Dossierbild Transparenz und Privatsphäre: Eine geschlossene Tür in einer Wand, auf der großflächig ein Binärcode abgebildet ist (Einsen und Nullen).
1|2|3 Auf einer Seite lesen

3.4.2013 | Von:
Sarah Mönkeberg

Das Web als Spiegel und Bühne: Selbstdarstellung im Internet

Was treibt Menschen an, sich selbst im Internet darzustellen und ihr Privat- und Innenleben zu offenbaren? Was verbirgt sich hinter dieser digitalen Veröffentlichung des Privaten, die nicht nur kritische Stimmen einen gläsernen Menschen im Sinne Orwells ausrufen lässt? Schlimmer noch: Die Preisgabe von Daten, welche die Person betreffen, geschieht offenbar freiwillig oder in der Verheißung auf bessere Informationen, Produkte und Freunde. Werden wir in solchen Fällen Zeugen einer gefährlichen Erosion der Grenzlinie zwischen dem Privaten und Öffentlichen?

Jenseits einer kulturpessimistischen Perspektive lassen sich Phänomene der Selbstoffenbarung oder -inszenierung im Internet auch unter der Frage nach ihrer Funktion für die eigene Identität betrachten. Denn die sich dort selbst zum Thema machenden Menschen agieren nicht vor dem Hintergrund einer Kommerzialisierung personenbezogener Daten, einem sich verschärfenden Kapitalismus oder Tendenzen der Ökonomisierung von Gesellschaft insgesamt. Wenn man den Selbstinszenierungen und -offenbarungen im Netz auf den Grund gehen möchte, sollte man nicht vergessen, dass sie sich auch im Kontext einer Verschärfung von Unsicherheiten vollziehen – durch Veränderungen überkommener Muster der Lebensführung etwa, wie der Form unserer Arbeit und Partnerschaft, der abnehmenden Haltbarkeit unseres Wissens oder der zunehmenden Loslösung von Kultur an nationalstaatliche Grenzen. Mit anderen Worten: Die Unsicherheiten berühren Fragen der eigenen Identität. Handelt es sich bei den Inszenierungen des Selbst im Web dann nicht vielleicht auch um Praktiken, sich dieser bewusst zu werden und zu versichern?

Um eine Antwort auf diese Frage geben zu können, muss etwas weiter ausgeholt werden. Denn Identität ist etwas, das überhaupt immer schon "nur als Problem"[1] existiert hat: Man denkt an sie oder versucht an ihr zu arbeiten, "wann immer man nicht sicher ist, wohin man gehört; (…) man ist nicht sicher, wie man sich selbst in der evidenten Vielfalt der Verhaltensstile und Muster einordnen soll und wie man sicher stellen kann, daß die Leute um einen herum diese Einordnung als richtig und angemessen akzeptieren (…). ‚Identität‘ ist ein Name für den gesuchten Fluchtweg aus dieser Unsicherheit."[2] Eine ähnliche Beobachtung hat Max Weber bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gemacht: Wenn Menschen verunsichert sind, setzen sie sich stärker mit sich selbst auseinander. Für Weber bildete eine bestimmte Form der Besprechung des eigenen Lebens, als Rationalisierung oder Systematisierung der Lebenspraxis, den Nährboden, auf dem der westliche Kapitalismus wachsen konnte. Dieser, so seine These, werde nämlich von einer bestimmten religiösen Ethik getragen. Schließlich sei es nicht selbstverständlich, dass Menschen Kapital ansparen. Sie bräuchten dafür ein Motiv. Und dasjenige dafür, das eigene Leben so auszurichten, dass darauf später der Kapitalismus erwachsen konnte, sah Weber darin, dass die Menschen sich darüber unsicher waren, ob sie die Gnade Gottes erlangen oder in Ungnade fallen würden. Um dieser Unsicherheit zu entkommen, hätten sie begonnen, rational-arbeitsteilig zu arbeiten.[3]

Selbstthematisierung oder Arbeit an der eigenen Identität ist so immer auch Vollzug und konstitutives Moment sozialer Wirklichkeit oder Normalität.[4] Unter diesen Annahmen gilt es im Folgenden das Problem der Identität im Hinblick auf die Frage nach den Gründen für die Selbstdarstellungen im Web fruchtbar zu machen.

