Flagge von Kroatien
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16.4.2013 | Von:
Ljiljana Radonic

Erinnerungskultur und -politik in Kroatien

Jede Erinnerung an Vergangenes ist an den Bedürfnissen der heutigen Identitätsstiftung orientiert und kann das Geschehene nie "authentisch" wiedergeben. Dennoch gibt es gravierende Unterschiede in der Art, wie demokratische und diktatorische Gesellschaften mit unterschiedlichen, oftmals konkurrierenden Erinnerungen umgehen, und wie sich aus verschiedenen Erinnerungskulturen eine offizielle staatliche Erinnerungspolitik herausbildet. Nach dem Zusammenbruch des "Ostblocks" und den gesellschaftlichen Umwälzungen nach 1989 kam es in den postsozialistischen Ländern zu einer "Neuerfindung" der Geschichte, die der sozialistischen Ära entgegengesetzt wurde. Während oftmals die nationale Unabhängigkeit stärker als die Demokratisierung betont wurde, suchte man in der Geschichte des jeweiligen Landes nach einer "goldenen Ära" nationaler Selbstständigkeit vor der Machtergreifung der kommunistischen Parteien in den 1940er Jahren.

Die Wahl der historischen Periode, die für den neuen Staat als Vorbild diente, fiel von Land zu Land unterschiedlich aus und war in einigen Ländern umstritten, während in anderen weitgehender gesellschaftlicher Konsens herrschte. Während etwa in der Tschechischen Republik, die im Zweiten Weltkrieg nicht als eigenständiger Staat existierte, ein ausgeprägter Bezug auf die tschechoslowakische Demokratie der Zwischenkriegszeit vorherrschte, gab es in der Slowakei eine starke Strömung, die sich positiv auf die "Erste Slowakische Republik" (1939–1945) unter dem Geistlichen Jozef Tiso, die ein Satellitenstaat des nationalsozialistischen Deutschlands war, bezog. Doch konnten sich diese Kräfte in der Slowakei nicht durchsetzen und für die Mehrheit blieb Tiso ein Kollaborateur.

Der kroatische Fall weist Parallelen zum slowakischen auf. Auch der "Unabhängige Staat Kroatien" (USK) wurde 1941 aus dem zerschlagenen Königreich Jugoslawien als Satellitenstaat von Hitlers und Mussolinis Gnaden herausgelöst. Ein NS-Kollaborationsregime unter der Führung der durch Hass auf Serben und Serbinnen und Antisemitismus gekennzeichneten Ustascha-Bewegung wurde installiert. Doch im Gegensatz zur Slowakei errichteten die Ustascha in Kroatien, dem Bosnien-Herzegowina einverleibt wurde, Konzentrationslager, in denen sie selbstständig Serben, Juden, Roma und politische Gefangene ermordeten. Das größte Arbeits- und Vernichtungslager war Jasenovac, 100 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Zagreb. Auch herrschte im Land während des Zweiten Weltkriegs ein Bürgerkrieg zwischen den kroatischen Ustascha, den serbischen Monarchisten (Tschetniks) und den Partisanen unter Josip Broz Tito. Die Partisaninnen und Partisanen konnten zwar weite Teile Jugoslawiens selbstständig befreien, stellten aber 1945 das neue, sozialistische Jugoslawien auf ein blutiges Fundament, als sie Zehntausende Menschen aus Rache und ohne Gerichtsprozess ermordeten, die das Land zu Kriegsende in Richtung Österreich verlassen hatten und sich den britischen Alliierten ergeben wollten. In Kroatien und unter den nach dem Zweiten Weltkrieg ausgewanderten Kroatinnen und Kroaten werden diese blutigen Ereignisse nach einem österreichischen Grenzdorf als "Bleiburger Tragödie" bezeichnet.

