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Wissenssoziologie, Wissensgesellschaft und die Transformation der Wissenskommunikation


23.4.2013
Seit einigen Jahrzehnten ist der Begriff der "Wissensgesellschaft" in aller Munde. Wie im Folgenden gezeigt wird, hatte die Soziologie die Bedeutung des Wissens auch schon für frühere Gesellschaftsformationen herausgestellt. Mit der Entstehung der Wissenssoziologe vollzieht sie sogar eine Art kopernikanische Wende: Nicht mehr das zuvor am Individuum festgemachte solitäre "Erkennen" steht im Mittelpunkt eines Verständnisses von Wissen, sondern das soziale Wissen. Dieses Wissen bietet die grundlegende Orientierung für das menschliche Handeln und trägt damit auch zu sozialen Prozessen bei, die wir als gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit bezeichnen. Welche Wirklichkeit konstruiert wird, hängt deswegen sehr wesentlich von der jeweiligen sozialen Verteilung und den Arten der kommunikativen Vermittlung des Wissens ab. Dabei zeichnet sich die moderne Gesellschaft durch eine hochgradige Spezialisierung des Wissens aus. Als Wissensgesellschaft macht sie Wissen nicht nur wissenschaftlich "objektiv", sondern zu einem Gegenstand – in einem durchaus zwiespältigen Sinne als Produkt und Ware. In der Diskussion der Wissensgesellschaft wird jedoch häufig die Rolle der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien übersehen, die zu einer Veränderung der Formen der Wissenskommunikation, zur Autodidaktisierung und zur Popularisierung des Wissens beitragen.

Wissen und Gesellschaft



Von alters her sind Wissen und Erkenntnis zentrale Themen der Philosophie. Wenn man wissen will, warum sich die Soziologie mit Wissen beschäftigt, mag ein kurzer Rückblick hilfreich sein. Die Bedeutung des Wissens wurde schon vom Begründer der Soziologie, Auguste Comte, hervorgehoben.[1] Im Frankreich des beginnenden 19. Jahrhunderts sah er bereits die Besonderheit der anbrechenden Moderne nicht nur in der wachsenden Bedeutung der Industrie, sondern vor allem in der Umstellung vom religiösen und metaphysischen auf das "positive" (im Sinne des Positivismus) Wissen der Wissenschaft. Auch Karl Marx erkannte die gesellschaftliche Bedeutung des Wissens an. Wissen ist seiner Vorstellung nach das Ergebnis eines aktiven Prozesses, der sich in der sozialen Praxis vollzieht. Die Ablösung der Erkenntnis von der Praxis in der modernen bürgerlichen Gesellschaft ist für ihn eine Folge der Teilung von intellektueller und manueller Arbeit. Diese Ablösung bildet einen wichtigen Grund für die Entfremdung, die sich durch die kapitalistische Produktionsweise noch verschärft. In Verbindung mit den verschiedenen Klasseninteressen verweist diese Arbeitsteilung auch auf einen entscheidenden Aspekt seines Wissensbegriffes: In arbeitsteiligen Gesellschaften führe die materielle Ausbeutung durch die herrschende Klasse dazu, dass das anerkannte Wissen zu einer Ideologie wird. Ideologie heißt jenes Wissen, das sehr entschieden vom Klassenstandpunkt derjenigen geprägt ist, die dieses Wissen vertreten und ihm durch ihre Herrschaft Legitimität verleihen. In den ideologischen Wirren der 1920er Jahre bildete dieser Begriff die Grundlage für Karl Mannheims berühmte Fassung der Wissenssoziologie. Er hob die allgemeine "Seinsverbundenheit" des Wissens hervor. Nicht nur soziale Klassen, sondern jede Art sozialer Gruppierungen kultivieren ihr eigenes Wissen beziehungsweise ihren Denkstil und nehmen dadurch eine besondere Perspektivität ein. Moderne Gesellschaften sind deswegen durch plurale Perspektiven gekennzeichnet, die jeweils von ihrem sozialen Standort abhängen. In Mannheims Augen ist es die Aufgabe der Wissenssoziologie, zwischen diesen verschiedenen Perspektiven zu vermitteln.

