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18.3.2013 | Von:
Brigitte Hasenjürgen

Demokratische Migrationsgesellschaft: Zusammenleben neu aushandeln

Wider kulturelle Grenzen

"Kultur" – dieser emotional und normativ aufgeladene Begriff wird häufig genutzt, um Differenzen zu markieren. Soziale Auseinandersetzungen werden als Konflikte zwischen Gruppen beschrieben, die in sich homogen und nach außen klar umgrenzt scheinen. So als würden alle Christinnen und Musliminnen, Deutsche und Türken oder Roma, Kurden und Tuareg aufgrund ihrer Religion, Staatsangehörigkeit und selbst übernommener oder fremdbestimmter Gruppenzugehörigkeiten jeweils ähnlich handeln, denken und fühlen. Mit diesem Verständnis von Kultur als einem stabilen System von Orientierungen und Zwängen – etwa in Form von Sprachen, Symbolen oder Traditionen – sind viele Bürgerinnen und Bürger der Migrationsgesellschaft Deutschland aufgewachsen; das betrifft Migrantinnen wie Nicht-Migranten.

Die Rede von kulturellen Unterschieden ist so vertraut, dass sie ganz natürlich zu sein scheinen; man meint diese Unterschiede quasi selbst fühlen zu können. In der Kommunikation im Kollegium, in der Nachbarschaft und im Verein hat das Deutungsmuster "Kulturdifferenz" denn auch einen hohen Plausibilitätswert. Es erfährt nur selten grundlegenden Widerspruch – weder in den Medien noch in Schule und Wissenschaft. "Interkulturelle Trainings", "Dialoge der Kulturen" oder "Kulturfeste" setzen sich zwar positiv für mehr Toleranz und das friedliche Zusammenleben in der Migrationsgesellschaft ein; stillschweigend beschwören sie aber Kulturdifferenzen.

Gegenüber diesem gut eingespielten und sich selbst verstärkenden Interpretationsrahmen haben Entwürfe, die das Prozesshafte und Dynamische an "Kultur" betonen, einen schweren Stand. Dabei vermögen sie das Zusammenleben in kulturell komplexen Gesellschaften weit realistischer einzufangen. Blendet doch die Idee, Menschen entlang eindeutiger Kulturgrenzen unterscheiden und in Kulturkästchen einsortieren zu können, aus, wie variantenreich, widersprüchlich und auch eigensinnig gesellschaftliche Praktiken sind. Sozialisierte Frauen und Männer mit verschiedenen Interessen und Vorlieben und unterschiedlichen Machtressourcen werden so auf ihre kulturelle Zugehörigkeit reduziert. Es wird nicht gefragt, ob solche vorgestellten Zugehörigkeiten gewählt, angeboten oder aufgezwungen wurden, ob und wie Individuen in privaten oder öffentlichen Räumen je unterschiedlich auf kulturell geprägte Handlungsmuster zurückgreifen, ob sie sich gleichzeitig mehreren "natio-ethno-kulturellen" (Paul Mecheril) Zusammenhängen verbunden fühlen und schließlich wie sich Zugehörigkeitsgefühle im biografischen Verlauf auch verändern.

Die kritische Auseinandersetzung mit dem herkömmlichen Kulturbegriff verdankt sich wesentlich den sozialen Bewegungen gegen Kolonialismus, Rassismus und patriarchale Ordnungen. Sie konnten verdeutlichen, wie mit kulturellen und geschlechterorientierten Differenzsetzungen immer auch Bewertungen verbunden sind und somit Hierarchien zwischen Kulturen und Geschlechtern bestätigt und erneuert werden. Migrantinnen haben beispielsweise die Gesellschaft Deutschlands aktiv mitgeprägt; dass ihr Beitrag sträflich unterschätzt wird, ist ein Zeichen dafür, wie Machtverhältnisse wirken, in denen Grenzziehungen entlang sogenannter kultureller Unterschiede – hier zwischen den weißen und nicht-weißen Frauen – funktionieren.[9]

