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In guter Gesellschaft? Wandel in den Randzonen des Sozialen


18.3.2013
Die fordistische Industriegesellschaft – gekennzeichnet durch unter anderem standardisierte Massenproduktion und Massenkonsum, normierte Erwerbsbiografien, ein konservatives Geschlechterregime und die rassistisch kodifizierte Nutzung migrantischer Arbeitskraft als "Gastarbeit" – ist vor fast vier Jahrzehnten nach kurzer "Blütephase" sukzessive ins Straucheln geraten. Der daraufhin einsetzende ökonomische Paradigmenwechsel zeitigt weitreichende Konsequenzen für die gegenwärtigen Produktions-, Arbeits- und Lebensweisen: Ökonomisierung und Deregulierung, Privatisierung und Prekarisierung, Aktivierung und Entsicherung sind prominente Stichworte, welche diese Wandlungsprozesse einfangen. Zugleich tritt an die Stelle der gesellschaftlichen Einengung des Normalitätsfeldes auf den "männlich-autochtonen Familienernährer" in der fordistischen Industriegesellschaft ein zunehmend "flexibler Normalismus",[1] durch den die Normalitätsgrenzen in Bewegung geraten: Soziale Kämpfe vormals ausgeschlossener Gruppen haben zu dieser Entwicklung ebenso beigetragen wie neu akzentuierte Verwertungsinteressen. Frauen, Migrantinnen und Migranten, aber auch gesunde "junge Alte" finden Einlass in die durchlässiger gewordenen Zonen des "Normalen", ohne dass deshalb strukturelle Ungleichheit, Rassismus, Sexismus oder Ageism überwunden wären. Zugleich produziert jede Ausweitung des Normalitätsfeldes neue Ausschlüsse, und die Grenzen des ("normalen") Sozialen werden neu vermessen. Diesen dynamisierten "Grenzregimen"[2] des flexiblen Kapitalismus gilt das Augenmerk dieses Beitrags.

Unter dem Stichwort "Exklusion" ist seit den 1990er Jahren das wissenschaftliche Interesse an denjenigen gestiegen, die sich nicht mehr in einem gesellschaftlichen Setting von "Gewinnern" und "Verlierern" verorten lassen, da sie gar nicht (mehr) ins Spiel kommen.[3] Der Blick richtet sich dabei vornehmlich auf diejenigen "Entbehrlichen" und Ausgeschlossenen, die aus der (alten) Mitte – den fordistischen Normalitätszonen der Gesellschaft – herausgefallen sind. Es sind die "unnützen Normalen" (Jacques Donzelot), die im flexiblen Kapitalismus der postfordistischen Ära ins Straucheln geraten, und die damit einhergehende Verwundbarkeit und Entsicherung der gesellschaftlichen Mitte, der die öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird. Die Aufmerksamkeit im Folgenden richtet sich demgegenüber auf zwei Gruppen, die in ganz unterschiedlicher Weise nicht zur "Mitte" der fordistischen Gesellschaft zählten und gerade deshalb die flexibilisierten Grenzziehungen der Gegenwartsgesellschaft exemplarisch sichtbar werden lassen: Menschen höheren Lebensalters und Menschen mit Migrationshintergrund. Wo "junge Alte" und bestimmte Migrantinnen und Migranten in neuer Weise als soziale Personen adressiert werden, sind es die Hochaltrigen und Pflegebedürftigen, die Illegalisierten, Geduldeten und Flüchtlinge im Asylverfahren, die in den "‚unbewohnbaren‘ Zonen des sozialen Lebens, die dennoch dicht bevölkert sind",[4] (über-)leben. Im Folgenden werde ich der Frage nachgehen, wie sich Prozesse der Ökonomisierung und Deregulierung, der Aktivierung und Entsicherung in die Grenzziehungen einschreiben, die markieren, wer heute als soziale Person adressiert wird.

