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Ausschnitt eines noch nicht ausgefüllten Kreuzworträtsels.

23.4.2013 | Von:
Daniela Pscheida

Wissen und Wissenschaft unter digitalen Vorzeichen

"Wikipediatisierung" des Alltagswissens

Die öffentliche Diskussion um den digitalen Wandel des Wissens, dessen Bedeutung und Auswirkungen setzte etwa zeitgleich mit dem Aufkommen des Begriffs des Web 2.0[13] ein und steht in engem Zusammenhang mit dem Schlagwort der "Amateurkultur".[14] Hatte sich das Internet seit Anfang der 1990er Jahre bereits mit durchschlagendem Erfolg als Medium zur tagesaktuellen Information sowie zum Austausch elektronischer Post (E-Mail) etabliert, kamen nun zunehmend Webseiten auf, die auch von unerfahrenen Personen ohne Kenntnis von Programmiersprachen bearbeitet und mit Inhalten gefüllt werden konnten. Dies war der Durchbruch für das Internet als massenmediales Beteiligungsmedium. Fortan waren nicht mehr nur die redaktionell erstellten und gepflegten Einträge offizieller Institutionen und Einrichtungen im Netz präsent, auch die Gedanken, Meinungen und Alltagsgeschichten von Privatleuten fanden Eingang in die Datenflut des World Wide Web – mit strukturell relevanten Folgen für das Wissen.

Das Web 2.0, das heißt die Einführung von Anwendungen, die den Nutzer unmittelbar an der Herstellung von Webcontent beteiligen und die gerade daraus ihren Mehrwert beziehen, hat die Grenze zwischen Produzent und Konsument von Inhalten zumindest potenziell aufgehoben.[15] Blogs und soziale Netzwerke, aber auch Wikis und Foren sind Orte der Kommunikation und des oft intensiven Informationsaustauschs zwischen den verschiedensten Personen. Dabei macht es grundsätzlich betrachtet keinen Unterschied, ob man Laie ist oder ausgewiesener Experte. Mit anderen Worten: Die Rollenmuster Experte und Laie bleiben zwar weiter erhalten, doch sind diese nicht mehr festgelegt beziehungsweise vordefiniert. Jeder kann situativ die Rolle des Laien und/oder die des Experten einnehmen.

Das Paradebeispiel für diese fluide Form des kollektiven Laien-Expertentums ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia.[16] Seit 2001 entsteht durch das Engagement einer großen Zahl freiwilliger Autorinnen und Autoren das inzwischen größte Nachschlagewerk der Welt. Wikipedia beeindruckt aber nicht nur aufgrund ihrer Größe beziehungsweise der Vielzahl und Aktualität der darin zusammengetragenen Fakteninformationen. Beeindruckend ist vor allem, wie rasch und nachhaltig sich die Wikipedia als favorisierte Informationsquelle im Netz durchsetzen konnte und damit sogar Giganten wie den Brockhaus ernsthaft ins Wanken brachte.

Laut der Ergebnisse der ARD/ZDF-Online-Studie 2012 nutzen 72 Prozent der deutschsprachigen Onlinenutzer ab 14 Jahren die Wikipedia gelegentlich, 30 Prozent sogar regelmäßig.[17] Dabei scheint die Attraktivität der Wikipedia gerade bei den jüngeren Zielgruppen (Schüler und Studierende) besonders hoch zu sein. So bescheinigte eine Untersuchung des Karlsruher Instituts für Technologie 2011 Google und Wikipedia "eine herausragende Rolle für die Nutzung im Studium", denn sie "weisen unter den Informationsdiensten sowohl die höchsten Nutzungs- als auch Zufriedenheitswerte auf".[18]

