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23.4.2013 | Von:
Christiane Bender

Die Geburt der Wissensgesellschaft aus dem Geist des Kalten Krieges

In Deutschland bestimmt der Begriff der nachindustriellen Wissensgesellschaft den Diskurs über die Identität unserer Gesellschaft. Der Begriff ist vielversprechend und erweckt Hoffnungen: Wenn wir in einer Wissensgesellschaft leben, sind wir dann vor einem Rückfall in ideologische Verblendungen geschützt? Der Wunsch nach einer Gesellschaftsordnung, in der Vernunft und Wahrheit herrschen, ist tief in der Bevölkerung verankert, nachdem im 20. Jahrhundert die Saat der menschenverachtenden Ideologien, die entlang der Begriffe "Rasse" und Klasse erdacht wurden, so viel Leid und Zerstörung angerichtet hat. Außerdem schürt dieser Begriff bei vielen Berufstätigen, bei Schülern und Studierenden die Erwartung, über den Erwerb von Wissen gesellschaftlich aufzusteigen. Aber sind diese Hoffnungen tatsächlich begründet? Bildungspolitiker appellieren gern im Namen der Wissensgesellschaft an jüngere Generationen, sich mehr und besser zu qualifizieren. Immer neue Reformen des Bildungs- und Ausbildungssystems treiben Lehrende und Lernende zu zusätzlichen Leistungen an. Von ihnen wird im Kontext von Globalisierung und im Wettbewerb mit internationalen Wissenseliten ein hoher persönlicher Einsatz verlangt.[1] Doch wie tragfähig ist der Begriff der Wissensgesellschaft und wo kommt er überhaupt her?

Amerikanischer Entstehungskontext

In den 1960er Jahren verwendete der US-amerikanische Politikwissenschaftler Robert E. Lane als Erster den Begriff der Wissensgesellschaft (knowledgeable society), der Ökonom Peter Drucker sprach vom Wissensmanagement und der Philosoph Michael Polanyi vom impliziten Wissen (tacit knowledge), das unserem Handeln zugrunde liegt. Populär wurde der Begriff der Wissensgesellschaft 1973 durch den Bestseller "The Coming of Post-Industrial Society" von Daniel Bell.[2] Es sorgte sogleich für Furore und avancierte zur sozialwissenschaftlichen Pflichtlektüre an US-amerikanischen und deutschen Hochschulen, insbesondere als Alternative zur Exegese der Schriften von Karl Marx. Ohne den zeitgeschichtlichen Kontext ist die Bedeutung von Daniel Bell und seines Konzepts von der nachindustriellen Wissensgesellschaft nicht zu verstehen.

In den USA löste der technologische Vorsprung der Sowjetunion in der Weltraumforschung, der durch die erfolgreiche Entsendung des Sputniks und der ersten bemannten Kapsel in den Weltraum offensichtlich wurde, einen Schock aus. Der Überlegenheitsanspruch der westlichen Gesellschaften, mit der Kombination von Kapitalismus und Demokratie den Systemwettlauf im Kalten Krieg zu gewinnen, schien gefährdet. Die Diagnose lautete damals: Zu wenige Menschen werden am gesellschaftlichen Fortschritt beteiligt und engagieren sich dafür. Infolgedessen reagierten die Vereinigten Staaten mit einer gewaltigen Bildungsexpansion. Das Pentagon entwickelte neue Speicher- und Kommunikationssysteme, um schneller größere Mengen von Daten zu verarbeiten und zu vernetzen – die Vorläufer des heutigen Internets.

Bereits im Zuge der Sozialreformen des "New Deal" unter Franklin D. Roosevelt wirkten die US-amerikanischen Sozialwissenschaften, unter pragmatischen Vorzeichen, an der wissenschaftlichen Planung von Politik mit. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es darum, die Sozialwissenschaften noch intensiver in die Ausrichtung der amerikanischen Innen- und Außenpolitik einzubeziehen. Die Erwartungen waren jedoch sehr widersprüchlich: Einerseits sollten die Sozialwissenschaften die normativen Grundlagen des amerikanischen Wegs reflektieren (freiheitliche Demokratie, Pragmatismus, Individualismus) und diese gegen die kommunistische Propaganda in Anschlag bringen. Andererseits sollten sie mit einem modernen Weltbild an die Stelle von Ideologien treten. Ein solches Weltbild müsste ein Gesamtprojekt mit optimistischen Zukunftsperspektiven für alle Bevölkerungsschichten enthalten. Wissenschaftler und Politiker träumten zeitweise gemeinsam von rationaler Steuerung und Kontrolle sozialer Bewegungen. Hier kommt Daniel Bell ins Spiel.

