Dossierbild Transparenz und Privatsphäre: Eine geschlossene Tür in einer Wand, auf der großflächig ein Binärcode abgebildet ist (Einsen und Nullen).
Pfeil links 1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Journalisten im Netz: Anonyme Schwärme und andere Herausforderungen

3.4.2013

Anonyme Quellen – für Journalisten nichts Neues



Anonyme Informanten und zugespielte Informationen mit verschleiertem Absender sind für den Journalismus nichts Neues. Der amerikanische Journalismusforscher Matt Carlson weist darauf hin, dass anonyme leaks – die Geschäftsgrundlage der Enthüllungsplattform Wikileaks – in den USA schon seit dem ersten Präsident George Washington bekannt sind. Ab den 1970er Jahren wurde der Umgang mit anonymen Informanten für den investigativen Journalismus immer bedeutender. Einen Höhepunkt dieser Entwicklung stellte die "Watergate-Affäre" dar, bei der es um das angeordnete Ausspionieren von Mitgliedern der Demokratischen Partei durch Gefolgsleute des republikanischen Präsidenten Richard Nixon ging. Die investigativen Recherchen und Veröffentlichungen der "Washington Post"-Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward, deren Hauptquelle ein anonymer Informant war ("Deep Throat"), trugen wesentlich zum Rücktritt Nixons bei.[8] Das Geheimnis hinter "Deep Throat" wurde erst 2005 gelüftet: Es war der damals stellvertretende FBI-Chef Mark Felt, der die Journalisten mit Informationen über die Verstrickung der Regierung Nixon in den Skandal fütterte. Der Mechanismus des Umgangs mit anonymen Quellen war folgender: Ungenannte Quellen gaben brisante Informationen preis und führten zur Aufdeckung eines Fehlverhaltens oder Skandals und damit zu mehr gesellschaftlicher Transparenz.

Doch diese journalistische Praxis hat auch Schattenseiten. Der Journalist läuft Gefahr, sich in seiner Arbeit mehr an seinen Informanten auszurichten als an den Lesern oder Zuschauern seiner Beiträge. Der amerikanische Professor für Broadcast Journalism, Mark Feldstein, spricht von einem "faustischen Pakt", den Journalisten mit ihren ungenannten Quellen eingingen.[9] Und Matt Carlson sieht im Gewähren von Anonymität durch Journalisten vor allem zwei Paradoxien: Erstens bedienten sich Journalisten bei dieser Praxis selbst der Geheimniskrämerei, um staatliche, wirtschaftliche oder andere Heimlichtuereien aufzudecken; zweitens gäben Journalisten offiziellen Quellen dadurch die Möglichkeit, Informationen an die Öffentlichkeit zu geben, ohne dafür die Verantwortung zu tragen.[10]

Das Hauptproblem aus Sicht der Leser und Zuschauer ist, dass sie bei dieser Praxis nicht einschätzen können, ob der Gebrauch der Anonymität gerechtfertigt ist. Auch dass Quellen teilweise auf Anonymität bestehen, die mit öffentlichen Geldern bezahlt werden, ist problematisch, denn sie sind der Öffentlichkeit ja eigentlich Rechenschaft schuldig. Journalismusforscher sehen es außerdem kritisch, wenn anonyme Quellen mit Meinungen zitiert werden. Dann wird der Journalist leicht zum Handlanger, der es jemandem erlaubt, im Schutze der Anonymität einen anderen öffentlich zu attackieren.[11] Das Thema hat viele – auch ethische – Facetten. Doch es gibt im Journalismus noch keine brauchbaren ethischen Regeln für den Umgang mit anonymen Quellen, wie auch Carlson bedauert.[12] Journalisten werden mit der schwierigen Entscheidung, wann Anonymität zu gewähren ist und wann nicht, allein gelassen. Ganz zu schweigen von speziellen Regeln zum Umgang mit anonymen Informanten und Schwarm-Informationen im Internet – auch hier fehlt es noch an verbindlichen Standards.