Institutionen der Selbstthematisierung: Beichte und Psychoanalyse

Sich selbst zum Thema zu machen, ist keineswegs ein neues Phänomen, das dem Internet vorbehalten wäre oder erst mit seiner Entstehung aufkam. Zwei Institutionen, bei denen ein Zusammenhang zwischen der Be- oder Verarbeitung von Unsicherheiten und Selbstthematisierungen besteht, lassen sich bereits in der Beichte und der Psychoanalyse ausmachen. Vor diesem Hintergrund gewinnt das Neue an der Identitätsarbeit im Internet seine Konturen.

In der Beichte, die das vormoderne Europa in Bezug auf die Arbeit an der eigenen Identität maßgeblich prägt, wird die Individualität eines Menschen in Form von Abweichung, im Kontext von Schuld, thematisiert.[5] Es geht um Geständnisse und Bekenntnisse vor Gott; in der Erwartung, dass Sünden verziehen werden und man Gnade erfährt, verspricht man, sich zu ändern. Ob Konstanz oder Entwicklung – die eigene Biografie konstituiert sich hier stets vor dem Horizont der Schuld. Die Beichte zwingt den Einzelnen "zur Erforschung seines Gewissens (…), weil alle seine Handlungen"[6] vor ebendiesem Horizont berechnet werden. In einer Zeit, "welcher das Jenseits nicht nur wichtiger, sondern in vieler Hinsicht auch sicherer war als alle Interessen des diesseitigen Lebens",[7] versucht man der Ungewissheit über das Leben nach dem Tode über eine Form der Lebensführung jenseits der Sünde zu entkommen. Dies ist es, was die Arbeit an Biografie und Identität dominiert.

Mit einem Sprung in die Moderne wird deutlich, dass die aufkommende Psychoanalyse einen anderen Akzent setzt. Gemeinsam ist ihr und der Beichte, dass beide dazu anregen, den Blick nach innen zu richten. Allerdings geht es in der Psychoanalyse nicht um eine Abrechnung mit dem eigenen Leben im Kontext von Schuld, sondern das Selbst in seiner Ganzheit ist das Thema. Es geht nicht mehr um Sünde, sondern um innere Stärke, um die Frage: krank oder gesund? Gerade Sigmund Freud war "an jenen intrapsychischen Vorgängen interessiert, durch die das Ich gegenüber den leibgebundenen Ansprüchen des Es und den sozial vermittelten Erwartungen des Über-Ich zu einer Art von Stärke gelangen konnte, die er stets mehr oder weniger mit psychischer Gesundheit assoziierte".[8] Wo der Mensch mit der Entwicklung der modernen Gesellschaft in immer größere und dafür anonymere Kreise eingebunden ist, im alltäglichen Leben mehr Fremden als Bekannten begegnet und in der Familie ein Anderer ist als auf der Arbeit,[9] erscheint dieses Selbst unsicher darüber, wer es eigentlich ist. Es ist geprägt von Konflikten,[10] von verschiedenartigen Erzählweisen seiner selbst. Entsprechend macht es die Suche nach dem Ich, als sein inneres Wesen und die Wahrheit, zu seinem Thema.

Neben der Anregung zur Introspektion, einmal im Kontext von Sünde und einmal im Kontext von innerer Stärke, ist den institutionalisierten Formen der Selbstthematisierung in Beichte und Psychoanalyse vor allem gemeinsam, dass sie sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit vollziehen.[11] Die Orientierung an einem Publikum ist gering. Im ersten Fall geht es vielmehr um Erlösung, im zweiten um die Erkenntnis einer inneren Wahrheit. Wenn auch die Selbsterzählung und -darstellung im Netz eine bestimmte Funktion im Hinblick auf die Arbeit an der eigenen Identität bedient, worum geht es dort?