"Nationale Versöhnung" nach 1990

Franjo Tuđman, der sich bei der ersten demokratischen Präsidentschaftswahl in Kroatien im April 1990 durchsetzen konnte, prägte zehn Jahre lang als autoritär regierender Staatschef die kroatische Erinnerungskultur und speziell den Umgang mit dem Ustascha-Staat. Der "Unabhängige Staat Kroatien", so proklamierte der gelernte Historiker Tuđman, sei "nicht bloß eine faschistische Schöpfung, sondern auch der Ausdruck des jahrhundertelangen Strebens des kroatischen Volkes nach einem unabhängigen Staat"[1] gewesen. Bereits vor seinem Amtsantritt legte Tuđman den Rahmen für die kroatische Vergangenheitspolitik der 1990er Jahre fest. In seinem revisionistischen und antisemitischen Buch "Irrwege der Geschichtswirklichkeit" aus dem Jahr 1989 behauptet er, der USK sei zwar der Form nach faschistisch gewesen, sein Inhalt hingegen sei "rein" und "volksbefreiend" geblieben. Tuđman bestritt die Ustascha-Verbrechen nicht, stellte ihnen jedoch systematisch Gewalttaten der Tschetniks und Partisanen gegenüber. Ebenso widersprach er – zu Recht – der aus jugoslawischen Zeiten stammenden überhöhten Zahl von 700.000 Jasenovac-Opfern, allerdings nur um ins andere Extrem zu verfallen, denn er sprach von "bloß" 30.000 bis 40.000 Ermordeten und bezifferte sie damit in ähnlicher Höhe wie die Opfer von "Bleiburg". Seriöse Wissenschaftler gehen hingegen von einer Zahl von rund 100.000 Opfern aus[2]. Der Dreh- und Angelpunkt der Vergangenheitspolitik wurde Tuđmans Projekt einer "nationalen Versöhnung": Seinem Verständnis nach hätten Ustascha und Partisanen im Zweiten Weltkrieg beide auf ihre je eigene Art für die kroatische Sache gekämpft. Die beiden politischen Gegenpole, die sich im Zweiten Weltkrieg blutig bekämpft hatten, wurden nun im Sinn der kroatischen Sache als miteinander vereinbar dargestellt.

Die Umdeutung der beiden Bewegungen hatte realpolitisch eine fast vollständige Delegitimierung der Partisanen aufgrund der von ihnen nach Kriegsende begangenen Verbrechen und eine vollständige Rehabilitation der Ustascha unter Leugnung oder Verharmlosung ihrer Verbrechen zur Folge. Dies führte zwar zu einer formellen Verankerung des Antifaschismus in der Verfassung. Alle konkreten Handlungen abseits dieses Lippenbekenntnisses, wie die Entfernung von fast 3.000 Partisanendenkmälern,[3] zahlreiche Straßenumbenennungen und der Rückgriff auf Ustascha-Symbole, beförderten jedoch einen Geschichtsrevisionismus und eine positive, nationale Identität stiftende Bezugnahme auf das Ustascha-Regime. Das bekannteste Beispiel für die Politik war die Umbenennung des Zagreber "Platzes der Opfer des Faschismus", auf dem sich im Zweiten Weltkrieg die Ustascha- und die Gestapo-Zentrale befunden hatten, in "Platz der kroatischen Größen" im Jahre 1990. Der Name der neuen Währung Kuna (Marder) und das 1990 für einige Monate eingeführte Staatswappen in Form eines weiß-roten Schachbretts waren auch zuletzt im Ustascha-Regime verwendet worden, auch wenn sie bereits in früheren Phasen existiert hatten. Dieser Rückbezug im Wappen wurde mit der Verabschiedung des "Gesetzes über die Staatssymbole" im Dezember 1990 zurückgenommen, mit dem festgelegt wurde, dass das Wappen (wie im sozialistischen Kroatien) wieder mit einem roten Feld beginnt, aber durch neue Symbole ergänzt wird.

