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Wissen und Wissenschaft unter digitalen Vorzeichen


23.4.2013
Was haben Sie getan, als Sie zuletzt etwas nicht oder nicht genau wussten? Rein theoretisch ließe sich hier eine breite Palette unterschiedlicher Quellen und Vorgehensweisen benennen: vom Gespräch mit einer Freundin oder dem Kollegen über den Anruf beim Experten oder einer Informationshotline bis hin zum Blick ins Nachschlagewerk, das rasch aus dem Regal gezogen wird. Die meisten Personen würden aber vermutlich angeben, den gesuchten Begriff zunächst erst einmal in den Suchschlitz der Suchmaschine ihrer Wahl eingegeben zu haben – zumindest dann, wenn sie grundsätzlich über eine Internetverbindung verfügen. Das World Wide Web nimmt so gesehen eine bevorzugte Stellung ein, wenn es um die Beschaffung von Informationen geht. Es ist, wenn man so will, ein von vielen präferierter "guter Informant".[1] Das ist inzwischen alltäglich. Dennoch liegt in dieser simplen Beobachtung der Veränderung von gesellschaftlichen Handlungsgewohnheiten der Hinweis auf umfassendere Wandlungsprozesse, denn hier geschieht mehr als die Substitution eines Mediums durch ein anderes.

Wer mittels einer Suchmaschine im Netz recherchiert, dem geht es in der Regel um eine schnelle Orientierung zum Gesuchten. Dabei geht der Suchende davon aus, dass das Internet hier tatsächlich hilfreich sein kann. Die Motivation zur Suche im Netz erwächst also zum einen aus einer einfachen und unkomplizierten Zugriffsmöglichkeit, zum anderen aber auch aus der Erfahrung, dass die dort verfügbaren Informationen im Allgemeinen ausreichend für das aktuelle Informationsbedürfnis sind. Tatsächlich hat sich das World Wide Web innerhalb nur weniger Jahre zu einem Informationsreservoir von historischem Ausmaß und geradezu leitmedialer Dominanz entwickelt; ein Ort, an dem das Wissen der Welt wie nirgends sonst und niemals zuvor gebündelt und zugänglich wird. Zugleich ist das World Wide Web aber auch ein Ort, an dem neue Spielregeln für den Umgang mit Wissen gelten.

Wissen und Gesellschaft – Wissen in Gesellschaft



Dabei lässt sich gar nicht ohne Weiteres davon sprechen, dass es sich bei den im Rahmen einer Suchanfrage im Internet gefundenen Informationen auch um Wissen handelt, denn Wissen kann weder gespeichert noch übertragen werden. Der Weg von der Information hin zum Wissen stellt vielmehr einen individuellen Verarbeitungs- beziehungsweise Aneignungsprozess dar.[2] Wissen ist demnach stets Produkt der kognitiven Leistung eines Menschen.

Gleichwohl leben, handeln und denken Menschen im Allgemeinen nicht in absoluter Isolation, sondern sind mehr oder weniger fest in die Strukturen einer Gesellschaft eingebunden. Auf diese Weise erhält auch das individuelle Wissen eine soziale Komponente, weil die Art und Weise, wie wir Informationen aufnehmen und verarbeiten (können), gesellschaftlich und damit auch kulturell vorgeprägt ist.[3] Diese kulturelle Vorprägung drückt sich etwa in der Diskursordnung einer Gesellschaft aus, die regelt, wer, wann und unter welchen Bedingungen zu welchem Thema etwas sagen darf oder eben nicht.[4] Manifest wird sie aber auch anhand der Organisationen und Institutionen einer Gesellschaft, die diese Machtstrukturen der diskursiven Praxis reproduzieren und stützen.

Eine zentrale Institution im Diskurs um das Wissen in unserer Gesellschaft stellt die Wissenschaft dar. Das System Wissenschaft hat ein engmaschiges Netz aus Normen, Regeln, Strukturen, Rollenmustern und Vorgehensweisen (Methoden) entwickelt, das nicht nur ihren eigenen Erhalt sichert, sondern auch eine ganz bestimmte Kultur des Umgangs mit Wissen hervorgebracht hat.[5] Diese Kultur des Wissens hat nicht nur Gültigkeit für die Wissenschaft selbst, sie hat sich vielmehr weit in die (Alltags-)Gesellschaft hinein ausgebreitet. Zu ihren Kernmerkmalen gehören der Anspruch auf Objektivität und strenge Rationalität eines als gültig anerkannten Wissens sowie die Orientierung auf ein professionelles Expertentum.[6]

Vorgeprägt ist die soziale Wirklichkeit aber auch und vielleicht noch entscheidender durch die Medien, die Informationen speichern und prozessieren, soziale Kommunikation ermöglichen und zugänglich machen und damit Gesellschaft gewissermaßen überhaupt erst entstehen lassen. Das strukturierende Potenzial liegt dabei im Medium selbst begründet, das in entscheidender Weise die Wahrnehmung von Informationen prägt. So kann das Aufkommen eines neuen Mediums die Struktur und das Denken von Gesellschaften grundlegend verändern.[7] Die mediengeschichtliche Forschung hat sich hier beispielsweise sehr intensiv mit der Bedeutung der Einführung des Buchdrucks für den gesellschaftlichen Wandel von der Frühen Neuzeit hin zur Moderne auseinandergesetzt, wobei hier auch die Entstehung der modernen akademischen Wissenschaft eine wichtige Rolle spielt.[8]

