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Flagge von Kroatien

16.4.2013 | Von:
Edo Popović

Im Schneesturm - Kurzgeschichte

Der Januar begann mit ungewöhnlich warmen Tagen, die sich deutlich von den gewöhnlichen unterschieden, die in diesem Teil der Erde seit Beginn der Erhebung von Wasser- und Lufttemperatur sowie der verschiedenen Niederschlagsarten gemessen werden. Diesmal kletterten die Tagestemperaturen auf unglaubliche 25 Grad Celsius. Man konnte beinahe spüren, wie sich die verschlafenen Wurzeln wie eine Schlangenbrut zu winden und in der Erde zu erwachen begannen, die Luft war durchsichtig und klar, eine neue Energie bewegte Menschen, Katzen, Hunde und Vögel, die Meteorologen sprachen von Rekorden, die man bisher in Europa noch nie aufgezeichnet habe, und dann, eines Tages, in der Morgendämmerung, als die Stadt noch schlief – kam der Sturm. Zuerst ergoss sich aus den Wolken Regen, dann kam ein kalter Wind auf, und der Regen ging bald in Schnee über. Der Sturm hielt den ganzen Morgen und den Nachmittag an, und auch am frühen Abend ließ er nicht nach. Radio und Fernsehen riefen die Bewohner auf, ihre Häuser nicht ohne Grund zu verlassen, es sollten alle zu Hause bleiben, natürlich mit Ausnahme der Berufstätigen. Es gibt nur selten Tage, an denen die Berufstätigen die Arbeitslosen beneiden, aber dieser war ein solcher Tag.

Petar und Tihomir missachteten die Warnung der Meteorologen. Sie missachteten sie, da es Dienstag war, und an jedem Dienstag Abend trifft sich die alte Clique auf der Kegelbahn im Stadtzentrum. Beide wollten das um keinen Preis versäumen, und so standen sie unter dem gläsernen Dach der Bushaltestelle in ihrem Vorort und führten das folgende Gespräch:

Also fragt mich doch dieser Typ, ob es in meiner Familie einen Alkoholiker gibt, einen vorbestraften Kriminellen, einen Irren oder etwas Ähnliches, sagte Petar, zog den Kragen seines Wintermantels hoch und drückte sich noch tiefer unter das Dach.

Ach komm, das hast du dir doch ausgedacht, Tihomir blickte ihn zweifelnd an, so etwas fragen die niemanden bei einem Vorstellungsgespräch, zumindest nicht bei der Stelle, auf die du dich beworben hast.

Doch, das fragen sie wohl, und davor wollte er noch wissen, welche Ausbildung ich habe und wie viele Jahre Berufserfahrung und welche Empfehlungen ich habe … Moment mal, sagte ich zu ihm, ich bewerbe mich doch nicht an einer Fakultät oder für einen Beraterposten beim Premierminister, es geht doch nur um eine lausige Parkplatzwächterstelle. Und was meinst du, was er mir daraufhin gesagt hat? Er hat mich gefragt, ob ich wüsste, wie viele sich um diese Stelle reißen. Fast vierhunderttausend sind als Arbeitslose registriert. Zum Vorstellungsgespräch für diese Stelle sind Lehrer, promovierte Wissenschaftler, Ingenieure und lauter solche Kandidaten gekommen … Mensch, dieser Bus kommt nie. Er spähte hinter der Glaswand hervor, von der ein Mädchen mit glatter, honigfarbener Haut, nur mit Schlüpfer und BH bekleidet und von Neonlicht beleuchtet sie verführerisch anlächelte.

Er blickte in Richtung Kaserne, von dort sollte der Bus kommen. Er konnte nicht weit sehen. Dichter Schneefall und Wind hatten den Raum verschluckt, als wäre Nebel aufgekommen.