Besonders auffällig für den Umgang mit der Vergangenheit war die Verknüpfung der Erinnerung an Jasenovac mit jener an Bleiburg, die darauf hinauslief, Bleiburg als das schlimmere Verbrechen darzustellen. Im Gegensatz zu Präsident Tuđman, der auf eine "Balance" der Opferzahlen aus war, war in der kroatischen Öffentlichkeit in den 1990er Jahren in Bezug auf die Bleiburger Opferzahlen oft von mehreren 100.000 die Rede. Unter der Schirmherrschaft von Regierungs- und Parlamentsmitgliedern wurde auf den alljährlich stattfindenden Gedenkveranstaltungen im Kärntner Ort Bleiburg nicht selten vom "kroatischen Holocaust"[4] gesprochen. Das kroatische Fernsehen übertrug die Bleiburg-Veranstaltungen ungeachtet der dort dominierenden Ustascha-Symbole live, während die Gedenkveranstaltungen in Jasenovac erst seit 2003 übertragen werden. Die Zahl der Besucher in Bleiburg übertraf immer jene in Jasenovac und die Kirche sandte regelmäßig Bischöfe nach Österreich, während sie bei den Gedenkveranstaltungen in Jasenovac lange Jahre gar nicht und erst in den vergangenen Jahren ab und zu durch lokale Vertreter repräsentiert war. Während die Jasenovac-Gedenkstätte nach dem Krieg verwüstet blieb, entwickelte Franjo Tuđman seiner Versöhnungsidee entsprechend den Plan einer "nationalen Gedenkstätte" auf dem Gelände des ehemaligen KZ Jasenovac: Die Opfer von Bleiburg und Jasenovac sollten gemeinsam begraben werden. Aufgrund internationaler Proteste sowie der Kritik der wenigen freien Medien im Lande, die nach der kurzen Liberalisierungsphase bis 1992 nicht auf Parteilinie gebracht werden konnten, wurde dieser Plan jedoch nie realisiert. Auch behaupteten Tuđman und viele seiner Partei nahestehende Journalisten, dass Jasenovac nach 1945 als kommunistisches Lager für die Bleiburg-Gefangenen weitergeführt worden sei, wofür sich weder in Überlebendenberichten, in Exil-Literatur noch in wissenschaftlichen Befunden ein Beleg finden lässt. Während in den meisten postsozialistischen Ländern die Aufarbeitung der sozialistischen Ära vor 1989 im Vordergrund stand, war im ehemaligen Jugoslawien also vor allem die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg umkämpft, wobei leider nicht nur im übertragenen Sinne "Krieg um die Erinnerung" geführt wurde. Die Jugoslawien-Kriege der 1990er Jahre reaktivierten Freund- und Feindbilder aus dem Zweiten Weltkrieg. Kroatische Paramilitärs setzten Ustascha-, serbische Kämpfer Tschetnik-Mützen auf und beide Seiten sprachen von "erneuter" Aggression.

Auch in der Populärkultur verband sich die Verharmlosung des Ustascha-Staates als "Meilenstein kroatischer Unabhängigkeit" mit aggressiv nationalistischen Deutungen der Jugoslawien-Kriege. Auf Konzerten des nationalistischen Sängers Thompson wurden aufgrund seiner offenen Verherrlichung des USK, aggressiver Töne gegen Serben und für die Einverleibung des kroatischen Teils Bosnien-Herzegowinas vom Publikum regelmäßig die Ustascha gefeiert oder die Hand zum Hitlergruß erhoben. Seine Konzerte begannen mit dem Ustascha-Gruß: Thomson rief "Für die Heimat …" und die Menge brüllte zurück "… bereit!". In seinen (offiziellen) Liedern finden sich auch antisemitische Anspielungen. Darin geht es schon einmal um die "Söhne von Judas", die unsere Träume verkauft hätten, oder um "Judasgeld",[5] während er leugnet, ein Ustascha-Lied ("Jasenovac i Gradiška Stara"), in dem die Opfer von Jasenovac verhöhnt werden, aufgeführt zu haben, jedoch immer neue Konzertmitschnitte des Liedes als Beweise auftauchen. Dies wurde von offizieller Seite nicht nur toleriert, seine Lieder wurden sogar bei Auftritten der kroatischen Fußballnationalmannschaft gespielt.

Besonders ausgeprägt war das Wiederaufleben von Ustascha-Symbolik bei der jährlichen Gedenkveranstaltung in Bleiburg, wo selbst Kinder in schwarze Uniformen gehüllt waren, wie sie einst die Ustascha trugen. Unzählige Straßenverkäufer verkauften Bilder mit dem Konterfei des Ustascha-Führers Ante Pavelić und Ustascha-Fahnen. Das Ustascha-U, oftmals mit einem Kreuz darüber, das die besondere Beziehung der Kroaten zu Gott symbolisieren soll, zierte als Graffiti unzählige Hauswände insbesondere in Zagreb und in der Umgebung der Küstenstadt Zadar. Nach der Rückeroberung der zuvor unter serbischer Kontrolle stehenden Gebiete und der Flucht, Vertreibung und zum Teil auch Ermordung der zurückgebliebenen älteren serbischen Bevölkerung aus der ehemals serbischen Krajina überbot die Zahl der Ustascha-Graffitis etwa in Knin, der ehemaligen Hauptstadt der Krajina, sogar die Zahl der Fußball-Graffitis.

