatie vor ernsthafte Herausforderungen. Nahezu alle Großmächte verfolgten weitgehende machtpolitische oder wirtschaftliche Interessen auf dem Balkan, weshalb es ihnen schwerfiel, eine gemeinsame Haltung gegenüber den Konfliktparteien einzunehmen. Gleichzeitig schufen die Balkanstaaten rasch Fakten: Zur Überraschung aller europäischen Beobachter wurden die osmanischen Truppen innerhalb weniger Wochen an allen Fronten geschlagen und zum Rückzug gezwungen. Am 7. November 1912 erreichten die griechischen Truppen wenige Stunden vor den bulgarischen die wichtige Hafenmetropole Thessaloniki. Serbien besetzte den Zentralbalkan. Bulgarische Truppen stießen durch Thrakien auf Konstantinopel vor und konnten erst wenige Kilometer vor der osmanischen Hauptstadt gestoppt werden, während die griechische Armee im raschen Tempo an der Adriaküste nach Norden vormarschierte. Als es den Großmächten schließlich gelang, in einem gemeinsamen Auftreten am 3. Dezember 1912 die Balkanstaaten, mit Ausnahme Griechenlands, zu einem vorläufigen Waffenstillstand zu bewegen, hatte das Osmanische Reich bereits den Großteil seiner europäischen Territorien eingebüßt.

Nicht verhindern konnten die Großmächte allerdings, dass unter den Augen der Weltöffentlichkeit die Kampfhandlungen von einer Welle ethno-politischer Gewalt begleitet wurden, die sich in erster Linie gegen die muslimische Bevölkerung richtete.[3] Allerdings gingen die Massaker, Vergewaltigungen und Vertreibungen nicht allein – wie in früheren Kriegen – auf das Konto undisziplinierter Soldateska, sondern waren Teil der "modernen" Kriegsstrategie in Zeiten eines übersteigerten, aggressiven Nationalismus. Die Grenze zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten wurde brüchig. Die gerade erst auf der Haager Friedenskonferenz 1907 als Grundlage eines neuen internationalen Kriegsrechts vereinbarte Landkriegsordnung erwies sich als nicht mehr als ein Stück Papier.

Innenpolitisch führten die Ereignisse seit Oktober 1912 dazu, dass der rechtsnationale Flügel der Jungtürken Ende Januar 1913 unter Führung junger Generäle putschte und eine turknationalistische Militärdiktatur errichtete.[4] Infolgedessen entbrannten die Kämpfe erneut, und schon bald fielen auch die letzten osmanischen Stützpunkte auf dem Balkan. Die verbündeten südosteuropäischen Staaten waren klare Sieger. Wie sollte es aber weitergehen? Wie sollte der Balkan neu geordnet werden? Darüber zu entscheiden, behielten sich die Großmächte vor. Ihre Vorstellungen fassten sie im sogenannten Londoner Vertrag zusammen, der schließlich am 30. Mai 1913 als Vorfriedensvertrag zähneknirschend von allen Krieg führenden Staaten unterschrieben wurde.

Londoner Botschafterkonferenz und Zweiter Balkankrieg

Der Weg zum Londoner Vertrag hatte sich allerdings auch für die sechs Großmächte als extrem schwierig erwiesen. Russland wollte um jeden Preis eine Ausweitung des österreichisch-ungarischen Einflusses auf dem Balkan verhindern und die eigene Position im schrumpfenden Osmanischen Reich ausbauen. Großbritannien, das sich seit 1907 Russland angenähert hatte, unterstützte die russische Politik halbherzig, war jedoch vor allem an einer Deeskalation der Situation interessiert. Frankreich und das Deutsche Reich rivalisierten auf dem Balkan und im Orient vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet als Rüstungslieferanten. Die deutsche Regierung sah in den Jungtürken zudem potenzielle Bündnispartner für einen eventuellen Konflikt mit Großbritannien und Russland.[5] Österreich-Ungarn und Italien strebten nach der direkten oder indirekten Kontrolle der albanischen Küste; beide einte zudem das Ziel, Griechenland und Serbien, das nach einem eigenen Adriazugang trachtete, aus dieser Region herauszuhalten.

