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Erinnerungskultur und -politik in Kroatien


16.4.2013
Jede Erinnerung an Vergangenes ist an den Bedürfnissen der heutigen Identitätsstiftung orientiert und kann das Geschehene nie "authentisch" wiedergeben. Dennoch gibt es gravierende Unterschiede in der Art, wie demokratische und diktatorische Gesellschaften mit unterschiedlichen, oftmals konkurrierenden Erinnerungen umgehen, und wie sich aus verschiedenen Erinnerungskulturen eine offizielle staatliche Erinnerungspolitik herausbildet. Nach dem Zusammenbruch des "Ostblocks" und den gesellschaftlichen Umwälzungen nach 1989 kam es in den postsozialistischen Ländern zu einer "Neuerfindung" der Geschichte, die der sozialistischen Ära entgegengesetzt wurde. Während oftmals die nationale Unabhängigkeit stärker als die Demokratisierung betont wurde, suchte man in der Geschichte des jeweiligen Landes nach einer "goldenen Ära" nationaler Selbstständigkeit vor der Machtergreifung der kommunistischen Parteien in den 1940er Jahren.

Die Wahl der historischen Periode, die für den neuen Staat als Vorbild diente, fiel von Land zu Land unterschiedlich aus und war in einigen Ländern umstritten, während in anderen weitgehender gesellschaftlicher Konsens herrschte. Während etwa in der Tschechischen Republik, die im Zweiten Weltkrieg nicht als eigenständiger Staat existierte, ein ausgeprägter Bezug auf die tschechoslowakische Demokratie der Zwischenkriegszeit vorherrschte, gab es in der Slowakei eine starke Strömung, die sich positiv auf die "Erste Slowakische Republik" (1939–1945) unter dem Geistlichen Jozef Tiso, die ein Satellitenstaat des nationalsozialistischen Deutschlands war, bezog. Doch konnten sich diese Kräfte in der Slowakei nicht durchsetzen und für die Mehrheit blieb Tiso ein Kollaborateur.

Der kroatische Fall weist Parallelen zum slowakischen auf. Auch der "Unabhängige Staat Kroatien" (USK) wurde 1941 aus dem zerschlagenen Königreich Jugoslawien als Satellitenstaat von Hitlers und Mussolinis Gnaden herausgelöst. Ein NS-Kollaborationsregime unter der Führung der durch Hass auf Serben und Serbinnen und Antisemitismus gekennzeichneten Ustascha-Bewegung wurde installiert. Doch im Gegensatz zur Slowakei errichteten die Ustascha in Kroatien, dem Bosnien-Herzegowina einverleibt wurde, Konzentrationslager, in denen sie selbstständig Serben, Juden, Roma und politische Gefangene ermordeten. Das größte Arbeits- und Vernichtungslager war Jasenovac, 100 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Zagreb. Auch herrschte im Land während des Zweiten Weltkriegs ein Bürgerkrieg zwischen den kroatischen Ustascha, den serbischen Monarchisten (Tschetniks) und den Partisanen unter Josip Broz Tito. Die Partisaninnen und Partisanen konnten zwar weite Teile Jugoslawiens selbstständig befreien, stellten aber 1945 das neue, sozialistische Jugoslawien auf ein blutiges Fundament, als sie Zehntausende Menschen aus Rache und ohne Gerichtsprozess ermordeten, die das Land zu Kriegsende in Richtung Österreich verlassen hatten und sich den britischen Alliierten ergeben wollten. In Kroatien und unter den nach dem Zweiten Weltkrieg ausgewanderten Kroatinnen und Kroaten werden diese blutigen Ereignisse nach einem österreichischen Grenzdorf als "Bleiburger Tragödie" bezeichnet.

