Dossierbild Transparenz und Privatsphäre: Eine geschlossene Tür in einer Wand, auf der großflächig ein Binärcode abgebildet ist (Einsen und Nullen).
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3.4.2013 | Von:
Max Ruppert

Journalisten im Netz: Anonyme Schwärme und andere Herausforderungen

Versetzen Sie sich für einen Moment in die Lage eines Journalisten oder einer Journalistin in einer tagesaktuellen Zeitungsredaktion: Sie bekommen drei Stunden vor Redaktionsschluss die Meldung einer Nachrichtenagentur auf den Tisch, in der über den Verdacht von Plagiaten in der Doktorarbeit des beliebten Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg berichtet wird. Auch die Online-Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung" – Ihre Konkurrenz – verbreitet die Nachricht bereits, mit Hinweis auf einen Jura-Professor aus Bremen, der Plagiate entdeckt haben soll. Sie wissen, dass diese Geschichte wichtig werden könnte und suchen im Internet rasch nach weiteren Informationen. Sie finden die Seite des Guttenplag-Wikis,[1] auf der viele Freiwillige schon rund 200 Plagiatsstellen zusammengetragen haben. Minütlich werden es mehr. Mit Ihrem Chef vom Dienst sind Sie sich einig, dass Sie die Nachricht so schnell wie möglich bringen wollen. Aber Sie wollen nicht von der "Süddeutschen" abschreiben, Sie haben den Ehrgeiz, die Meldung zu aktualisieren und weiterzudrehen. Was tun?

Können Sie den Angaben auf der Internetseite trauen? Wer steckt dahinter? Ist das eine Kampagne gegen den Verteidigungsminister? Sind die dokumentierten Plagiatsfälle echt? Die Doktorarbeit Guttenbergs und die angegebene Literatur sind in so kurzer Zeit nicht zu beschaffen, der Professor aus Bremen und der Minister sind für Sie gerade nicht zu sprechen. Sie haben Glück und stoßen im Guttenplag-Wiki auf eine Mailadresse. Sie bekommen von einem der Aktiven sogar eine kurze Antwort. Der Absender: PlagDoc – ein Pseudonym. Wer dahinter steckt, solle bitte nicht öffentlich werden. Auch alle anderen Aktiven in diesem Wiki wollen anonym bleiben. Können Sie diesem PlagDoc und seinen Angaben trauen? Müssen Sie ihm Anonymität gewähren? Eine schwierige Situation, denn schließlich kann sich alles zu diesem Zeitpunkt auch als Fake oder gelenkte Attacke gegen Karl-Theodor zu Guttenberg herausstellen.

Kai Gniffke, der Chefredakteur der zentralen Nachrichtenredaktion der ARD (ARD-aktuell), war Mitte Februar 2011 in solch einer Situation: "Mir hat nicht eingeleuchtet, wem diese Anonymität nutzt, und normalerweise ist es mit anonymen Absendern bei uns so, dass die Dinge eher nicht verwendet werden. In dem Fall haben wir es als Recherche-Impuls genommen, haben stichprobenartig Dinge nachgeprüft. Und diese Überprüfung hat ergeben, dass es seriös ist, und dann haben wir auch darauf Bezug genommen."[2]

Beispiel Guttenplag

Anhand der Situation aus dem Jahr 2011 lässt sich gut zeigen, vor welchen Herausforderungen Journalisten im Zeitalter digitaler, vernetzter Öffentlichkeiten stehen: Phänomene wie anonyme Schwärme, "geleakte" Dokumente, die anonym auf Enthüllungsplattformen hochgeladen werden, oder anonyme, digitale Redaktionsmailboxen werden als Informationsquellen immer wichtiger. Ginge es nach Guttenplag-Gründer PlagDoc und "Zeit"-Journalist Martin Kotynek, wäre die anonyme Crowd-Recherche im Netz längst schon als neue Instanz für mehr Transparenz in der Netzöffentlichkeit institutionalisiert.[3]

Anonymität beziehungsweise Pseudonymität wie bei Wiki-Aktivist PlagDoc scheint dabei eine Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeit solcher kollaborativen Rechercheplattformen zu sein. Bei der Verwendung eines Pseudonyms wird die wahre Identität zwar verborgen, aber journalistische Beobachter können zumindest die Spuren des Pseudonyms verfolgen und eventuell ein Profil erkennen. Ohne diesen Schutz der Privatheit würden sich wohl nicht viele Nutzer an der Plagiate-Suche und Dokumentation beteiligen. Das Gleiche gilt für das anonyme Hochladen von brisantem Material auf Enthüllungsplattformen wie Wikileaks. Wenn Journalisten diese Anonymität aufheben, indem sie Namen von Wiki-Aktivisten und Informanten recherchieren und nennen, würden sie die Arbeit solcher Plattformen wohl gefährden und das Engagement für viele Aktive unmöglich machen.