Erzählen vor Publikum: Web 2.0

Auffällig ist zunächst, dass die klassische Psychoanalyse heute von immer mehr gruppentherapeutischen Einrichtungen abgelöst wird.[12] Anstatt nach der Wahrheit der Identität im Inneren der Person zu suchen, "steht der gruppentherapeutische Raum im Dienst interaktionsbasierter Selbstdarstellungen, Erfahrungen und sozialer Lernprozesse".[13] Die oder der Einzelne wird nicht mehr nur mit der Anwesenheit des Therapeuten konfrontiert, sondern steht in einer Interaktionssituation, die dem "realen Leben" im Grunde in nichts nachsteht. Es sind "wirkliche Menschen ‚im Spiel‘, die ihre ‚Menschlichkeit‘ im (…) Verhältnis zu anderen ‚Menschen‘ (…) unter Beweis stellen und damit zugleich nicht nur Gemeinschaft, sondern auch Intimität herstellen".[14] Die Arbeit an der Identität wird öffentlicher, sie erhält ein Publikum. Diese Tendenz lässt sich auch im Internet, genauer im Web 2.0 finden.

Das Web 2.0 beziehungsweise Social Web basiert auf dem Prinzip der Nutzerpartizipation und ist von daher kein Massenmedium im klassischen Sinne. Denn jene zeichnen sich dadurch aus, dass "keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfänger stattfinden kann".[15] Für den Medienwissenschaftler Stefan Münker ist das Web 2.0 deshalb eher Medium der Massen und der immer offensichtlicher werdende Triumph des Netzes gegenüber den klassischen Massenmedien ein Phänomen soziokulturellen Wandels.[16] Der Konsument der klassischen Massenmedien wird im Social Web zum "Prosumer im Sinne produzierender Konsumentinnen und Konsumenten".[17] Die Netzwelten werden so wesentlich durch die medialen Praktiken der Teilnehmenden aufgespannt, die aktiv an den Medienproduktionsprozessen beteiligt sind.[18]

Und ebendiese Beteiligung läuft über diverse Darstellungspraktiken ab: Mit der "Mobilmachung des ‚Empfängers‘"[19] wird das Broadcasting "im eigentlichen Sinne – dass nämlich ein zentraler Sender allen Empfängern in einem Augenblick ein Programm anbietet",[20] exemplarisch durch den von Youtube propagierten Slogan "broadcast yourself" abgelöst.[21] Dort können Nutzerinnen und Nutzer kontinuierlich ihre Vorlieben und Meinungen visualisieren. Zudem findet man mittlerweile zahlreiche Online-Tagebücher, etwa in Form des Bloggings, und es werden Web- oder Digi-Cams in eigentlich privaten Räumen installiert und dann Bilder ins Netz übertragen, "auf denen z.B. der Akteur am Schreibtisch sitzt und am Computer arbeitet".[22] In der Regel geht es um alltägliche Belanglosigkeiten: "Man wohnt einer Handvoll Studierender visuell beim Kochen und Essen bei – mehr passiert (…) nicht."[23] Daneben stehen Kommunikationsabläufe auf Facebook, die vielleicht damit beginnen, dass jemand die Strapazen der letzten Nacht beschreibt und dafür Meinungen oder Ratschläge, Zuspruch oder Ablehnung erntet, die wiederum kommentiert werden können. In Form von Feedbackprozessen bildet "überall seinen Senf dazu geben zu können" also das wesentliche Material, das der sozialen Netzwelt den Fortbestand sichert.