"Nationale Versöhnung" nach 1990



Franjo Tuđman, der sich bei der ersten demokratischen Präsidentschaftswahl in Kroatien im April 1990 durchsetzen konnte, prägte zehn Jahre lang als autoritär regierender Staatschef die kroatische Erinnerungskultur und speziell den Umgang mit dem Ustascha-Staat. Der "Unabhängige Staat Kroatien", so proklamierte der gelernte Historiker Tuđman, sei "nicht bloß eine faschistische Schöpfung, sondern auch der Ausdruck des jahrhundertelangen Strebens des kroatischen Volkes nach einem unabhängigen Staat"[1] gewesen. Bereits vor seinem Amtsantritt legte Tuđman den Rahmen für die kroatische Vergangenheitspolitik der 1990er Jahre fest. In seinem revisionistischen und antisemitischen Buch "Irrwege der Geschichtswirklichkeit" aus dem Jahr 1989 behauptet er, der USK sei zwar der Form nach faschistisch gewesen, sein Inhalt hingegen sei "rein" und "volksbefreiend" geblieben. Tuđman bestritt die Ustascha-Verbrechen nicht, stellte ihnen jedoch systematisch Gewalttaten der Tschetniks und Partisanen gegenüber. Ebenso widersprach er – zu Recht – der aus jugoslawischen Zeiten stammenden überhöhten Zahl von 700.000 Jasenovac-Opfern, allerdings nur um ins andere Extrem zu verfallen, denn er sprach von "bloß" 30.000 bis 40.000 Ermordeten und bezifferte sie damit in ähnlicher Höhe wie die Opfer von "Bleiburg". Seriöse Wissenschaftler gehen hingegen von einer Zahl von rund 100.000 Opfern aus[2]. Der Dreh- und Angelpunkt der Vergangenheitspolitik wurde Tuđmans Projekt einer "nationalen Versöhnung": Seinem Verständnis nach hätten Ustascha und Partisanen im Zweiten Weltkrieg beide auf ihre je eigene Art für die kroatische Sache gekämpft. Die beiden politischen Gegenpole, die sich im Zweiten Weltkrieg blutig bekämpft hatten, wurden nun im Sinn der kroatischen Sache als miteinander vereinbar dargestellt.

Die Umdeutung der beiden Bewegungen hatte realpolitisch eine fast vollständige Delegitimierung der Partisanen aufgrund der von ihnen nach Kriegsende begangenen Verbrechen und eine vollständige Rehabilitation der Ustascha unter Leugnung oder Verharmlosung ihrer Verbrechen zur Folge. Dies führte zwar zu einer formellen Verankerung des Antifaschismus in der Verfassung. Alle konkreten Handlungen abseits dieses Lippenbekenntnisses, wie die Entfernung von fast 3.000 Partisanendenkmälern,[3] zahlreiche Straßenumbenennungen und der Rückgriff auf Ustascha-Symbole, beförderten jedoch einen Geschichtsrevisionismus und eine positive, nationale Identität stiftende Bezugnahme auf das Ustascha-Regime. Das bekannteste Beispiel für die Politik war die Umbenennung des Zagreber "Platzes der Opfer des Faschismus", auf dem sich im Zweiten Weltkrieg die Ustascha- und die Gestapo-Zentrale befunden hatten, in "Platz der kroatischen Größen" im Jahre 1990. Der Name der neuen Währung Kuna (Marder) und das 1990 für einige Monate eingeführte Staatswappen in Form eines weiß-roten Schachbretts waren auch zuletzt im Ustascha-Regime verwendet worden, auch wenn sie bereits in früheren Phasen existiert hatten. Dieser Rückbezug im Wappen wurde mit der Verabschiedung des "Gesetzes über die Staatssymbole" im Dezember 1990 zurückgenommen, mit dem festgelegt wurde, dass das Wappen (wie im sozialistischen Kroatien) wieder mit einem roten Feld beginnt, aber durch neue Symbole ergänzt wird.