Im Gefolge von Mannheim wurde die Relativität des Wissens bald auf die gesamte Wissenschaft ausgeweitet. Hatte Ludwik Fleck schon zu Anfang der 1930er Jahre die Abhängigkeit von Denkstilen von den Denkkollektiven aufgezeigt, so verband Anfang der 1960er Jahre Thomas Kuhn beide Begriffe zum berühmten Konzept des Paradigma: Die Wissenschaft "akkumuliere" keineswegs ständig ihr Wissen, wie etwa Karl Popper angenommen hatte,[2] sondern sei ständigen Veränderungen, ja Revolutionen ausgesetzt, in denen altes Wissen in dem Maße entwertet und ersetzt werde, wie seine Trägerschaften sich änderten. Spätestens mit dem "Strong Program"[3]der Wissenschaftssoziologie begann sich innerhalb der zunehmend sozialwissenschaftlich orientierten Wissenschaftsforschung (Science Studies) die Einsicht durchzusetzen, dass auch die (natur-)wissenschaftliche Erkenntnis entscheidend von ihrem sozialen Kontext beeinflusst werde. Im sogenannten Laborkonstruktivismus wird gar die These vertreten, dass gerade die Handlungen, mit denen die Wirklichkeit erforscht wird, zur Konstruktion dieser Wirklichkeit beitragen. Es seien beispielsweise erst die Messungen mit bestimmten Apparaten, die die gemessenen Objekte als real erzeugen.[4]

Der Gedanke, dass die Wirklichkeit eine soziale Konstruktion sei, war zuvor in einer der umwälzendsten der jüngeren wissenssoziologischen Theorien formuliert worden: In ihrer "gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit" hatten Peter Berger und Thomas Luckmann einerseits eine der ersten Formulierungen des wissenschaftlichen Konstruktivismus geleistet; als "Theorie der Wissenssoziologie" war ihr Buch andererseits auch ein radikaler Neubeginn der Wissenssoziologie: Nicht nur wissenschaftliches Wissen oder politische Ideologien, sondern jede Form des Wissens, auch die des Alltagsmenschen, gilt ihnen als etwas, das mit den sozialen Einheiten korreliert und variiert. Mehr noch: Wissen steht am Grunde jedes Handelns, das es als gesellschaftlich vermittelten Sinn leitet und das durch seine Folgen selbst wieder zur Wirklichkeit wird. Obwohl das Wissen auf der Begabung des Subjekts zum sinnhaften Handeln aufbaut, weist es einen entschieden sozialen Charakter auf: Erst im koordinierten Zusammenspiel mit anderen, dank der Vermittlung durch sie und kraft der mit ihnen gestalteten sozialen Institutionen wird der Sinn einzelner Handelnder zu Wissen für Handelnde.

Soziales Wissen



Hatte die frühe Soziologie die kulturelle und historische Variabilität des Wissens herausgestellt, so trat mit der ersten Phase der Wissenssoziologie die Abhängigkeit des Wissens von sozialen Strukturen zutage; mit der jüngeren Wissenssoziologie vollzieht sich jedoch etwas, was man (in einer etwas paradoxen Anspielung auf Immanuel Kant) die kopernikanische Wende des Wissenskonzepts nennen kann: Wissen beschränkt sich keineswegs auf das erkennende Verhältnis des "Subjekts" zum "Objekt", wie es die individualistische Erkenntnistheorie betont; Wissen ist vielmehr ein entschieden soziales Verhältnis zwischen dem Subjekt und Anderen. Ausgangspunkt der Erkenntnis ist also nicht das isoliert gedachte erkennende Subjekt, sondern die soziale Beziehung zu Anderen, die sich in Handlungszusammenhängen realisiert; Objekte, Dinge und Natur sind demzufolge nicht vorgegeben, sondern Ableitungen aus diesem sozialen Verhältnis.[5] Die grundlegende Sozialität des Wissens zeigt sich nicht nur daran, dass dieses Wissen selbst für Andere erfahrbar und beobachtbar gemacht, also "objektiviert" werden muss. Darüber hinaus werden die Objektivationen in der Regel Konventionalisierungen unterworfen (von der Sprache bis zu den technisch unterstützten Medien der Wissensproduktion) und institutionalisiert. Man darf die soziale Konstruktion also keineswegs missverstehen als willkürliche Gestaltbarkeit durch einzelne Handelnde; sie folgt vielmehr den Gesetzen der sozialen Institutionalisierung, die erst den Eindruck der "Objektivität" des Wissens erzeugen (und zur Not auch legitimieren).[6]