Vertrauensfragen



Das Zurückhalten der Quellenidentität im Journalismus berührt immer Fragen des Vertrauens und der Glaubwürdigkeit, weil dadurch ein Teil der journalistischen Arbeit für die Öffentlichkeit unsichtbar wird. Journalisten bauen sozusagen eine black box um ihre Konstruktion von Wirklichkeit.[13] Das Black-box-Prinzip gilt zwar auch für Seiten wie Wikileaks und Openleaks. Bei kollaborativen Plattformen wie Guttenplag, Vroniplag, Schavanplag und anderen ist die black box aber nur über die Identitäten der Aktivisten gestülpt, der Prozess des Vergleichs, der Dokumentation und der Diskussion ist transparent. Im Normalfall wird den Mediennutzern durch anonyme Quellen die Möglichkeit zur Überprüfung von Aussagen und zum Vergleich genommen, insofern sind die Plagiate-Wikis ein Sonderfall. Für die Dokumentation und Gegenüberstellung der plagiierten Stellen mit den Originaltexten ist ein Wiki gut geeignet und die Darstellung ist für jede Nutzerin und jeden Nutzer nachvollziehbar. So verzeichnete das Guttenplag-Wiki auch kurz nach den ersten Medienberichten am besucherreichsten Tag über 230000 einzelne Seitenbesucher.[14]

Gleichsam berührt die Praxis der Anonymität das Vertrauensverhältnis in zwei Richtungen. Zum einen ist das Vertrauen zwischen Quelle und Journalist betroffen, zum anderen zwischen Journalist und Leser beziehungsweise Zuschauer. Wenn Journalisten die Identität einer Quelle verheimlichen, ist das einzige, was ihnen bleibt, den Leser um Vertrauen zu bitten: Vertrauen, dass die Quelle existiert, dass sie glaubwürdig ist und die Wahrheit sagt. Außerdem müssen die Journalisten der anonymen Quelle vertrauen. David Boeyink, emeritierter Professor für journalistische Ethik an der Indiana University, sieht in der Abhängigkeit des Journalismus vom Vertrauen deshalb eine verwundbare Stelle. Er nennt sie die "Halsschlagader des Journalismus".[15]


Fußnoten

8.
Vgl. Matt Carlson, On the Condition of Anonymity. Unnamed Sources and the Battle for Journalism, Urbana 2011, S. 7.
9.
Vgl. Mark Feldstein, Book Review: On the Condition of Anonymity: Unnamed Sources and the Battle for Journalism, in: Journalism, 13 (2012) 2, S. 258–259.
10.
Vgl. M. Carlson (Anm. 8), S. 146f.
11.
Vgl. Bill Kovach/Tom Rosenstiel, Blur. How to Know What’s True in the Age of Information Overload, New York 2011, S. 89.
12.
Vgl. M. Carlson (Anm. 8), S. 7.
13.
Vgl. ebd., S. 9.
14.
Vgl. J. Reimer/M. Ruppert (Anm. 7), S. 311.
15.
David E. Boeyink, Anonymous Sources in News Stories: Justifying Exceptions and Limiting Abuses, in: Journal of Mass Media Ethics, 5 (1990) 4, S. 237.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Max Ruppert für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

" width="1" height="1" alt="counter" />
 

Diskutieren Sie mit!

Brauchen wir mehr Transparenz?

Transparenz gehört wohl zu den derzeit am häufigsten gebrauchten Schlagworten, im politischen wie im Privaten. Eine zentrale Frage taucht in der Diskussion dabei immer wieder auf: Brauchen wir mehr Transparenz? Wie unterschiedlich die Antworten darauf sein können, zeigen die Autor-/innen der aktuellen Ausgabe der APuZ. Weiter... 

[1 Kommentar Letzter Kommentar vom 06.05.2013 19:29]

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2013

Der APuZ-Jahresband 2013: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” aus dem Jahr 2013. Weiter...

Zum Shop