Besonders auffällig für den Umgang mit der Vergangenheit war die Verknüpfung der Erinnerung an Jasenovac mit jener an Bleiburg, die darauf hinauslief, Bleiburg als das schlimmere Verbrechen darzustellen. Im Gegensatz zu Präsident Tuđman, der auf eine "Balance" der Opferzahlen aus war, war in der kroatischen Öffentlichkeit in den 1990er Jahren in Bezug auf die Bleiburger Opferzahlen oft von mehreren 100.000 die Rede. Unter der Schirmherrschaft von Regierungs- und Parlamentsmitgliedern wurde auf den alljährlich stattfindenden Gedenkveranstaltungen im Kärntner Ort Bleiburg nicht selten vom "kroatischen Holocaust"[4] gesprochen. Das kroatische Fernsehen übertrug die Bleiburg-Veranstaltungen ungeachtet der dort dominierenden Ustascha-Symbole live, während die Gedenkveranstaltungen in Jasenovac erst seit 2003 übertragen werden. Die Zahl der Besucher in Bleiburg übertraf immer jene in Jasenovac und die Kirche sandte regelmäßig Bischöfe nach Österreich, während sie bei den Gedenkveranstaltungen in Jasenovac lange Jahre gar nicht und erst in den vergangenen Jahren ab und zu durch lokale Vertreter repräsentiert war. Während die Jasenovac-Gedenkstätte nach dem Krieg verwüstet blieb, entwickelte Franjo Tuđman seiner Versöhnungsidee entsprechend den Plan einer "nationalen Gedenkstätte" auf dem Gelände des ehemaligen KZ Jasenovac: Die Opfer von Bleiburg und Jasenovac sollten gemeinsam begraben werden. Aufgrund internationaler Proteste sowie der Kritik der wenigen freien Medien im Lande, die nach der kurzen Liberalisierungsphase bis 1992 nicht auf Parteilinie gebracht werden konnten, wurde dieser Plan jedoch nie realisiert. Auch behaupteten Tuđman und viele seiner Partei nahestehende Journalisten, dass Jasenovac nach 1945 als kommunistisches Lager für die Bleiburg-Gefangenen weitergeführt worden sei, wofür sich weder in Überlebendenberichten, in Exil-Literatur noch in wissenschaftlichen Befunden ein Beleg finden lässt. Während in den meisten postsozialistischen Ländern die Aufarbeitung der sozialistischen Ära vor 1989 im Vordergrund stand, war im ehemaligen Jugoslawien also vor allem die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg umkämpft, wobei leider nicht nur im übertragenen Sinne "Krieg um die Erinnerung" geführt wurde. Die Jugoslawien-Kriege der 1990er Jahre reaktivierten Freund- und Feindbilder aus dem Zweiten Weltkrieg. Kroatische Paramilitärs setzten Ustascha-, serbische Kämpfer Tschetnik-Mützen auf und beide Seiten sprachen von "erneuter" Aggression.

Auch in der Populärkultur verband sich die Verharmlosung des Ustascha-Staates als "Meilenstein kroatischer Unabhängigkeit" mit aggressiv nationalistischen Deutungen der Jugoslawien-Kriege. Auf Konzerten des nationalistischen Sängers Thompson wurden aufgrund seiner offenen Verherrlichung des USK, aggressiver Töne gegen Serben und für die Einverleibung des kroatischen Teils Bosnien-Herzegowinas vom Publikum regelmäßig die Ustascha gefeiert oder die Hand zum Hitlergruß erhoben. Seine Konzerte begannen mit dem Ustascha-Gruß: Thomson rief "Für die Heimat …" und die Menge brüllte zurück "… bereit!". In seinen (offiziellen) Liedern finden sich auch antisemitische Anspielungen. Darin geht es schon einmal um die "Söhne von Judas", die unsere Träume verkauft hätten, oder um "Judasgeld",[5] während er leugnet, ein Ustascha-Lied ("Jasenovac i Gradiška Stara"), in dem die Opfer von Jasenovac verhöhnt werden, aufgeführt zu haben, jedoch immer neue Konzertmitschnitte des Liedes als Beweise auftauchen. Dies wurde von offizieller Seite nicht nur toleriert, seine Lieder wurden sogar bei Auftritten der kroatischen Fußballnationalmannschaft gespielt.