Während soziologische Studien für Deutschland durch generationenübergreifende Interviews gezeigt haben, dass trotz des durch Schule und Gesellschaft vermittelten Wissens über die Verbrechen der Nationalsozialisten eine ungebrochene emotionale Identifikation innerhalb der Familie besteht, die sich mit dem Ausspruch "Opa war kein Nazi"[6] zusammenfassen lässt, kommen ähnliche Untersuchungen in Bezug auf das ehemalige Jugoslawien zum entgegengesetzten Schluss: Auch wenn die eigenen Großeltern Partisanen waren, war der das sozialistische Jugoslawien tragende Ursprungsmythos vom Partisanenkampf für die Enkelgeneration im Zuge der 1990er Jahre obsolet geworden. Die zu sozialistischen Zeiten verdammte Kollaboration mit den Nationalsozialisten erschien zunehmend neutralisiert und entpolitisiert als Anpassungsleistung. Die reale Erfahrung des "neuen" Krieges griff direkt in die Vorstellungen des Zweiten Weltkrieges ein und führte zu neuen Identifikationen ohne gemeinsamen intergenerationellen Bezugspunkt, weshalb Söhne in diesem Fall nicht zwingend ihren Vätern folgten und sich die Frontlinien zum Teil mitten durch die Familien zogen,[7] sich Kinder und Enkel von Partisanen Neo-Ustascha-Gruppierungen anschlossen.

Die polemische Zusammenfassung, Bleiburg-Gedenken habe in den 1990er Jahren als "cool" gegolten, während Jasenovac-Gedenken "out" war, wird durch die Tatsache zugespitzt, dass in der staatlichen Tageszeitung Vjesnik und in Parlamentsdebatten kritische Stimmen an der Stilisierung von Bleiburg als "kroatischem Holocaust" nicht nur im Laufe der 1990er Jahre an einer Hand abzuzählen waren. Auch wurden diese seltenen Kritiker als anti-kroatisch und Verräter gebrandmarkt. Die dominante Erinnerungspolitik und -kultur wiesen eindeutig in eine andere Richtung.

Nach der Tuđman-Ära

Im Jahr 2000 brachte der Wahlsieg der von den Sozialdemokraten angeführten Koalition eine Demokratisierung des autoritär-präsidialen Systems mit sich: Die Befugnisse des Präsidenten wurden nach dem Tod Tuđmans beschnitten und die Medienlandschaft liberalisiert. Der neue Präsident, Stjepan Mesić, verstand sich in bewusstem Gegensatz zu Tuđman nicht als "Präsident aller Kroaten und Kroatinnen weltweit", sondern als "Präsident aller Bürger Kroatiens", und meinte damit explizit auch Serben und andere Bevölkerungsgruppen. Obwohl er bis 1994 selbst der Tuđman-Partei, der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) angehört hatte, machte sich Mesić als erster führender Politiker für das Erbe des Antifaschismus stark. Auch der sozialdemokratische Premier Ivica Račan brach weitestgehend mit dem Geschichtsrevisionismus der Tuđman-Ära. Die symbolträchtigste "Rücknahme" der vergangenheitspolitischen Akte des Vorgänger-Regimes war die Rück-Umbenennung des "Platzes der Opfer des Faschismus", der im Jahr 2000 seinen früheren Namen zurückerhielt, womit den Protesten auf den jährlichen Kundgebungen gegen diesen erinnerungspolitischen Schritt von 1990 Folge geleistet wurde.

Die neue Regierung, meist ehemalige kommunistische Funktionäre, verurteilte die Ustascha-Verbrechen jedoch nicht mit voller Schärfe, wohl um sich nicht zu sehr als "Jugo-Kommunisten", wie sie in der rechtsgerichteten Presse bezeichnet wurden, angreifbar zu machen. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, als auf den Gedenkveranstaltungen in Jasenovac nur Vertreter verschiedener nationaler, religiöser und politischer Vereinigungen gesprochen hatten, sprach 2002 mit Račan erstmals ein amtierender Premierminister in der KZ-Gedenkstätte. Allerdings schreckte er davor zurück, klar zu formulieren, wer die Verbrechen im USK begangen hatte. Er sprach vielmehr allgemein von "dem Bösen"[8], das sich in Jasenovac ereignet hätte. Die ambivalente Haltung der Račan-Ära zeigte sich vor allem in Bleiburg, wo erneut Regierungsvertreter vom Ort des "kroatischen Holocaust"[9] sprachen, während weiterhin alljährlich unzählige Ustascha-Symbole präsent waren.

