Ort:	Berlin, Charlottenburg
Gebiet:	Berlin
Alte PLZ:	W-1000
Neue PLZ:	10000
Beschreibung:	Luisenplatz; Berliner Straße; Rathaus
Verlag:	Berl. Phototyp. Inst. Rob. Prager, Berlin
Datierung:	1913
Status:	gelaufen

11.3.2013 | Von:
Bernd Polster

"Tangomanie". Die erste Tanzwelle

Tango. Dieses einzige Wort hat es zuwege gebracht, dass ältere, ganz vernünftige Menschen plötzlich Tanzstunde nehmen, dass eine ganze Gesellschaftsklasse ihre Zeiteinteilung verändert hat, um zu tanzen, dass Lokale plötzlich zu eng wurden, um alle Tango-Enthusiasten zu placieren, dass verstaubte Tanzmeister Protest bliesen"[1] – und dass, so könnte man ergänzen, sich damals Fachleute und Journalisten darüber die Finger wund schrieben. Als der Tango aus Argentinien nach Europa kam, war das publizistische Echo enorm. Was heute, da der Tanz als öffentliches Thema nicht existiert, kaum mehr vorstellbar ist. In der Tango-Welle vor einhundert Jahren zeigt sich somit wie in einem Rückspiegel auch die heutige Marginalisierung des Tanzes.

Das einleitende Zitat entstammt dem Buch "Tanz-Brevier", das erste seiner Art, das im Jahr 1913 erschien. Darin beschreibt der Autor Franz Wolfgang Koebner[2] jene "modernen Tänze", die sämtlich aus Amerika kamen und sich seit etwa 1903 in Europa verbreitet hatten. Diese Entwicklung steigerte sich dann 1913 zu dem, was Koebner "Tangomanie" nannte – wobei der Ursprung der neuen Tänze in den überseeischen Vorstadtghettos kein Geheimnis war und natürlich für exotischen Reiz sorgte. Sänger und Tänzer aus Amerika, oft mit dunkler Hautfarbe, gehörten im Kaiserreich ohnehin zum festen Repertoire der Cabarets und Tanzetablissements.[3] Der für Klartext bekannte Berliner Volksmund teilte die neuen Tänze in zwei Gruppen, nämlich "Wackel- und Schiebetänze". Tango gehörte zu den "Schiebern". Es war die erste moderne Tanzwelle, die in der westlichen Welt weite Kreise der Bevölkerung erfasste, und der dann über das 20. Jahrhundert hinweg zahlreiche ähnliche Wellen folgen sollten, vom Charleston über Swing bis zu Rock ’n’ Roll und Hiphop. Ein Phänomen, dem in seiner Gesamtheit bislang wenig Beachtung geschenkt wurde.[4] 1913 war das völlig anders.

Tango-Debatte

In Ländern wie Deutschland, Frankreich und den USA entfachte die erste Tanzwelle eine heftige Debatte.[5] Aufregung herrschte nicht zuletzt bei den Tanzlehrern, die durch den ihnen unbekannten Tango ihr Monopol bedroht sahen. Auf der 12. Welttanzlehrerkonferenz in Paris, der "Académie internationale des Amateurs professeurs de danse, tenue et maintien" im Jahr 1913 kam der Tango deshalb kurzerhand "auf den Index".[6] Die Kollegen vom "Verein Berliner Tanzlehrer von 1876" gingen noch einen Schritt weiter und wandten sich an den Polizeipräsidenten Traugott von Jagow. Dieser teilte ihnen schriftlich "ergebenst mit, dass die Polizeireviere angewiesen sind, auf anstössige Tänze ihr besonderes Augenmerk zu richten und erforderlichenfalls Strafanzeige zu erstatten", und zwar sowohl gegen die Tänzer als auch gegen die Saalbesitzer.[7] Auf einer Versammlung des Vereins der Berliner Saalbesitzer wurde jedoch festgestellt, dass man "durch das Nichtdulden dieser Tänze erhebliche geschäftliche Nachteile erlitten" habe. Kollegen, die sich gegen die Tanzneuheiten sperren, erläuterte ein anwesender Tanzlehrer, würden deshalb von den Saalbesitzern "sofort entlassen".[8] Dass in diesem Interessenkonflikt ein Antrag, bei den Behörden um Erlass eines Tanzverbots vorstellig zu werden, schließlich mehrheitlich abgelehnt wurde, verwundert kaum.

"Wer es bisher liebte, sich leidenschaftlich in politische oder gar Kunstgespräche zu verstricken, tritt nun in die Reihen der Tangopassionisten", meldete eine große Berliner Illustrierte 1913.[9] In Paris veranstalteten gleich mehrere Zeitschriften Umfragen zum Thema Tango. Ausgerechnet der argentinische Botschafter ließ dabei verlauten, dass er den aus seiner Heimat stammenden Tanz auf seinen "Gesandtschaftsbällen auf das strengste verbiete", denn, so der Diplomat, "bei uns tanzen ihn nur Verbrecher und Dirnen". Der Romancier Anatole France erkannte dagegen im Tango eine "exotische Errungenschaft", der "etwas sehr Ausdrucksstarkes und sehr Menschliches" zukomme.[10] Als schließlich der revolutionären Ideen zugetane Kollege Jean Richepin in der Académie française eine Rede für den Tango hielt, war zwar sein Pult dicht umlagert, aber von den Professoren des hohen Hauses kaum jemand anwesend.[11] In der Haltung pro und contra Tango traten kulturelle Frontlinien zutage. Der moderne Tanz war ein Stimmungsbarometer der verkrusteten Gesellschaft und verfügte, ähnlich wie die moderne Kunst, über ein erhebliches Skandalpotenzial.