Daniel Bell – Journalist, Organisator, Vordenker

Daniel Bell wurde 1919 geboren und verlebte seine Kindheit auf der Lower East Side von New York, immer gefährdet durch Armut und Gewalt. Nach der High School studierte Daniel Bell am City College in New York. Dort traf er auf Melvin Lasky, Irving Kristol, Seymour Martin Lipset und Irving Howe, alle ungefähr im gleichen Alter. Damals verstanden sie sich als antistalinistische Trotzkisten und bildeten, so würden wir heute sagen, ein Netzwerk.[3] Dieses Netzwerk blieb über die weiteren Etappen ihrer politischen Karrieren intakt. Am City College schloss Bell mit einem Bachelor in Sozialwissenschaften ab und studierte anschließend an der Columbia University. Seine berufliche Karriere begann Bell als Journalist und Herausgeber linker Publikationsorgane wie "New Leader", "Fortune" und "The Public Interest", teilweise gemeinsam mit den schon genannten Kommilitonen. Hier veröffentlichte er bereits die Thesen, die sich später in seinen Büchern finden. Nach einiger Zeit an der Universität von Chicago arbeitete er wieder als Journalist und widmete sich ab 1959 seiner Karriere als Professor für Soziologie an der Columbia University.

Da Daniel Bell sich schon früh für Politik interessierte, kam er wie selbstverständlich mit den New York Jewish Intellectuals in Kontakt. Entstanden in den 1930er Jahren trafen sich in diesem außergewöhnlichen Milieu über zwei Generationen hinweg vorwiegend linke Literaten, Verleger und Professoren, viele von der Columbia University. Zumeist locker organisiert, bildete sich dennoch ein stabiler "Inner Circle" um die Herausgabe gemeinsamer Zeitschriften, vor allem der "Partisan Review".[4] Bell und sein Netzwerk spielten eine zentrale Rolle. Die gemeinsame Haltung der Gruppe war antitotalitär, kosmopolitisch und liberal-sozialdemokratisch.

In den 1950er Jahren, als Senator Joseph McCarthy Kulturschaffende dem Verdacht auf "antiamerikanische Umtriebe" aussetzte, akzentuierten viele der New Yorker Intellektuellen ihre Position neu. Sie definierten sich nun explizit proamerikanisch und antikommunistisch. 1950 wurde der internationale Kongress für kulturelle Freiheit (Congress for Cultural Freedom) in Berlin gegründet, ein Sammelbecken proamerikanisch und antikommunistisch gesinnter Intellektueller. Prominente wie John Dewey, Bertrand Russell, Benedetto Croce und Karl Jaspers gehörten zu den Gründungsmitgliedern. In Deutschland übte der Sozialdemokrat Carlo Schmid über längere Zeit Leitungsfunktionen aus. Neben der Dachorganisation und dem Sitz in Paris wurden weltweit regionale Büros gegründet. Eine zentrale Aktivität bestand in der Herausgabe kulturell und politisch ambitionierter Zeitschriften. Mit Daniel Bell tauchten viele New Yorker Gesinnungsgenossen an einflussreichen Stellen innerhalb der Organisation wieder auf und brachten neben dem Antikommunismus den Konsensliberalismus als gemeinsame Weltanschauung ein. Der Konsensliberalismus strebte eine Synthese von Individualismus und Sozialpolitik in der Tradition des New Deal an. Systemkritik wurde unterlassen und die Vormachtstellung der USA in der westlichen Welt vorbehaltlos anerkannt. Der Kulturhistoriker Michael Hochgeschwender charakterisiert den Kongress als eine von der CIA finanzierte Agentur des Kalten Krieges mit dem Ziel, westliche "amerikanische" Werte zu vermitteln.[5]

