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Die Geburt der Wissensgesellschaft aus dem Geist des Kalten Krieges


23.4.2013
In Deutschland bestimmt der Begriff der nachindustriellen Wissensgesellschaft den Diskurs über die Identität unserer Gesellschaft. Der Begriff ist vielversprechend und erweckt Hoffnungen: Wenn wir in einer Wissensgesellschaft leben, sind wir dann vor einem Rückfall in ideologische Verblendungen geschützt? Der Wunsch nach einer Gesellschaftsordnung, in der Vernunft und Wahrheit herrschen, ist tief in der Bevölkerung verankert, nachdem im 20. Jahrhundert die Saat der menschenverachtenden Ideologien, die entlang der Begriffe "Rasse" und Klasse erdacht wurden, so viel Leid und Zerstörung angerichtet hat. Außerdem schürt dieser Begriff bei vielen Berufstätigen, bei Schülern und Studierenden die Erwartung, über den Erwerb von Wissen gesellschaftlich aufzusteigen. Aber sind diese Hoffnungen tatsächlich begründet? Bildungspolitiker appellieren gern im Namen der Wissensgesellschaft an jüngere Generationen, sich mehr und besser zu qualifizieren. Immer neue Reformen des Bildungs- und Ausbildungssystems treiben Lehrende und Lernende zu zusätzlichen Leistungen an. Von ihnen wird im Kontext von Globalisierung und im Wettbewerb mit internationalen Wissenseliten ein hoher persönlicher Einsatz verlangt.[1] Doch wie tragfähig ist der Begriff der Wissensgesellschaft und wo kommt er überhaupt her?

Amerikanischer Entstehungskontext



In den 1960er Jahren verwendete der US-amerikanische Politikwissenschaftler Robert E. Lane als Erster den Begriff der Wissensgesellschaft (knowledgeable society), der Ökonom Peter Drucker sprach vom Wissensmanagement und der Philosoph Michael Polanyi vom impliziten Wissen (tacit knowledge), das unserem Handeln zugrunde liegt. Populär wurde der Begriff der Wissensgesellschaft 1973 durch den Bestseller "The Coming of Post-Industrial Society" von Daniel Bell.[2] Es sorgte sogleich für Furore und avancierte zur sozialwissenschaftlichen Pflichtlektüre an US-amerikanischen und deutschen Hochschulen, insbesondere als Alternative zur Exegese der Schriften von Karl Marx. Ohne den zeitgeschichtlichen Kontext ist die Bedeutung von Daniel Bell und seines Konzepts von der nachindustriellen Wissensgesellschaft nicht zu verstehen.

In den USA löste der technologische Vorsprung der Sowjetunion in der Weltraumforschung, der durch die erfolgreiche Entsendung des Sputniks und der ersten bemannten Kapsel in den Weltraum offensichtlich wurde, einen Schock aus. Der Überlegenheitsanspruch der westlichen Gesellschaften, mit der Kombination von Kapitalismus und Demokratie den Systemwettlauf im Kalten Krieg zu gewinnen, schien gefährdet. Die Diagnose lautete damals: Zu wenige Menschen werden am gesellschaftlichen Fortschritt beteiligt und engagieren sich dafür. Infolgedessen reagierten die Vereinigten Staaten mit einer gewaltigen Bildungsexpansion. Das Pentagon entwickelte neue Speicher- und Kommunikationssysteme, um schneller größere Mengen von Daten zu verarbeiten und zu vernetzen – die Vorläufer des heutigen Internets.

Bereits im Zuge der Sozialreformen des "New Deal" unter Franklin D. Roosevelt wirkten die US-amerikanischen Sozialwissenschaften, unter pragmatischen Vorzeichen, an der wissenschaftlichen Planung von Politik mit. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es darum, die Sozialwissenschaften noch intensiver in die Ausrichtung der amerikanischen Innen- und Außenpolitik einzubeziehen. Die Erwartungen waren jedoch sehr widersprüchlich: Einerseits sollten die Sozialwissenschaften die normativen Grundlagen des amerikanischen Wegs reflektieren (freiheitliche Demokratie, Pragmatismus, Individualismus) und diese gegen die kommunistische Propaganda in Anschlag bringen. Andererseits sollten sie mit einem modernen Weltbild an die Stelle von Ideologien treten. Ein solches Weltbild müsste ein Gesamtprojekt mit optimistischen Zukunftsperspektiven für alle Bevölkerungsschichten enthalten. Wissenschaftler und Politiker träumten zeitweise gemeinsam von rationaler Steuerung und Kontrolle sozialer Bewegungen. Hier kommt Daniel Bell ins Spiel.


Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, Deutschlands Rolle in der globalen Wissensgesellschaft stärken, Berlin 2008.
2.
Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society. A Venture in Social Forecasting, New York 1973 (dt. Übersetzung: Die nachindustrielle Gesellschaft, Frankfurt/M.–New York 1975).
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Autor: Christiane Bender für bpb.de
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