Spinnennetz mit Morgentau

18.3.2013 | Von:
Brigitte Hasenjürgen

Demokratische Migrationsgesellschaft: Zusammenleben neu aushandeln

Noch nie stand so viel Wissen über Migration bereit. Migration ist ein globales Phänomen: Es betrifft Migrierende wie auch diejenigen, die zurückbleiben oder die in der Zielregion leben und neue Nachbarn bekommen. Das Leben in Migrationsgesellschaften verlangt beziehungsweise ermöglicht, sich immer wieder in neuen Kontexten zu orientieren, andere Lebensweisen kennenzulernen und über selbst oder fremd gesetzte Grenzen hinauszudenken. So werden alte und neue Zugehörigkeiten mehr oder weniger konflikthaft markiert.[1] Die jüngeren Kultur- und Sozialwissenschaften beschäftigen sich explizit mit der Ambivalenz und der Vielschichtigkeit von räumlichen und kulturellen Grenzziehungen. Sie zeichnen die Widersprüchlichkeiten vermeintlich klar definierter Raum- und Kulturkonzepte nach und versuchen, Eindeutigkeiten als Mythen zu entzaubern. Trennlinien zwischen dem Eigenen und dem Fremden werden brüchig – steckt nicht in jedem etwas von einem Migranten, einer Migrantin?[2] Kurz gesagt: Durch Migrationen werden bestehende Grenzbetrachtungen problematisiert.

Die zeitgenössische Rede von Migration, ihre mediale Verarbeitung und der Mainstream des wissenschaftlichen Diskurses wirken jedoch im Vergleich zu den skizzierten grenzüberschreitenden Perspektiven erstaunlich starr. Die Idee einer homogenen Gesellschaft, die sich mit den Ordnungskategorien "Heimat", "Volk", "Nation" oder moderater mit "Kultur" fassen lässt, ist weiterhin lebendig. Zugleich scheint die Wirksamkeit von Zuschreibungen, die Migrantinnen und Migranten als anders verorten, nahezu ungebrochen. Wie wenig diese Bilder von den "Migrationsanderen"[3] mit der Lebenswirklichkeit der Individuen und Gruppen gemein haben, zeigen aktuell die Reaktionen auf die Neuzuwanderung von Frauen und Männern aus Bulgarien und Rumänien – darunter auch Angehörige der bulgarischen und rumänischen Minderheiten der Roma.

Weder die seit Jahrhunderten währende nachbarschaftliche oder berufliche Kommunikation mit deutschen Sinti und Roma noch die Auseinandersetzung mit Diskriminierung, Verfolgung und Vernichtung von europäischen Minderheiten ändern etwas an den Emotionen, mit denen "die Neuen" empfangen werden und die nicht allein die Sorge um Konkurrenzen auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt widerspiegeln. Die Bulgarinnen und Rumänen werden nicht gefragt, ob und wie sie sich selbst zu einer der zahlreichen verschiedenen Rom-Gruppen zugehörig fühlen oder diese repräsentieren möchten. Unabhängig davon, wie sie sich selbst positionieren möchten, werden sie nicht als europäische Bürgerinnen und Bürger, als Handwerker oder Krankenschwestern oder als Teile der Armen in der bulgarischen und rumänischen Bevölkerung auf der Suche nach einem besseren ökonomischen Auskommen, sondern als kulturell Fremde wahrgenommen und damit auf Abstand gehalten. Dabei wird erschreckend häufig an tradierte Vorstellungen von der Figur des "Zigeuners" und der "Zigeunerin" als kriminell veranlagt, ungebildet oder nicht integrierbar angeknüpft.[4]

Grenzen als Aushandlungsräume

Man sollte die gegenwärtige Konstellation – eine Zunahme der Armutswanderung im erweiterten Europa und darüber hinaus – nutzen, um neu über Migration zu denken und zu sprechen: und zwar nicht nur in der Avantgarde der Sozial- und Kulturwissenschaften oder in rassismuskritischen Gruppen und politisch aktiven Selbstorganisationen. In allen gesellschaftlichen Feldern braucht es breite Diskussionen darüber, wie Migrationen nicht in erster Linie als Grenzverletzungen – sei es von nationalen Grenzen, sozialräumlichen Lebensformen oder habituellen Gewohnheiten – interpretierbar sind. Auch die Vorstellungen, dass Wanderungsbewegungen sich wie "Ströme" und mit Pull- und Push-Faktoren berechnen und Integrationsprozesse sich politisch nach einheitlichen Standards kontrollieren ließen, sollten hinterfragt werden.