Bell kam 1956 nach Paris, um dort die Seminarorganisation des Kongresses zu übernehmen. Der Kongress steckte in einer Krise. Antikommunismus und Antisowjetismus allein reichten für den Transfer westlicher Werte nicht mehr aus. Auf dem Mailänder Kongress gaben Eduard Shils, Melvin Lasky, Michael Polanyi und Raymond Aron zusammen mit Bell eine neue Orientierung aus: die These vom Ende der Ideologie. Rechte und linke Ideologien, vor allem marxistische, seien in ihrer visionären Kraft "erschöpft". Die Vereinigten Staaten hätten durch Demokratisierung und den Wohlfahrtsstaat die Klassenspaltung überwunden. Die unteren Schichten würden zunehmend am gesellschaftlichen Reichtum partizipieren. Große Weltentwürfe fänden keine Gefolgschaft mehr. Als dann 1960 Daniel Bells Buch "The End of Ideology"[6] erschien, avancierte es rasch zum Bestseller. Für die Weltanschauung vieler Mitglieder des Kongresses bildete es das Schlüsselwerk.

Gegen Ende der 1960er Jahre zerbrach der Kongress.[7] Bell wechselte 1969 zur Harvard University und lehrte dort bis zum Ende seiner beruflichen Laufbahn im Jahr 1990. Parallel zu seiner Tätigkeit an der Universität engagierte er sich in Stiftungen und in Kommissionen der Regierung zu Fragen des technologischen Fortschritts und der gesellschaftlichen Zukunft. Im Gespräch mit Wolf Lepenies, mit dem er "Correspondence", das Magazin des Council on Foreign Relation herausgab, warf Bell einen Blick auf sein Leben: "Mit Roosevelt und dem New Deal (…) entstand der Typus des ‚public intellectual‘. Ich wollte immer ein solcher öffentlicher Intellektueller sein, jemand, der auch von den Details der Politik etwas versteht und sich für ihr Alltagsgeschäft interessiert. Freunde von mir sagten: Der Intellektuelle muss kritisch sein. Das genügt mir nicht. Für mich besteht die entscheidende Funktion des Intellektuellen darin, Verantwortung zu übernehmen."[8]

"Nachindustrielle Wissensgesellschaft" – Tatsache oder ideologisches Konstrukt?

In seinem zweiten Buch "Die nachindustrielle Gesellschaft" nimmt Bell den Faden seines ersten Bestsellers auf: Griff der Antikommunismus als Grundlage der Mobilisierung und Orientierung der westlichen Intellektuellen zu kurz, und bezog sich die These über das Ende der Ideologie auf den sozioökonomischen und kulturellen Wandel der amerikanischen Gesellschaft, so beantwortet der Autor nun, worauf das anbrechende neue wissensgesellschaftliche Zeitalter beruhe und worauf sich die Bürger einzustellen hätten. Zu berücksichtigen ist, dass die 1970er Jahre des Kalten Krieges durch eine verhaltene schrittweise Entspannungspolitik zwischen West und Ost gekennzeichnet waren. Mit seinen neuerlichen Thesen stiftete der Soziologe einen breiten Konsens zwischen europäischen und US-amerikanischen Sozialwissenschaftlern. Viele Autoren folgten ihm oder hatten bereits in ähnliche Richtung gedacht. Beispielsweise der Ökonom Jean Fourastié, der in seinem Buch "Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts" die Vision einer humanen Dienstleistungsgesellschaft entwirft. Auch mit Alain Touraine, Colin Clark, Ralf Dahrendorf und Ronald Inglehart bestanden Parallelen. Der Optimismus dieser Autoren lag in der Überzeugung, dass ein Zeitalter, welches durch die rauen Gesetze der Industrie geprägt worden war, seinem Ende entgegen gehe.

