Spinnennetz mit Morgentau

18.3.2013 | Von:
Heidi Hein-Kircher

"Deutsche Mythen" und ihre Wirkung

Der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie stellt mit Blick auf eine seiner Ansicht nach unzureichende europäische Identität ernüchternd fest, dass die Europäische Union "vergessen (habe), ihren Bürgern eine funktionierende Geschichte zu erzählen".[1] Dieses Zitat verweist darauf, dass politisch verfasste Gemeinschaften ein einigendes Band vor allem durch kollektive Identität bedürfen. Ein solches "Wir-" und Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht nicht zwangsläufig, sondern erst nachdem ein Bedürfnis hierzu durch eine "funktionierende Geschichte" – die erklärt, warum man sich als Gemeinschaft empfinden soll – entwickelt wird. Hier kommt der Erinnerungskultur eine bedeutende Rolle zu, denn solche "funktionierenden Geschichten" werden durch ihre jeweiligen Elemente vermittelt. Als letztere werden vielfältige, zugleich aber auch historisch-kulturell variable Konzepte und Praktiken verstanden, die zu den grundlegenden Formen menschlicher Vergesellschaftung gehören, weil sie diese integrieren, Kohärenz und Legitimation schaffen. Daher sind insbesondere für moderne, weder religiös noch ständisch legitimierte Gesellschaften Erinnerungskulturen von immenser Bedeutung,[2] weil sich durch sie eine als Schicksalsgemeinschaft empfundene soziale Großgruppe selbst darstellen und erklären kann.[3]

Ein wichtiges Element von Erinnerungskulturen sind politische Mythen, weil sie als Sinngeneratoren für eine politisch verfasste Gemeinschaft wirken. Jede soziale Großgruppe besitzt daher ein gewisses Repertoire an politischen Mythen, das im Laufe der gesellschaftlich-politischen Veränderungen den jeweiligen Gegebenheiten entsprechend angepasst wird und je nach gesellschaftlicher Situation besonders aktiviert werden kann. Dieses gilt auch für demokratisch verfasste Gesellschaften, sodass die häufig geäußerte Vorstellung, dass politische Mythen ein Charakteristikum lediglich nicht-demokratisch verfasster Gesellschaften seien, ein Irrtum ist. Wie im Folgenden gezeigt wird, sind "deutsche Mythen" konstitutiv für den "gesellschaftlichen Zusammenhalt" in Deutschland.

Vorweg bleibt anzumerken, dass die Analyse politischer Mythen nicht die einzelnen Ereignisse oder Personen infrage stellt, sondern den narrativen Umgang mit dem behandelten Ereignis oder der verklärten Person und dessen Entwicklung in historischer Perspektive analysiert. Sie hinterfragt diese mythisch interpretierte Narration mit Blick auf die Funktionen für eine Gesellschaft; sie will aber nicht persönliche Schicksale und Gefühle infrage stellen oder gar anprangern. Unter dieser Prämisse folgen nach einer knappen theoretischen Grundlegung Überlegungen zur Entwicklung und dem Wandel "deutscher Mythen". Hierbei wird bewusst auf eine umfangreiche Aufzählung und Darstellung verzichtet. Vielmehr wird anhand jeweils exemplarisch verstandener "deutscher Mythen" versucht, zum Verständnis "deutscher Identität" beizutragen.

Wenn auch im heutigen Sprachgebrauch "Mythos" zahlreich und wenig reflektiert genutzt wird, so ist ein politischer Mythos klar zu definieren. In Abgrenzung zum religiösen, der eine transzendentale Komponente hat, lässt sich "politischer Mythos" als stereotypisiertes, verfestigtes Geschichtsbild und zugleich als emotional konnotierte Narration zur Erklärung der Ursprünge und Gründung einer sozialen Großgruppe definieren.[4] Ein Mythos ist also immer dann ein politischer, wenn er sich auf eine wie auch immer verfasste politische Gemeinschaft bezieht und ihre Entwicklung und ihr Wesen definiert: "Vor der Folie vergangener Erfahrungen erklären politische Mythen damit gegenwärtige und gesellschaftliche Probleme und leiten daraus verbindliche Aussagen und Ziele für die Gemeinschaft ab und (stellen) die ältere und/oder jüngere Vergangenheit selektiv (…) und idealisierend"[5] dar. Da die Vergangenheit somit "mythisch gelesen"[6] wird, beruhen politische Mythen auf einem historischen Kern, verklären aber Ereignisse und Entwicklungen im Sinne der intendierten kommunikativen Ziele.

Hierbei rekurrieren sie auf den "ewigen Kampf zwischen Guten und Bösen",[7] wodurch es zu einer Abgrenzung zwischen dem Eigenen und dem Fremden kommt. Die erinnerten Ereignisse werden stark vereinfacht, auf die jeweilige Botschaft hin zugespitzt und idealisiert, indem sie nicht passende Aspekte ausblenden. Schwer Erklärbares kann so für jeden Angehörigen einer Gemeinschaft klar nachvollziehbar werden – nur so kann die mythische Narration Sinn stiften und Orientierung geben.