Gleichzeitig helfen diese Feedbackprozesse und das Schauen am Verhalten der Anderen beim Aufbau und Erhalt einer eigenen Identität. Nicht nur, weil im Netz beides möglich ist, nämlich ich Ich sein kann, es aber nicht sein muss, sodass sich Identitätsentwürfe testen und abgleichen lassen. Bereits derjenige, der (auch unbedacht) gewissen Gruppen beitritt oder auf seine kulturellen oder sonstigen Vorlieben verweist, erhält dafür Rückmeldung und Vergemeinschaftung – Identität – plus einen Bonus an durchschnittlichen Richtwerten für das, was "total" oder "voll" oder auch nur "ganz normal" und damit wertvoll ist. Die Medienforscherin Angela Tillmann betont, dass auch eine kontinuierliche Arbeit an einer eigenen Homepage dabei helfen kann, sich selbst zu erfassen. Die Bewegung in Foren und Clubs sowie die Gestaltung eigener Internetseiten ermöglichen in dieser Hinsicht Selbstdarstellungen, gegenseitige soziale Unterstützung, Orientierungsmaßstäbe und Herstellung von Zugehörigkeiten.[24]

Wenn sich das Web 2.0 als ein Ort der Selbstthematisierung auffassen lässt, was bedingt dann die Orientierung an den "gewöhnlichen" Anderen? Was nimmt unseren Biografisierungen ihren exklusiven Charakter? Denn genau diese Loslösung der Selbstthematisierung vom Geheimnis und Privaten, als Veröffentlichung des eigentlich privaten Selbst, scheint es ja zu sein, die den gewissenhaften Beobachter aufhorchen lässt.

Selbstdarstellung und Unsicherheit

Auch die Selbstdarstellungen im Netz stehen in einem Zusammenhang mit der Bewältigung von Unsicherheiten. Dies lässt sich in zweierlei Hinsicht verdeutlichen: Zum einen sind publikumsorientierte Formen der Selbstthematisierung in den Rahmenbedingungen des Web 2.0 bereits angelegt. Zum anderen bedienen sie eine Funktion im Hinblick auf die Bearbeitung biografischer oder identitärer Unsicherheiten.

Dass sich die Notwendigkeit zur Inszenierung des Selbst im Social Web schon aufgrund seiner Struktur verschärft, ist der Organisation über das Prinzip der Nutzerpartizipation geschuldet. Denn das Web 2.0 zeichnet sich zwar durch interaktiven Gebrauch aus, allerdings fehlt dort, im Gegensatz zur direkten Interaktion, die körperliche Anwesenheit der Akteure. Mit anderen Worten: Wir sehen nicht direkt, mit wem wir es zu tun haben und auch nicht, wie sie oder er sich gerade fühlt. "Raum und Körper müssen (…) textuell erschaffen und darüber hinaus auch theatral glaubhaft gemacht werden."[25] Theatrales Handeln ist also "an der Lösung der medientechnisch aufgeworfenen Probleme beteiligt",[26] denn über die Selbstinszenierungen in Online-Interaktionen wird der Mangel an Informationen, der in der direkten Begegnung zum Beispiel über Gestik und Mimik abrufbar wäre, kompensiert. "Der Körper ist das Thema und der Ort, an dem die Selbstbefragung in äußere Sichtbarkeit umschlägt. Je wichtiger visuelle Medien werden, desto wichtiger wird auch die Sichtbarkeit des eigenen Selbst. Die Selbstbefragung muss präsentiert werden, und damit wandert der Ort des Selbst vom Inneren auf die Körperoberfläche."[27] Dem Aufenthalt im Web 2.0 wohnt also ein Theatralisierungszwang inne: Man muss klar machen, wer man ist, um überhaupt als dieser ansprechbar zu sein. Die Darstellung des Selbst über die Hinzunahme von Bildern, ausführliches Kommentieren und Bilanzieren erscheint in dieser Hinsicht als Teilhabebedingung. Es werden Sicherheit oder Vertrauen erzeugt. Indem eingeschränkt wird, mit wem man es zu tun hat, lässt sich im besten Fall wissen, was von ihr oder ihm zu erwarten und wie sie oder er anzusprechen ist.

