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Wissen und der Mythos vom Nichtwissen


23.4.2013
Die Polarisierung von Wissen und Nichtwissen oder Unwissen ist in der Moderne zu einer Art Leitdifferenz geworden, Beobachtungen zum Nichtwissen und seiner Bedeutung haben Konjunktur. In einer soziologischen Kritik dieser Positionen möchte ich zeigen, dass es unproduktiv ist, auf Nichtwissen als Gegensatz von Wissen zu verweisen. Die eigentlich brisanten soziologischen Fragestellungen sind zweifacher Art: Erstens, wie verhält man sich in der modernen Gesellschaft – unter verschiedenen Rahmenbedingungen – gegenüber Asymmetrien von Wissen und insbesondere von Wissensdefiziten? Zweitens, nicht Wissensdefizite, obwohl Lücken dieser Art signifikante Folgen haben, sind zunehmend ein Problem moderner Gesellschaften, sondern ihr Gegenteil. In modernen Gesellschaften gilt nicht nur, dass wir nicht genug wissen, sondern dass wir zu viel wissen.

Meine Thesen zum trügerischen Phänomen des Nichtwissens lassen sich wie folgt zusammenfassen: Nicht jedes Problem hat zwei Seiten. Oder, um eine Formulierung des Ökonomen Joseph Stiglitz über die angeblich an Märkten wirksam agierende unsichtbare Hand zu übernehmen: Warum ist die unsichtbare Hand unsichtbar?[1] Weil es sie nicht gibt. Warum ist Nichtwissen so schwer zu erfassen? Weil es Nichtwissen nicht gibt. Eigentlich könnte ich meine Reflexionen an dieser Stelle abbrechen. Da ich aber nicht unmittelbar vor dem Phänomen des angeblichen Nichtwissens kapitulieren möchte, beschränke ich mich auf die Beobachtung von Diskursen, in denen zuversichtlich bekräftigt wird, es gebe so etwas wie Nichtwissen. Ich möchte mit einer Reihe von einfachen Zustandsbeschreibungen beginnen, die meine Skepsis gegenüber dem Begriff des Nichtwissens deutlich werden lassen.

Zur Diagnose



Unser Handeln ist wissensgeleitet. Kenntnisse Anderer und Selbstkenntnisse sind Konditionen der Vergesellschaftung. Genauso wenig, wie man ohne Kopfbedeckung nackt ist, ist man "ohne" Wissen nichtwissend. Eine Gesellschaft, in der es keine Geheimnisse gibt, ist undenkbar. Informationen und Wissen zu ignorieren ist sinnvoll, sogar rational. Eine Gesellschaft, in der es eine totale Verhaltenstransparenz gibt, ist unmöglich. Wissen ist niemals eine Schöpfung aus dem Nichts. Die Existenz einer Nichtwissensgesellschaft ist ebenso fragwürdig wie die einer sprachlosen menschlichen Gesellschaft. Wir leben in komplexen, hoch arbeitsteiligen Gesellschaften, in der alle Mitglieder in Unkenntnis fast aller Erkenntnisse sind. Der Einzelne weiß, dass sein Wissen begrenzt ist. Dem steht gegenüber, dass der Einzelne Nutzen aus Wissen zieht, das er nicht kennt.[2]

Wissen ist ein variables, ein entlang eines Kontinuums angesiedeltes gesellschaftliches Phänomen, und verweist auf die Existenz der elementaren Wissensteilung in komplexeren Gesellschaften.[3] Handeln unter Bedingungen der Unsicherheit ist alltäglich. Das Wissen von diesen "Lücken" ist Wissen; allerdings ist es keine Kategorie des Nichtwissens, wenn auch, sofern man diese Bezeichnung für produktiv hält, von "negativen Erkenntnissen".[4] In der Tat können wir diese Lücke oft schnell schließen, da wir wissen oder in Erfahrung bringen können, wer es wissen mag.[5] Andererseits gibt es viele Dinge, von denen (fast) alle wissen (beziehungsweise über die fast alle informiert sind).[6]

Es ist nicht nur unlogisch, sondern theoretisch und praktisch-empirisch auch unproduktiv, auf Wissen als Gegensatz von Nichtwissen zu verweisen. Dieser statische Kontrast eines Entweder-oder führt uns nur in den Abgrund des arbiträren und fraglos langweiligen Gegensatzes von rational und irrational oder von Erkenntnis und Meinung; etwa, wenn man sagt, jede (neue rationale) Erkenntnis werfe neues, irrationales Nichtwissen auf.[7] Wissen repräsentiert ein Kontinuum, das man nicht einfach zerschneiden kann. Wissen ist ein soziales Totalphänomen (fait social total; Marcel Mauss). Wissen oder die Revision von Erkenntnissen entsteht aus schon vorhandenem Wissen (und nicht aus Formen des Unwissens).