Nach einigem Gerangel hinter den Kulissen einigten sich die Großmächte auf eine gemeinsame Botschafterkonferenz in London, wo über die Lösung der zahlreichen Fragen des Balkankonflikts beraten werden sollte. Einen direkten Einbezug der betroffenen Akteure als gleichberechtigte Partner hielten sie allerdings, ganz in der Tradition früherer Konferenzen, nicht für nötig. Über den Verhandlungen schwebte immer wieder die Gefahr einer offenen Eskalation zwischen Österreich-Ungarn und Russland:[6] Angesichts der Expansion Montenegros und Serbiens drohte Wien mit einem militärischen Eingreifen und zog Truppen in Bosnien zusammen, was wiederum Russland provozierte. An ihrer gemeinsamen Grenze ließen beide ihre Streitkräfte zeitweise drohend verstärken. Ein Grund dafür war die ungeklärte Frage, wie die Zukunft der westbalkanischen albanischen Siedlungsgebiete geregelt werden sollte, auf die sowohl Montenegro als auch Serbien und Griechenland Ansprüche erhoben, während die Anführer der albanischen Nationalbewegung bereits ein unabhängiges Albanien ausgerufen hatten.[7] Letztendlich entschieden sich die Großmächte in einer zähen Kompromissfindung dafür, die Gründung eines kleinen albanischen Staates zu akzeptieren, sahen jedoch vor, diesen für längere Zeit unter einem gemeinsamen Protektorat zu verwalten. Die umstrittene Grenzziehung gegenüber Serbien, dem das Kosovo als Kompensation für den verweigerten Adriahafen überlassen wurde, sowie gegenüber Montenegro und Griechenland wurde internationalen Grenzkommissionen übertragen. Als albanisches Staatsoberhaupt wurde ein junger, auf diese Aufgabe nicht vorbereiteter deutscher Prinz ausgewählt – doch Wilhelm von Wied sollte es kaum ein halbes Jahr in Albanien aushalten, bis die Region im Sommer 1914 wieder im Bürgerkrieg versank.

Als nicht minder schwierig erwies sich die Aufteilung Makedoniens, worunter geografisch damals das Kerngebiet des osmanischen Balkans verstanden wurde. Dieses erstreckte sich in etwa zwischen den Flüssen Nestos (im Osten) und Aliakmon (im Süden) im heutigen Nordgriechenland bis zum Kosovo (im Norden) und dem Ohridsee (im Westen). Griechenland sicherte sich mit der Hafenstadt Thessaloniki das urbane und ökonomische Zentrum. Im Norden und Nordwesten wurde der Löwenanteil (mit den Städten Skopje, Bitola und Ohrid) Serbien zugesprochen. Die bulgarischen Eliten sahen sich dadurch der Früchte der militärischen Erfolge beraubt: In ihrer Wahrnehmung hatten ihre Streitkräfte beim Vormarsch auf die osmanische Hauptstadt die Hauptlast getragen. Unzufrieden war auch die jungtürkische Führung, war doch die Grenze des Osmanischen Reiches auf europäischer Seite bis kurz vor Konstantinopel geschoben worden. Ebenfalls unbefriedigt zeigte sich die rumänische Regierung, die für den Machtzuwachs der anderen südosteuropäischen Staaten Kompensationsforderungen stellte.

Nicht gewillt, die Londoner Friedensordnung hinzunehmen, und enttäuscht von der ausbleibenden Unterstützung Russlands begann die bulgarische Führung, sich stärker an Österreich-Ungarn zu orientieren. In Überschätzung der eigenen militärischen Schlagkraft und Verkennung der machtpolitischen Situation entschlossen sich der bulgarische Zar und die Militärführung am 29. Juni 1913 zu einem Überraschungsschlag gegen die ehemaligen Verbündeten, um die eigenen Ansprüche in Makedonien durchzusetzen. Doch der Angriff blieb rasch stecken, für Bulgarien wurde der Krieg innerhalb weniger Wochen zur Katastrophe. Am 9. Juli trat Rumänien in den Zweiten Balkankrieg ein und stieß mit seiner Armee in Richtung Sofia vor. Zwei Tage später nutzte auch die jungtürkische Regierung die Gunst der Stunde und besetzte kurz darauf die heftig umkämpfte Stadt Edirne. Bulgarien sah sich plötzlich einem Vierfrontenkrieg gegenüber und musste aufgeben. Ohne dass diesmal die Großmächte involviert gewesen wären, kam es am 10. August zum Friedensvertrag von Bukarest. Bulgarien musste nun zugunsten Serbiens und Griechenlands auf den Hauptteil Makedoniens verzichten, ebenso auf Teile der nordostbulgarischen Dobrudscha zugunsten Rumäniens. Am 29. September 1913 verpflichtete es sich im Vertrag von Konstantinopel schließlich noch, Teile Ostthrakiens mit Edirne an das Osmanische Reich zurückzugeben.