Ein solcher Zusammenhang zwischen Theatralität und Unsicherheit tritt auch mit Blick auf die Bewältigung biografischer oder identitärer Unsicherheiten zum Vorschein. In Anlehnung an Überlegungen des Soziologen Herbert Willems lassen sich für die Theatralisierungstendenzen im Netz zwei wesentliche Bedingungsfaktoren ausmachen: In einer Gesellschaft wird Theatralität zum einen von Kontingenzsteigerungen[28] und Anonymisierungen und zum anderen von strukturell bedingten Verknappungen spezifischer Güter begünstigt.[29] Der erste Faktor bezieht sich auf die Annahme, dass moderne, individualisierte Gesellschaften so gebaut sind, dass ihnen Fremdheitserfahrungen strukturell eingeschrieben sind. Daraus ergibt sich der zweite Faktor: In einer Gesellschaft, in der Anonymität und Fremdheit generalisierte Formen des Umgangs miteinander sind, verknappen solche Güter wie Aufmerksamkeit. Die medialen Selbstdarstellungen lassen sich also als Strategien deuten, Feedback zum eigenen Identitätsentwurf zu erhalten, was schwieriger wird, je größer die "virtuelle Gemeinschaft" ist. Denn dann gilt es zunächst einmal, die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zu lenken, um nicht stillschweigend in den Weiten des Netzes zu verschwinden. Dies kann zur Erklärung der vielfältigen und bisweilen eigenwilligen Inszenierungspraktiken oder -strategien der Netzakteure beitragen, wobei davon auszugehen ist, dass der Hang zur Darstellung aus einer Furcht vor Unsichtbarkeit resultiert, die mit Ausschluss oder Exklusion aus der virtuellen Gemeinschaft gleichzusetzen wäre.[30]

Offen ist dabei aber noch, wie sich der Hang zur öffentlichen Offenbarung "trivialer" Privatheiten erklären lässt. Die Frage muss also lauten: Wenn das Thema der Beichte Erlösung und das der Psychoanalyse innere Stärke und Erkenntnis ist, welche Unsicherheit welches Subjektes wird dann im Netz besprochen?

Eingangs wurde darauf hingewiesen, dass Identität wohl immer schon nur als Problem existiert hat. Als Thema tritt sie dann auf die soziale Bühne, wenn sie nicht mehr selbstverständlich ist: "Daß die Menschen in vormoderner Zeit nicht von ‚Identität‘ und ‚Anerkennung‘ redeten, lag nicht daran, daß sie keine Identität (…) besessen hätten oder nicht auf Anerkennung angewiesen waren, sondern es lag daran, daß diese Dinge damals zu unproblematisch waren, um eigens thematisiert zu werden."[31] Identität ist in der Moderne nicht mehr qua Geburt an einen sozialen Status gehaftet; vielmehr ist Identitätsbildung für Menschen zu einer Aufgabe geworden, bei der sie darauf angewiesen sind, von anderen als jemand bestimmtes anerkannt zu werden. Solche Formen der Anerkennung können institutionell geregelt werden und sind es in der Moderne über weite Strecken auch gewesen; zum Beispiel in Form institutionell verankerter und damit typischer Muster der Lebensführung, die einem den Weg über Schule, Ausbildung, Beruf, Familiengründung und Eigenheim weisen.

Unsere gegenwärtige Gesellschaft allerdings, ob nun als "postmodern", "reflexivmodern", "radikalmodern" oder gar "postsozial" bis "postgesellschaftlich" beschrieben, kann vor allem auch als in Prozessen institutioneller Abflachung und Neujustierung befindlich begriffen werden. Über den Weg aus der "normalen" Arbeit hinaus wird die "normale" Biografie verabschiedet. Die oder der Einzelne hat sich immer wieder auf Neues einzulassen oder schlichtweg darauf, dass auch dieser Anspruch nicht gilt. "Man könnte sagen, die selbstverständliche Hintergrundserfüllung durch Institutionen schwindet."[32] Oder: Die Welt der Doxa schwindet, also jene Welt der Selbstverständlichkeiten, in der sich über die soziale Positionierung etwas über das Werden in der Zukunft aussagen lässt,[33] Anerkennung und Orientierung über Status generiert werden können und in der das Krisenexperiment[34] oder Irritationen noch auf die Norm verwiesen, eher als diese zu sein. Unsere Wirklichkeit ist "in erster Linie die soziale Welt, (…) Menschen, wie wir sie im wechselseitigen Bewußtsein unser selbst und der anderen erfahren".[35]

