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23.4.2013 | Von:
Nico Stehr

Wissen und der Mythos vom Nichtwissen

Die Polarisierung von Wissen und Nichtwissen oder Unwissen ist in der Moderne zu einer Art Leitdifferenz geworden, Beobachtungen zum Nichtwissen und seiner Bedeutung haben Konjunktur. In einer soziologischen Kritik dieser Positionen möchte ich zeigen, dass es unproduktiv ist, auf Nichtwissen als Gegensatz von Wissen zu verweisen. Die eigentlich brisanten soziologischen Fragestellungen sind zweifacher Art: Erstens, wie verhält man sich in der modernen Gesellschaft – unter verschiedenen Rahmenbedingungen – gegenüber Asymmetrien von Wissen und insbesondere von Wissensdefiziten? Zweitens, nicht Wissensdefizite, obwohl Lücken dieser Art signifikante Folgen haben, sind zunehmend ein Problem moderner Gesellschaften, sondern ihr Gegenteil. In modernen Gesellschaften gilt nicht nur, dass wir nicht genug wissen, sondern dass wir zu viel wissen.

Meine Thesen zum trügerischen Phänomen des Nichtwissens lassen sich wie folgt zusammenfassen: Nicht jedes Problem hat zwei Seiten. Oder, um eine Formulierung des Ökonomen Joseph Stiglitz über die angeblich an Märkten wirksam agierende unsichtbare Hand zu übernehmen: Warum ist die unsichtbare Hand unsichtbar?[1] Weil es sie nicht gibt. Warum ist Nichtwissen so schwer zu erfassen? Weil es Nichtwissen nicht gibt. Eigentlich könnte ich meine Reflexionen an dieser Stelle abbrechen. Da ich aber nicht unmittelbar vor dem Phänomen des angeblichen Nichtwissens kapitulieren möchte, beschränke ich mich auf die Beobachtung von Diskursen, in denen zuversichtlich bekräftigt wird, es gebe so etwas wie Nichtwissen. Ich möchte mit einer Reihe von einfachen Zustandsbeschreibungen beginnen, die meine Skepsis gegenüber dem Begriff des Nichtwissens deutlich werden lassen.

Zur Diagnose

Unser Handeln ist wissensgeleitet. Kenntnisse Anderer und Selbstkenntnisse sind Konditionen der Vergesellschaftung. Genauso wenig, wie man ohne Kopfbedeckung nackt ist, ist man "ohne" Wissen nichtwissend. Eine Gesellschaft, in der es keine Geheimnisse gibt, ist undenkbar. Informationen und Wissen zu ignorieren ist sinnvoll, sogar rational. Eine Gesellschaft, in der es eine totale Verhaltenstransparenz gibt, ist unmöglich. Wissen ist niemals eine Schöpfung aus dem Nichts. Die Existenz einer Nichtwissensgesellschaft ist ebenso fragwürdig wie die einer sprachlosen menschlichen Gesellschaft. Wir leben in komplexen, hoch arbeitsteiligen Gesellschaften, in der alle Mitglieder in Unkenntnis fast aller Erkenntnisse sind. Der Einzelne weiß, dass sein Wissen begrenzt ist. Dem steht gegenüber, dass der Einzelne Nutzen aus Wissen zieht, das er nicht kennt.[2]

Wissen ist ein variables, ein entlang eines Kontinuums angesiedeltes gesellschaftliches Phänomen, und verweist auf die Existenz der elementaren Wissensteilung in komplexeren Gesellschaften.[3] Handeln unter Bedingungen der Unsicherheit ist alltäglich. Das Wissen von diesen "Lücken" ist Wissen; allerdings ist es keine Kategorie des Nichtwissens, wenn auch, sofern man diese Bezeichnung für produktiv hält, von "negativen Erkenntnissen".[4] In der Tat können wir diese Lücke oft schnell schließen, da wir wissen oder in Erfahrung bringen können, wer es wissen mag.[5] Andererseits gibt es viele Dinge, von denen (fast) alle wissen (beziehungsweise über die fast alle informiert sind).[6]

Es ist nicht nur unlogisch, sondern theoretisch und praktisch-empirisch auch unproduktiv, auf Wissen als Gegensatz von Nichtwissen zu verweisen. Dieser statische Kontrast eines Entweder-oder führt uns nur in den Abgrund des arbiträren und fraglos langweiligen Gegensatzes von rational und irrational oder von Erkenntnis und Meinung; etwa, wenn man sagt, jede (neue rationale) Erkenntnis werfe neues, irrationales Nichtwissen auf.[7] Wissen repräsentiert ein Kontinuum, das man nicht einfach zerschneiden kann. Wissen ist ein soziales Totalphänomen (fait social total; Marcel Mauss). Wissen oder die Revision von Erkenntnissen entsteht aus schon vorhandenem Wissen (und nicht aus Formen des Unwissens).