Die These vom Wandel der Industriegesellschaft zu einer nachindustriellen Wissensgesellschaft steht im Mittelpunkt von Bells Buch. Der Autor zeichnet darin sozialstrukturelle Veränderungen der Erwerbstätigkeit, der Berufsprofile und der Arbeitsorganisationen nach. Ähnlich wie Jean Fourastié rekonstruiert er drei Phasen eines substanziellen Epochenwechsels vom "Spiel gegen die Natur" in der Agrargesellschaft über "das Spiel gegen die technisierte Natur" im Industriezeitalter zum "Spiel zwischen Personen" in der postindustriellen Gesellschaft (S. 116).[9]

Mit dem "Spiel zwischen Personen" meint Bell, dass Teamarbeit, Besprechungen, Informationsaustausch und Diskurse zunehmend das Klima in Unternehmen bestimmen. Anhand umfangreicher empirischer Daten belegt er, dass immer mehr Menschen von Dienstleistungsberufen leben, immer weniger Menschen von manueller Arbeit. Typische Dienstleistungsfelder wie Verwaltung, Gesundheit, Bildung, Forschung und Entwicklung wachsen zusehends. Aber auch Unternehmen, die Güter herstellen, benötigen dafür mehr Dienstleistungen. Tätigkeiten wie kalkulieren, analysieren, entwerfen und entwickeln tragen in einem immer größeren Ausmaß zur Wertschöpfung von marktreifen Produkten bei. Der "Hunger nach Tertiärem" wird unstillbar, so hat Jean Fourastié diesen Trend dramatisiert. Daniel Bell identifiziert darin vor allem eine wachsende Nachfrage nach akademischem Personal und richtet seine Hoffnungen auf eine neue, sich herauskristallisierende Gruppe von Wissensarbeitern. Diesen Professionals seien ein akademisch geprägter Habitus und eine hohe Problemlösungskompetenz zu eigen, die sie in die Arbeitswelt einbringen. Er vermutet, dass sich die Wissensarbeiter sukzessive zu einer herrschenden Klasse entwickeln, erhebliche Machtvorteile im beruflichen Positionsgefüge gegenüber den besitzenden Schichten erobern und deren Einfluss schwächen.

Aus heutiger Sicht wird deutlich: Bell fokussiert in seinem Buch die Gewinner der Bildungsexpansion und verknüpft seine Theorie mit den Interessen der neuen akademischen Eliten. Diese waren damals nicht nur gegen die herrschenden Eliten gerichtet, die ihre Position ihrem Eigentum verdankten, sondern auch gegen Konkurrenten, die aufgrund praktischer Erfahrungen (learning by doing), ohne akademische Qualifikationen, aufstiegen. Damit lässt sich der Verdrängungskampf am Arbeitsmarkt in den USA durchaus mit den Folgen der Bildungsexpansion in Deutschland vergleichen.[10] Die Abgänger mit Universitätsabschluss verdrängen die Bewerber mit praktischer Berufsausbildung. Bell vermutet, dass sich neue Konfliktlinien zwischen den professionalisierten Experten und "dem Mann von der Straße" auftun (S. 136).

Macht der Wissenseliten

Die Verfügung über theoretisches Wissen ist für Bell die zentrale Ressource, aus der sich der ökonomische Fortschritt künftig speisen wird. "Die nachindustrielle Gesellschaft ist in zweifacher Hinsicht eine Wissensgesellschaft: einmal, weil Neuerungen mehr und mehr von Forschung und Entwicklung getragen werden (…); und zum anderen, weil die Gesellschaft immer mehr Gewicht auf das Gebiet des Wissens legt." (S. 219) Waren für frühere Gesellschaften Rohstoffe und Energie die wesentlichen Ressourcen, nimmt die Bedeutung des theoretischen Wissens zu und werde zu einem neuen "axialen Prinzip": "Universitäten, Forschungsorganisationen und wissenschaftliche Institutionen (…) entpuppen sich immer deutlicher als axiale Strukturen der entstehenden neuen Gesellschaft." (S. 41)

Produzenten dieses theoretischen Wissens sind vor allem die Universitäten. Sie bilden die Ingenieure und Techniker aus, die die Innovationen in den Unternehmen voranbringen, wie auch die Sozialwissenschaftler mit ihren Kompetenzen zur Steuerung gesellschaftlicher Prozesse. Bei Bell und vielen seiner Zeitgenossen zeigt sich eine immense Faszination gegenüber den damals neuen, zunehmend computergestützten Methoden, die schier unbegrenzte Datenmengen verarbeiten und das Wissen explosionsartig erweitern. Aber nicht nur wegen dieser Methoden gilt für ihn die Wissenschaft als Keimzelle der neuen Gesellschaft. Die besondere Leistung der Wissenschaft besteht für Bell darin, dass es ihr als universitäre Expertenorganisation geglückt sei, sich selbst zu steuern, professionelle Autonomie zu bewahren und das Ethos der Wahrheitssuche zu institutionalisieren: "Die Gemeinschaft der Wissenschaft stellt innerhalb der Zivilisation eine ebenso ungewöhnliche wie einzigartige Institution dar. Sie kennt keine Ideologie (…)." (S. 278)