Die Einfügungen in neue Nachbarschaften, Bildungslandschaften oder soziale Dienstleistungen sind vielmehr auch Prozesse der Aushandlung unter den Migrierten wie den Nicht-Migrierten; sie verlaufen dementsprechend ungleichzeitig, variantenreich und widersprüchlich. Migrationen funktionieren also nicht wie Einbahnstraßen entlang von gesetzten Grenzen, sondern sie gestalten sich als komplexe Aktionsketten, deren Ausgestaltung grundsätzlich ergebnisoffen ist.

Die weltgeschichtliche Entwicklung lässt sich auf keine eindeutige ökonomische, politische oder anthropologische Triebkraft zurückführen. Die Entstehung der heutigen Zentren in Nordamerika, Asien und – zunehmend weniger zentral – Europa, der weltweite Handel mit allen Arten von Gütern und Diensten, die Entwicklung von transnationalen Netzwerken auf der Ebene des Finanzkapitals bis hin zu Verwandtschaftsökonomien sowie die große Vielfalt der Migrations- und Lebensformen lassen sich nicht auf einen Nenner bringen; viele Entwicklungen hätten auch anders verlaufen können.

Nicht nur die dominanten Wirkfaktoren, sondern auch Widerstand hat die globalen Entwicklungen geprägt. Und zwischen den Diskursen und Aktionsformen der weltweiten Widerstandsgruppen lassen sich ebenso Parallelen wie zwischen denen der herrschenden Kräfte feststellen.[5]

Auch das Bild von der "Festung Europa" geht fälschlicherweise von starren nationalen Grenzen um fest umrissene Territorien aus, die sich durch Justiz, Polizei und private Sicherheitsunternehmen kontrollieren lassen. Ein Konzept, das eher die Ungleichzeitigkeiten, das Fragile und Unvollständige von Handlungen und gewachsenen Strukturen betont, sieht in den Verantwortlichen weniger die allmächtigen Behörden, sondern "Institutionen der Improvisation", die dem Migrationsgeschehen hinterherlaufen. Mit dieser Perspektive können dann die institutionellen Praktiken wie die Handlungsstrategien der Individuen und Gruppen als Reaktionen auf ökonomische, politische und soziale Umbrüche und zugleich als Ergebnisse von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums begriffen und analysiert werden.[6]

Im Lichte einer solchen Perspektive, welche die Akteure in den Mittelpunkt rückt, verändern sich auch die Schablonen, die "Migrantinnen und Migranten" als exotische Pflanzen zeichnen, die aus Boden und Heimat entwurzelt in einem gänzlich neuen Lebensraum wieder integriert werden müssen. Kommen doch die Neuankömmlinge mit "entwickelten Persönlichkeiten" und stellen ihre Handlungsfähigkeit nicht zuletzt durch ihre "freie" Migrationsentscheidung – wenn auch unter nicht selbst gewählten Bedingungen – unter Beweis.[7] Dabei unterscheiden sich die Migrationsformen, -ziele und -folgen: von der temporären oder unabsichtlich beziehungsweise gewollt dauerhaften Migration in weit entfernte Regionen bis hin zu geografisch nahen, aber sozial-kulturell fernen Orten – etwa wenn Menschen aus kleinbäuerlichen Dorfmilieus in Großstädte migrieren.

Solche Ortsveränderungen zwischen geografischen und gesellschaftlichen Räumen haben vornehmlich soziale und geschlechtsspezifische Aspekte: Es migrieren Frauen und Männer aus spezifischen sozialen Milieus, die in bestimmten Geschlechter- und Klassenordnungen groß geworden sind. Sie bringen ihre Vorstellungen von "richtiger" Weiblichkeit und Männlichkeit und ihre Ängste und Träume von sozialen Ab- und Aufstiegen mit. In den neuen Orten und Sozialräumen werden sie ebenfalls als Geschlechtswesen klassifiziert und auf der Leiter der sozialen Ordnung positioniert; es ergeben sich neue "alte" Zuordnungen oder auch Chancen zur Überschreitung von Geschlechtergrenzen oder sozialen und weiteren Barrieren.

