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Soziale Praktiken des Nichtwissens


23.4.2013
Etwas nicht zu wissen, und vor allem etwas nicht wissen zu wollen, muss in unseren vermeintlichen "Wissensgesellschaften" als höchst bedenklich erscheinen, als Ausdruck von Verantwortungslosigkeit, geistiger Trägheit oder ideologischer Engstirnigkeit. Umso überraschender mag es wirken, dass sich auch und gerade in den gegenwärtigen Gesellschaften eine erstaunliche Vielfalt von sozialen Praktiken des mehr oder weniger bewussten und gewollten Nichtwissens beobachten lässt. Gänzlich verfehlt wäre es, wollte man solche individuellen wie kollektiven Praktiken des Ignorierens, der Geheimhaltung, der Anonymisierung oder des Vergessens als Restbestände vormoderner Gesellschaften oder "traditionaler" Mentalitäten abtun. Wie ich in diesem Beitrag an zwei prägnanten Beispielen, dem "Recht auf Nichtwissen" in der Medizin und der Anonymisierung von Bewerbungen um Arbeitsplätze, erläutere, handelt es sich dabei in vielen Fällen um eine rationale und reflektierte Antwort auf Probleme, die aus der Wissensdynamik moderner Gesellschaften oder aus den Ambivalenzen bestimmter Formen des Wissens entspringen. Bevor ich dies näher begründe, stelle ich zum besseren Verständnis zunächst einige allgemeinere soziologische Überlegungen zum vielschichtigen Wechselspiel von Wissen und Nichtwissen in den heutigen Gesellschaften vor.

Mehr Wissen, mehr Nichtwissen



Dafür, dass wir angeblich in einer Wissensgesellschaft leben, ist in jüngster Zeit auffallend viel vom Nichtwissen die Rede.[1] Erstaunlich ist dies allerdings nur, solange man der oberflächlichen und naiven Vorstellung verhaftet bleibt, jeder Zunahme von Wissen entspreche eine proportionale Abnahme des Nichtwissens. Tatsächlich jedoch ist das Wachstum des gesellschaftlichen Wissens in vielfältiger Weise mit einer Zunahme und daraus folgend mit einem Bedeutungsgewinn und Bedeutungswandel des Nichtwissens verknüpft. Man hat es also nicht mit einer starren Dichotomie von Wissen hier und völliger Unwissenheit dort zu tun,[2] sondern im Gegenteil mit der wechselseitigen Bedingtheit und Verflochtenheit je unterschiedlicher Formen des Wissens und Nichtwissens in sozialen Praktiken.

Soziologisch weiterführend ist es, Nichtwissen danach zu unterscheiden, inwieweit den handelnden Akteuren bewusst ist oder verborgen bleibt, was sie nicht wissen; inwieweit Nichtwissen ausdrücklich gewollt oder gänzlich unbeabsichtigt ist ("man konnte es nicht besser wissen"); und inwieweit Lücken und Grenzen des Wissens bloß vorübergehend oder aber dauerhaft sind (oder zu sein scheinen). Auch hier besteht das Ziel nicht in der Gegenüberstellung vermeintlich eindeutiger und scharf getrennter Typen des Nichtwissens; vielmehr sind diese Differenzierungen darauf ausgerichtet, auch und gerade Zwischenformen zu erfassen, wie bloß geahntes Nichtwissen oder fahrlässig, durch Mangel an Interesse und Sorgfalt aufrechterhaltenes, aber nicht bewusst gewolltes Nichtwissen. Die genannten Unterscheidungen bieten zudem ein fruchtbares analytisches Instrumentarium, um zu untersuchen, wie die sozialen Akteure selbst in je spezifischen Handlungskontexten ihr eigenes Nichtwissen oder die Wissenslücken anderer wahrnehmen und bewerten. Beobachten lässt sich dann, dass Nichtwissen, sein "Ausmaß", seine Gründe und möglichen Konsequenzen gesellschaftlich äußerst kontrovers gedeutet werden. In jedem Fall stellt sich in dem Maße, wie wir erkennen, dass Nichtwissen weder vollständig vermeidbar ist noch per se irrational und schädlich sein muss, die Frage nach dem Umgang damit in neuer Weise; sie könnte künftig sogar zu einem Schlüsselproblem unserer Gesellschaften werden. Die lange Zeit vorherrschende Auffassung, Nichtwissen könne und solle durch beständiges Wissenswachstum immer weiter zurückgedrängt oder gar ganz "eliminiert" werden, hat inzwischen jedenfalls entschieden an Plausibilität und Überzeugungskraft eingebüßt.