Das Wissen über die Wirklichkeit ist also entschieden sozialisiert. Oder anders gesagt: Wissen ist die soziale Form des Sinns, der Erfahrungen und Handlungen leitet. Diese soziale Formung betrifft nicht nur die ausdrücklichen und häufig auch noch gesondert geregelten Formen des Wissens, wie etwa die Sprache, das "Schulwissen" oder gar die "höheren Wissensformen" (etwa Kunst, Wissenschaft, Religion). Wie beispielsweise die jüngere Wissensforschung belegt, sind auch die sogenannten impliziten Formen des Wissens zu einem erheblichen Maße durch soziale Prozesse bestimmt und habitualisiert: ob es sich um die Art handelt, wie wir sehen (die in "Sehgemeinschaften" eingeübt wird), ob es um die Präferenz für einen bestimmten Essensgeschmack geht oder gar um die elementaren zeitlichen und räumlichen Orientierungen und Kategorien.[7] Deswegen ist Wissen durchaus im Körper verankert, der jedoch nicht auf das Gehirn reduziert werden kann,[8] sondern auch immer mit subjektiven und durchaus emotionalen Gewichtungen der Handelnden verknüpft ist.

Aus diesem Grund kann man Wissen nicht auf die gängigen aufklärerischen Konzepte einer vom "Irrationalen" unterschiedenen Rationalität reduzieren. Selbst jeder vermeintlich noch so "irrationale" Glaube kann zu einem systematischen und "rationalen" Wissenssystem ausgebaut werden und in jeder Ausbaustufe dramatische Handlungsfolgen zeitigen. Dabei muss man keineswegs nur an die Geschichte der Magie oder der Religion denken; gerade durch die spätmoderne "Renaissance der Religion" finden ebenso die "religiösen" Wurzeln und Motive der Wissenschaft wieder Beachtung,[9] und auch der Umstand, dass die moderne Wirtschaft nicht der Ort einer die Menschheit übergreifenden Rationalität wurde, dürfte gegen eine manichäische Gegenüberstellung von "Rationalität" und "Irrationalität" sprechen.


Fußnoten

1.
Für ausführlichere Erläuterungen zur Entwicklung der Wissenssoziologie und ihrer Forschung vgl. Hubert Knoblauch, Wissenssoziologie, Konstanz 2010. Für ihre wertvollen Hinweise möchte ich mich bei Barbara Goll, Boris Traue, René Tuma und René Wilke bedanken.
2.
Vgl. Karl Popper, Logik der Forschung, Tübingen 1959.
3.
Nicht nur wissenschaftliche Fehler sind demnach soziologisch erklärbar, sondern auch das "wahre" Wissen sogar der Mathematik. Vgl. David Bloor, The Strengths of the Strong Program, in: James Robert Brown (ed.), Scientific Rationality: the Sociological Turn, Dordrecht 1984, S. 75–94.
4.
Vgl. Karin Knorr Cetina, Die Fabrikation von Erkenntnis, Frankfurt/M. 1984.
5.
Vgl. Thomas Luckmann, Über die Grenzen der Sozialwelt. Lebenswelt und Gesellschaft, Paderborn 1980, S. 56–92.
6.
Vgl. Peter Berger/Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt/M. 1970.
7.
Vgl. Alfred Schütz/Thomas Luckmann, Strukturen der Lebenswelt, Konstanz 2003; Hans-Georg Soeffner/Jürgen Raab, Sehtechniken. Die Medialisierung des Sehens, in: Werner Rammert (Hrsg.), Technik und Sozialtheorie, Frankfurt/M. 1998, S. 121–149.
8.
Vgl. Nadia Zaboura/Jo Reichertz (Hrsg.), Akteur Gehirn – oder das vermeintliche Ende des handelnden Subjekts, Wiesbaden 2006.
9.
Vgl. Lorraine Daston, Wunder, Beweise und Tatsachen. Zur Geschichte der Rationalität, Frankfurt/M. 2001.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Hubert Knoblauch für bpb.de

 
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