Bisweilen tauchten aus der Schneewand zwei runde, trübe Lichter auf, dann wurden die beiden Männer lebhaft und reckten ihre Hälse, aber sofort zogen sie sich wieder zurück, wenn sie begriffen, dass es nur ein Auto war, das ein wenig später an ihnen vorbeifuhr, auf der schneebedeckten Straße hin und her treibend und rutschend, um wieder im Sturm zu verschwinden. Sie starrten wie verzaubert auf das Auto, zum Fahrer, der nur ein Hemd anhatte, auf diese Wärmeblase, die vor ihren Augen vorbeiglitt, und beinahe waren sie glücklich darüber, dass es so etwas überhaupt noch auf der Welt gab.

Vielleicht fährt der Bus heute gar nicht, sagte Tihomir, du kennst das doch: Bei der ersten Schneeflocke bricht Panik aus. Man sagt, dass der öffentliche Verkehr im Zusammenbruch begriffen sei, sie haben kein Geld für Winterreifen. Wir sind doch bescheuert, dass wir überhaupt noch Bus fahren. Hör mal, ich warte hier noch eine Viertelstunde, und wenn er dann noch nicht da ist, gehe ich nach Hause. Wir sind sowieso schon zu spät dran. Aber sag mal, um welchen Parkplatz geht es denn? Gehört der irgendeiner Bank oder einem Konzern oder so?

Von wegen, er wird von Zagreb-Parking genutzt, du weißt doch, wenn du falsch geparkt hast, wird dein Auto dorthin abgeschleppt. Sie suchen einen Nachtwächter. Der Mann hat gesagt, dass die Nachtschicht schlimmer ist als die Arbeit am Tag. Nachts kommen manchmal wütende Besitzer, die versuchen, ihr Auto rauszuholen, da kann dann einiges passieren. Ich habe mal in der Zeitung gelesen, dass manche bis zu den Zähnen bewaffnet aufkreuzen, und sie bringen ihre Kumpel mit, und dann müssen die Wächter sehen, wo sie bleiben.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich Lehrer und Ingenieure um diese Arbeit schlagen. Niemand ist so verrückt, sich wegen eines Autos eine Kugel einzufangen.

Ich weiß nicht recht, aber mir sieht es so aus, als wäre der Mann ehrlich. Ich hab sofort begriffen, dass er ein Mistkerl ist, aber das, was er sagte, hatte Sinn. Er meinte, dass die vielen Bewerber den Stundenlohn gedrückt haben und dass das eben so sei im Kapitalismus, dass es halt keinen Sozialismus mehr gebe.

Warte mal, wie kann er denn den Stundenlohn nach unten drücken? Zagreb-Parking ist doch keine private Firma, das ist doch ein städtischer Laden, da muss es doch einen geregelten Stundenlohn geben, oder etwa nicht?

Eigentlich nicht. Zagreb-Parking ist zwar eine städtische Firma, aber der Parkplatz selbst ist privat, kapierst du? So ist das mit dieser öffentlich-privaten Partnerschaft oder wie das heißt. Im ganzen Land ist es so. Sie sagen, dass sei die Demokratie, dieses öffentlich-private Etwas, und dass es kein kommunistisches Gemeineigentum mehr gebe.

Ich weiß, ich bin ja nicht blöd, sagte Tihomir, darüber habe ich etwas in der Zeitung gelesen.

Sie sagen, dass Privatleute mit Eigentum besser umgehen, setzte Petar fort, und deshalb haben sie das städtische Grundstück einem Privatmann verkauft, er hat einen Zaun darum gebaut, Kies herangeschafft und gesagt, dass das jetzt ein Parkplatz sei. Und jetzt bringt der Abschleppdienst Autos dorthin, und die Stadt bezahlt ihm dafür dicke Kohle.

Was für ein Irrenhaus, sagte Tihomir.

Genau, sagte Petar und holte sich eine Zigarettenschachtel aus der Tasche, wollen wir eine rauchen?

Sie zündeten sich Zigaretten an, bliesen den Rauch aus und blickten sehnsuchtsvoll in Richtung Kaserne. Aber von dort kamen nur Schnee und Wind.