Internet als Leitmedium der digitalen Wissensgesellschaft



Prägend für die Wissenskultur unserer gegenwärtigen westlichen Gesellschaften ist zweifellos das Internet. Innerhalb nur weniger Jahre ist es zu einem zentralen Medium der Selbstvergewisserung über die Welt geworden. Die große Stärke des Internet ist dabei, dass es rund um die Uhr und an theoretisch jedem Ort zugänglich ist. Mobile Endgeräte wie Smartphones und Tablet-PCs intensivieren diese Eigenschaft noch. Das Internet bedient zudem unterschiedslos alle Interessenbereiche; alles ist rasch und unkompliziert digital auffind- und abrufbar. Dass dies so ist, ist freilich kein Zufall, denn unsere Gesellschaft hat kollektiv ein großes Interesse daran. Und: Sie stellt sich zugleich mehr und mehr darauf ein.

Wenn man so will, leben wir inzwischen in einer digitalen Wissensgesellschaft – verstanden als die konsequente Fortschreibung der Wissensgesellschaft mit digitalen Mitteln. Das Konzept der Wissensgesellschaft[9] markiert die westlichen Gesellschaften seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als "wissenszentrierte Gesellschaften", in denen Wissen und wissensbezogene Tätigkeiten zu einem immer zentraleren Element wirtschaftlicher Wertschöpfung werden.[10] Die zunehmende ökonomische Bedeutung des Produktionsfaktors Wissen bringt aber auch weitere Änderungen mit sich, etwa die beschleunigte Entstehung neuen Wissens. Daraus wiederum folgt nicht nur, dass zugleich auch bestehende Wissensbestände rascher verfallen und die sogenannte Halbwertszeit des Wissens sinkt; die beschleunigt neu entstehenden Wissensbestände zeichnen sich auch dadurch aus, dass aufgrund einer zugleich zunehmend dezentralisierten Wissensproduktion konkurrierende und sich bislang gegenseitig sogar ausschließende Wissensbestände zeitgleich nebeneinander existieren und plurale Deutungsmöglichkeiten liefern (Vervielfachung und Vervielfältigung). Es ist als einzelnes Individuum heute also weder möglich, einen Überblick über den gesellschaftlichen Wissensbestand zu behalten, noch an einem einmal erworbenen Wissen festzuhalten. So konfrontiert uns die digitale Wissensgesellschaft mit der Herausforderung einer gesellschaftlichen Lebensrealität, die ein prinzipielles Bewusstsein für die Vielgestaltigkeit und Veränderbarkeit des Wissens voraussetzt sowie die permanente Bereitschaft jedes Einzelnen, diesem Umstand flexibel und zugleich effektiv Rechnung zu tragen.[11]

Das Internet als Informationsmedium antwortet nun in einzigartiger Weise auf diese Anforderungen, indem es sowohl die Zugänglichkeit und Verfügbarkeit der sich beständig erweiternden und verändernden Wissensbestände gewährleistet, als Partizipationsmedium aber auch die Gestaltbarkeit von Wissen strukturell bereits enthält. In diesem Sinne fungiert das Internet geradezu als Leitmedium der digitalen Wissensgesellschaft, denn es greift ein gesellschaftliches Bedürfnis nicht nur auf, sondern verhilft diesem zugleich auch zu neuer Geltung und verstärkt es ähnlich einem Katalysator. Im Ergebnis dieses Wechselspiels entstehen neue Rahmenbedingungen für die gesellschaftliche Wissenskultur.[12]


Fußnoten

1.
Vgl. Edward Craig, Was wir wissen können, Frankfurt/M. 1993, insb. S. 43.
2.
Diese aus der Kognitionspsychologie stammende und oft auch in Form eines Stufen- oder Pyramidenmodells dargestellte Unterscheidung zwischen Informationen als strukturierte und kontextualisierte Daten und Wissen als erfahrungs- und bedeutungsverknüpfte Informationen bildet die Grundlage des Wissensmanagements in Organisationen.
3.
Vgl. Peter L. Berger/Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt/M. 2004 (1966).
4.
Vgl. Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt/M. 2003 (1974); ders., Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 1981 (1973).
5.
Vgl. dazu etwa Peter Weingart, Wissenschaftssoziologie, Bielefeld 2003, S. 7–39.
6.
Vgl. Daniela Pscheida, Das Wikipedia-Universum. Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert, Bielefeld 2010, S. 167–182.
7.
Vgl. beispielsweise Harold A. Innis, The Bias of Communication, Toronto 1999 (1951); Marshall McLuhan, The Gutenberg Galaxy: The Making of Typographic Man, Toronto 2002 (1962).
8.
Vgl. Elizabeth L. Eisenstein, Die Druckerpresse, Wien–New York 1997 (1983); Michael Giesecke, Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, Frankfurt/M. 1994.
9.
Vgl. u.a. Uwe H. Bittlingmayer, "Wissensgesellschaft" als Wille und Vorstellung, Konstanz 2005.
10.
Vgl. dazu exemplarisch Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society. A Venture in Social Forecasting, New York 1999 (1973).
11.
Vgl. D. Pscheida (Anm. 6), S. 214–221, S. 240–244.
12.
Vgl. ebd., S. 283–291.
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Autor: Daniela Pscheida für bpb.de
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