Dossierbild Transparenz und Privatsphäre: Eine geschlossene Tür in einer Wand, auf der großflächig ein Binärcode abgebildet ist (Einsen und Nullen).
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Journalisten im Netz: Anonyme Schwärme und andere Herausforderungen

3.4.2013

Transparenzprobleme aus Sicht der Nutzer



Die Vertrauensverhältnisse zwischen Rezipienten und Journalisten sowie zwischen Journalisten und ihren Informanten sind wiederum an Transparenz gekoppelt. Transparenz reduziert Unsicherheit, vor allem durch nachvollziehbare Informationen mit Quellenangaben und nachvollziehbares Wissen.

Auch Vertrauen reduziert Unsicherheit und ist dabei sogar effizienter, weil Vertrauen die Such-, Dokumentations- und Informationskosten senkt.[16] Aber im Gegensatz zur Transparenz ist Vertrauen riskanter, und es kann missbraucht werden, zum Beispiel indem Geschichten von Journalisten einfach erfunden werden – wie im Fall von Tom Kummer, der für verschiedene bekannte Zeitungen Interviews mit Johnny Depp oder Demi Moore schrieb, die niemals stattfanden,[17] oder Jayson Blair, der in der "New York Times" eine Reportage über die Familie einer im Irak gefangenen US-Soldatin erfand.[18] Die Gefahr des Vertrauensmissbrauchs besteht durch Fakes und Trolle im Internet natürlich auch.

Trotzdem steigt die gesellschaftliche Transparenz durch Internetplattformen wie Guttenplag erheblich. Matt Carlson sieht durch die gesteigerte Transparenz im Netz die alte, eingespielte Praxis des Umgangs mit anonymen Quellen im Stile von "Deep Throat" unter erheblichem Veränderungsdruck. Die journalistische Praxis der ungenannten Quelle wird im freien Netz durch die Nutzer immer weniger akzeptiert. Auch Journalisten-Legende Woodward gerät heute zunehmend in die Kritik, weil immer mehr Details ans Licht kommen, die zeigen, dass er die black box wohl auch dazu verwendete, um Details wegzulassen oder Situationen zu sehr auszuschmücken.[19] Dennoch ist die Transparenz von Informationen und journalistischen Rechercheprozessen nicht immer produktiv im Sinne einer gesellschaftlichen Transparenz. Bei investigativen Recherchen kann die transparente Darstellung auf einer Crowdsourcing-Plattform auch schaden: Wenn diejenigen, die etwas zu verbergen haben, frühzeitig von den Recherchen erfahren, können sie gegensteuern, einschüchtern, die Recherche behindern. Ob Journalisten Anonymität gewähren, müssen sie deshalb immer wieder anhand von journalistischen, ethischen und juristischen Kriterien überprüfen.[20]

Ein wichtiger Punkt in Bezug auf Quellen ist die Motivation, die sie zu bestimmten Äußerungen bringt und zu Informationslecks führt. Oft sind es offizielle Funktionäre, die selbstbewusst Anonymität von Journalisten fordern, um Informationen aus dem inner circle öffentlich zu machen und dabei ein persönliches Ziel verfolgen. Dies birgt das Risiko einer Elite-Elite-Kommunikation über mediale Kanäle, verbunden mit Unfairness gegenüber "niederen" oder "normalen" Quellen, welche die Möglichkeit der Anonymität vielleicht nicht eingeräumt bekommen oder gar nicht danach fragen.[21] Durch Crowdsourcing- und Leaking-Plattformen wird diese Machtkonstellation durchbrochen. Die Motivation dahinter sollten Journalistinnen und Journalisten aber auch hier hinterfragen.

Doch wie lässt sich die Motivation eines Schwarmes fassen? Hier hilft nur intensives Recherchieren auf der Plattform selbst, in Foren, Chats, oder – bei größeren Schwärmen – die sozialwissenschaftliche Methode der Umfrage. Im Fall des Guttenplag-Wikis konnten wir die Motivationen der Aktiven durch unsere Online-Befragung teilweise aufklären. Die Analyse des aktiven Kerns der Aktiven ergab (n = 129), dass 64 Prozent von ihnen vor allem von der Sorge um den Ruf der Wissenschaft und den Wert eines Doktortitels getrieben und etwas über die Hälfte durch eine Abneigung gegen zu Guttenberg und seine Reaktionen auf die Plagiatsvorwürfe motiviert waren. 20 Prozent gaben an, von der Technologie des Wikis und des Crowdsourcings begeistert zu sein. Mehrfachnennungen waren hier möglich, da Motivationslagen sich überschneiden. Bei aller Vorsicht, die bei Online-Erhebungen angebracht ist, gewähren die Daten einen ersten Einblick in die Psychologie dieses Schwarms.