Während Erinnerungsorte (lieux de mémoire) vor allem Assoziationen hervorrufen und eine Sammlung durchaus unterschiedlicher nicht zielgerichteter Narrative darstellen, sind politische Mythen "auf das politisch-soziale Geschehen (gemünzt) und (verleihen) diesem Geschehen eine spezifische Bedeutung",[8] woraus sich im Wesentlichen legitimierende, integrierende und Kohärenz vermittelnde Funktionen einerseits, andererseits aber kommunikative und mobilisierende Funktionen ableiten lassen, die im Einzelnen zu kontextualisieren und zu differenzieren sind. Durch die Sinngebungs- und Orientierungsfunktion erleben politische Mythen daher gerade in Phasen gesellschaftlicher Unsicherheit, in Umbruchs- und Krisenphasen, die von gesellschaftlichen Integrations-, Identitäts- und Legitimationsdefiziten begleitet werden, Konjunkturen. Hierbei lässt sich das Mythenrepertoire als gesellschaftliche "Leistungsschau"[9] beschreiben. Dadurch weisen die Botschaften politischer Mythen auf die Befindlichkeiten der in der Gesellschaft regierenden Kräfte hin, denn sie vermitteln nicht nur ein Geschichtsbild, sondern auch Werte und Anschauungen.

Politische Mythen sind wegen ihrer semantischen Struktur wandelbar, sodass ihre Narration an die jeweiligen Verhältnisse angepasst werden kann. Sie bauen auf analogen Grundmustern auf, wobei die genaue inhaltliche Ausgestaltung vom jeweiligen Kontext abhängig ist, um verstanden werden zu können. Denn wenn die Zielgruppe, also die Angehörigen der jeweiligen Gesellschaft, mit dem narrativen Kern nicht vertraut ist, kann der Mythos seine kommunikative und mobilisierende Kraft nicht entfalten. Sie müssen daher fest im kollektiven Gedächtnis verankert werden,[10] indem beispielsweise Denkmäler, politische Symbole (etwa Briefmarken) und Gemälde sie visualisieren, politische Feiern sie ritualisiert umschreiben und sie auf verschiedene Weise und unterschiedlichem intellektuellen Niveau beispielsweise durch Straßennamen, Literatur, Schul- und Geschichtsbücher, aber auch durch Filme narrativ paraphrasiert werden. Sie können ihre Wirkung nur entfalten, wenn sie innerhalb der sozialen Großgruppe unumstritten sind. Hierfür ist es von Bedeutung, dass die Mythenmacher und -förderer die Deutungsmacht innehaben, die wiederum nur von denen ausgeübt werden kann, die politische Führung innehaben. Gegennarrative zur "offiziellen" Narration konnten sich zwar jeweils in der eigenen Gruppe (etwa in der Arbeiterbewegung) etablieren, eine Verankerung im gesamtgesellschaftlichen Mythenrepertoire haben sie jedoch nicht gefunden – sie zeigen aber deutlich, wie kohärent oder gespalten eine Gesellschaft ist.

Fußnoten

1.
Rheinische Post vom 30.1.2013.
2.
Vgl. Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, Stuttgart–Weimar 2005, S. 34; Mathias Berek, Kollektives Gedächtnis und die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Wiesbaden 2009, S. 184.
3.
Vgl. Heidi Hein-Kircher, Zur "mythischen Lesart der Wirklichkeit", in: Hans Henning Hahn/Robert Traba (Hrsg.), Deutsch-polnische Erinnerungsorte, Bd. 4: Reflexionen, Paderborn (i.E. 2013), S. 133–143.
4.
Vgl. Heidi Hein-Kircher, Überlegungen zu einer Typologisierung von politischen Mythen aus historiographischer Sicht – ein Versuch, in: dies./Hans Henning Hahn (Hrsg.), Politische Mythen im 19. und 20. Jahrhundert in Mittel- und Osteuropa, Marburg 2006, S. 424.
5.
Dies. (Anm. 3).
6.
Jean Poullion, Die mythische Funktion, in: Claude Lévi-Strauss (Hrsg.), Mythos ohne Illusion, Frankfurt/M. 1984, S. 69.
7.
Yves Bizeul, Theorien der politischen Mythen, in: ders. (Hrsg.), Politische Mythen und Rituale in Deutschland, Frankreich und Polen, Berlin 2000, S. 17.
8.
Frank Becker, Begriff und Bedeutung des politischen Mythos, in: Barbara Stollberg-Rilinger (Hrsg.), Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?, Berlin 2005, S. 131.
9.
H. Hein-Kircher (Anm. 4), S. 409.
10.
Vgl. dies., Historische Mythos- und Kultforschung, in: Mythos, 2 (2006), S. 38–41.
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Autor: Heidi Hein-Kircher für bpb.de
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