Ich war nie mit einem solchen Mädchen zusammen, Tihomir zeigte auf das Mädchen auf der Glaswand.

Natürlich nicht, sagte Petar.

Ich meine nicht, dass ich noch nie mit einem Model zusammen war, aber ich habe nie im Leben ein Mädchen kennengelernt oder gesehen, dass eine solche Haut hat wie die hier, ohne Falten, Narben, Härchen, Muttermale oder Cellulitis, sagte Tihomir.

Solche Frauen leben in einer anderen Welt, in einer parallelen Wirklichkeit, so heißt es, zu der wir keinen Zugang haben, sagte Petar.

Ich würde eher sagen, dass es sich dabei um Photoshop handelt, solche Sahnetörtchen gibt es nicht einmal in dieser Parallelwelt, Tihomir zeigte unbestimmt in die Ferne.

Wie auch immer, der Typ meinte, dass das Geschäft nie besser gelaufen ist, setzte Petar seine Geschichte über die Arbeitssuche fort. Die Arbeitslosigkeit wird mit jedem Tag größer, nur die blüht bei uns, Tausende kämpfen um eine Stelle, und man weiß, so hat er gesagt, wie es um die Sache steht, wenn die Nachfrage größer ist als das Angebot. Während er mir das erzählt hat, hörte das Miststück nicht eine Sekunde lang auf zu grinsen.

Und was hast du ihm auf die Frage nach den Säufern und Irren in deiner Familie geantwortet?, wollte Tihomir wissen.

Was ich ihm geantwortet habe? Ich habe ihm geantwortet, dass – soweit ich weiß – alle in meiner Familie, sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits Alkoholiker, Kriminelle und Verrückte waren, einer schlimmer als der andere – und das seit zehn Generationen. Was hätte ich ihm anderes sagen sollen, dem Scheißkerl mit seinem beschissenen Job, Petar trat einen Schritt aus der Bushaltestelle hinaus. Ich dachte, dass wir die einzigen Lebewesen in dieser Nacht sind, er wies mit dem Kopf in Richtung der Gestalt, die im Schneesturm auftauchte.

Ein Mann stapfte durch den Schnee und trat unter das Glasdach. Er trug eine leuchtend rote Skihose und eine ebensolche Jacke, Handschuhe und eine Wollmütze, die er sich fast bis über die Augen gezogen hatte. Er stellte sich direkt neben sie und berührte sie beinahe.

Hör mal zu, Alter, sagte Petar und schob ihn von sich, ich weiß, dass es im Rudel wärmer ist, aber wir sind nicht so intim miteinander, dass du dich hier an mir warm reiben kannst. Wir kennen uns eigentlich gar nicht.

Der Mann verzog sich wortlos in die andere Ecke der Bushaltestelle.

Weißt du, was mir mein Nachbar erzählt hat, dessen Arbeitskollegin die Ehefrau eines Abschleppwagenfahrers kennt?, fragte Petar.

Das nenne ich eine Information aus erster Hand, sagte Tihomir.

Du brauchst gar nicht zynisch zu werden, sagte Petar, ich vertraue meinem Nachbarn mehr als Fernsehen und Zeitungen. Dieser Nachbar hat mir also erzählt, dass die Abschleppwagenfahrer einen Bonus für jedes Auto bekommen, und jetzt verstehe ich auch, wer ein Interesse daran hat.

Lass mich raten, hörte man eine heisere Stimme. Der Besitzer des Parkplatzes hat ein Interesse daran.

Der Mann war wieder näher gekommen.

Du gibst wohl nicht auf, oder?, fragte Petar.

Unser Problem ist, dass wir uns voneinander entfernt haben, sagte der Mann.

Unser?, sagte Petar, und wer sind wir?

Wir – die Menschen, sagte der Mann.

Ich dachte, du sagst die Kroaten, erwiderte Petar.

Auch Kroaten sind Menschen, oder etwa nicht?

Ganz wie man’s nimmt, antwortete Petar.

Jasmin Tokić, der Mann streifte seinen Handschuh ab und streckte Petar die Hand hin.