Präsident Mesić drückte hingegen 2003 in Jasenovac sein Bedauern über alle im Namen des kroatischen Staates ermordeten Opfer aus, verurteilte den Gedanken der "gesamtkroatischen Versöhnung"[10] als Geschichtsfälschung und betonte, dass keine noch so große Idee eine Politik der Ermordung Unschuldiger rechtfertige. Er bezog sich dabei nicht nur auf die Verbrechen im Jasenovac-Todeslager, sondern auch auf jene aus dem Krieg in den 1990er Jahren. In Bezug auf die Frage, ob er vorhabe, Bleiburg zu besuchen, sagte er: "Wir vergleichen Bleiburg und Jasenovac nicht. Kein Opfer aus Jasenovac ist schuld an einem Toten in den Gräben und in Bleiburg, aber viele in Bleiburg waren für jemandes Tod verantwortlich. Sie sind Opfer, aber wir können nicht sagen, dass sie unschuldig sind. Man hätte sie nicht töten und quälen dürfen, aber man hätte sie vor Gericht stellen sollen."[11]

In Richtung Europa

2003 gewann wieder die HDZ die Wahlen in Kroatien. Im Gegensatz zu den engen Grenzen des öffentlich Sagbaren in den 1990er Jahren standen sich nun also mit dem Präsidenten und dem Premier starke Kontrahenten links und rechts der politischen Mitte gegenüber, wodurch konkurrierende politische Ansichten, auch in Bezug auf die Vergangenheit, im öffentlichen Diskurs zum Alltag wurden. Premier Ivo Sanader verfolgte einen europaorientierten Kurs,[12] was sich auch auf den Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg auswirkte: 2005 trat Kroatien der Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research bei. Sanaders Regierung entfernte die Denkmäler für zwei Ustascha-Größen, Mile Budak und Jure Francetić, und benannte jene 17 Straßen um, die nach dem USK-Bildungs- und Kulturminister Mile Budak mit der Begründung benannt worden waren, nur sein dichterisches Talent würdigen zu wollen. 2004 brach Sanader als erster HDZ-Spitzenpolitiker mit der Tradition, in Jasenovac neben den dort ermordeten Opfern auch jene von Bleiburg zu erwähnen. Er betonte ausdrücklich, dass "das Ustascha-Regime" für die Verbrechen verantwortlich war.[13]

2005 stellte Sanader bei der Gedenkveranstaltung in Jasenovac aber auch seine Kompatibilität mit jenen problematischen europäischen Erinnerungsstandards unter Beweis, die den Begriff Holocaust zusehends als moralische Kategorie definieren, mit der auch andere Massenmorde bezeichnet werden. Er führte aus, dass auch "der Heimatländische Krieg (1991–1995) ein Kampf gegen eine Art von Faschismus war".[14] Ähnlich argumentierte er bei seinem Besuch in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem im selben Jahr, als er das "kroatische Leiden" mit dem Holocaust gleichsetzte: "Wir waren Opfer eines solchen furchtbaren Wahnsinns, wie es der Nationalsozialismus und der Faschismus waren, und niemand weiß besser als Kroatien und die Bürger Kroatiens, was es bedeutet, Aggression und Verbrechen erdulden zu müssen."[15] Der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg entsprach im Zuge der EU-Integration immer stärker westlichen Standards, doch die Aufarbeitung des Krieges der 1990er Jahre blieb schwierig. Die Feindbilder aus dem Zweiten Weltkrieg wurden reaktiviert, "die Serben" implizit als die "neuen Faschisten" vorgestellt.

