Spinnennetz mit Morgentau

18.3.2013 | Von:
Marcus Meier

"Christlich-jüdische Leitkultur"? Fallstricke bei der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus

Im Bericht des unabhängigen Expertenkreises zur Erforschung des Antisemitismus im Auftrag des Bundesministeriums des Innern (BMI) wird festgehalten, dass antisemitische Einstellungen nach einem Rückgang gegen Mitte des vergangenen Jahrzehnts jüngst wieder angestiegen sind. Eindringlich warnt die Expertenkommission vor einer tiefen Verwurzelung klischeehafter Judenbilder und antisemitischer Einstellungen in Deutschland. Man beobachte bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitete alltägliche judenfeindliche Tiraden und Praktiken. Bis zu 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland seien zumindest latent antisemitisch. So gehöre vielerorts "Du Jude" als Schimpfwort auf den Schulhöfen fast schon zur Normalität. Sätze wie "Juden gehören in die Gaskammer" oder "Auschwitz ist wieder da" seien laut Bericht bei Wettkämpfen in Fußball-Regionalligen keine Seltenheit. Darüber hinaus wird kritisiert, dass keine umfassende Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland existiert.[1]

Die antisemitischen Einstellungen stehen dabei in einem irritierenden Kontrast zu der seit einigen Jahren propagierten "christlich-jüdischen Leitkultur". Hierin wird die jüdische Kultur als zentraler Eckpfeiler einer über Jahrhunderte entwickelten Symbiose mit den christlichen Werten für die deutsche Identität dargestellt. Führende Politikerinnen und Politiker sprachen von "der christlich-jüdischen Tradition",[2] die unsere kulturellen Wurzeln darstellten.

Diese Debatte entwickelte sich vor dem Hintergrund eines zunehmend bipolaren und statisch interpretierten Kultur- und Religionsverständnisses: Spätestens seit der Jahrtausendwende wird intensiv über einen vermeintlichen "Kampf der Kulturen" und der Religionen diskutiert. In diesem Zusammenhang führte der Politikwissenschaftler Bassam Tibi auch den Begriff der "Leitkultur"[3] ein, der in seinem Konzept für die Herausbildung einer europäischen Identität steht. Hiermit meint er die Einforderung "westlicher Wertevorstellungen", die ein Bekenntnis zu Demokratie, Säkularismus, Aufklärung, Menschenrechten und Zivilgesellschaft umfassen. Scheinbar Bezug nehmend auf Tibi wurde eine öffentliche Debatte über die "deutsche Leitkultur" angestoßen, in der insbesondere Verfassungstreue und Sprachkompetenz von Einwanderern zusammen mit einem Bekenntnis zur "deutschen Leitkultur" sowie "deutschen Identität" eingefordert wurden.[4] Allerdings machte Tibi auf die verzerrte Rezeption seiner Thesen zu Kultur, Identität und Migration in der deutschen Öffentlichkeit aufmerksam. Insbesondere in der Debatte um die "deutsche Leitkultur" seien seine Thesen fälschlicherweise als Gegenbegriff zum "Multikulturalismus" dargestellt worden.[5]

Im Zuge dieser Debatte entwickelte sich eine positive Bezugnahme auf jüdische Kultur und Religion als wesentliche Bestandteile einer "deutschen Leitkultur", oftmals verbunden mit einer scharfen Abgrenzung gegenüber dem Islam.[6] Es mehrten sich die Diskussionen über eine jahrhundertealte christlich-jüdische Symbiose, die durch den Nationalsozialismus unterbrochen worden sei.

Selbst bei einer oberflächlichen Betrachtung der Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland wird rasch deutlich, dass es nie eine christlich-jüdische Symbiose gab. Eine jahrhundertelange Tradition der Verfolgung, Diskriminierung und Pogrome in Deutschland und anderen europäischen Staaten gegen Juden bestimmt vielmehr das historische Bild des christlich-jüdischen Verhältnisses. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts stand rabbinisches Denken unter Verdacht, sich abzuschotten, grundsätzlich fremd zu sein und die christliche Kultur zu unterminieren. Es dominierte die Vorstellung vom "Juden" als verschlagenen Ausbeuter, der als Antipode zu "den Deutschen" stigmatisiert wurde. Bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich vor allem die Identitätsbestimmung der "Deutschen" als Gegenbild zu allem Jüdischen fest. Der deutschen Innerlichkeit und Kultur wurde das "zersetzende und vagabundierende" Jüdische gegenübergestellt, was dann im Nationalsozialismus zur alles bestimmenden Maxime erhoben wurde. Selbst im 19. Jahrhundert, als es zur jüdischen Emanzipation und formalen Gleichstellung kam, waren Juden Außenseiter und nie Teil der europäischen Mehrheitsgesellschaften.[7]

