Ausschnitt eines noch nicht ausgefüllten Kreuzworträtsels.

23.4.2013 | Von:
Nico Stehr

Wissen und der Mythos vom Nichtwissen

Von Nichtwissen zu gesellschaftlich bestimmten Wissenslücken

In einer modernen Gesellschaft mit ihrer arbeitsteiligen Wissensstruktur gehört es zu der als selbstverständlich akzeptierten Realität, dass der Einzelne, soziale Gruppen oder soziale Institutionen den Wunsch nach oder die Hoffnung auf eine Autarkie ihres Wissens schon lange als Illusion aufgegeben haben. Es ist sehr leicht, sich, wie Heinrich Popitz unterstreicht, "die (verschiedenartige) Begrenztheit unseres Wissens voneinander zu veranschaulichen".[23] Begrenztes Wissen entlastet. Wissen ist nicht gleich verteilt. Manager haben in der Regel nicht die technischen Kenntnisse ihrer angestellten Laboranten, Ingenieure oder Fließbandarbeiter – und werden trotz dieser mangelnden Kenntnisse zu Managern. Wissenslücken oder nicht umfassende Verteilungsformen des Wissens, nicht Nichtwissen, sind konstitutiv für arbeitsteilige Gesellschaften. Asymmetrische Wissensbestände führen nicht zum gesellschaftlichen Kollaps. Die Fähigkeit, in einer Gesellschaft kompetent zu handeln, ist nicht eine Funktion des Wissens und der Informationen isolierter individueller Akteure. Ein kompetenter Akteur, zum Beispiel als politisch handelnder Bürger, muss als Einzelner nicht umfassend informiert sein. Dies ergibt sich schon aus der Tatsache der Einbettung des Akteurs in soziale Handlungszusammenhänge (beispielsweise seine relevanten Bezugsgruppen).

Eine Gesellschaft ist ohne diese prinzipielle Begrenzung, das heißt eine kognitive Arbeitsteilung, undenkbar. Man muss nicht alles wissen. Georg Simmel betont wiederholt, dass unser Wissen "gegenüber dem Gesamtdasein, auf dem unser Handeln sich gründet, (…) durch eigentümliche Einschränkungen und Abbiegungen bezeichnet" ist.[24] Schon aus dieser elementaren, für das gesellschaftliche So-sein bestimmenden Tatsache, sollte man nicht schließen, dass der Gegenpart von Wissen Nichtwissen sei. Ein fortwährend in Nichtwissen befangenes Wesen kann nicht existieren. Wie Friedrich August von Hayek mit Recht betont, je größer das kollektive Wissen werde, "desto geringer wird der Anteil am gesamten Wissen, den ein einzelner Verstand aufnehmen kann. Je zivilisierter wir werden, desto verhältnismäßig unwissender muss jeder Einzelne über die Tatsachen sein, von denen das Funktionieren seiner Zivilisation abhängt. Gerade die Teilung des Wissens erhöht die notwendige Unkenntnis vom größten Teil des Wissens."[25]

Die Aufgabe der Möglichkeit einer Autarkie des Wissens, insbesondere der individuellen Selbstgenügsamkeit des Wissens oder der Überzeugung von grundsätzlich begrenztem Wissen (bounded knowledge), ist sowohl mit Kosten als auch mit Nutzen verbunden. Niemals aber ist der Verlust der Autarkie, sofern es diesen Zustand selbst in traditionellen Gesellschaften gab, als eine Form des Nichtwissens zu verstehen. Gesellschaftliche Innovationen, wie der Markt, das Wissenschafts- oder das Politiksystem, sorgen für die Koordination von Wissenslücken.

Relevante arbeitsteilige Skalen des Wissens unterscheiden sich beispielsweise nach dem Zeitalter, dem Gesellschaftstyp, dem Muster der gesellschaftlichen Ungleichheit, den Interessenlagen oder der dominanten Weltanschauung. In modernen, komplexen Gesellschaften ist die Skala des Wissens breiter als in traditionellen Gesellschaften. Die Distanz zu den Quellen des Wissens ist oft groß. Es bedarf nicht mehr der persönlichen Kenntnis des Wissensproduzenten. Das Wissen, das man nicht hat, sich aber beschaffen kann, umfasst nur in Ausnahmefällen das Wissen, das zur Produktion, Legitimation und Verbreitung des beschafften Wissens notwendig war.