Ungelöste Fragen

Die verschiedenen Friedensschlüsse im Spätsommer und Herbst 1913 beendeten die Balkankriege offiziell, doch stabil war diese Nachkriegsordnung nicht. Für alle Seiten dauerhaft akzeptable Kompromisse brachte keiner von ihnen zustande. Vielleicht konnten sie das auch gar nicht. Zu groß waren die Veränderungen und zu aufgeheizt die nationalistische Stimmung der Eliten in den jeweiligen Sieger- und Verliererstaaten. So veränderte die territoriale Neuordnung im Herbst 1913 die lokalen Machtverhältnisse nachhaltig: Während das Osmanische Reich rund 85 Prozent seines europäischen Staatsgebietes verloren hatte, konnten Serbien und Griechenland ihr Territorium nahezu verdoppeln, Bulgarien büßte seine Stellung als größter Balkanstaat ein. Mit Albanien war ein neuer instabiler, halbsouveräner Staat entstanden. Kaum eine der neuen Grenzen konnte als gesichert und respektiert gelten, und schon bald wurden wieder pro-bulgarische, albanische und jungtürkische Freischärler aktiv, die Anschläge und Überfälle in den von Griechenland und Serbien neu gewonnenen Gebieten verübten. Viele der infolge der Friedensschlüsse 1913 geschaffenen neuen Konfliktfelder prägten Südosteuropa über Jahrzehnte. Manche Streitfragen wirken bis in die Gegenwart nach.

Zwei herausragende Beispiele dafür stellen die Konflikte um die ägäischen Inseln und Makedonien dar: Im ägäischen Meer kreuzten sich die Interessen der Großmächte und der Anrainerstaaten besonders augenfällig. Für das britische Empire stellten Griechenland und die ägäischen Inseln ein wichtiges Zwischenglied auf der Seeroute nach Indien dar. Gleichzeitig sah das aufstrebende Italien in dieser Region eine Chance, den eigenen Machtbereich auszubauen und somit gegenüber den alten imperialistischen Großmächten aufzuholen. Aus diesem Grund war die italienische Regierung auch nicht bereit, die 1912 besetzten ägäischen Dodekanes-Inseln wieder zu räumen. Tatsächlich sollte die dortige italienische Präsenz erst im Laufe des Zweiten Weltkriegs enden.

Gravierender aber war der griechisch-türkische Gegensatz in der Ägäis-Frage. Für die griechische Nationalbewegung waren die ägäischen Inseln ein integraler Bestandteil der Megali Idea (der Traum eines vereinigten Großgriechenlands). Die jungtürkische Regierung argumentierte dagegen eher aus strategischer Perspektive und verwies darauf, dass die kleinasiatische Küste ohne zumindest die östlichen Inseln militärisch kaum zu verteidigen sei. Die Uneinigkeit der Großmächte wirkte zusätzlich destabilisierend. Erst als die Ägäis-Frage ausgeklammert wurde, kam es am 1. November 1913 zum griechisch-osmanischen Friedensabschluss in Athen. Ein territorialer Kompromiss sollte aber erst nach dem Ersten Weltkrieg und dem blutigen griechisch-türkischen Krieg 1919–1922 im Vertrag von Lausanne 1923 schriftlich fixiert werden. Ruhe kehrte deswegen trotzdem nicht ein. Der Ägäis-Konflikt ist bis in die Gegenwart brisant geblieben, obgleich er sich seit den 1970er Jahren mehr auf die Frage verschob, wie die nationalen Hoheitsgewässer (Sechs-, Zehn-, oder Zwölfmeilenzone) und der Luftraum der Inseln zu definieren seien.