Der Bezug auf eine irgendwie geartete "Leitkultur" ist mit weiteren blinden Flecken verbunden: Sowohl die deutsche Geschichte des Antisemitismus als auch der gegen Migranten gerichtete Rassismus werden hierbei ausgeblendet. Zudem wird für eine säkularisierte Gesellschaft ein omnipräsenter religiöser Identitätsbezug hergestellt, der mit den realen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht mehr übereinstimmt.[8] Neben der ausgrenzenden Wirkung gegenüber allen, die nicht dem "Christlich-Jüdischen" zuzuordnen sind, wird aber auch die jüdische Kultur und Religion wieder mit Zuweisungen versehen. So schreibt der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Salomon Korn, dass in dieser Debatte "den Juden" wieder eine Rolle zugewiesen werde, die er als "Funktionsjude" umreißt: "Die Deutschen brauchen die anderen, um zu sagen, wer sie selbst sind oder sein könnten."[9] Neuerdings würden die "Funktionsjuden" in die "christlich-jüdische" Kulturdebatte inkorporiert, um gemeinsam "gegen den neuen Fremden",[10] den Islam, anzugehen. Schon einige Jahre zuvor hatte Korn herausgearbeitet, dass es auch in der Gesamtentwicklung jüdischen Lebens in Deutschland keine christlich-jüdische Symbiose gegeben habe. Die unhistorische Einordnung über eine kulturelle Verflechtung christlicher und jüdischer Kultur in Deutschland werde stattdessen instrumentell eingesetzt. Der Mythos der christlich-jüdischen Symbiose sei auch deshalb verwendet worden, um sich selbst nicht einzugestehen, dass ein großer Teil der Bevölkerung die Politik der Nationalsozialisten gegen die Juden befürwortete.

Den Mythos ordnet Korn in einen Zusammenhang mit der "permanente(n) Abwehr des ungeheuerlichen Eingeständnisses" deutscher Schuld ein, denn durch die "Vertreibung und Vernichtung der Juden im kollektiven Bewusstsein der Deutschen"[11] sei nicht wirklich etwas verloren gegangen. Mit dieser Feststellung verweist Korn auch auf die fehlgeleitete historische Einordnung der christlich-jüdischen Beziehungen. Denn dann könnte herausgearbeitet werden, dass im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert auch in unterschiedlichen Literaturgenres "der Jude" negativ konnotiert war, der als Fremder und Gegenbild zum "Deutschen" stigmatisiert wurde. "Die Juden" und ihre Sprache, das Jüdisch-Deutsche, wurden als zersetzendes Element für die Gesellschaft entdeckt und stigmatisiert. Bis in die Gegenwart ist offensichtlich das Thema der Juden als "die Anderen" problematisch und keinesfalls nur in neonazistischen Kreisen verhaftet geblieben.

Gerade an diesem Punkt wird deutlich, dass die Diskussion um die "christlich-jüdische Leitkultur" insbesondere im Kontext einer historischen Bildung gegen Antisemitismus in die falsche Richtung weist. Die bipolare Zuordnung zu "den Deutschen", "den Juden" oder "den Muslimen" stellt jedoch in der Debatte um die "christlich-jüdische Leitkultur" eine zentrale Rolle dar. Zudem übersehen die Verfechter der "christlich-jüdischen Leitkultur", dass Antisemitismus nach wie vor ein zentrales Problem in unserer Gesellschaft darstellt. Daher bleibt zu fragen: Wie kann eine politische Bildungsarbeit auf starre Vorstellungen von Identität und Kultur reagieren? Wie können Kultur, Geschichte und Zugehörigkeit diskutiert werden, ohne Schubladendenken und einfache Zuweisungen zu forcieren?

Fußnoten

1.
Vgl. BMI (Hrsg.), Antisemitismus in Deutschland, Berlin 2012, S. 17ff., http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Themen/Politik_Gesellschaft/EXpertenkreis_Antisemmitismus/bericht.pdf?__blob=publicationFile« (26.2.2013).
2.
Vgl. beispielsweise die Äußerungen des deutschen Außenministers Guido Westerwelle, zit. nach: Adam Soboczynski, Unser Kulturkampf, 14.10.2012, http://www.zeit.de/2010/42/Christlich-Juedische-Tradition« (12.2.2012). Dieser Aspekt wird weiter ausgeführt in folgendem Artikel, an dem sich auch der vorliegende orientiert: Marcus Meier, "Unsere kulturelle Wurzel ist die christlich-jüdische Tradition", in: Richard Gebhard/Anne Klein/ders. (Hrsg.), Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft, Weinheim 2012, S. 106–122.
3.
Vgl. Bassam Tibi, Leitkultur als Wertekonsens, 2001, http://www.bpb.de/publikationen/40QIUX,1,0,Leitkultur_als_Wertekonsens.html#art1« (22.9.2011).
4.
Vgl. Mark Terkessidis, Interkultur, Berlin 2010, S. 10ff.
5.
Vgl. B. Tibi (Anm. 3).
6.
Vgl. Thomas Kröter, Leitkultur light, in: Jüdische Allgemeine vom 28.10.2011; Hans-Peter Heinz, Kein banaler Philosemitismus!, in: Herder Korrespondenz, (2010) 2, S. 65.
7.
Vgl. Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus, München 2004, S. 65ff.
8.
Vgl. Astrid Messerschmidt, Bildungsarbeit im Kontext von sekundärem Antisemitismus und antimuslimischen Tendenzen, in: R. Gebhard/A. Klein/M. Meier (Anm. 2), S. 40ff.
9.
Zit. nach: Georg Diez, in: Süddeutsche Zeitung vom 17.2.2010.
10.
Ebd.
11.
Salomon Korn, Die viel beschworene deutsch-jüdische Symbiose ist bloß ein Mythos, in: Frankfurter Rundschau vom 14.6.2000.
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Autor: Marcus Meier für bpb.de
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