Diese Wissenschaftseuphorie lässt Bell ein geschöntes Bild der sogenannten universitären Gelehrtenrepublik zeichnen: Sie rekrutiere ihr Personal selbst und definiere eigene Leistungsstandards. Das Personal werde daran gemessen, sich unermüdlich für den Erkenntnisfortschritt einzusetzen. Die Resultate des einzelnen Forschers kämen vorwiegend der Gemeinschaft zugute. Problemlösungen würden in Teams durch die Rationalität des besseren Arguments erarbeitet. Als Belohnung für den einzelnen Wissenschaftler fungiere allein Reputation, die Anerkennung in der Gemeinschaft. Bell hofft, dass dieser Geist der Gelehrtenrepublik in die übrige Gesellschaft ausstrahlt. Die akademischen Experten würden nach ihrer Universitätszeit Führungspositionen in Unternehmen und Verwaltungen erobern und dort dem universitären Ethos treu bleiben. Auf diese Weise, so Bells große Hoffnung, tragen sie dazu bei, die alte Industriewelt zu beerdigen. Diese akademisch qualifizierten Experten bilden für Bell die Trägerschichten und neuen Eliten einer heraufziehenden Wissensgesellschaft. Statt sich in Kämpfen um Macht und Ideologie aufzureiben, würden die Eliten für ein gemeinschaftsorientiertes Arbeitsethos und rationale Strategien zur Bewältigung von Konflikten eintreten.

Hier klingt ein utopisch-ideologischer Entwurf für eine am wissenschaftlichen und technischen Fortschritt orientierte, durchrationalisierte Gesellschaft an. Diese Vorstellung ist als technokratisch kritisiert worden, beruht sie doch auf der Annahme, dass mit einem ungebremsten wissenschaftlich-technologischen Fortschritt alle gesellschaftlichen Herausforderungen der damaligen Zeit zu lösen sind: das Wirtschaftswachstum voranzutreiben, den Systemwettlauf zu gewinnen, die Bevölkerung am Wohlstand partizipieren zu lassen, den Ausbruch sozialer Konflikte zu vermeiden und überkommene Machtpositionen durch rational ausgeübte Herrschaft zu ersetzen. Eine solche Utopie ist zutiefst ideologisch, weil sie die Interessen und die Meinungen einer bestimmten Klasse für die allgemein gültige "objektive" Wahrheit ausgibt. Dem Expertenurteil wird per se eine höhere Vernunft zugebilligt als dem Diskurs von Politik und demokratischer Öffentlichkeit. Damit tendiert Bell zu einem Modell "expertokratischer Elitenherrschaft". Aber wer kontrolliert die Experten, bedeutet doch unkontrollierte Macht der Eliten zugleich auch die Ohnmacht der Politik und der Bürger? Bell legt seiner Theorie, nicht weit vom Gesellschafts- und Geschichtsbegriff des Marxismus entfernt, ein deterministisches Fortschrittsmodell zugrunde, welches durch die höhere Vernunft einer elitären Klasse, nicht der Partei, sondern der Akademiker, realisiert wird.

Der Begriff des Wissens ist zwar zentral in Bells Buch, die Definition fällt jedoch eigentümlich blass und konventionell aus: "Wissen ist das, was objektiv bekannt ist, ein geistiges Eigentum, das mit einem (oder mehreren) Namen verbunden ist und durch Copyright oder eine andere Form sozialer Anerkennung (…) seine Bestätigung erfährt." (S. 181) An anderer Stelle (S. 178) beschreibt er die Tätigkeit von Experten als Daten sammeln, ordnen, systematisieren, darstellen sowie kommunizieren, experimentieren und urteilen. Bell skizziert hier den Alltag von Wissenschaftlern, vorwiegend von Naturwissenschaftlern.

