Ausschnitt eines noch nicht ausgefüllten Kreuzworträtsels.
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Leben wir in einer Wissensgesellschaft?


23.4.2013
Das Zeitalter der Industrialisierung, der sozialen Ordnung der Industriegesellschaft und der Fähigkeiten und Fertigkeiten, die nötig waren, um es zu bewältigen, steht vor seinem Ende. Die Grundlagen der sich am Horizont abzeichnenden Gesellschaftsordnung basieren auf Wissen."[1] So beschrieb Anfang des 21. Jahrhunderts Nico Stehr, einer der zentralen Theoretiker der Diagnose "Wissensgesellschaft", das Aufscheinen einer neuen Gesellschaftsordnung.[2] Verbunden damit seien neue Formen des Arbeitens, der Lebensstile und der Partizipation an demokratischen Prozessen. Sollte inzwischen nicht deutlicher erkennbar sein, ob dieser prognostizierte Wandel stattgefunden hat? Ist es so weit? Leben wir in einer Wissensgesellschaft?

Ehe wir uns dieser Kernfrage widmen, treten wir einen Schritt zurück. Warum stellen sich Menschen überhaupt die Frage danach, was die heutige Gesellschaft charakterisiert? Es ist offenbar Orientierung gefragt. Viele Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens unterliegen massiven Umstrukturierungen. Die Erfahrungen eines Rückbaus sozialstaatlicher Leistung und der Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen sind allgegenwärtig. Junge Menschen führen eine andere Existenz als die Elterngeneration, deren Berufsleben noch viel stärker von der "Normalerwerbsbiografie" geprägt war – ein Wort, das in heutigen Zeiten fast antiquiert anmutet. Gleichzeitig treten veränderte Konsumgewohnheiten auf den Plan. Durch technische Innovationen haben sich Kommunikationsnetze etabliert, die Bekanntschaften, Freundschaften und Intimbeziehungen von Grund auf anders gestalten. Wenn sich gesellschaftliche Bedingungen für eine Mehrzahl von Menschen erfahrbar wandeln, kommen Zeitdiagnosen ins Spiel. Sie bieten einen schlüssigen Erklärungsversuch an.

Die Diagnose "Wissensgesellschaft" ist dabei besonders erfolgreich. Die wenigsten Menschen sind überrascht, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel wie selbstverständlich davon spricht, dass Deutschland "in den letzten Jahren auf dem Weg zur Wissensgesellschaft ein ganzes Stück vorangekommen" sei.[3] Die Wissensgesellschaft hat sowohl die Vorgängerdiagnose "Industriegesellschaft" wie auch alternative Deutungen wie "Risikogesellschaft", "Multioptionsgesellschaft" oder "Erlebnisgesellschaft" abgehängt.[4] Dies legt die Vermutung nahe, dass die mit ihr verbundenen Deutungen eine gewisse Plausibilität aufweisen. Im Anschluss an Diskussionen um Folgen der Globalisierung, einer gestiegenen Bedeutung transnationaler Akteure, der Erschöpfung des Wohlfahrtstaates oder des umstrittenen Bologna-Prozesses im Hochschulbereich greift die Diagnose "Wissensgesellschaft" Probleme gesellschaftlichen Wandels unterschiedlicher Praxisfelder auf. Sie ermöglicht einen positiven Anschluss an diagnostizierte Krisen.[5]

Einleitend werden wir die Funktionsweise von Zeitdiagnosen skizzieren: Was ist der Anspruch einer solchen Gesellschaftsbeschreibung, wo entsteht sie und wie wirkt sie? Darauf aufbauend wird ein Überblick geboten, auf welche gesellschaftlichen Zustände die Beschreibung Wissensgesellschaft reagiert und wie sich Akteure in verschiedenen sozialen Feldern wie Ökonomie, Politik und Bildung auf diese Diagnose beziehen. Anhand von drei soziologischen Argumentationen wird dann erörtert, wie sich "Gesellschaft" und "Wissen" verändert haben, sodass die Rede von der Wissensgesellschaft überhaupt sinnvoll geworden ist. Da die Wissensgesellschaft allerdings keine wahr gewordene Utopie darstellt, sondern auch nach wie vor vorhandene gesellschaftliche Krisen, Probleme und Machtgefälle erklärt werden müssen, werden zusätzlich die Kehrseiten der Gegenwartsgesellschaft thematisiert, um daraufhin kritisch nachfragen zu können, ob sich die sozialwissenschaftlichen Beschreibungsangebote der Frage nach Chancengerechtigkeit in der Wissensgesellschaft angemessen widmen. Abschließend wird ein kurzes Resümee zu Potenzialen und Gefahren gezogen, die von einer solch wirkmächtigen Zeitdiagnose ausgehen.

Wozu sozialwissenschaftliche Zeitdiagnosen?



Die Diagnose vom Zustand der Gesellschaft und die Lösung von gesellschaftlichen Problemen sind von Beginn an zentrale Themen der "Krisenwissenschaft" Soziologie. In Form von Zeitdiagnosen unternimmt sie den Versuch, systematisch die Wirklichkeit zu ordnen, und erhebt den Anspruch, den Ist-Zustand der Gesamtgesellschaft zu erfassen und zeigen zu können, wohin die Reise geht.[6] Häufig handelt es sich um einen Diskurs, den Expertinnen und Experten dominieren und legitimieren. Die Zeitdiagnosen, die in diesen Ausführungen im Mittelpunkt stehen, kommen ursprünglich aus den Sozialwissenschaften, sind in andere gesellschaftliche Bereiche eingedrungen und tauchen in veränderter Form in politischen Programmen oder als strategisches Leitbild in der Wirtschaft wieder auf. Sozialwissenschaftliche Gesellschaftsbeschreibungen stellen dabei eine Mischung aus theoretischen Annahmen, vereinzelten Beobachtungen und empirischen Daten dar, gewürzt mit einer Prise Spekulation. Teilweise stützen sie sich auf Statistiken, verdichten aber auch eine Atmosphäre.[7] Zum großen Teil gehen soziologische Beobachterinnen und Beobachter der Gegenwart problemorientiert vor. Dadurch, dass sie auf Schwellen und Brüche aufmerksam machen, geben sie dem stetigen Wandel von Gesellschaft ein Profil.