Petar zuckte zusammen und sah Tihomir an, als würde er Hilfe suchen.

Siehst du, wovon ich spreche, sagte Jasmin. Du benimmst dich, als hätte ich ein Messer gezückt, dabei habe ich dir nur meine Hand gereicht, um mich vorzustellen. Früher haben sich die Menschen miteinander unterhalten, es kam nicht vor, dass sie stundenlang schweigend nebeneinander standen. All das Schlechte, was uns passiert, geschieht nur deshalb, weil wir aufgehört haben, miteinander zu reden.

In Ordnung, Alter, in Ordnung, ich bin Petar und das hier ist Tihomir, und jetzt sind wir drei die besten Freunde. Zufrieden?

Wer sagt, dass wir das nicht werden können?, sagte Jasmin. Es sieht so aus, als würden wir zusammen eine kleine Ewigkeit auf den verfluchten Bus warten.

Auf der anderen Straßenseite tauchten zwei Personen aus dem Schneesturm auf. Sie liefen gebeugt über die Straße, und einen Moment später kamen ein junger Mann und eine junge Frau unter das Dach und klopften ihre Jacken ab.

Saukalt, sagte der junge Mann.

Das Mädchen hakte sich bei ihm unter und zog ihn in die Ecke.

Lass uns das Gespräch zu Ende führen, sagte sie. Wie kannst du wissen, wovon ich rede, wenn du nicht fühlst, was ich fühle? Du bist unfähig dazu.

Das Problem mit dir ist, dass du ständig irgendwas fühlst, sagte der junge Mann, und ich habe einfach keine Zeit, alle deine Gefühle nachzuvollziehen, sie zuzuordnen und über sie nachzudenken.

Wieso verstehst du nicht, regte sie sich auf, dass es mir nicht egal war, als mir Ivan erzählt hat, dass ihr euch mit den Kellnern geprügelt habt?

Wie kann der sich überhaupt an irgendwas erinnern?, sagte der junge Mann. Der war doch völlig betrunken.

Was wäre passiert, wenn einer von ihnen eine Pistole gezogen hätte und … Jesus, das hätte ich nicht ertragen.

Wir haben uns nicht mit denen geprügelt, das habe ich dir doch schon gesagt, wir haben uns verteidigt, wir haben uns nur verteidigt.

Aber Ivan hat gesagt, dass du einen der Kellner angegriffen hast.

Das war später, sagte er, als die Schlacht schon verloren war.

Er lachte.

Ich finde das gar nicht lustig, sagte sie.

Für dich, meine Liebste, für dich, für dich ist der Mond so hoch, hoch, hoch aufgegangen, sagte er.

Wie bitte?, fragte sie.

Gar nichts. Ich sehe das Licht da oben, und ich habe mich an eine Erzählung erinnert, die wir letztes Jahr in der Russistik untersucht haben.

Na so was, sagte die junge Frau. Was glotzt ihr so, fragte sie die drei Männer, die sie anstarrten.

Tja, wir haben keine große Wahl in diesem Käfig, sagte Petar.

Das Mädchen lachte und entspannte sich sichtbar.

Vielleicht sind die Straßen nicht mehr passierbar, sagte Petar, schon seit längerer Zeit ist niemand mehr vorbei gekommen.

Würden die Politiker und die Tycoons den öffentlichen Nahverkehr nutzen, dann würde so etwas nicht passieren, sagte Tihomir. Die Straßen würden funktionieren wie mitten im Sommer, und die Busse wären pünktlich wie japanische Züge.

Diese Herrschaften wollen mit uns nichts zu tun haben, sagte Petar. Wir sind nicht fein genug, in den Bussen ist es immer voll, es stinkt nach Schweiß, man tritt sich gegenseitig auf die Füße, man wird hin und her geschubst, irgend jemand hustet dir ins Gesicht …

Darum geht es nicht, sagte Jasmin.