Der Umgang mit den Serbinnen und Serben erwies sich auch bei der 2006 in der Gedenkstätte Jasenovac neu eröffneten Ausstellung als weitaus schwieriger als jener mit den Jüdinnen und Juden. Ästhetisch wies sie Ähnlichkeiten mit internationalen Holocaust-Gedenkmuseen auf, etwa dem 2004 eröffneten Holocaust-Gedenkzentrum in Budapest. Auch findet sich neben einem antisemitischen Ustascha-Plakat ein Versuch Hintergründe des Antisemitismus zu erklären, während Serbenhass nicht weiter erörtert wird. Die Direktorin verteidigte die Ausstellung für gewöhnlich mit dem Argument, dass sie von internationalen Holocaust-Experten gutgeheißen wurde, doch die Spezifik des Lagers geht in dieser Orientierung an internationalen Standards teilweise verloren: Die Ustascha mordeten auf eigenem Landesterritorium ohne Beteiligung von Nazis und mehr als die Hälfte der Opfer waren Serben. Obwohl das erste Foto in der Ausstellung den Ustascha-Führer Pavelić bei einem Treffen mit Hitler zeigt, bei dem dieser ihm seine "volle Unterstützung für die genozidale Serbenpolitik" zugesichert habe, lässt sich der Ustascha-Massenmord an den Serben nicht so einfach in den Kontext der NS-Vernichtungspolitik stellen und damit implizit auch die Verantwortung.

Die Ausstellung konzentriert sich auf die individuellen Opfer, anstatt Bilder von anonymen Leichenbergen zu zeigen, stehen die Namen und Schicksale der Opfer im Fokus: "Sogar durchdringender als das Holocaust Memorial Museum in Washington und das Anne Frank Haus in den Niederlanden entschied sich die Direktorin der Gedenkstätte Jasenovac, die Kunsthistorikerin Nataša Jovičić, dazu, die gesamte neue Museumsausstellung (in Vorbereitung) den Opfern zu widmen. (…) Ustascha-Dolche, Messer, Hämmer und Symbole des USK werden deshalb in der neuen Ausstellung in den Depots bleiben, zugänglich nur für Forscher, ebenso wie Bilder von Massenmord und Leichen nur auf den Computern in der Ausstellung zu sehen sein werden. Die gesamte Ausstellung wird individualisiert sein, den Getöteten und Überlebenden gewidmet, die mit vollem Vor- und Nachnamen genannt werden."[16] Der Fokus auf individuelle Opferschicksale ist zweifelsohne ein Trend, doch weder hier noch an einer anderen Stelle in der Debatte reflektiert die Museumsdirektorin (oder jemand aus ihrem Team) die Tatsache, dass die Aufgaben eines Museums auf einem KZ-Gelände sich von jenen eines Gedenkmuseums in den USA, in Israel oder dem Versteck einer später deportierten Familie (wie im Falle des Anne Frank Hauses in den Niederlanden) wesentlich unterscheiden. Die Konzeption wurde rund um die Eröffnung als ein Versuch des Versteckens des Ustascha-Genozids an den Serben kritisiert, bei dem die Täterinnen und Täter, also die Ustascha, und ihre Ideologie nicht ausreichend thematisiert würden, ebenso wenig wie die Frage, welcher Nation oder Ethnie die Ermordeten angehörten oder wie und womit gemordet würde. Im Zuge der Debatte wurde ein Schaukasten mit vier brachialen Tötungswerkzeugen in der Konzeption ergänzt, denn im Gegensatz zu der "industriellen Vernichtung" in Auschwitz und anderen NS-Todeslagern muss man in Bezug auf Jasenovac von einer "Manufaktur des Todes" sprechen. Auch wurden der Namensliste der Opfer Nationalitätenangaben, Alter und Geburtsort hinzugefügt, um klarzustellen, dass dort nicht etwa "nur" Widerstandskämpfer ermordet worden waren, wie das in den 1990ern ständig behauptet wurde, sondern auch aus rassistischen Gründen verfolgte Greise und Kinder.

Dennoch wird der Lageralltag ebenso wenig beleuchtet wie die komplizierte Entwicklung und die wechselnden Lokalitäten des KZ. Positiv zu bewerten ist die namentliche Erfassung der Opfer, die der Jahrzehnte andauernden Manipulationen der Opferzahlen die Grundlage entzieht, sowie die Tatsache, dass ebendiese Instrumentalisierung der Opferzahlen in beide Richtungen in der Ausstellung explizit angesprochen wird.

Wenn sich die offizielle kroatische Erinnerungspolitik im Zuge des EU-Beitrittes auch deutlich an europäischen und westlichen Standards ausrichtet, so ist in den 1990er Jahren eine ganze Generation mit der Verklärung des Ustascha-Staates aufgewachsen. Der Sänger Thompson erfreut sich auch in den vergangenen Jahren ungebrochener Beliebtheit. 2007 übertrug das staatliche kroatische Fernsehen HTV das von 60.000 Fans, unter anderem vom damaligen Unterrichtsminister, besuchte Konzert in einem Zagreber Stadion – auf Kosten der Steuerzahler, wie Kritiker monierten. Während Thompson nach zahlreichen Protesten in der Schweiz ein dreijähriges Auftrittsverbot erhielt, engagierte ihn 2009 der sozialdemokratische Zagreber Bürgermeister für ein Konzert auf dem Hauptplatz von Zagreb am Vorabend der Wahl – und wurde wiedergewählt.