In einer solchen Welt erscheint das Drängen des Ich nach Außen, an und auf die Oberfläche, als Ausdruck der Suche nach einer verloren gegangenen Struktur, die ihm zuvor den Raum des Privaten gewährte. Gleichzeitig aber macht es die Produktion einer anderen sichtbar: In der wechselseitigen Offenbarung findet sich heute eine Möglichkeit, sich seiner selbst zu versichern und Maßstäbe von "richtig" und "falsch" und dessen, was als wünschenswert gilt, aushandeln zu können. Dabei ist dieses Drängen aber eben nicht vollkommen kopflos, inszeniert oder durchsichtig. Im Netz ist es das Problem der Identität selbst, das den Darstellungen des Ich im Großteil der Fälle einerseits ihren Virtualitätsstopp anheftet, sie also an eine gewisse Realität bindet und nicht zu vollständig frei erfundenen Geschichten werden lässt, und sie andererseits daran hindert, aus den Bildschirmen herauszukriechen. Denn wenn Identität das Problem der Ordnung und der Fluchtweg aus der Unsicherheit ist, dann handelt es sich demnach bei den Selbstdarstellungen im Web vielleicht einfach um immer noch notwendige, wenn auch sichtbarere "Techniken der Imagepflege".[36] Es geht darum, im Netz und in sich selbst Ordnung herzustellen, auf die Verlass ist, um Vertrauen und Sicherheit, die sich einstellen, wenn "jemand spürt, daß sein Image stimmig ist".[37] Schließlich kennen wir auch immer noch Scham, gerade dann, wenn eine Peinlichkeit über uns an die Öffentlichkeit gerät und wir Gefahr laufen, als Ich auf diese reduziert zu werden.[38]