Die Bildungsinstitutionen Schule und Universität stehen der Nutzung der Wikipedia als Informationsquelle in der Regel allerdings skeptisch gegenüber. Grund dafür ist der Mangel an Verlässlichkeit der in den Artikeln zu findenden Informationen. Da jeder jederzeit Eintragungen und Änderungen vornehmen kann, ist die Qualität nicht garantiert. Zwar wurde in verschiedenen Vergleichsstudien nachgewiesen, dass die Wikipedia klassischen Enzyklopädien in diesem Punkt keineswegs nachsteht,[19] doch ist die Skepsis in gewisser Hinsicht durchaus angebracht. Denn die Benutzung der Wikipedia bedeutet, dass man die in ihr herrschenden Prämissen des Umgangs mit Wissen akzeptiert oder wenigstens in Kauf nimmt. So waren die klassischen Enzyklopädien, die als ledergebundene Nachschlagewerke die Regale der Bibliotheken und privater Wohnzimmer füllten, nicht nur physisch an das Medium des gedruckten Buches gebunden. Sie waren auch strukturell durch und durch Sprösslinge der Buchkultur und damit auch einem buchkulturellen Wissensmodell verhaftet, das sich nicht zuletzt durch eine klare redaktionelle Trennung zwischen den schreibenden Experten und den sich lesend informierenden Laien auszeichnete und dadurch die hohen Standards der Wissenschaftlichkeit – Objektivität und Rationalität – gewährleisten konnten. Die Wikipedia nun überwindet neben den Grenzen des bedruckten Papiers (wodurch sie ein Vielfaches an Inhalten aufnehmen kann) auch jene der buchkulturellen Wissensprinzipien, indem sie etwa auf einen redaktionellen Prüfprozess vor Veröffentlichung verzichtet.[20] Dieser Schritt ist im Sinne der demokratischen und partizipativen Internetkultur nur konsequent, im Rückgriff auf den buchkulturell geprägten Begriff der Enzyklopädie ist er problematisch oder wenigstens irritierend, denn die Online-Enzyklopädie à la Wikipedia weicht damit vom klassischen Gattungsverständnis ab und definiert dieses neu.

Fußnoten

13.
Vgl. dazu etwa Tom Alby, Web 2.0: Konzepte, Technologien, Anwendungen, München 2007.
14.
Vgl. dazu in positiver Lesart Ramón Reichert, Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0, Bielefeld 2008; in negativer Lesart Andrew Keen, The Cult of the Amateur, New York 2008.
15.
Vgl. Axel Bruns, Blogs, Wikipedia, Second Life, and Beyond. From Production to Produsage, New York 2008.
16.
Vgl. D. Pscheida (Anm. 6), insb. Kapitel V; Peter V. Brinkemper, Die Wikipediatisierung des Wissens, in: Telepolis vom 15.6.2008, online: http://www.heise.de/tp/artikel/28/28010/1.html« (18.6.2008). Siehe auch http://www.bpb.de/wikipedia« (8.4.2013) (Anm. d. Red.).
17.
Vgl. Katrin Busemann/Christoph Gscheidle, Web 2.0: Habitualisierung der Social Communities, in: Media Perspektiven, 7–8 (2012), S. 380–390.
18.
Michael Grosch/Gerd Gidion, Mediennutzungsgewohnheiten im Wandel, Karlsruhe 2011, S. 63, online: http://digbib.ubka.uni-karlsruhe.de/volltexte/1000022524« (5.4.2013). Vgl. auch Bernd Kleimann/Murat Özkilic/Marc Göcks, Studieren im Web 2.0, HISBUS-Kurzinformation 21/2008, S. 7, online: https://hisbus.his.de/hisbus/docs/hisbus21.pdf« (9.6.2009).
19.
Vgl. Michael Kurzidim, Wissenswettstreit, in: c’t, 21 (2004), S. 132–139, online: http://www.heise.de/kiosk/archiv/ct/2004/21/132« (6.6.2009); Jim Giles, Internet Encyclopaedias Go Head to Head, in: Nature, 438 (2005), S. 900f., online: http://www.nature.com/nature/journal/v438/n7070/full/438900a.html« (6.6.2009).
20.
Zwar existieren in der deutschsprachigen Wikipedia seit Mai 2008 gesichtete Artikel-Versionen. Die Sichtung bezieht sich jedoch lediglich auf eine allgemeine Prüfung auf Vandalismus. Das ebenfalls angedachte Konzept der geprüften Artikel-Versionen wurde bislang noch nicht umgesetzt.
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