Was du nicht sagst, antwortete Petar, genau darum geht es. Woran sollte man sonst erkennen, dass sie im Leben erfolgreich sind, wenn nicht daran, dass sie mit uns anderen nichts zu tun haben wollen, und daran, dass sie in Luxusvillen leben und sich von Fahrern in teuren Autors herumfahren lassen?

Darum geht es nicht, wiederholte Jasmin. Die Bonzen fahren nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, weil sie keine alten Freunde treffen wollen, Menschen, die sie von früher kennen, die wissen, was und wie sie waren, bevor sie reich geworden sind oder wichtig in der Politik.

Hör mal, sagte Tihomir, für mich ergibt das schon einen Sinn, das, was er da sagt.

Natürlich hat das einen Sinn, sagte Jasmin. Niemand von denen will uns begegnen. Stell dir doch mal vor, dass jetzt zum Beispiel Ćordić hier herein platzt, mit all seinen landwirtschaftlichen Betrieben, Handelsketten, der Nahrungsmittelindustrie und was der sonst noch alles zusammen geklaut hat, halb Kroatien gehört ihm. Wie könnte er hier vor uns eine wichtige Person spielen, zeigen, dass er jemand ist, wenn wir wissen, dass er vor fünfzehn Jahren ein Niemand war, ein Habenichts, genauso arm wie wir. Und deshalb fährt er nicht mit dem Bus, denn er kann uns nichts vormachen, er kann sich nicht wichtig machen.

Aber wem gegenüber macht er sich denn wichtig, wenn nicht uns gegenüber?, fragte Petar.

Seinesgleichen gegenüber, antwortete Jasmin. Dieses Gesindel hält deswegen zusammen, und dann erzählen sie sich gegenseitig irgendwelche Scheiße, aber keiner würde es dem anderen vorwerfen, und so genießen sie ihre Scheißgespräche und sind fest davon überzeugt, dass sie wichtig und groß sind, aber wenn du genauer hinschaust, sind das alles mickrige Gestalten. Er schnaufte und sah zu dem Glasdach, auf dem jetzt eine dicke Schneeschicht lag. Ich frage mich, ob das Dach das Gewicht des Schnees aushält, ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen.

Da ist was Wahres dran, gab Petar zu, zumindest weil das hier ein kleines Land ist, und wir uns alle gegenseitig kennen oder meist zumindest jemanden kennen, der den kennt, den wir nicht persönlich kennen.

Er hier zum Beispiel, Tihomir wies auf Petar, weiß, dass der Bürgermeister und ich im Kommunismus gemeinsam als Referenten in einer lokalen Verwaltungseinheit gearbeitet haben. Schon damals war er ein Arschloch.

Das ist wahr, sagte Petar.

Kennst du auch so jemanden?, fragte Jasmin.

Den Justizminister, antwortete Petar. Er würde sich heute vielleicht nicht mehr an mich erinnern, aber dafür erinnere ich mich umso besser an ihn. Er hat vor zehn Jahren in meiner Straße ein Anwaltsbüro eröffnet, aber eigentlich hat er ständig in unserer Stammkneipe herumgehangen. Die Kanzlei lief nicht besonders gut. Er hat mit uns getrunken, ich habe ihm hundertmal einen ausgegeben, und dann ist er eines Tages einfach verschwunden. Es hieß, dass er einen Haufen Geld für Miete und Nebenkosten schuldig geblieben ist, aber das könnte ich natürlich nicht beweisen. Ganz bestimmt kann ich jedoch sagen, dass er nie jemandem einen Drink bezahlt hat. Und dann tauchte er als Justizminister wieder auf. Man fragt sich, wie er das geschafft hat.

Er hat Kriminelle und Tycoons verteidigt, sagte Jasmin, so hat er sich einen Namen gemacht. Und mit deren Hilfe ist er auch Minister geworden.

Wieso habe ich später nichts über ihn gehört, wenn er doch so bekannt geworden ist?, fragte Petar.