Was bisher geschah



"Der kurze Traum immerwährender Prosperität"[5] fand mit den Ölkrisen der 1970er Jahre und der aufkommenden Massenarbeitslosigkeit sein jähes Ende. Infolge technischer Rationalisierungen und einer zunehmenden Internationalisierung der Produktion geriet (industrielle) Lohnarbeit als "stabile gesellschaftliche Integrationsmaschine" ins Stocken.[6] Entgegen verbreiteter Lesarten liefen die Krisenreaktionen, zumal in Deutschland, nicht auf einen einfachen Rückzug des Staates und eine Entfesselung von Marktkräften hinaus. Zu beobachten war vielmehr eine politisch eingebettete, umkämpfte, mitunter widersprüchliche Restrukturierung kapitalistischer Akkumulation und Regulation bei zum Teil ausgeprägter Beharrungskraft bestehender (wohlfahrts-)staatlicher Institutionen.[7] Reagiert wurde zunächst vor allem mit Lohnsenkungen, Rationalisierungen und Arbeitsintensivierung. Mit der Abkehr von der standardisierten Massenproduktion, einer flexibilisierten Spezialisierung in den Industriesektoren sowie der Zunahme von Beschäftigung im Dienstleistungsbereich setzte eine Erosion des fordistischen Normalarbeitsverhältnisses und eine zunehmende Deregulierung und Prekarisierung von Lohnarbeit ein: Zunahme atypischer Beschäftigung, Ausweitung des Niedriglohnsektors, Schwächung kollektivvertraglicher Regelungen und die Polarisierung in kleiner werdende Kern- und wachsende Randbelegschaften sind die Folge und bedingten eine Umverteilung der Einkommen von "unten" nach "oben".[8] Sinkende Arbeitsstandards und Löhne korrespondieren mit einer spezifischen Form der Arbeitsintensivierung, die mit einer erweiterten Verwertung und Indienstnahme der "Subjektivität" der Beschäftigten einhergeht. Neue Managementkonzepte setzen auf eine Abflachung von Hierarchien, auf intellektuelle Eigeninitiative der Beschäftigten sowie die Ermöglichung von Kreativität durch die Abschaffung monotoner Arbeitsabläufe. Eine Verdichtung dieser Entwicklung findet sich in der Sozialfigur des "Arbeitskraftunternehmers", der sich durch Selbstökonomisierung hinsichtlich seiner Marktfähigkeit, Selbstkontrolle und Selbstrationalisierung der alltäglichen Lebensführung im Sinne der Erfordernisse der Erwerbssphäre auszeichnet.[9] Diese Entwicklungen gehen einher mit einer forcierten "inneren Landnahme",[10] durch die gesellschaftliche Bereiche in den Kapitalverwertungsprozess einbezogen werden, die im Fordismus der Marktlogik entzogen waren – mit der Folge, dass Dienstleistungen und öffentliche Infrastruktur, insbesondere in den Bereichen Transport und Kommunikation, Bildung und Erziehung, Gesundheit und Pflege, re-kommodifiziert und privatisiert werden. Darüber hinaus werden die sozialstaatlichen Sicherungssysteme selektiv eingeschränkt und Sanktionsmechanismen verschärft.[11]

Spätestens mit der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen der rot-grünen Bundesregierung (1998 bis 2005) ist dabei deutlich geworden, dass eine Analyse der sozialpolitischen Reformen als Rückzug des Staates jedoch in die Irre führt: Zu beobachten ist stattdessen ein Wandel der sozialstaatlichen Steuerungslogik, der zufolge (potenzielle) Leistungsempfänger nicht mehr als Träger von Rechten, sondern als zur Eigenverantwortung Verpflichtete und in diesem Sinne zu Aktivierende gelten. Aktivierende Sozial- und Arbeitsmarktpolitik schickt sich an, die vermeintlichen Passivbürger des fordistischen Wohlfahrtsstaats durch "Erziehung zu Marktlichkeit"[12] zu funktionsfähigen Arbeitsmarktsubjekten des flexibilisierten Kapitalismus zu machen. Die neue Devise heißt: Herstellen von Beschäftigungsfähigkeit und Erlernen individueller "Schadensminderung" (etwa durch vorbeugendes Verhalten) unter Androhung von Leistungskürzungen. "Im Zentrum der aktivierungspolitischen wohlfahrtsstaatlichen Programmatik steht der tendenzielle Übergang von der ‚Staatsversorgung‘ zur Selbstsorge, von der öffentlichen zur privaten Sicherheitsverantwortung, vom kollektiven zum individuellen Risikomanagement."[13] Diesem Übergang wird durch staatliche Politiken des (seltenen) Förderns und (häufigen) Forderns, des Kürzens und Kontrollierens der Weg bereitet.