Ein anderer, "bedeutungs- und wissensorientierter" Kulturbegriff liest die übliche Unterscheidung zwischen den Kulturen gegen den Strich: Kultur ist nicht einfach, sondern geschieht. Unterschiedliche Praktiken und Wertvorstellungen entstehen, indem soziale Gruppen unter differenten ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen strategisch handeln. Dabei greifen sie auf Kultur als eine Art "Werkzeugkiste" mit Ordnungs- und Deutungsmustern zurück, mit denen sie ihren Handlungen Sinn und Bedeutung verleihen.[10]

Nur auf den ersten Blick liefert der Verweis auf kulturelle Unterschiede einfache Antworten. Das Infragestellen des hohen Stellenwerts von Kultur kann dagegen den Blick auf soziale Konflikte entdramatisieren und helfen, für Alltags- und Strukturprobleme jenseits etablierter Zurechnungen und Abgrenzungen Problemdiagnosen zu verbessern. Verantwortliche in Bildung, Justiz und Medien, in der Sozial- und Integrationspolitik deuten jedoch soziale Probleme allzu schnell als Probleme des kulturellen Unterschieds. "Migrantinnen und Migranten" wird oft so begegnet, als seien sie gerade angekommen, obwohl sie in Deutschland aufgewachsenen oder seit Langem eingebürgert sind und fließend Deutsch sprechen; deutsche Sinti und Roma sind auch 600 Jahre nach ihrer Einwanderung nicht davor geschützt, als Fremde abgewertet und ausgeschlossen zu werden.

An allen gesellschaftlichen Orten, in denen um menschenfreundliche Bildung, humanitäre Arbeitsbedingungen oder Rechte von Flüchtlingen gestritten wird, sind die Beteiligten herausgefordert, diese (un-)heimliche Vorliebe für das Kulturalisieren von Problemen zu überdenken. In Kitas und Schulen sowie in der Kommune müssen sich die Akteure fragen, welche Folgen es hat, wenn Konflikte zwischen Schülern und Lehrerinnen, Kindern und Erziehern oder Jugendlichen und Nachbarn tagtäglich auf kulturelle Differenzen und fehlende Gemeinsamkeiten zurückgeführt werden. Journalistinnen und Journalisten, die komplexe soziale Probleme wie Bildungs- oder Einkommensarmut wider besseres Wissen mit der Kulturzugehörigkeit beziehungsweise der "Bildungsferne" der Betroffenen erklären, sollten sich fragen, ob sie lediglich bewährte Interpretationsmuster bedienen möchten. Politisch Aktive in Parteien, in Vereinen und Nichtregierungsorganisationen, in Glaubens- und Kulturgemeinschaften müssen prüfen, inwiefern sich auch für sie Kulturalisierungen als nützlich erweisen, um an den herrschenden Machtverhältnissen nicht rütteln, ein selektives Bildungssystem nicht reformieren, die eigene Definitionsmacht nicht infrage stellen zu müssen.

Für die Debatte um gerechtere und solidarischere Formen des Zusammenlebens sind die Grenzziehungen entlang von "Kulturen", Staatsbürgerschaften oder Sprachen nicht unbedingt förderlich. Was eine demokratische Migrationsgesellschaft auszeichnet, ist nicht ein national, religiös oder kulturell begründeter Wertekonsens. Eine "Kultur", die von 82 Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen in Deutschland kollektiv geteilt wird, wäre ein Horror. Die Propagierung kulturell homogener Nationen mit einer "Leitkultur" bekräftigt lediglich die kulturellen Vorherrschaften und muss als "symbolische Gewalt" (Pierre Bourdieu) gegenüber missliebigen oder randständigen Gruppen verstanden und kritisiert werden.