Fazit und Ausblick

Die heutige, heftige Diskussion unter einigen Sozialwissenschaftlern mit der radikalen Polarisierung von Wissen und Nichtwissen ist wie ein Echo aus einer verlorenen Welt oder der Wunsch, wieder in dieser sicheren Welt leben zu können. Es war eine Welt, in der Erkenntnisse noch zuverlässig, objektiv, ontologisch gesichert, wahrhaftig, realitätskonform, einheitlich und unstrittig waren. Es war eine Welt, in der wissenschaftliche Erkenntnisse einzigartig waren und die profane Welt von nicht-wissenschaftlichem Wissen weithin disqualifiziert wurden. Es war eine Welt, in der allein mehr Wissen – um zum Beispiel praktisch erfolgreich handeln zu können – immer besser war (knowledge bias). Die Welt des unstrittigen Wissens ist untergegangen. Ob es ein Verlust ist, wie die Rede von der Kluft zwischen Nichtwissen und Wissen es anscheinend will, oder ob es im Gegenteil eine Form der intellektuellen, wenn nicht sogar der gesellschaftlichen Emanzipation ist, bleibt offen. Die verschwundene, sichere Welt der Polarisierung von Wissen und Nichtwissen löste sich nicht zufällig auf. Es waren bestimmte gesellschaftliche und intellektuelle Umstände dafür verantwortlich.

Die Differenz von Wissen und Nichtwissen ist ein alteuropäischer Kontrast mit Abstammungslinien in vormoderne Kulturen. Die alteuropäische Tradition der Dichotomie von Nichtwissen und Wissen macht sich besonders in der Zurechnung von Personen oder Gruppen zu einer dieser beiden Kategorien bemerkbar.[26] Der Nichtwissende oder genereller die nichtwissende Schicht/Klasse ist dann nicht nur hilflos der Macht des Wissens der Anderen über die Verhältnisse ausgesetzt, sondern auch eine bemitleidenswerte, zurückgebliebene soziale Klasse. Und sofern sich das Vorkommen des Nichtwissens auf andere Gesellschaften und Kulturen bezieht, ist fremdes und nicht das eigene Wissen Nichtwissen. Diese traditionellen Überlegungen zur großen Spaltung von Wissen und Nichtwissen kommen deshalb der Lösung eines von Niklas Luhmann beschriebenen Dilemmas kaum entgegen: "Ist eigentlich die allgemein geteilte Annahme noch berechtigt, dass mehr Kommunikation, mehr Reflexion, mehr Wissen, mehr Lernen, mehr Beteiligung – dass mehr von alledem etwas Gutes oder jedenfalls nichts Schlechtes bewirken würden?"[27] Diesem sozialen Dilemma muss sich das emergente Politikfeld der Wissenspolitik verschreiben.[28]

Wir sollten uns des falschen, absoluten Gegensatzes von Wissen und Unwissen entledigen; es gibt nur weniger oder mehr Wissen und etwas Wissende und etwas anders Wissende. Das praktische Problem ist immer zu wissen, wie viel oder wie wenig man in bestimmten Situationen weiß. Wissen ist kontextspezifisch. Eine Person ist nicht wissend oder unwissend. Sie hat in dem einen Kontext mehr Wissen als in einem anderen Kontext: Eine Person mag über Steuerregeln sehr viel wissen, aber kaum etwas über das Golfspielen.

Akteure (auch Wissenschaftler) reagieren auf komplexe Gesellschaftsformen mit vereinfachenden mentalen Konstrukten dieser Verhältnisse. Die mentalen Konstrukte sind zwar unvollständig, indem sie die Realität nicht in ihrer vollen Komplexität abbilden. Diese einfachen Modelle verändern sich, reagieren auf Überraschungen, aber sie stellen kaum so etwas wie Nichtwissen dar. Es ist eine der konstitutiven Tugenden liberaler Demokratien, dass Allwissenheit gefährlich sein kann, und dass die Sicherung der Privatsphäre eine Form der sanktionierten Ignoranz bleiben muss.

Fußnoten

23.
Heinrich Popitz, Über die Präventivwirkung des Nichtwissens. Dunkelziffer, Norm und Strafe, Tübingen 1968, S. 6.
24.
Georg Simmel, Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft (1908), in: ders., Soziologie. Gesamtausgabe, Bd. 11, Frankfurt/M. 1992, S. 383–455, hier: S. 385.
25.
F.A.v. Hayek (Anm. 2), S. 36. Herv. N. St.
26.
Vgl. Peter Burke, A Social History of Knowledge. From Gutenberg to Diderot, Oxford 2000.
27.
Niklas Luhmann, Ökologie des Nichtwissens, in: ders., Beobachtungen der Moderne, Opladen 1992, S. 149–220, hier: S. 154.
28.
Vgl. Nico Stehr, Wissenspolitik. Die Überwachung des Wissens, Frankfurt/M. 2003.
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Autor: Nico Stehr für bpb.de
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