Vielleicht lässt es sich vorerst so fassen: Je unübersichtlicher uns die Welt erscheint, je mehr althergebrachte Grenzen eingerissen werden, an die sich unsere Ideen anlehnen können, wie die Welt beschaffen ist oder sein sollte, desto wichtiger wird es, zu wissen, wer wir sind – um einen Fixpunkt auszumachen, an dem wir uns orientieren können. Dazu zeigt man sich, berät sich und fragt nach. Unter dem Aspekt der Vergewisserung der eigenen Identität erweist sich die Darstellung und Besprechung des Selbst im Web dann aber weniger als Zeichen eines Schwindens der Grenzlinie zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen, sondern vielmehr als Ausdruck eines doch recht alten Problems – wenn man nur lange genug hinschaut.
1|2|3 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Zygmunt Bauman, Flaneure, Spieler und Touristen, Hamburg, 1995, S. 134.
2.
Ebd.
3.
Vgl. Max Weber, Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1986 (1920), insb. S. 84ff.
4.
Vgl. auch Alois Hahn, Identität und Selbstthematisierung, in: ders./Volker Kapp (Hrsg.), Selbstthematisierung und Selbstzeugnis, Frankfurt/M. 1987, S. 9–24. Auch Günter Burkart verweist auf diesen Aspekt: In einer Gesellschaft gebe es je spezifische Techniken und Institutionen der Selbstthematisierung. Vgl. Günter Burkart, Selbstreflexion und Familienkommunikation. Die Kultur virtuoser Selbstthematisierung als Basis der Modernisierung von Familien, in: Familiendynamik, 29 (2004) 3, S. 233–256.
5.
Vgl. Cornelia Bohn/Alois Hahn, Selbstbeschreibung und Selbstthematisierung: Facetten der Identität in der modernen Gesellschaft, in: Herbert Willems/Alois Hahn (Hrsg.), Identität und Moderne, Frankfurt/M. 1999, S. 45f.; Herbert Willems/Sebastian Pranz, Vom Beichtstuhl zum Chatroom. Strukturwandlungen institutioneller Selbstthematisierung, in: Günter Burkart (Hrsg.), Die Ausweitung der Bekenntniskultur – neue Formen der Selbstthematisierung?, Wiesbaden 2006, S. 75.
6.
C. Bohn/A. Hahn (Anm. 5), S. 45.
7.
M. Weber (Anm. 3), S. 102f.
8.
Axel Honneth, Unsichtbarkeit. Stationen einer Theorie der Intersubjektivität, Frankfurt/M. 2003, S. 142.
9.
Vgl. u.a. Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, Frankfurt/M. 2006 (1903).
10.
Dies ist genau der Punkt, an dem die Psychoanalyse ansetzt. Vgl. u.a. Alain Ehrenberg, Gesellschaftlicher Kontext, in: Gabriela Stoppe/Anke Bramsfeld/Friedrich-Wilhelm Schwartz (Hrsg.), Volkskrankheit Depression? Bestandsaufnahme und Perspektiven, Berlin–Heidelberg 2006, S. 123–137.
11.
Vgl. Herbert Willems/Sebastian Pranz, Formationen und Transformationen der Selbstthematisierung. Von der unmittelbaren Interaktion zum Internet, in: Herbert Willems (Hrsg.), Weltweite Welten. Internet-Figurationen aus wissenssoziologischer Perspektive, Wiesbaden 2008, S. 192f.
12.
Vgl. ebd.; Robert Castel, Die flüchtigen Therapien, in: Hans-Georg Brose/Bruno Hildebrand (Hrsg.), Vom Ende des Individualismus zur Individualität ohne Ende, Opladen 1987, S. 153–160.
13.
H. Willems/S. Pranz (Anm. 11), S. 199.
14.
Ebd., S. 200.
15.
Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden 2009 (1995), S. 10.
16.
Vgl. Stefan Münker, Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die Sozialen Medien im Web 2.0, Frankfurt/M. 2009, S. 19, S. 47f.
17.
Ramon Reichert, Das narrative Selbst. Erzählökonomie im Web 2.0, in: Yvonne Gächter et al. (Hrsg.), Erzählen – Medientheoretische Reflexionen im Zeitalter der Digitalisierung, Innsbruck 2008, S. 218.
18.
Vgl. Marc Wagenbach, Digitaler Alltag, München 2012, S. 43.
19.
Norbert Bolz, Die Sinngesellschaft, Berlin, 2012, S. 147.
20.
Ebd.
21.
In Anlehnung an R. Reichert (Anm. 17).
22.
Klaus Neumann-Braun, Internet-Kameras/Web-Cams – die digitale Veröffentlichung des Privaten, in: Kornelia Hahn (Hrsg.), Öffentlichkeit und Offenbarung. Eine interdisziplinäre Mediendiskussion, Konstanz 2002, S. 177.
23.
Ebd.
24.
Vgl. Angela Tillmann, Doing Identity: Selbsterzählung und Selbstinszenierung in virtuellen Räumen, in: dies./Ralf Vollbrecht (Hrsg.), Abenteuer Cyberspace. Jugendliche in virtuellen Welten, Frankfurt/M. u.a. 2006, S. 33–50.