Ende 2011 wurde die HDZ zum zweiten Mal abgewählt, nachdem sie zwischen 1990 und 2011 mit einer nur dreijährigen Unterbrechung die Geschicke des Landes bestimmt hatte. Der neuen sozialdemokratisch geführten "Kukuriku-Koalition" ("Kukuriku" heißt der Ruf des Hahns auf Kroatisch; der Name geht auf das Lokal zurück, in dem sich die Politiker das erste Mal trafen) gehört unter anderen auch Vesna Pusić, die Chefverhandlerin des kroatischen EU-Beitritts an, die als eine der ersten zivilgesellschaftlichen Stimmen in den 1990er Jahren lautstark den Revisionismus der Tuđman-Ära kritisierte. Auch wenn der kroatische EU-Beitritt nun unmittelbar bevorsteht, sollte das ungarische Beispiel – die zunehmend völkisch-nationalistische Orientierung und die Beinahe-Abschaffung der Gewaltenteilung durch Premier Viktor Orbán – als Warnung davor dienen, dass eine EU-Mitgliedschaft keinesfalls vor Rückfällen in nationalistisch-autoritäre politische Systeme schützt. Demonstrationen mit über 20.000 Teilnehmern in der 1991 weitgehend zerstörten Stadt Vukovar gegen die Wiedereinführung der kyrillischen Schrift als zweite Amtsschrift in Orten mit mehr als einem Drittel serbischer Bevölkerung im Februar 2013 zeigen, wie stark die Tagespolitik nach wie vor mit der Vergangenheit verbunden ist: "Das ist nicht das, wofür wir gekämpft haben und gestorben sind",[17] meinte etwa der Präsident einer Vereinigung der "Verteidiger Vukovars".
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Fußnoten

1.
Zit. nach: Ivo Goldstein, Holokaust u Zagrebu, Zagreb 2001, S. 597 (Übersetzungen von der Autorin).
2.
Ivo Goldstein, Croatia. A History, London 2004, S. 138.
3.
Vgl. Juraj Hrženjak, Rušenje antifašističkih spomenika u Hrvatskoj 1990–2000, Zagreb 2002.
4.
Vgl. Wolfgang Höpken, Jasenovac – Bleiburg – Kočevski rog. Erinnerungsorte als Identitätssymbole in (Post-)Jugoslavien, in: Angela Richter/Barbara Beyer (Hrsg.), Geschichte (ge-)brauchen. Literatur und Geschichtskultur im Staatssozialismus: Jugoslavien und Bulgarien, Berlin 2006, S. 417.
5.
Zit. nach: Gregor Mayer/Bernhard Odehnal, Aufmarsch. Die rechte Gefahr aus Osteuropa, St. Pölten 2010, S. 204f.
6.
Harald Welzer et al., "Opa war kein Nazi". Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt/M. 2005.
7.
Vgl. Natalija Bašić, Wen interessiert heute noch der Zweite Weltkrieg?, in: Harald Welzer (Hrsg.), Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis, Frankfurt/M. 2007, S. 158.
8.
Zit. nach: Novi list vom 20.4.2002.
9.
Zit. nach: Vjesnik vom 14.5.2001.
10.
Zit. nach: ebd. vom 12.5.2003.
11.
Zit. nach: Novi list vom 23.4.2005.
12.
Siehe auch den Beitrag von Siniša Kušić in dieser Ausgabe (Anm. der Red.).
13.
Zit. nach: Vijesnik vom 22.4.2005.
14.
Zit. nach: ebd. vom 25.4.2005.
15.
Zit. nach: ebd. vom 29.6.2005.
16.
Ebd. vom 7.3.2004.
17.
Novi protest u Vukovaru zbog ćirilice, vom 2.2.2013, http://www.atvbl.com/novi-protest-u-vukovaru-zbog-cirilice/« (3.4.2013).
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Autor: Ljiljana Radonic für bpb.de
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