Fragwürdige Konjunktur des Begriffs



Warum aber hat der Begriff des Nichtwissens in den Kultur- und Sozialwissenschaften dennoch Konjunktur? Warum wird die Kategorie des Nichtwissens (als angebliche Schattenseite des Wissens) auch in den Medien und der öffentlichen Diskussion zunehmend zur prominenten und pointierten Währungseinheit?[8] Die Hochkonjunktur von Reflexionen zum Nichtwissen hat viel mit dem essenziell strittigen Begriff des Wissens zu tun sowie unserem Verständnis der Produktionsbedingungen und der dem Wissen zugeordneten gesellschaftlichen Rolle.

Ist die Differenz von Nichtwissen und Wissen ein Beispiel der typischen statischen Begriffspolarität alteuropäischer Philosophie?[9] Oder handelt es sich dabei im Grunde nur um die verbreitete kulturkritische Klage, dass der Einzelne angesichts des umfassenden Volumens und neuer technischer, unkomplizierter Zugriffswege an vorhandenem und wachsendem objektiviertem Wissen in Gegenwartsgesellschaften nur einen verschwindend kleinen (und wahrscheinlich abnehmenden) Teil des gesamten Wissens beherrscht? Ist die verbreitet konstatierte Diagnose politische "Ignoranz" oder "Dummheit" des Durchschnittswählers und die davon ausgehende Gefahr für die Demokratie eine der Ursachen der Aktualität des Themas Unwissenheit?

Die in vieler Hinsicht noch heute relevante Philosophie der Demokratie im 18. Jahrhundert kennt keine Entlastung für die Nichtteilhabe an demokratischen Entscheidungen aufgrund rationaler Argumente und Erwägungen. Die Geschäfte der Demokratie verlangen zwar, dass man sich den Spezialisten (Experten) anvertraut. Aber dies ändert nichts an der Tatsache, dass die Experten den Willen der Bürger umsetzen. Die Fundamente der Vereinbarung sind gefährdet, sobald sich die Spezialisten – in mehrfacher Hinsicht – vom Allgemeinwillen entfernen und es zu einer durch die Unwissenheit der Bürger geförderten Herrschaft der Experten kommt. Unwissenheit, so mag die deprimierende Diagnose lauten, gefährdet die Demokratie und führt letztlich nur noch zu ihrer Existenz dem Namen nach.

Es ist unrealistisch zu glauben, dass der Durchschnittsbürger, einschließlich der gut ausgebildete, ausreichend "technisches" Wissen hat oder haben sollte, um in komplexe Entscheidungsfindungen einzugreifen. Verweist der Begriff des Nichtwissens im Grunde nur auf die gesellschaftlich notwendige Verteilung des Wissens oder auf die verbreitete Existenz von "Pseudo-Meinungen"?[10] Bezieht sich der Begriff des Nichtwissens etwa in erster Linie auf die Zukunft, über die wir nur beschränkt informiert sind oder etwas wissen?[11] Ist der Nichtwissensbegriff nur ein technokratisches Konstrukt, das beweisen soll, dass es darauf ankommt, dass die Gesamtheit der Wähler wissend sein sollte, und dass man Regularien schaffen und umsetzen muss, die dies sichern?

Wer oder was ist genau die Bezugsgröße, wenn von Dualität von Nichtwissen und Wissen oder dem Zusammenhang von Wissen und Nichtwissen (als known unknowns) die Rede ist? Ist es das Individuum oder ein Kollektiv? Oder, noch enger gefasst, bezieht sich der Begriff auf einen einzelnen Prozess, eine singuläre Eigenschaft (Information) oder eine Prognose eines Ereignisses? Wie lange muss oder kann Nichtwissen (spürbar) erkennbar sein, um Nichtwissen zu sein? Kann Ahnungslosigkeit beispielsweise eine Dauer von nur Sekunden haben? Bezieht man sich auf einzelne Wissensformen (oder Informationen), die das vereinzelte Individuum (etwa als Wissenschaftler) oder ein nichtwissendes Kollektiv nicht besitzt und auch nicht besitzen kann, da man immer selektiv vorgeht beziehungsweise gezwungen ist, zu filtern?