Der Anspruch vieler Sozialwissenschaftler, kritische Wissenschaft zu betreiben, indem sie die ideologischen Verknüpfungen von Macht, Interessen und Wissen aufdecken, ist bei Bell nicht zu erkennen. Daher halten auch die Soziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel ernüchtert fest: "Bei Bell scheint am Ende die vage Vision einer Gesellschaft auf, die von Wissenschaftlern und politischen Technokraten beherrscht wird, eine Vision, die näher am militärisch-industriellen Komplex angesiedelt ist als an optimistischen Vorstellungen von einer Gesellschaft, in der die Menschen ihre Geschicke bewusst lenken."[11]

Was ist aus der Bell’schen Vision geworden?

In seinem dritten Bestseller "Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus" (1976) beklagt Bell das Auseinanderdriften von Politik, Kultur und Ökonomie. Gesellschaft war für ihn ein Elitenprojekt, soziale Bewegungen und gesellschaftliche Öffnung waren seine Sache nicht. Er sah darin die arbeitsethischen Grundlagen des wirtschaftlichen Erfolgs der westlichen Gesellschaften gefährdet. Bell kritisierte aber auch die Ökonomie, die dem Hedonismus, dem Konsumismus und der Profitgier zu wenig widerstehe. Sich selbst betrachtete er als "Sozialist in der Ökonomie, Liberaler in der Politik, Konservativer in der Kultur". Im Januar 2011 starb er in Cambridge, Massachusetts. Soziologen wie Daniel Bell, mit Ausstrahlung ins wissenschaftliche, kulturelle und politische System hinein, wurden selten.

Im Anschluss an Bell untersucht Robert B. Reich, Arbeitsminister der ersten Clinton-Administration, in seinem Buch "Die neue Weltwirtschaft" (1991) die soziale Positionierung der Wissensarbeiter. Die Verkleinerung von betrieblichen Stammbelegschaften im Zuge der Globalisierung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts hat zur Erosion der amerikanischen Mittelschicht geführt und die Karrieren der Wissensarbeiter in den Unternehmen geschwächt. Statt aufzusteigen, erfahren viele ihren sozialen Abstieg.[12] Reich weist außerdem auf die Zunahme von niedrig qualifizierten und schlecht bezahlten Tätigkeiten in den modernen Dienstleistungs- und Wissensökonomien hin.

Dienstleistungsfelder wie Gesundheit und Bildung, die vielerorts durch klamme öffentliche Haushalte finanziert werden, leiden unter der "Kostenkrankheit" (William J. Baumol) und geraten massiv unter Druck. Ökonomisierung und Rationalisierung, nicht das "Spiel zwischen Personen", prägen dort die Realität. Unter diesen Bedingungen gelingt es den Wissensarbeitern immer weniger, ihre sozialen Positionen aufgrund ihrer Expertise zu sichern. Hinzu kommt: Die Wissenseliten in den Unternehmen und Verwaltungen sind zu heterogen, um sich solidarisch zu verhalten. Sie bekämpfen sich gegenseitig mit Rationalisierungsvorschlägen. Gegenwärtig sind wir Zeugen, wie immer mehr Dienstleistungen in industriell gefertigte Systeme und Konsumgüter umgewandelt werden. Diese dramatische Entwicklung trifft besonders das wissenschaftliche Wissen, das aufgrund seiner Abstraktheit und Generalisierbarkeit enteignet, gespeichert und in entpersonalisierter Form als digitalisiertes Expertenprogramm weltweit vertrieben werden kann. Das Internet und die globalen Zugänge zu Informationen bedrohen die räumlichen personalgebundenen Bildungseinrichtungen in ihrer Existenz. Dies hat der Soziologe Jonathan Gershuny mit der These, dass der Weg in die postindustrialisierte Wissensgesellschaft versperrt ist, schon kurz nach dem Erscheinen des Buchs "Die nachindustrielle Gesellschaft" von Bell prognostiziert: Ihm erschien es wahrscheinlich, dass das Angebot an Dienstleistungen, und dabei dachte er auch an Universitäten, verschwände. Industriell gefertigte Massengüter würden die Chancen der Individuen optimieren, sich jeder Zeit und an jedem Ort Wissen anzueignen.[13] Es bleibt eine Frage der Kultur und der Politik, ob die Bürger mit dieser Perspektive einverstanden sind.