Über solche Typen steht nichts in den Zeitungen, und sie tauchen nicht im Fernsehen auf, sagte Jasmin. Sie schleichen herum und ziehen die Fäden im Dunklen, sie stellen das Bindeglied zwischen Kriminellen und der Politik dar.

Und du weißt das?

Ich weiß es.

Du warst sein Geschäftspartner?, fragte Petar spöttisch.

Ich habe beim Geheimdienst gearbeitet, sagte Jasmin.

Ein Spitzel, sagte Tihomir.

Nicht gerade ein Spitzel, sagte Jasmin. Ich habe mich bis zu den letzten Wahlen um die Elektronik gekümmert. Ich wurde offiziell in den Ruhestand geschickt, aber eigentlich wurde ich mit dem Rest der Truppe weggefegt, als die Regierung wechselte.

Und da hast du von seinen zwielichtigen Geschäften erfahren?

Davon und von vielen anderen Machenschaften.

Ach, sagte Petar, wir können hier jetzt quatschen, über was wir wollen und wie viel wir wollen, er ist heute Minister, hat einen Dienstwagen und einen Fahrer, während ich eine Stelle suche, die ich nicht finden werde, und auf den Bus warte, der nicht kommen wird, und – damit das Pech vollständig ist – ich werde nicht rechtzeitig zum Kegeln kommen.

Du suchst eine Stelle, sagte Jasmin, warum suchst du eine Stelle, wozu ist das gut?

Wie meinst du das, wozu das gut ist?, Petar sah ihn erstaunt an. Um zu arbeiten und Geld für meinen Lebensunterhalt aufzubringen, Strom, Essen, was man halt so braucht. Warte mal, ich glaube, ich höre etwas.

Sie traten auf den schneebedeckten Bürgersteig und starrten in Richtung Kaserne. Sie schützten mit den Handflächen ihre Augen, versuchten durch den Schnee etwas zu erkennen, spitzten die Ohren, um das ersehnte Motorengeräusch wahrnehmen zu können, doch man konnte nur das Singen des Unwetters hören. Und als sie zurück unter das Dach kehrten, trafen sie dort auf eine neue Person, eine Frau in langer Daunenjacke mit Schneeboots und einer Pelzmütze auf dem Kopf.

Warten Sie schon lange?, fragte sie.

Eine halbe Stunde, antwortete Petar.

Länger, sagte Tihomir, eine Dreiviertelstunde, denke ich.

Nicht gerade das beste Wetter um auszugehen, Frau Nachbarin, sagte Jasmin.

Ach Sie sind das, Herr Nachbar, sagte sie. Ich würde ja nicht ausgehen, wenn ich nicht zur Demo wollte.

Was für eine Demo?, fragte Jasmin.

Gegen die, die unsere Kirche verbieten und den Kindern in der Schule allerlei Blödsinn beibringen wollen.

Aha, sagte Jasmin.

Würden die beiden in die Kirche gehen, dann würden sie hier nicht …, sie schrie beinahe, während sie auf den jungen Mann und die junge Frau wies, die umarmt in der Ecke standen und lächelten.

Das Mädchen drehte sich um und maß die Frau von Kopf bis Fuß.

Was ist, Alte, hast du irgendetwas nicht verstanden? Du magst ja aus der Rippe deines Mannes entstanden sein, ich bin es nicht. Siehst du denn nicht, dass in dieser Ecke hier, mitten in dieser Eislandschaft, die Liebe blüht? Ich liebe meinen Nächsten, nämlich ihn, sie zeigte mit dem Finger auf den jungen Mann, und er liebt seine Nächste, nämlich mich, sie presste ihren Finger auf ihre Brust. Ist das nicht genau das, was sie in deiner Kirche immer hinaustrompeten?

Tihomir und Petar lachten.

Was ist daran lustig?, ärgerte sich die Frau.

Nichts, rein gar nichts, sagte Petar versöhnlich, alles ist in Ordnung, nur voran bis zum endgültigen Sieg über den Antichristen. Sag mal, wandte er sich an Jasmin, was wolltest du mir noch über die Arbeit sagen, du glaubst doch nicht, dass man, ohne zu arbeiten, leben kann?