Migration als Chance, alte Fragen neu auszuhandeln

Grenzüberschreitungen – mit den Füßen wie in den Köpfen – sind charakteristisch für eine Migrationsgesellschaft. Migrationen und transnationale Lebenskonzepte sind als denkbare, erzwungene oder ertrotzte Reaktionen auf Wirtschaftskrisen und soziales Elend, Diskriminierung und Rassismus zu verstehen und als Formen der Ressourcenoptimierung wie der Überlebenskunst wertzuschätzen. Auch die durch Migration ausgelösten oder verstärkten Verteilungs- und Anerkennungskonflikte und die damit einhergehenden Gefühle von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit sind einem Zusammenleben von Individuen nicht abträglich. Migration ist dann kein Problem, wenn durch ein gerechtes Bildungssystem, Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt und hinreichende Teilhabemöglichkeiten sichergestellt ist, dass sich alle jenseits ihrer herkunftsbedingten Sozialisationsgeschichten als Bürgerinnen und Bürger selbstverständlich anerkannt fühlen und gleichberechtigt am ökonomischen, politischen und kulturellen Geschehen teilhaben können.

Bildung steht Kindern und Jugendlichen aller Nationen, Sprachen und sozialen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten nur bedingt offen. Jugendliche aus Migrationsfamilien sind in gymnasialen Bildungsgängen deutlich unterrepräsentiert, sie besuchen überproportional häufig die Hauptschule und die Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen und stellen an den Hochschulen eine – nach diesem Bildungsvorlauf nicht verwunderlich – "stark selektierte Gruppe" dar.[11]

Diese Momentaufnahme bedeutet allerdings nicht, dass Jugendliche aus Migrationsfamilien eine homogene soziale Gruppe, geschweige denn eine "Problemgruppe" bilden; sie haben dieselben Lebensbewältigungsstrategien wie die Jugendlichen, die keine persönlichen oder familiären Migrationsgeschichten zu erzählen wissen. Im Generationenverlauf haben höherwertige Bildungsabschlüsse von Jugendlichen aus Migrationsfamilien stetig zugenommen; mit Blick auf die Anhäufung von "Bildungskapital" (Pierre Bourdieu) als Familienprojekt verlaufen ihre Bildungskarrieren erfolgreich. Schließlich spielt der sozio-ökonomische Status der Eltern wie bei allen Jugendlichen in Deutschland eine weit elementarere Rolle für den eigenen Bildungserfolg als der Faktor "Kultur" – ein Kennzeichen für die Handlungsroutinen eines ungerechten Bildungssystems, das vor allem die herrschende soziale Ordnung reproduziert.

Die Diskussionen um Probleme von "Migrantinnen und Migranten" lenkt den Blick auf fortbestehende Ungleichheitsstrukturen: Nicht nur der seit den 1960er Jahren skandalisierte Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungschancen wird durch einen entkulturalisierten Blick auf "Migration und Bildung" wieder zu einem neuen Thema.

Auch von einem Mindestlohn und weniger prekären Beschäftigungsverhältnissen profitieren alle. Familien mit Migrationsbiografien sind zwar überdurchschnittlich armutsgefährdet, primäre Ursache ist jedoch für alle von Armut Betroffenen die Erwerbslosigkeit; die Nichtanerkennung von Qualifizierungen, Arbeitsverbote für Flüchtlinge und weitere Diskriminierungen können dann erschwerend hinzukommen. So ist auch schwer nachvollziehbar, wieso sich ausgebildete Handwerker und Handwerkerinnen – der türkische Schlosser, die bulgarische Friseurin oder der deutsche Koch – nicht auch ohne den Meistertitel selbstständig machen können.

Ebenso kann das Thema "Migration und Religion" dazu ermutigen, nach Lösungen für lange bestehende Probleme mit kirchlichen Tendenzbetrieben zu suchen. Davon profitieren auch nicht christliche wie konfessionslose, geschiedene, lesbische und schwule Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Über ein breites Angebot preiswerter und infrastrukturell erschlossener Wohnungen freuen sich nicht nur "Migrantinnen und Migranten" – soziale Gettos und "Parallelwelten" sind vor allem Folgen der Verdrängung von Armut an die Stadtränder und von raumgreifendem Reichtum in geografisch günstiger Lage. Auch die Frage der (Wahl-)Beteiligung von Ausländern und Ausländerinnen bietet einen Anlass, Beteiligungsstrukturen im politischen Raum zu überdenken. Mehr Rechte auf Freizügigkeit über Grenzen hinweg würden eine unnötige Kriminalisierung von Migration, die Elend und Unsicherheit für Betroffene, aber auch bürokratischen Aufwand und enorme Kosten bedeuten, verhindern. Schließlich sollten die 182 von zivilgesellschaftlichen Organisationen dokumentierten Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt seit 1990 als Zäsur begriffen werden, um deutlicher als bislang den Widerstand gegen Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus auf die politische Agenda zu setzen.[12]