25.
H. Willems/S. Pranz (Anm. 5), S. 86. Ein Beispiel dafür ist auch die im Chat oder bei E-Mails verwendete Schriftsprache, um die eigene Befindlichkeit auszudrücken. Vgl. dies. (Anm. 11), S. 211f.
26.
H. Willems/S. Pranz (Anm. 5), S. 86.
27.
Thomas Schwietring, Zeigen und Verbergen. Intimität zwischen Theatralisierung und Enttheatralisierung, in: Herbert Willems (Hrsg.), Theatralisierung der Gesellschaft Bd. 1: Soziologische Theorie und Zeitdiagnose, Wiesbaden 2009, S. 271.
28.
"Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes (Erfahrenes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen." Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/M. 1984, S. 152. Es geht also darum, dass die meisten Dinge heute aus einer anderen Perspektive auch anders aussehen können, zum Beispiel Werte.
29.
Vgl. Herbert Willems, Zur Einführung: Theatralität als Ansatz, (Ent-)Theatralisierung als These, in: ders. (Anm. 27), S. 28ff. Willems verweist auf insgesamt zehn gesellschaftliche Faktoren, die Theatralität begünstigen können.
30.
Vgl. auch Georg Simmel über den Begriff der Blasiertheit (Anm. 9), S. 18ff.; Markus Schroer, Selbstthematisierung. Von der (Er-)Findung des Selbst und der Suche nach Aufmerksamkeit, in: G. Burkart (Anm. 5), S. 42. Reichert vertritt die These, dass aus der ursprünglichen Idee des Web 2.0 als einer demokratischen Netzöffentlichkeit zunehmend ein Forum für Selbstinszenierungen geworden sei. Im Internet habe sich ein Selbstthematisierungsmarkt herausgebildet, auf dem mit der Ware Aufmerksamkeit gehandelt wird. Vgl. R. Reichert (Anm. 17), S. 213ff.
31.
Charles Taylor, Das Unbehagen an der Moderne, Frankfurt/M. 1995, S. 58.
32.
N. Bolz (Anm. 19), S. 21.
33.
Doxa (laut Duden: "Welt der göttlichen Ordnung") wird hier im Sinne Pierre Bourdieus verstanden, vor allem auch im Hinblick auf den Habitusbegriff als Moment der Reproduktion sozialer Ordnung. Vgl. Eva Barlösius, Pierre Bourdieu, Frankfurt/M. 2006, S. 27ff.
34.
Vgl. Harold Garfinkel, Das Alltagswissen über soziale und innerhalb sozialer Strukturen, in: Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hrsg.), Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit 1 und 2, Opladen 1980, S. 189–262.
35.
Daniel Bell, Die nachindustrielle Gesellschaft, Frankfurt/M.–New York 1975, S. 376.
36.
Erving Goffman, Interaktionsrituale, Frankfurt/M. 1986, S. 10–53.
37.
Ebd., S. 13.
38.
Simmel zufolge ist das Gefühl der Scham Resultat der Beschränkung eines Selbst auf nur bestimmte Aspekte. Es geht mit einer gleichzeitigen Erhöhung und Herabsetzung des Ich-Gefühls einher und setzt ein, "wenn die irgendwie herabsetzende oder peinliche Situation den ganzen Menschen (…) betrifft". Der sich Schämende empfindet "seine ganze Persönlichkeit mit allem Inhalt, den die Vergangenheit ihr gegeben hat, in die Aufmerksamkeit des Begegnenden gerückt und zugleich, daß sein momentanes Ich, gegen diese Vorstellung gehalten, verringert und herabgesetzt ist". Georg Simmel, Zur Psychologie der Scham, in: Heinz-Jürgen Dahme/Otthein Rammsted (Hrsg.), Georg Simmel. Schriften zur Soziologie, Eine Auswahl, Frankfurt/M. 1983 (1901), S. 143.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Sarah Mönkeberg für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Diskutieren Sie mit!

Brauchen wir mehr Transparenz?

Transparenz gehört wohl zu den derzeit am häufigsten gebrauchten Schlagworten, im politischen wie im Privaten. Eine zentrale Frage taucht in der Diskussion dabei immer wieder auf: Brauchen wir mehr Transparenz? Wie unterschiedlich die Antworten darauf sein können, zeigen die Autor-/innen der aktuellen Ausgabe der APuZ.

Mehr lesen

[1 Kommentar Letzter Kommentar vom 06.05.2013 19:29]

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2013

Der APuZ-Jahresband 2013: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” aus dem Jahr 2013. Weiter...

Zum Shop