Trägt der Begriff der postindustriellen Wissensgesellschaft heute noch zum Verständnis der Gegenwart bei? Die Mehrheit der erwerbstätigen Bevölkerung in modernen Gesellschaften erbringt Dienstleistungen, aber ein stabil bleibendes Drittel arbeitet nach wie vor in der Industrie und sichert damit den materiellen Reichtum der Gesellschaft. Die Probleme des Industriezeitalters wie soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit, Rationalisierung und Entfremdung bestehen weiterhin. Zunehmend ist davon auch die Wissensarbeit betroffen. Über Lösungsstrategien wird nach wie vor politisch gestritten.

Resümieren wir: Das Konzept der Wissensgesellschaft ist historisch längst aus der Zeit gefallen. Ideologisch war es an die Interessen einer Akademikerschicht gebunden, die im Zuge des Kalten Krieges in den USA aufstieg und einen heutzutage nicht mehr zeitgemäßen Politikstil propagierte. Als Kategorie zur Analyse des dramatischen Wandels und der damit einhergehenden Verwerfungen, denen das Wissen heutzutage gesellschaftlich unterliegt, taugt das Konzept nicht. Dazu wäre nach wie vor zwischen Wahrheit und Ideologie zu unterscheiden. Wissen wird sonst zur Legitimationsformel für alles und nichts. Wer sich nicht durch scheinbar besseres Wissen gesellschaftlich positionieren und inszenieren kann, wird schnell als selbst verschuldet "dumm" angesehen. Gerade in unserer komplexen Welt haben die Individuen ein großes Interesse an einer Kultur der kritischen Urteilsbildung, an der Fähigkeit zwischen Wahrheit und Scheinwissen zu unterscheiden, um ihren eigenen Weg zu finden. Dabei sollten sie sich nicht auf die Propagandisten der Wissensgesellschaft verlassen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, Deutschlands Rolle in der globalen Wissensgesellschaft stärken, Berlin 2008.
2.
Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society. A Venture in Social Forecasting, New York 1973 (dt. Übersetzung: Die nachindustrielle Gesellschaft, Frankfurt/M.–New York 1975).
3.
Seymour M. Lipset: 1922–2006, Soziologe; Irving Howe: 1920–1993, Literaturwissenschaftler; Melvin Lasky, 1920–2004, Publizist, Organisator und Herausgeber der Zeitschriften des Kongresses für kulturelle Freiheit "Der Monat" in Deutschland und des "Encounter" in Großbritannien; Irving Kristol: 1920–2009, Journalist, wurde vom aktiven Trotzkisten zu einem führenden Kopf der neokonservativen Bewegung in den USA.
4.
Vgl. u.a. Irving Howe, The New York Intellectuals, in: Commentary, 23 (1968), S. 29–51.
5.
Vgl. Michael Hochgeschwender, Freiheit in der Offensive? Der Kongreß für kulturelle Freiheit und die Deutschen, München 1998; Frances Stonor Saunders, Wer die Zeche zahlt … Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg, Berlin 2001.
6.
Vgl. Daniel Bell, The End of Ideology, Illinois 1960.
7.
Frances St. Saunders (Anm. 5) schreibt, dass die CIA wie ein Kulturministerium agiert habe. Als die "covert actions" zutage traten, distanzierten sich viele Aktivisten und Sympathisanten vom Kongress.
8.
Zit. nach: Wolf Lepenies, Klassiker zu Lebzeiten, in: Die Welt vom 27.1.2011.
9.
Diese und die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf D. Bell (Anm. 2), dt. Fassung.
10.
Der Einfluss der Theorien von Fourastié und Bell auf die Bildungsexpansion in Deutschland ist groß. Der Begriff der Wissensgesellschaft wird auch gegenwärtig noch durch eine Generation von Bildungspolitikern am Leben gehalten, die mit Bells Thesen akademisch sozialisiert wurde.
11.
Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Dienstleistungsgesellschaften, Frankfurt/M. 1995, S. 40.
12.
Vgl. Christiane Bender/Hans Graßl, Arbeit und Leben in der Dienstleistungsgesellschaft, Konstanz 2004.
13.
Dazu passend: Christoph Drösser/Uwe Jean Heuser, Harvard für alle Welt, in: Die Zeit vom 14.3.2013.
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Autor: Christiane Bender für bpb.de
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