Besonders ausgeprägt war das Wiederaufleben von Ustascha-Symbolik bei der jährlichen Gedenkveranstaltung in Bleiburg, wo selbst Kinder in schwarze Uniformen gehüllt waren, wie sie einst die Ustascha trugen. Unzählige Straßenverkäufer verkauften Bilder mit dem Konterfei des Ustascha-Führers Ante Pavelić und Ustascha-Fahnen. Das Ustascha-U, oftmals mit einem Kreuz darüber, das die besondere Beziehung der Kroaten zu Gott symbolisieren soll, zierte als Graffiti unzählige Hauswände insbesondere in Zagreb und in der Umgebung der Küstenstadt Zadar. Nach der Rückeroberung der zuvor unter serbischer Kontrolle stehenden Gebiete und der Flucht, Vertreibung und zum Teil auch Ermordung der zurückgebliebenen älteren serbischen Bevölkerung aus der ehemals serbischen Krajina überbot die Zahl der Ustascha-Graffitis etwa in Knin, der ehemaligen Hauptstadt der Krajina, sogar die Zahl der Fußball-Graffitis.

Während soziologische Studien für Deutschland durch generationenübergreifende Interviews gezeigt haben, dass trotz des durch Schule und Gesellschaft vermittelten Wissens über die Verbrechen der Nationalsozialisten eine ungebrochene emotionale Identifikation innerhalb der Familie besteht, die sich mit dem Ausspruch "Opa war kein Nazi"[6] zusammenfassen lässt, kommen ähnliche Untersuchungen in Bezug auf das ehemalige Jugoslawien zum entgegengesetzten Schluss: Auch wenn die eigenen Großeltern Partisanen waren, war der das sozialistische Jugoslawien tragende Ursprungsmythos vom Partisanenkampf für die Enkelgeneration im Zuge der 1990er Jahre obsolet geworden. Die zu sozialistischen Zeiten verdammte Kollaboration mit den Nationalsozialisten erschien zunehmend neutralisiert und entpolitisiert als Anpassungsleistung. Die reale Erfahrung des "neuen" Krieges griff direkt in die Vorstellungen des Zweiten Weltkrieges ein und führte zu neuen Identifikationen ohne gemeinsamen intergenerationellen Bezugspunkt, weshalb Söhne in diesem Fall nicht zwingend ihren Vätern folgten und sich die Frontlinien zum Teil mitten durch die Familien zogen,[7] sich Kinder und Enkel von Partisanen Neo-Ustascha-Gruppierungen anschlossen.

Die polemische Zusammenfassung, Bleiburg-Gedenken habe in den 1990er Jahren als "cool" gegolten, während Jasenovac-Gedenken "out" war, wird durch die Tatsache zugespitzt, dass in der staatlichen Tageszeitung Vjesnik und in Parlamentsdebatten kritische Stimmen an der Stilisierung von Bleiburg als "kroatischem Holocaust" nicht nur im Laufe der 1990er Jahre an einer Hand abzuzählen waren. Auch wurden diese seltenen Kritiker als anti-kroatisch und Verräter gebrandmarkt. Die dominante Erinnerungspolitik und -kultur wiesen eindeutig in eine andere Richtung.


Fußnoten

1.
Zit. nach: Ivo Goldstein, Holokaust u Zagrebu, Zagreb 2001, S. 597 (Übersetzungen von der Autorin).
2.
Ivo Goldstein, Croatia. A History, London 2004, S. 138.
3.
Vgl. Juraj Hrženjak, Rušenje antifašističkih spomenika u Hrvatskoj 1990–2000, Zagreb 2002.
4.
Vgl. Wolfgang Höpken, Jasenovac – Bleiburg – Kočevski rog. Erinnerungsorte als Identitätssymbole in (Post-)Jugoslavien, in: Angela Richter/Barbara Beyer (Hrsg.), Geschichte (ge-)brauchen. Literatur und Geschichtskultur im Staatssozialismus: Jugoslavien und Bulgarien, Berlin 2006, S. 417.
5.
Zit. nach: Gregor Mayer/Bernhard Odehnal, Aufmarsch. Die rechte Gefahr aus Osteuropa, St. Pölten 2010, S. 204f.
6.
Harald Welzer et al., "Opa war kein Nazi". Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt/M. 2005.
7.
Vgl. Natalija Bašić, Wen interessiert heute noch der Zweite Weltkrieg?, in: Harald Welzer (Hrsg.), Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis, Frankfurt/M. 2007, S. 158.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Ljiljana Radonic für bpb.de