Gerade Projekte, bei denen die Akteure aus der Anonymität oder Pseudonymität heraustraten[4] oder von Anfang an eine starke Personalisierung vorhanden war (wie bei Julian Assange und Wikileaks), haben heute Probleme. Weil die Massenmedien sich auf die Personen und deren Auseinandersetzungen fokussierten, geriet die eigentliche Arbeit dieser Enthüllungsplattformen in der Öffentlichkeit in den Hintergrund. Ein solcher massenmedialer Drang zur Personalisierung verträgt sich anscheinend nicht mit dem reibungslosen Funktionieren einer Crowd-Recherche. Im Fall des Guttenplag-Wikis sind die Identitäten der Organisatoren bis heute unbekannt, die Journalisten haben "dicht gehalten" und die wahre Identität ihrer Informanten aus dem Netz geschützt.

Journalisten haben in solchen Situationen trotzdem Möglichkeiten, einiges über den anonymen Schwarm in Erfahrung zu bringen: durch den Einsatz sozialwissenschaftlicher Methoden, wie ihn der amerikanische Journalismus-Professor Philip Meyer schon vor über 40 Jahren in seinem Ansatz des "Präzisionsjournalismus" gefordert hat.[5] Mit einer Online-Erhebung nach Art des "Präzisionsjournalismus" konnten mein Kollege Julius Reimer und ich in der heißen Phase des Guttenplag-Wikis einen Fragebogen für die Mitstreiter des Wikis online stellen. Innerhalb von 48 Stunden hatten wir 1034 auswertbare Fragebögen. Die Daten zeigen, dass es sich im Durchschnitt um einen jungen, gebildeten und vor allem männlichen Schwarm handelte. Das Durchschnittsalter lag bei 38 Jahren (n = 738[6]), mehr als 60 Prozent gaben an, einen Hochschulabschluss zu haben (n = 791), fast jeder Fünfte hatte nach eigenen Angaben einen Doktortitel (n = 768). Nur knapp 18 Prozent der Befragten waren weiblich (n = 771). Zudem schaute ein Großteil von fast 85 Prozent der Befragten nur vorbei, um sich zu informieren (n = 932), während sich nach unseren Daten ein harter Kern von 143 Aktiven bildete, die sich in dieser Phase intensiv beteiligten und auch koordinierende Aufgaben übernahmen.[7]

Durch diese neuen Akteure im Netz entsteht ein kompliziertes Beziehungsgeflecht von Informationen, Informanten und Journalisten, das Einfluss auf das Vertrauen in den Journalismus und in Institutionen sowie auf die Transparenz hat. In diesem Beziehungsgeflecht nehmen Journalisten eine Schlüsselrolle ein. Ihre ehemalige Sonderstellung als gatekeeper für relevante Informationen ist durch die Entwicklung des Social Web einerseits geschwächt, andererseits werden journalistische Aufgaben wie Erklären, Einordnen und Verifizieren in der digitalen Unübersichtlichkeit immer wichtiger. Im Folgenden soll daher der journalistische Umgang mit Anonymität, Pseudonymität und die Auswirkungen auf Vertrauen und Transparenz genauer besprochen werden.

Fußnoten

1.
http://de.guttenplag.wikia.com« (5.3.2013).
2.
Telefoninterview mit Kai Gniffke, 16.3.2011.
3.
Vgl. Martin Kotynek/PlagDoc, Schwarmgedanken, 8.6.2012, http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Schwarmgedanken« (5.3.2013).
4.
Vgl. die kontroverse Diskussion im Vroniplag-Wiki um den Ausschluss von Martin Heidingsfelder, der seine Identität offenbarte, 27.2.2013, http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Benutzer_Blog:Marcusb/Wildes_Gestocher_von_Martin_Heidingsfelder« (5.3.2013).
5.
Vgl. Philip Meyer, Precision Journalism. A Reporter’s Introduction to Social Science Methods, Bloomington 1973.
6.
"n" bezeichnet jeweils die Anzahl derjenigen, die auf die entsprechende Frage antworteten.
7.
Vgl. Julius Reimer/Max Ruppert, GuttenPlag-Wiki und Journalismus. Das Verhältnis eines neuen Medienakteurs im Social Web zu den traditionellen Massenmedien, in: Ulrich Dolata/Jan-Felix Schrape (Hrsg.), Internet, Mobile Devices und die Transformation der Medien, Berlin 2013, S. 303–329.
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Autor: Max Ruppert für bpb.de
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[1 Kommentar Letzter Kommentar vom 06.05.2013 19:29]

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