Idealtypisch können zwei Formen der Verknüpfung und wechselseitigen Steigerung von Wissen und Nichtwissen unterschieden werden: Zum einen nimmt Nichtwissen als nicht intendierte Folge der wissenschaftlichen Wissensdynamik zu, zum anderen wächst gleichzeitig die Bedeutung von Formen des bewussten und gewollten Nichtwissens. Das inzwischen fast schon klassische Beispiel für den ersteren Zusammenhang, die unbeabsichtigte Erzeugung von Nichtwissen, stellt das sogenannte Ozonloch dar, die massive Schädigung der schützenden Ozonschicht in der oberen Erdatmosphäre durch Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW).[3] Als um 1930 die industrielle Herstellung und Nutzung dieser synthetischen Chemikalien begann, wurden sie durchaus auf bekannte Risiken wie Toxizität und Entflammbarkeit überprüft. Doch niemand wusste oder ahnte damals, dass die FCKW gerade wegen ihrer viel gerühmten chemischen Stabilität bis in die Stratosphäre aufsteigen und dort eine verheerende Wirkung entfalten würden. Erst mehrere Jahrzehnte später wurde der zugrunde liegende Kausalzusammenhang theoretisch erschlossen und schließlich Mitte der 1980er Jahre auch empirisch nachgewiesen.

Wie dieser Fall eindrucksvoll unterstreicht, ist es die Wissenschaft selbst, die neues Nichtwissen hervorbringt, weil sie die möglichen Folgen ihrer eigenen Erkenntnisse und darauf gestützter Technologien niemals vollständig antizipieren kann. Der britische Wissenschaftstheoretiker Jerome Ravetz sprach deshalb schon vor mehr als 20 Jahren treffend von "wissenschaftsbasiertem Nichtwissen" (science-based ignorance) und vermutete, dieses werde sogar schneller zunehmen als unser Wissen.[4] Überdies steht das lange Zeit unerkannte Ozonloch für die beunruhigende Erkenntnis, dass wir häufig nicht nur nicht wissen, welche Konsequenzen wissenschaftlich-technische Innovationen haben könnten, sondern auch keine Ahnung davon haben, wann und wo diese Folgen auftreten werden. Wir können deshalb noch nicht einmal gezielt danach suchen und haben somit keinerlei Gewissheit, sie rechtzeitig entdecken zu können.[5]

Weshalb und inwiefern trägt die Wissensdynamik der gegenwärtigen Gesellschaften dazu bei, dass Formen und Praktiken eines bewussten "Nicht-Wissen-Wollens" (worauf ich mich im Weiteren konzentrieren werde) an Bedeutung und Attraktivität gewinnen und sich damit allmählich auch die negative Wahrnehmung des Nichtwissens zu ändern beginnt? Es lassen sich (mindestens) drei Problemzusammenhänge unterscheiden, in denen eine Aufwertung des intentionalen Nichtwissens zu beobachten ist: Aktives Nichtwissen dient erstens als Abwehrreaktion gegen die Überlastung durch zu viel Wissen, zweitens als Schutz vor belastendem Wissen sowie drittens als Antwort auf negative Effekte des Wissens, wie etwa die auf kognitiven Stereotypen basierende Diskriminierung bestimmter sozialer Gruppen.