Doch woran erkennt man, ob eine Gesellschaftsbeschreibung "recht hat"? Leider ist es unmöglich, objektiv und historisch unabhängig gültige Kriterien für den Wahrheitsgehalt einer Zeitdiagnose zu finden. Für funktional differenzierte Nationalgesellschaften der nördlichen Hemisphäre kann die Plausibilität von Zeitdiagnosen auf zwei Weisen untermauert werden: zum einen über Analysen der prägenden Gesellschaftsbereiche Wirtschaft und Politik, zum anderen mit Blick auf die einzelnen Gesellschaftsmitglieder und darauf, ob eine Zeitdiagnose wie die Wissensgesellschaft in ihren Handlungsorientierungen eine Rolle spielt. Allerdings: Bei allem Verständnis für den nachvollziehbaren Wunsch, eine neutrale, wissenschaftlich abgesicherte Beschreibung gesellschaftlicher Vorgänge zu erhalten, die dabei hilft, die Welt besser zu verstehen, ist eine "reine" Beschreibung, frei von normativen Implikationen, utopisch.

Tief greifende sozialstrukturelle Veränderungen und eine breite Anerkennung eines Deutungsversuchs dieser Wandlungsprozesse sind die beiden Zutaten, die die Erfolgsgeschichte der Diagnose "Wissensgesellschaft" maßgeblich begründen. Doch wie wurde genau jene Beschreibung in den relevanten gesellschaftlichen Bereichen aufgenommen?


Fußnoten

1.
Nico Stehr, Die Zerbrechlichkeit moderner Gesellschaften. Die Stagnation der Macht und die Chancen des Individuums, Weilerswist 2000, S. 11.
2.
Die Diagnose "Wissensgesellschaft", die bereits in den 1970er Jahren mit Autoren wie Daniel Bell und Peter F. Drucker einen ersten Höhepunkt erfuhr, wurde zu Beginn der 1990er Jahre mit neuen Vorzeichen unter anderem von Nico Stehr reformuliert. Vgl. Nico Stehr, Arbeit, Eigentum, Wissen. Zur Theorie von Wissensgesellschaften, Frankfurt/M. 1994.
3.
Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel beim Empfang der Mitglieder des Wissenschaftsrats am 29. Januar 2009 in Berlin, online: »http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Bulletin/2009/01/14-2-bk-wissen.html« (20.3.2013).
4.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986; Peter Gross, Die Multioptionsgesellschaft, Frankfurt/M. 200510; Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/M.–New York 2005.
5.
Vgl. Anina Engelhardt, Soziologische Gegenwartsdiagnose als Orientierungswissen: Krisenbearbeitung in unsicheren Zeiten?, in: Hans-Georg Soeffner (Hrsg.), Unsichere Zeiten. Herausforderungen gesellschaftlicher Transformation, Wiesbaden 2010 (CD-ROM).
6.
Vgl. Walter Reese-Schäfer, Zeitdiagnose als wissenschaftliche Aufgabe, in: Berliner Journal für Soziologie, 6 (1996) 3, S. 377–390.
7.
Uwe Schimank betont, dass "Spekulationen" auch eine visionäre Stärke der Gesellschaftsbeschreibungen sein können; dabei komme es darauf an "ob spekulative Einschätzungen durch theoretische Plausibilitäten kontrolliert werden". Uwe Schimank, Soziologische Gegenwartsdiagnosen – Zur Einführung, in: ders./Ute Volkmann (Hrsg.), Soziologische Gegenwartsdiagnosen I. Eine Bestandsaufnahme, Opladen 2000, S. 17.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autoren: Laura Kajetzke, Anina Engelhardt für bpb.de

 
zum Fragebogen >

Ihre Meinung ist uns wichtig


Vielen Dank für Ihren Besuch von bpb.de!

Wir wollen unseren Internetauftritt verbessern - und zwar mit Ihrer Hilfe. Dazu laden wir Sie herzlich zu einer kurzen Befragung ein. Sie dauert etwa 10-12 Minuten. Die Befragung führt das unabhängige Marktforschungsinstitut SKOPOS für uns durch.

Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Teilnahme. Ihre Meinung ist uns sehr wichtig!

Ihre Bundeszentrale für politische Bildung

Information zum Datenschutz und zur Datensicherheit


Als unabhängiges Marktforschungsinstitut führt SKOPOS Institut für Markt- und Kommunikationsforschung GmbH & Co. KG im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung diese Befragung durch.

Zur Durchführung der Befragung erhebt SKOPOS Ihre IP-Adresse. Diese wird umgehend anonymisiert und getrennt von den Befragungsdaten verarbeitet, deshalb ist eine Identifizierung von Personen nicht möglich. Weitere personenbeziehbare oder personenbezogene Daten werden nicht erhoben.

Die Befragung entspricht den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz und den Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V. sowie der Europäischen Gesellschaft für Meinungs- und Marketingforschung. Es erfolgt keine Weitergabe an Dritte.

Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie hier.