Auf jeden Fall ist es ein paradoxer Zustand, auf intelligente Weise über etwas zu sprechen, von dem wir nichts wissen,[12] und damit gleichzeitig Aussagen über eine angeblich überproportionale, nicht-lineare Zunahme des Nichtwissens[13] sowie über die Möglichkeit zu analysieren, "wie, weshalb und durch wen Nichtwissen"[14] erzeugt wird, zu machen.

Es fällt auf, dass die Rede vom Nichtwissen in der Regel von keinem expliziten Versuch begleitet wird, diesen Begriff oder den des Wissens präzise zu bestimmen. Der Mangel der begrifflichen Präzision erstreckt sich zugleich auf die problematische Frage, ob es sinnvoll ist, zwischen Information und Wissen zu trennen. Sind nur wissenschaftliche Erkenntnisse gemeint? Die häufige Wiederholung des Begriffs des Nichtwissens ohne Präzisierung, die typische Verschmelzung der Begriffe von Information und Wissen sowie einer Vielzahl anderer Begriffe[15] und eine lange Aufzählung von den unterschiedlichsten Eigenschaften des Nichtwissens führen schlussendlich zu dem unbefriedigenden Verweis, dass es sich bei dem untersuchten Phänomen um eine nur schwer durchschaubare Mischung aus Wissen und Nichtwissen[16] handele, oder dass es viele Schattierungen zwischen Wissen und Nichtwissen[17] gebe.

Liegt eine weitere Ursache der Konjunktur in der Überschätzung der Rolle der gesellschaftlichen Erkenntnis und der Unterschätzung der sozialen Risiken des Wissens? Lassen sich die sozialen Phänomene, sofern wir diese überhaupt spezifizieren können, die auf die Existenz (und die Konstruktion?) von Nichtwissen verweisen, mit anderen Begriffen sehr viel besser fassen? Auf jeden Fall ist ein Schlüssel zum Erkennen des Mythos vom Nichtwissen der Begriff des Wissens selbst, ein weiterer die Frage nach seiner Abgrenzung vom Begriff der Information. Viele alltägliche Redensarten wie auch bedeutungsschwere philosophische Beobachtungen scheinen in das Thema vom angeblichen Nichtwissen zu passen: Es gibt viele Dinge, die wir alle wissen (oder über die wir alle informiert sind); selbst wenn wir viel wissen, wissen wir, dass wir wenig wissen, oder je mehr wir wissen, desto weniger wissen wir. Was genau meinen wir, wenn wir sagen, dass wir nichts wissen?[18]