Nichtwissen als Abwehr von zu viel Wissen: Es ist kaum mehr zu übersehen, dass die Masse an Informationen und Wissen, die heutzutage vor allem durch die digitalen Medien prinzipiell verfügbar ist, weder vom Einzelnen noch von Organisationen und Institutionen wirklich verarbeitet werden kann. So gesehen steigert Wissenswachstum nur die Menge dessen, was nicht mehr bewältigt werden kann.[6] Hinzu kommt: Wissen und Informationen zu verarbeiten, bindet Aufmerksamkeit und kostet überdies Zeit und Geld, die dann an anderer, möglicherweise wichtigerer Stelle fehlen. Es ist daher kein Zufall, dass seit einiger Zeit gerade im Wissensmanagement von Organisationen und Unternehmen unter Stichworten wie "intelligente Wissensabwehr", "positive Ignoranz" und "Nichtwissen als Erfolgsfaktor" Praktiken des Ignorierens und der bewusst selektiven Informationsaufnahme propagiert werden.[7] Zwar sieht sich das Plädoyer für positive Ignoranz mit der Schwierigkeit konfrontiert, schon im Voraus, ohne bereits alles zur Kenntnis genommen zu haben, beurteilen zu müssen, was man wissen sollte und was man ohne nachteilige Folgen ignorieren kann. Dennoch wird angesichts weiter wachsender Datenmengen die paradoxe Fähigkeit, zu wissen, was man nicht zu wissen braucht, immer wichtiger werden.

Nichtwissen als Schutz vor belastendem Wissen: Bei dem Versuch, sich durch bewusstes Nicht-Wissen-Wollen vor belastendem, verunsicherndem oder schmerzhaftem Wissen zu schützen, steht nicht die Überforderung durch die schiere Informationsmenge im Vordergrund, sondern die Erfahrung, dass es nicht selten vorteilhaft ist, bestimmte Dinge nicht oder zumindest nicht so genau zur Kenntnis zu nehmen. Diese Überlegung ist nicht neu, und der "Volksmund" hat für diese Schutzfunktion des Nichtwissens seit Langem die Formel parat "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß". Dass diese altbekannte Maxime gegenwärtig neue, gesellschaftlich brisante Aktualität erlangt, verdankt sich einer beschleunigten Wissensdynamik vor allem im Bereich der Medizin. Diese produziert aufgrund von Fortschritten im Bereich der Genforschung immer neue Erkenntnisse über gegenwärtige oder zukünftige Erkrankungsrisiken bestimmter Personen, jedoch häufig ohne dafür Erfolg versprechende Möglichkeiten der Prävention oder Therapie anbieten zu können. Damit ist die Frage nach der Relevanz und dem Nutzen solchen Wissens aufgeworfen, und es ist kein Zufall, dass das Recht auf Nichtwissen in der Medizin, das ich im folgenden Kapitel ausführlicher behandeln werde, eines der prominentesten Beispiele für diese Form schützenden Nichtwissens darstellt.

Nichtwissen als Antwort auf negative Effekte des Wissens: Auch da, wo Wissen nicht auf belastende Ereignisse wie den möglichen Ausbruch einer schweren Krankheit verweist, kann es problematische Wirkungen haben. Es kann uns voreingenommen machen, wenn wir von einer Person wissen, dass sie einer bestimmten sozialen, ethnischen oder religiösen Gruppe angehört. Die Ergebnisse eines klinischen Medikamententests würden verzerrt, wenn das medizinische Personal oder die Patienten wüssten, wer das auf seine Wirksamkeit zu prüfende Arzneimittel erhält und wer ein anderes Medikament oder ein Placebo bekommt. Überdies droht Wissen, Schutzräume der Anonymität und Nicht-Identifizierbarkeit von Personen zu zerstören, die bestimmte Handlungen, pointierte Meinungsäußerungen oder die Mitteilung intimer Informationen überhaupt erst ermöglichen.[8] Aus diesem Grund existiert gerade in modernen Gesellschaften eine Vielzahl von als legitim und selbstverständlich geltenden Formen und Praktiken der Anonymisierung und Geheimhaltung: geheime Wahlen, das Briefgeheimnis, die ärztliche Schweigepflicht, die Anonymisierung sozialwissenschaftlicher Befragungen oder die doppelt anonyme Begutachtung wissenschaftlicher Aufsätze. Andere Formen der Anonymisierung sind zwar stärker umstritten, etwa die anonyme Samenspende oder die anonyme Geburt und Kindesabgabe ("Babyklappe"); doch auch hier lassen sich gute Gründe dafür anführen, auf Wissen über die Identität der beteiligten Personen zu verzichten, um höherwertige Ziele (wie den Schutz des Neugeborenen) nicht zu gefährden. Am ebenfalls nicht ganz unumstrittenen Beispiel anonymisierter Bewerbungsverfahren komme ich unten ausführlicher auf eine Nichtwissenspraxis zu sprechen, die auf problematische Folgen des Wissens reagiert und ihnen entgegenzuwirken sucht.