Folgerungen für Journalisten



Wenn der Quellencheck im Zeitalter neuer digitaler Informationsströme schwieriger und komplizierter für Journalisten wird – wie kann eine Lösung aussehen, die das Vertrauen in den Journalismus aufrechterhält, vielleicht sogar verstärkt und trotzdem zu mehr gesellschaftlicher Transparenz führt? Wie viel Vertrauen setzen Journalisten durch eine intransparente Nutzung von Quellen aufs Spiel für welchen gesellschaftlichen Transparenzgewinn? Zusätzlich zu den bereits erwähnten Methoden des "Präzisionsjournalismus" und angelehnt an Ideen der US-Journalismusforscher Bill Kovach und Tom Rosenstiel sowie an prinzipielle Überlegungen von Matt Carlson sollen die folgenden fünf Punkte in knapper Form mögliche Ansätze für einen Umgang des Journalismus mit Informanten und Informationen im digitalen Zeitalter zeigen:

Transparenter Gebrauch von anonymen Quellen: Es sollte ein Grund für die Nichtnennung der Quelle publiziert werden. Dies ist auch eine Form von Transparenz im Publikationsprozess, die sich gut mit der Einrichtung von Redaktionsblogs verbinden lässt.

Möglichkeit der Offenlegung der Quelle: Anonymität sollte an bestimmte Bedingungen geknüpft werden, zum Beispiel daran, dass sie auch widerrufen (also die Quelle genannt) werden kann, falls es erforderlich ist.

Rollenbewusstsein: Journalisten sollten sich auf ihre Rolle als watchdogs besinnen, die ein wichtiges Rad im Getriebe der Demokratie sind. Öffentliche Transparenz sollte aggressiver eingefordert werden, anstatt Aussagen von Funktionsträgern passiv zu akzeptieren.

Mehr Teamwork: Bei komplexen Problemen, wie sie beim Eintauchen in eine Schwarmdynamik entstehen, werden verschiedene Kenntnisse und Fähigkeiten gebraucht. Derjenige, der die Geschichte am Ende gut schreibt, muss nicht derjenige sein, der im Schwarm "mitschwimmt" und recherchiert. Dies sollte sich auch in Redaktionsstrukturen stärker widerspiegeln: Flexible Teams aus Programmierern, Datenbankmanagern, Rechercheuren sollten mit den Schreibern zusammenarbeiten und die Geschichten gemeinsam veröffentlichen.

Einmischen: Journalisten sollten viel mehr als bisher die öffentliche Debatte führen, anstatt die Diskussionen nur abzubilden.

Diese Prinzipien und Fähigkeiten bezeichnen Kovach und Rosenstiel als "Handwerk der aktiven Skepsis", das dann zum "Next Journalism" führe.[22] Auf diesen Weg zum "Next Journalism" haben sich größere Redaktionen wie vom "Spiegel", "Zeit Online" oder ARD-aktuell inzwischen gemacht: Bei ARD-aktuell in Hamburg hat Kai Gniffke zum Beispiel zwei Monate nach den Erfahrungen mit dem Guttenplag-Wiki ein neues Berufsbild in die Redaktion geholt: "Social-Media-Redakteure" beobachten dort seitdem in einem "Content Center" soziale Netzwerke und user generated content im Internet. Wenn heute ein neuer Schwarm anonym die Arbeit aufnehmen würde, wären Gniffke und seine Leute wohl besser vorbereitet als im Februar 2011.


Fußnoten

16.
Vgl. Christoph Neuberger/Manuel Wendelin, Mehr Transparenz im Internet? Öffentlichkeit als Raum der Wahrnehmung und (Meta-)Kommunikation, in: Nina Springer et al. (Hrsg.), Medien und Journalismus im 21. Jahrhundert. Herausforderungen für Kommunikationswissenschaft, Journalistenausbildung und Medienpraxis, Konstanz 2012, S. 122.
17.
Vgl. Wolfgang Höbel/Meike Schnitzler, Absturz eines Märchenerzählers, in: Der Spiegel Nr. 21 vom 22.5.2000, S. 108ff.
18.
Vgl. Marc Pitzke, "New York Times"-Fälscher Blair: "Ich war jung, ich war schwarz", 22.5.2003, http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/-a-249770.html« (5.3.2013).
19.
Vgl. Jeff Himmelman, The Red Flag in The Flower Pot, 21.4.2012, http://www.nymag.com/news/features/ben-bradlee-2012-5« (17.3.2013).
20.
Vgl. Max Ruppert/Julius Reimer, Im Schwarm, in: Journalist, (2011) 4, S. 76–80.
21.
Vgl. M. Carlson (Anm. 8), S. 10.
22.
B. Kovach/T. Rosenstiel (Anm. 11), S. 170.
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Autor: Max Ruppert für bpb.de
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[1 Kommentar Letzter Kommentar vom 06.05.2013 19:29]

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