Fußnoten

1.
Vgl. Joseph E. Stiglitz, The ethical economist, in: Foreign Affairs, 84 (2005) 6, S. 128–134, hier: S. 133.
2.
Vgl. Friedrich August von Hayek, Die schöpferischen Kräfte einer freien Zivilisation (1960), in: ders., Die Verfassung der Freiheit. Gesammelte Schriften in deutscher Sprache. Abteilung B, Tübingen 20054, S. 31–50. Er ergänzt diesen Gedanken und betont, "man könnte sagen, daß die Zivilisation beginnt, wenn der Einzelne in der Verfolgung seiner Ziele mehr Wissen verwerten kann, als er selbst erworben hat, und wenn er die Grenzen seines Wissens überschreiten kann, indem er aus Wissen Nutzen zieht, das er nicht selbst besitzt." Ebd., S. 31.
3.
Vgl. ders., Economics and Knowledge, in: Economica, 4 (1937) 13, S. 33–54; Ernst Helmstädter, Arbeits- und Wissensteilung als Prozesse gesellschaftlicher Interaktion, in: Martin Held/Gisela Kubon-Gilke/Richard Sturn (Hrsg.), Jahrbuch Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik, Marburg 2004, S. 97–125.
4.
Karin Knorr Cetina, Epistemic Cultures. How the Sciences make Knowledge, Cambridge 1999, S. 64.
5.
Vgl. Reiner Grundmann/Nico Stehr, Expertenwissen. Die Kultur und die Macht von Experten, Beratern und Ratgebern, Weilerswist 2010.
6.
Wie etwa darüber, dass fast alle Menschen zwei Augen haben oder es so etwas wie Wetter gibt.
7.
So beispielsweise Michael F. Jischa, Management trotz Nichtwissens. Steuerung und Eigendynamik von komplexen Systemen, in: Armin von Gleich/Stefan Größling-Reisemann (Hrsg.), Industrial Ecology, Wiesbaden 2008, S. 271–283, hier: S. 280.
8.
Siehe beispielsweise Stefan Dietrich, Formen des Nichtwissens, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9.7.2007, S. 1. Der Begriff des Unwissens spielt außerdem eine nicht geringe Rolle in kulturkritischen Äußerungen von Intellektuellen und Wissenschaftler zum "Geisteszustand" moderner Gesellschaftsmitglieder; vgl. Mark Bauerlein, The Dumbest Generation: How the Digital Age Stupefies Young Americans and Jeopardizes Our Future, Tarcher 2008; Susan Jacoby, The Age of American Unreason, New York 2008.
9.
Vgl. Norbert Elias, Das Credo eines Metaphysikers. Kommentare zu Poppers "Logik der Forschung" (1985), in: ders., Aufsätze und andere Schriften III. Gesammelte Schriften, Bd. 16, Frankfurt/M. 2006, S. 7–59, hier: S. 41f.
10.
Vgl. Patrick Sturgis/Patten Smith, Fictitious Issues Revisited: Political Interest, Knowledge and the Generation of Nonattitudes, in: Political Studies, 58 (2010) 1, S. 66–84.
11.
Vgl. Walther Ch. Zimmerli, Management von Nichtwissen, in: Bulletin. Magazin der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich 272/1999. Es ist es sicher kein Zufall, dass die Diskussion um das Nichtwissen zunimmt, je prominenter die These von der Transformation der modernen Gesellschaft in Wissensgesellschaften in Politik und Wissenschaft wird, und damit manifeste Zweifel an der Theorie der Wissensgesellschaft Ausdruck finden. Vgl. beispielsweise Sheldon Ungar, Ignorance as an Under-identified Social Problem, in: British Journal of Sociology, 59 (2008), S. 301–326. Zumindest fällt auf, dass wachsende rhetorische Verweise auf die gesellschaftliche Bedeutung von Nichtwissen in einen engen Zusammenhang mit der dann so gekennzeichneten vermeintlichen, sogenannten oder selbsternannten Wissensgesellschaft geführt werden. Siehe etwa Peter Wehling, Wissen und seine Schattenseite: Die wachsende Bedeutung des Nichtwissens in vermeintlichen Wissensgesellschaften, in: Thomas Brüsemeister/Klaus-Dieter Ebel (Hrsg.), Evaluation, Wissen und Nichtwissen, Wiesbaden 2008, S. 17–34, hier: S. 17.
12.
Vgl. F.A. v. Hayek (Anm. 2), S. 32.
13.
Vgl. Joanne Roberts/John Armitage, The Ignorance Economy, in: Prometheus. Critical Studies in Innovation, 26 (2008) 4, S. 335–354, hier: S. 346.
14.
Peter Wehling, Nichtwissen – Bestimmungen, Abgrenzungen, Bewertungen, in: Erwägen, Wissen, Ethik – EWE, 20 (2009), S. 95–106, hier: S. 95.
15.
Nur folgende Begriffe seien summarisch erwähnt: Mangel an Wissen, Irrelevanz, Ignoranz, das Unbekannte, blinde Flecken, Irrtum, Ahnungslosigkeit, Unsicherheit, das Verborgene, Noch-nicht-Wissen, Vorurteil.
16.
Vgl. P. Wehling (Anm. 11), S. 18.
17.
Vgl. M.F. Jischa (Anm. 7), S. 280.
18.
Vgl. Ralf Dahrendorf, Uncertainty, science and democracy (1962), in: ders., Essays in the Theory of Society, London 1968, S. 232–255, hier: S. 233.
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Autor: Nico Stehr für bpb.de
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