Das wahrscheinlich schwerwiegendste Spannungsfeld war Makedonien. Die pro-bulgarische Rebellenorganisation IMRO, die enge Kontakte in die höchsten politischen und militärischen Kreise Bulgariens pflegte, führte bis in die 1930er Jahre ihren bewaffneten Kampf gegen die griechische, besonders aber gegen die serbische Herrschaft in Makedonien weiter. Sie trug wesentlich dazu bei, dass Makedonien noch für lange Zeit eine unruhige Region im Ausnahmezustand blieb.[8] Aber auch Bulgarien war nach 1913 alles andere als gewillt, seine Ansprüche auf Makedonien aufzugeben. Aus der nationalen Perspektive der bulgarischen Eliten galt die slawisch-makedonische Bevölkerung als unterdrückter, noch zu befreiender Teil des bulgarischen Volkes. Dies trug wesentlich dazu bei, dass Bulgarien noch zwei weitere (erfolglose) Eroberungsversuche unternahm (1915–1918, 1941–1944). Später sollte die Verbreitung eines eigenständigen "slawo-makedonischen" Nationalgefühls in der jugoslawischen Teilrepublik Makedonien den bulgarischen Ansprüchen nach und nach die Grundlage entziehen. Stattdessen trat nach dem Zerfall Jugoslawiens und der Unabhängigkeit Makedoniens 1991 unter anderem der Namensstreit mit Griechenland in den Vordergrund: Aus Sorge, der makedonische (beziehungsweise heute mazedonische) Staat könnte irgendwann Ansprüche auf Nordgriechenland erheben – also jenen Teil der historischen Region Makedonien, den Griechenland 1913 bei der Aufteilung des osmanischen Erbes erhalten hatte –, war und ist Griechenland nicht bereit, "Republik Makedonien" als Staatsnamen des Nachbarstaates zu akzeptieren. Dieser Konflikt, der ein indirektes Erbe der Ereignisse 1912/1913 darstellt, belastet die Verhandlungen Mazedoniens um die Aufnahme in die NATO und den Beitritt zur Europäischen Union bis heute.

Einordnung der Ereignisse

Im Vergleich mit den bisherigen Großmächten waren die südosteuropäischen Staaten nach den beiden Balkankriegen scheinbar die Sieger, hatten sie doch alle ihr Territorium erheblich ausweiten und ihr Gewicht als eigenständige Akteure in der internationalen Politik aufwerten können. Doch der Preis war hoch und wird im Rückblick meist übersehen. Staaten wir Griechenland oder Serbien konnten zwar ihr Staatsgebiet fast verdoppeln, mussten die neuen Provinzen jedoch mühsam integrieren. Sämtliche Kriegsparteien hatten einen hohen Blutzoll gezahlt. Ihre Staatsverschuldung, vorher schon eine schwere Belastung, war dramatisch in die Höhe geschnellt. Sie waren mit der Versorgung einer immensen Zahl von Flüchtlingen konfrontiert, ebenso mit einer bislang unbekannten Dimension von Invaliden und Hinterbliebenen, die, vom überforderten Staat nicht versorgt, nunmehr zum Stadtbild vieler Orte gehörten und die Gesellschaft mit den Folgen moderner Kriegsführung direkt konfrontierten.[9]

Auch wenn die Totalisierung der Kriegsführung 1912/1913 noch nicht das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der beteiligten Staaten erfasste, boten die Balkankriege doch einen bitteren Vorgeschmack auf Massentod, Massenverstümmelung und das soziale Elend des Ersten Weltkriegs. Und doch, trotz all dieser Probleme, sahen viele Politiker, Militärs und Verfechter nationalistischer Visionen in allen Balkanstaaten ihre Ziele noch nicht erreicht und empfanden daher die Friedensregelungen des Jahres 1913 nur als Zwischenschritt. Nicht ohne Grund deuten Historiker die beiden Balkankriege als erste Phase des Ersten Weltkriegs, der dann, aus südosteuropäischer Perspektive, vielmehr einen "dritten Balkankrieg" darstellte.[10]

Der Verlauf der Balkankriege offenbarte, wie sehr der Einfluss der Großmächte geschrumpft war. Nachdem sie erheblichen Anteil daran genommen hatten, dass die Konflikte auf dem Balkan 1912/1913 in zwei Kriegen eskalierten, waren sie dann nur noch in Teilbereichen in der Lage, die entstandene Eigendynamik unter Kontrolle zu bekommen. Gleichzeitig bestand die Gefahr fort, dass sich der nur scheinbar regionale Konflikt zu einem "großen Krieg" zwischen den Großmächten ausweiten würde. Auch wenn der Balkan 1913 selbst kein "Pulverfass" darstellte, sondern dies nur eine europäische Fremdzuschreibung war, so kam ihm ein Jahr später doch die Rolle einer Zündschnur zu – eine Rolle, die auch eine andere Region hätte einnehmen können. Das Pulverfass war stattdessen das "zivilisierte" und "moderne" Europa selbst.[11]