Fußnoten

1.
In zahlreichen sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen ist seit einigen Jahren eine intensive Beschäftigung mit Nichtwissen zu beobachten. Um nur zwei neuere Beispiele zu nennen: Cynthia Townley, A Defense of Ignorance. Its Value for Knowers and Roles in Feminist and Social Epistemologies, Lanham u.a. 2011; Casey High/Ann H. Kelly/Jonathan Mair (eds.), The Anthropology of Ignorance. An Ethnographic Approach, New York 2012.
2.
Dies unterstellt beispielsweise Nico Stehr, Mut zur Lücke. Zur Emanzipation des Nichtwissens in der modernen Gesellschaft, in: Kursbuch 173/2013, S. 164–178. Es scheint diese Fehlinterpretation zu sein, die Stehr zu der erstaunlichen These verleitet, die gesamte Debatte der vergangenen rund 30 Jahre beschäftige sich mit einem "Mythos". Bemerkenswerterweise setzt Stehr seinerseits an die Stelle der Unterscheidung von Wissen und Nichtwissen eine fragwürdige Dichotomie von Wissen, verstanden als "Handlungsvermögen", und Informationen, die "uns nicht in die Lage versetzen, etwas in Gang zu setzen" (ebd., S. 170). Diese letztlich normativ bestimmte Hierarchie von Wissen und Information erweist sich analytisch als ausgesprochen unplausibel, denn selbst höchst differenziertes und reflektiertes Wissen, etwa historisches Wissen, befähigt uns keineswegs immer, "etwas in Gang zu setzen", während scheinbar banale Informationen durchaus unsere Handlungsfähigkeit steigern können.
3.
Ebenfalls nennen könnte man den "Contergan-Skandal" aus den später 1950er Jahren, also die gravierenden, nicht selten sogar tödlichen Schädigungen menschlicher Föten durch das als besonders sicher vermarktete Schlafmittel Contergan. In diesem Fall wird bis heute eine intensive Debatte darüber geführt, inwieweit diese fatalen Nebenwirkungen tatsächlich unvorhersehbar und unvermeidbar waren.
4.
Vgl. Jerome Ravetz, The Merger of Knowledge with Power. Essays in Critical Science, London–New York 1990.
5.
Vgl. hierzu ausführlicher Peter Wehling, Im Schatten des Wissens? Perspektiven der Soziologie des Nichtwissens, Konstanz 2006.
6.
Vgl. Jürgen Howaldt/Rüdiger Klatt/Ralf Kopp, Neuorientierung des Wissensmanagements. Paradoxien und Dysfunktionalitäten im Umgang mit der Ressource Wissen, Wiesbaden 2004, S. 80.
7.
Vgl. zur "intelligenten Wissensabwehr" ebd. "Positive Ignoranz" definiert die Managementwissenschaftlerin Ursula Schneider als die "Fähigkeit zu wissen, was man nicht zu wissen braucht", und als "bewussten Umgang mit dem eigenen Verarbeitungsvermögen". Ursula Schneider, Das Management der Ignoranz. Nichtwissen als Erfolgsfaktor, Wiesbaden 2006, S. 77f.
8.
Bereits vor gut 100 Jahren hat Georg Simmel in seiner "Soziologie" (1908) die produktive soziale Rolle des Geheimnisses gerühmt: "(G)egenüber dem kindischen Zustand, in dem jede Vorstellung sofort ausgesprochen wird, jedes Unternehmen allen Blicken zugänglich ist, wird durch das Geheimnis eine ungeheure Erweiterung des Lebens erreicht, weil vielerlei Inhalte desselben bei völliger Publizität überhaupt nicht auftauchen können." Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Frankfurt/M. 1992, S. 406.
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Autor: Peter Wehling für bpb.de
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