Kurze Zeit sah es nach dem Platzen der US-Immobilienblase so aus, als sei auch der finanzdominierte flexible Kapitalismus an seine Grenzen gestoßen: Die Umverteilung der Einkommen zugunsten von Besserverdienenden und Kapitalbesitzern hat, unterstützt durch die (Teil-)Privatisierung der Altersvorsorge in vielen Ländern, riesige private Geldmengen hervorgebracht, die auf der Suche nach rentablen Anlagemöglichkeiten die partielle Verselbstständigung des globalen Finanzsektors bedingten.[14] Die Folge ist eine Vermögensanlagenkrise historischen Ausmaßes, deren systemische Ursachen ausgeblendet bleiben: "Die Zusammenhänge zwischen Finanzmarktkrise, Krise des Sozialstaats und Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge sind ebenso tabu wie es Debatten über eine Re-Regulierung der Arbeitsmärkte sind."[15] Stattdessen wächst durch die Verstaatlichung der privaten Verluste im Zuge der Euro- und Finanzkrise der Druck auf die öffentlichen Haushalte.

Im Schatten dieser Entwicklungen zeichnet sich in Deutschland eine Krise der sozialen Reproduktion ab,[16] unterminieren die skizzierten Entwicklungen doch die Reproduktion von eigener und neuer Arbeitskraft sowie die Sorge um diejenigen Gesellschaftsmitglieder, die darauf angewiesen sind: Gut ausgebildet, kreativ und flexibel sollen die Menschen sein, trotz zunehmender Prekarität und entgrenzter Arbeitszeiten für Kinder und Pflegebedürftige sorgen und als zivilgesellschaftliche Ressource einspringen, wenn öffentliche Leistungen abgebaut werden. Tatsächlich sind sie zunehmend erschöpft und ausgebrannt,[17] eine wachsende Gruppe verdient selbst in Vollzeitbeschäftigung nicht mehr genug, um die grundlegenden Lebensbedürfnisse zu befriedigen und viele werden schon in frühen Jahren in einem unterfinanzierten, nach oben wenig durchlässigen Bildungssystem zurückgelassen.

Wie schreiben sich diese, in der gebotenen Kürze ebenso zugespitzten wie verallgemeinerten Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit in die flexible Entgrenzung der Normalitätszonen ein? Welche Verwertungsstrategien und Lebensweisen, welche Ermächtigungen und Verwerfungen werden sichtbar, wenn sich der Blick auf die bewegten Randzonen des Sozialen richtet?


Fußnoten

1.
Vgl. Jürgen Link, Versuch über den Normalismus, Göttingen 1997.
2.
Vgl. Gesa Lindemann, Das Soziale von seinen Grenzen her denken, Weilerswist 2009.
3.
Vgl. Martin Kronauer, Exklusion, Frankfurt/M. 2002; Heinz Bude/Andreas Willisch (Hrsg.), Exklusion, Frankfurt/M. 2008.
4.
Judith Butler, Körper von Gewicht, Frankfurt/M. 1997, S. 23.
5.
Burkart Lutz, Der kurze Traum immerwährender Prosperität, Frankfurt/M. 1989.
6.
Vgl. Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage, Konstanz 2000.
7.
Vgl. Joachim Hirsch/Roland Roth, Das neue Gesicht des Kapitalismus, Hamburg 1990; Steffen Becker et al. (Hrsg.), Jenseits der Nationalökonomie?, Berlin–Hamburg 1997.
8.
Vgl. Alex Demirović/Thomas Sablowski, Finanzdominierte Akkumulation und die Krise in Europa, in: Prokla, (2012) 166, S. 80f.
9.
Vgl. G. Günther Voß/Hans J. Pongratz, Der Arbeitskraftunternehmer, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (1998) 50, S. 131–158.
10.
Vgl. B. Lutz (Anm. 5).
11.
Vgl. Christian Brütt, Workfare als Mindestsicherung, Bielefeld 2011.
12.
Stephan Lessenich, Der Sozialstaat als Erziehungsagentur, in: APuZ, (2012) 49–50, S. 60.
13.
Ders., Mobilität und Kontrolle, in: Klaus Dörre et al. (Hrsg.), Soziologie. Kapitalismus. Kritik, Frankfurt/M. 2009, S. 163.
14.
Vgl. Klaus Dörre, Die neue Landnahme, in: ders. et al. (Anm. 13), S. 21–86.
15.
Birgit Mahnkopf, Die "Satansmühle" der kapitalistischen Ökonomie oder: Der kapitalistische Realismus in der Krise, in: Sighard Neckel (Hrsg.), Kapitalistischer Realismus, Frankfurt/M.–New York 2010, S. 109f.
16.
Vgl. den Heftschwerpunkt von Luxemburg, (2012) 4, S. 6–62.
17.
Vgl. Stefanie Graefe, An den Grenzen der Verwertbarkeit, in: Karina Becker et al. (Hrsg.), Grenzverschiebungen des Kapitalismus, Frankfurt/M.–New York 2010, S. 229–252.
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