Während das Jahr 1913 in vielen europäischen Staaten rückblickend häufig als das letzte "normale" Jahr vor der Katastrophe des Ersten Weltkriegs dargestellt und erinnert wird, bedeutete es für einen nicht unwesentlichen Teil des Kontinents – Südosteuropa – bereits eine tief greifende Zäsur. Es besiegelte das Ende einer mehrere Jahrhunderte langen Epoche osmanischer Herrschaft und veränderte den ethnografischen und kulturellen Charakter des Balkans nachhaltig.
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Fußnoten

1.
Vgl. Duncan M. Perry, The Politics of Terror. The Macedonian Liberation Movements 1893–1903, London 1988; Fikret Adanır, Die Makedonische Frage. Ihre Entstehung und Entwicklung bis 1908, Wiesbaden 1979; Mehmet Hacısalihoğlu, Die Jungtürken und die Mazedonische Frage (1890–1918), München 2003.
2.
Vgl. Karl Adam, Großbritanniens Balkandilemma. Die britische Balkanpolitik von der bosnischen Krise bis zu den Balkankriegen 1908–1913, Hamburg 2009, S. 131f.; Konrad Clewing, Staatensystem und innerstaatliches Agieren im multiethnischen Raum: Südosteuropa im langen 19. Jahrhundert, in: ders./Oliver Jens Schmitt (Hrsg.), Geschichte Südosteuropas, Regensburg 2011, S. 486.
3.
Vgl. Leo Trotzki, Die Balkankriege 1912–13, Moskau 1926, dt. Ausgabe Essen 1995.
4.
Vgl. M. Hacısalihoğlu (Anm. 1), S. 391.
5.
Vgl. Bernd F. Schulte, Vor dem Kriegsausbruch 1914. Deutschland, die Türkei und der Balkan, Düsseldorf 1980, S. 18f.
6.
Vgl. Franz-Josef Kos, Die politischen und wirtschaftlichen Interessen Österreich-Ungarns und Deutschlands in Südosteuropa 1912/13. Die Adriahafen-, die Saloniki- und die Kavallafrage, Wien 1996; Katrin Boeckh, Von den Balkankriegen zum Ersten Weltkrieg. Kleinstaatenpolitik und ethnische Selbstbestimmung auf dem Balkan, München 1996; Friedrich Kießling, Gegen den "großen Krieg"? Entspannung in den internationalen Beziehungen 1911–1914, München 2002.
7.
Vgl. Hanns Christian Löhr, Die Gründung Albaniens. Wilhelm zu Wied und die Balkan-Diplomatie der Großmächte 1912–1914, Frankfurt/M. 2010.
8.
Vgl. Stefan Troebst, Mussolini, Makedonien und die Mächte 1922–1930. Die "Innere Makedonische Revolutionäre Organisation" in der Südosteuropapolitik des faschistischen Italiens, Köln 1987; Nada Boškovska, Das jugoslawische Makedonien 1918–1941. Eine Randregion zwischen Repression und Integration, Wien 2009.
9.
Vgl. Wolfgang Höpken, Archaische Gewalt oder Vorboten des "totalen Krieges"? Die Balkankriege in der europäischen Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Ulf Brunnbauer/Andreas Helmedach/Stefan Troebst (Hrsg.), Schnittstellen. Gesellschaft, Nation, Konflikt und Erinnerung in Südosteuropa, Festschrift für Holm Sundhaussen, München 2007, S. 254f.
10.
Vgl. Joachim Remake, 1914 – The Third Balkan War: Origins Reconsidered, in: Journal of Modern History, 43 (1971), S. 354–366; Richard C. Hall, The Balkan Wars 1912–1913. Prelude to the First World War, London–New York 2000, S. 131f.; F. Kießling (Anm. 6), S. 3.
11.
So der britische Historiker Misha Glenny. Vgl. Andreas Ernst, Vor 100 Jahren begannen die Balkankriege. Auftakt zur Katastrophe, in: Neue Zürcher Zeitung vom 3.11.2012, online: http://www.nzz.ch/1.17752603« (29.1.2013).
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