Die Neuaushandlungen von Anerkennungs- und Teilhabefragen beispielsweise im Bildungs- und Arbeitsbereich berühren Machtfragen und verlaufen daher nicht konfliktlos. Sie bergen aber Chancen für alle. Es sind Lernfelder, in denen kreativ und fehlerfreundlich, selbstreflexiv und rassismuskritisch mit Positionierungen und Grenzerfahrungen experimentiert wird.[13]

Wie kann es gelingen, dass zum einen menschliche Wünsche nach Orientierung und Sinngebung mittels kultureller oder religiöser Deutungsmuster respektiert werden, ohne dass diese Anerkennung von Kulturalität und Religiosität determinierende Haltungen weiter stabilisiert? Wie können kulturelle Gemeinschaften und Selbstorganisationen, die für Individuen einen haltgebenden oder aktivierenden Handlungsrahmen bieten, unterstützt werden, ohne dass damit Gruppensprecher und -sprecherinnen gefördert werden, die stellvertretend für ihre Anhänger und Anhängerinnen kulturelle Identitätspolitik betreiben und dabei primär ihre eigenen Interessen im Auge haben?

Kurzum: Nicht ein gemeinsam geteilter Kultur- und Wertehimmel, sondern die immer wieder neu auszuhandelnde Verständigung darüber, wie alle Beteiligten zusammenleben wollen, ist tragend für eine demokratische Migrationsgesellschaft. Migration wurde im vorliegenden Artikel als Anlass für überfällige Neuaushandlungen von unterschiedlichen gesellschaftlichen Problemen skizziert. Ist doch die Re-Thematisierung "alter" Ungleichheitsstrukturen, die der Veralltäglichung anheimgefallen sind, für alle Bürgerinnen und Bürger von Gewinn.

Fußnoten

9.
Vgl. für einen differenzierten Blick auf die Frauenbewegungen: Ilse Lenz (Hrsg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung, Wiesbaden 2010².
10.
Vgl. zur Entwicklung eines "bedeutungs- und wissensorientierten" Kulturbegriffs: Andreas Reckwitz, Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms, Göttingen 2006; vgl. für einen Überblick über die Kulturdiskussion: Brigitte Hasenjürgen, Kultur, Transkultur, Demokratische Kultur, in: Marianne Genenger-Stricker/dies./Angelika Schmidt-Koddenberg (Hrsg.), Transkulturelles und interreligiöses Lernhaus der Frauen. Ein Projekt macht Schule, Opladen 2009, S. 37–54.
11.
Vgl. Deutsches Jugendinstitut e.V. (Hrsg.), Schulische und außerschulische Bildungssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Jugend-Migrationsreport. Ein Daten- und Forschungsüberblick, München 2012, S. 168f.; Autorengruppe Bildungsberichterstattung, Bildung in Deutschland 2012. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur kulturellen Bildung im Lebenslauf, Bielefeld 2012; Ländervergleich der OECD, International Migration Outlook 2012, Paris 2012; Lebenslagen in Deutschland. Entwurf des 4. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung, Berlin 2012, S. 119.
12.
Vgl. Amadeu Antonio Stiftung et al., Mut gegen rechte Gewalt. Das Portal gegen Neonazis, 23.11.2011, http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/chronik-der-gewalt/todesopfer-rechtsextremer-und-rassistischer-gewalt-seit-1990« (17.2.2013).
13.
Vgl. den hervorragenden Entwurf einer "Migrationspädagogik" von P. Mecheril et al. (Anm. 3).
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