Tango als Körperkultur

Doch in Europa hat der Tango gar nicht als Provokateur Einzug gehalten, sondern als sportliche Disziplin: Wie beim Tennis, das ebenfalls gerade zur Freizeitbetätigung der feinen Gesellschaft geworden war, gab es bald exklusive Clubs und Turniere nach englischem Vorbild, ein deutlicher Hang zu Snobismus und Dekadenz inklusive. Der erste deutsche Tanzclub war 1911 in Berlin gegründet worden. Nur eine Saison später fanden sich dort bereits genügend Paare, die im Admiralspalast auf einem Turnier antraten, bei dem der Tango die Hauptattraktion bildete. Nebeninteressen wie Klatsch und Flirts wurden nun als unerwünschte Ablenkung empfunden. Die "Elegante Welt", Berlins gerade gegründetes Gesellschaftsblatt, das den Tanzsport propagierte, hielt es für unmöglich, "mit aufgeweichtem Kragen, klebenden Haaren, dem Temperamente Luft zu machen. Die ‚wirkliche Bewegung‘ ist abgetan."[12]

Ausgerechnet am Tango entwickelten die Sportenthusiasten ihre Idealvorstellung eines reinen Tanzes. Die Überwindung des Körpers, seit dem Walzer auch ein Grundmotiv des bürgerlichen Gesellschaftstanzes, wurde nun zielstrebig umgesetzt. Deshalb sprach auch für den Tango, dass "es gottseidank unmöglich geworden ist, die Tangomusik so schnell nachzusingen, wie es die Trivialität der früheren Tänze gestattete".[13] Anstelle fröhlichen Gesangs herrschte heiliges Schweigen, statt Freude an der Bewegung Stolz über die vollbrachte Leistung, statt Berührung Beherrschung.

Sport und Tango fusionierten als zwei Erscheinungsformen der Moderne. Sie berührten jedoch noch ein völlig anderes Konzept, das in jener Zeit entstand: die Idee der "Körperkultur". Die damals in Deutschland sehr verbreitete "Lebensreform"-Bewegung propagierte eine natürliche, einfache Lebensweise, oft nicht ohne eine kräftige Portion Esoterik und Vereinsmeierei. Man aß gesunde Rohkost, trug bequeme "Reformkleidung" und frönte der "Freikörperkultur". Mit dem dekadenten Tango hatten die Lebensreformer gewiss wenig im Sinn. Aber im Zuge ihrer Bestrebungen gelangten Gymnastik und Tanz automatisch in den Fokus des allgemeinen Interesses. Dazu gehörte dann eben auch, dass Nackttänzerinnen auf Cabaret-Bühnen auftraten und – stets unter der auch an den Staatsanwalt adressierten Versicherung, es handele sich dabei um eine Präsentation ästhetischer Vollkommenheit – ein beliebtes Skandalthema bildeten. Das war ebenso Teil einer Gemengelage, in der eine prüde, in ihren Konventionen eingeschnürte Gesellschaft sich am Tabubruch versuchte.

Als eine weitere Neuheit der Vergnügungsbühnen wurden professionelle Tanzpaare ins Repertoire aufgenommen, allen voran solche, die Tango tanzten. Sie trugen fremd klingende Namen, wie etwa das "brillante Tango-Duett Carry & Leon" oder die "famous brasilian Tango-dancers Chitty Dolores and Partner".[14] Letztere hatten, neben "Ragtime", auch den "Tango-Apache" im Programm. Wobei es sich um eine weitere, ganz besondere Pirouette der Exotik handelte: In Frankreich wurde der Name des nordamerikanischen Indianerstamms zu einem Synonym für Draufgänger und Gauner und der "Apachentanz", ein choreografiertes Dramolett zwischen Dirne und Zuhälter, zu einer verrucht anmutenden Tanzattraktion.

Fußnoten

1.
Franz Wolfgang Koebner, Tanz-Brevier, Berlin 1913, S. 31.
2.
Koebner, Chefredakteur der Zeitschrift "Elegante Welt", war keineswegs Tanzjournalist. In den 1920er Jahren gründete er "Das Magazin", eine der führenden Zeitschriften für das kulturinteressierte Bürgertum.
3.
Vgl. Rainer E. Lotz, German Ragtime & Prehistory of Jazz, Chigwell 1985. In dieser kommentierten Diskografie im Kaiserreich erschienener Tonträger wird auf 371 Seiten die enorme Vielfalt der Musikimporte deutlich.
4.
Vgl. Astrid Eichstedt/Bernd Polster, Wie die Wilden. Tänze auf der Höhe ihrer Zeit, Berlin 1985.
5.
Zurückgegriffen wird hierbei insbesondere auf die in der Deutschen Tanzbibliothek in Leipzig gesammelten zeitgenössischen Quellen.
6.
Vgl. Der Kongress der Tanzmeister, in: Cabaret Tanz Revue, 3 (1913).
7.
Der Polizeipräsident gegen die Schiebetänze, in: Cabaret Tanz Revue, 3 (1913).
8.
Es wird weiter gewackelt, in: Cabaret Tanz Revue, 3 (1913).
9.
Ola Alsen, Tanzlust, in: Die Woche, 5 (1913) 41.
10.
Tango-Meinungen, in: Cabaret Tanz Revue, 3 (1913).
11.
Vgl. Der Tango in der Akademie, in: Cabaret Tanz Revue, 3 (1913).
12.
R.L. Leonard, Der verlästerte Tango, in: Elegante Welt, 2 (1913) 45.
13.
Ebd.
14.
Anzeigen in: Cabaret Tanz Revue, 3 (1913).
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Autor: Bernd Polster für bpb.de
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