Jasmin lächelte. Man kann eigentlich nur so wirklich leben, sagte er, ohne für jemand anderen zu schuften.

Aber du hast dennoch dein Leben lang für die Bullen geschuftet, bis sie dir einen Fußtritt verpasst haben. Petar versuchte nicht einmal, seinen Sarkasmus zu verbergen.

Ich habe damals nicht das gefühlt, was ich heute weiß und fühle, antwortete Jasmin trocken.

Die jungen Leute verließen eng umschlungen die Bushaltestelle und verschwanden in die Schneenacht.

Wohin gehen die jetzt?, fragte Petar.

Darüber könnte man nachdenken, antwortete Jasmin.

Sie sind klüger als wir, sagte Tihomir. Sie gehen irgendwo hin, wo es warm ist.

Was meinen Sie, Herr Nachbar, wandte sich die Frau an Jasmin, wird der Bus noch kommen?

Sieht nicht so aus, antwortete Jasmin.

Dann gehe ich auch nach Hause, sagte sie. Ich werde ein anderes Mal zur Demo gehen, wenn sich das Wetter etwas beruhigt hat, diese Demos laufen ständig.

Die drei Männer sahen ihr nach, während sie sich mit kleinen, vorsichtigen Schritten entfernte, bis sie vom Sturm verschluckt wurde.

Sie geht ein anderes Mal zur Demo, fauchte Petar verächtlich.

Die arme Frau, sagte Jasmin, sie hat in weniger als einem Jahr ihren Mann und ihre Tochter verloren, sie muss sich an irgendetwas festklammern, einen Anker finden, sonst versinkt sie in totalem Dunkel.

Uff, das habe ich nicht gewusst, stockte Petar, es tut mir Leid.

Wie hättest du das wissen können?, sagte Jasmin. Und was die Arbeit betrifft, sie bringt niemandem Glück außer solchem Gesindel wie diesem Parkplatzbesitzer und denen über ihm. Man hat uns beigebracht, dass die Arbeit der einzige Weg zur Verwirklichung unserer Sicherheit, unseres Glücks, unseres Wohlstandes, unserer Träume ist, dass uns die Arbeit edelmütiger macht – und all solchen Quatsch, aber eine gute, sichere Arbeit ist wie ein Glücksspiel. Die Chance, eine zu bekommen, gleicht der, im Lotto zu gewinnen. Die heutige Politik produziert nur noch Arbeitslosigkeit, und die, die eine Stelle haben, arbeiten für einen Hungerlohn, und die Menschen sind auf das nackte Überleben reduziert, man hat sie davon überzeugt, dass Wohlstand bedeutet, eine warme Mahlzeit und keine allzu großen Schulden zu haben, verstehst du? Der Mensch kann heute eher dann seine Selbstachtung bewahren, wenn er Plastikflaschen und andere Abfälle aus Müllcontainern sammelt oder wenn er seinen Bettelhut auf der Straße auslegt und auf die Güte anderer Menschen hofft, als wenn er für Almosen bei unseren angeblichen Großunternehmern arbeitet. Jemand hat einmal gesagt, dass die Reichen, wäre anstrengende Arbeit wirklich eine so angenehme Sache, diese schon lange an sich gerissen hätten. Ich glaube, er hatte Recht. Aber Jungs, wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich jetzt auch nach Hause gehen. Ich koche mir einen Tee mit Rum und werde durch das Fenster den Schneesturm betrachten.

Petar sagte nichts darauf. Tihomir auch nicht. Sie schwiegen, auch als Jasmin hinter dem Vorhang aus Schnee verschwand. Dann streckten sie ihre Köpfe in Richtung Kaserne. Von dort kam nichts. Schnee und Wind und hoch oben das trübe, verschwommene Licht der Straßenbeleuchtung. Und die Bushaltestelle wie ein offener Glaskasten in der schneeweißen Unendlichkeit.

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Autor: Edo Popović für bpb.de
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