Nun sind Migrationsentscheidungen von Frauen und Männern nicht mit unbegrenzten Möglichkeiten zu verwechseln. Vielmehr suchen die Akteure das Bestmögliche auf der Basis der ihnen zur Verfügung stehenden Informationen und Ressourcen. Sie agieren in Netzwerken – oft im Rahmen von Familienökonomien; die Überweisungen von Geld und Wissen wirken auf familiäre und regionale Zusammenhänge in den Herkunftsregionen zurück. Orte, zu denen sich bereits Frauen und Männer aus dem eigenen Nahraum aufgemacht haben, gelten als erreichbar, die Sprachschwierigkeiten verschiedenster Art muten überwindbar an und die gleichwohl nötigen Anpassungsleistungen scheinen machbar.

In ihren "mentalen Karten" verknüpfen sie die bekannten lokalen Räume in ihrer Herkunftsregion mit spezifischen sozialen Räumen in der Zielgesellschaft; das Stadtviertel, die religiöse Landschaft oder das alltägliche Leben wirken so weniger fremd. Menschen, die aus- und einwandern oder zwischen Regionen pendeln, führen in ihrem Gepäck also nicht nationale Kulturen oder Identitäten mit sich, sondern erlernte Haltungen und bewährte Praktiken, an denen sie festzuhalten versuchen, die sie aber auch ablegen können. In jedem Fall gehen und kommen sie mit bislang nicht realisierten Zielen für Lebensprojekte, von denen sie glauben, sie woanders besser verwirklichen zu können.[8] Diese Projekte bieten Chancen für die Individuen wie auch für die kollektive Entwicklung.

Mehrfach war bereits von "Grenzen" die Rede – mit raum-zeitlichen, politisch-ökonomischen oder sozial-kulturellen Bedeutungen. Grenzen sind nicht als offensichtlich und gegeben, sondern als dynamisch und variabel zu begreifen. Ein solches Verständnis fasst Grenzen nicht nur als Begrenzungen (Grenzlinien) oder als Hindernisse (Grenzschranken), sondern auch als Räume, in denen und über die verhandelt werden kann. Damit einhergehende Konflikte um Grenzschließungen und -öffnungen, um Übergänge und Grenzbereiche gehören dann selbstverständlich dazu. Von Interesse ist jedoch, wann und warum, wie und wo gestritten wird und wer sich daran beteiligt.

Fußnoten

1.
Vgl. Dirk Hoerder, Migrationen und Zugehörigkeiten, in: Emily S. Rosenberg (Hrsg.), Geschichte der Welt 1870–1945, München 2012, S. 433–588.
2.
Vgl. Gerald Lamprecht/Ursula Mindler/Heidrun Zettelbauer (Hrsg.), Zonen der Begrenzung. Aspekte kultureller und räumlicher Grenzen in der Moderne, Bielefeld 2012; Peter Geschiere, The Perils of Belonging. Autochthony, Citizenship, and Exclusion in Africa and Europe, Chicago–London 2009; Transit Migration Forschungsgruppe (Hrsg.), Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas, Bielefeld 2007².
3.
Das Kunstwort "Migrationsandere" zeigt das Problem der pauschalisierenden Zu- und Unterordnungspraktiken einer "Wir-Gruppe" gegenüber den "Nicht-Wir" an. Vgl. Paul Mecheril et al., Migrationspädagogik, Weinheim–Basel 2010, S. 17.
4.
Vgl. zur sozialen Konstruktion der "Zigeuner": Klaus-Michael Bogdal, Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung, Frankfurt/M. 2011; Alexandra Bartels et al. (Hrsg.), Antiziganistische Zustände 2. Kritische Positionen gegen gewaltvolle Verhältnisse, Münster 2013.
5.
Vgl. zu dieser Art einer dynamischen Geschichtsbetrachtung: E.S. Rosenberg (Anm. 1).
6.
Vgl. zu den europäischen "Institutionen der Improvisation" und zu "Grenzen als Aushandlungsräumen": Transit Migration (Anm. 2). Wie eine Anekdote liest sich beispielsweise der Hinweis in dem jüngsten Migrationsbericht, dass die geringen Zuwanderungszahlen im Dezember vermutlich auch den geänderten Öffnungszeiten der Meldeämter geschuldet seien. Vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hrsg.), Migrationsbericht 2011. Zentrale Ergebnisse, Berlin 2013, S. 25.
7.
Ich folge weitgehend der Perspektive des Historikers D. Hoerder (Anm. 1), S. 441.
8.
Vgl. ebd., S. 469, S. 480.
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