Fragwürdige Konjunktur des Begriffs

Warum aber hat der Begriff des Nichtwissens in den Kultur- und Sozialwissenschaften dennoch Konjunktur? Warum wird die Kategorie des Nichtwissens (als angebliche Schattenseite des Wissens) auch in den Medien und der öffentlichen Diskussion zunehmend zur prominenten und pointierten Währungseinheit?[8] Die Hochkonjunktur von Reflexionen zum Nichtwissen hat viel mit dem essenziell strittigen Begriff des Wissens zu tun sowie unserem Verständnis der Produktionsbedingungen und der dem Wissen zugeordneten gesellschaftlichen Rolle.

Ist die Differenz von Nichtwissen und Wissen ein Beispiel der typischen statischen Begriffspolarität alteuropäischer Philosophie?[9] Oder handelt es sich dabei im Grunde nur um die verbreitete kulturkritische Klage, dass der Einzelne angesichts des umfassenden Volumens und neuer technischer, unkomplizierter Zugriffswege an vorhandenem und wachsendem objektiviertem Wissen in Gegenwartsgesellschaften nur einen verschwindend kleinen (und wahrscheinlich abnehmenden) Teil des gesamten Wissens beherrscht? Ist die verbreitet konstatierte Diagnose politische "Ignoranz" oder "Dummheit" des Durchschnittswählers und die davon ausgehende Gefahr für die Demokratie eine der Ursachen der Aktualität des Themas Unwissenheit?

Die in vieler Hinsicht noch heute relevante Philosophie der Demokratie im 18. Jahrhundert kennt keine Entlastung für die Nichtteilhabe an demokratischen Entscheidungen aufgrund rationaler Argumente und Erwägungen. Die Geschäfte der Demokratie verlangen zwar, dass man sich den Spezialisten (Experten) anvertraut. Aber dies ändert nichts an der Tatsache, dass die Experten den Willen der Bürger umsetzen. Die Fundamente der Vereinbarung sind gefährdet, sobald sich die Spezialisten – in mehrfacher Hinsicht – vom Allgemeinwillen entfernen und es zu einer durch die Unwissenheit der Bürger geförderten Herrschaft der Experten kommt. Unwissenheit, so mag die deprimierende Diagnose lauten, gefährdet die Demokratie und führt letztlich nur noch zu ihrer Existenz dem Namen nach.

Es ist unrealistisch zu glauben, dass der Durchschnittsbürger, einschließlich der gut ausgebildete, ausreichend "technisches" Wissen hat oder haben sollte, um in komplexe Entscheidungsfindungen einzugreifen. Verweist der Begriff des Nichtwissens im Grunde nur auf die gesellschaftlich notwendige Verteilung des Wissens oder auf die verbreitete Existenz von "Pseudo-Meinungen"?[10] Bezieht sich der Begriff des Nichtwissens etwa in erster Linie auf die Zukunft, über die wir nur beschränkt informiert sind oder etwas wissen?[11] Ist der Nichtwissensbegriff nur ein technokratisches Konstrukt, das beweisen soll, dass es darauf ankommt, dass die Gesamtheit der Wähler wissend sein sollte, und dass man Regularien schaffen und umsetzen muss, die dies sichern?

Wer oder was ist genau die Bezugsgröße, wenn von Dualität von Nichtwissen und Wissen oder dem Zusammenhang von Wissen und Nichtwissen (als known unknowns) die Rede ist? Ist es das Individuum oder ein Kollektiv? Oder, noch enger gefasst, bezieht sich der Begriff auf einen einzelnen Prozess, eine singuläre Eigenschaft (Information) oder eine Prognose eines Ereignisses? Wie lange muss oder kann Nichtwissen (spürbar) erkennbar sein, um Nichtwissen zu sein? Kann Ahnungslosigkeit beispielsweise eine Dauer von nur Sekunden haben? Bezieht man sich auf einzelne Wissensformen (oder Informationen), die das vereinzelte Individuum (etwa als Wissenschaftler) oder ein nichtwissendes Kollektiv nicht besitzt und auch nicht besitzen kann, da man immer selektiv vorgeht beziehungsweise gezwungen ist, zu filtern?

Auf jeden Fall ist es ein paradoxer Zustand, auf intelligente Weise über etwas zu sprechen, von dem wir nichts wissen,[12] und damit gleichzeitig Aussagen über eine angeblich überproportionale, nicht-lineare Zunahme des Nichtwissens[13] sowie über die Möglichkeit zu analysieren, "wie, weshalb und durch wen Nichtwissen"[14] erzeugt wird, zu machen.

Es fällt auf, dass die Rede vom Nichtwissen in der Regel von keinem expliziten Versuch begleitet wird, diesen Begriff oder den des Wissens präzise zu bestimmen. Der Mangel der begrifflichen Präzision erstreckt sich zugleich auf die problematische Frage, ob es sinnvoll ist, zwischen Information und Wissen zu trennen. Sind nur wissenschaftliche Erkenntnisse gemeint? Die häufige Wiederholung des Begriffs des Nichtwissens ohne Präzisierung, die typische Verschmelzung der Begriffe von Information und Wissen sowie einer Vielzahl anderer Begriffe[15] und eine lange Aufzählung von den unterschiedlichsten Eigenschaften des Nichtwissens führen schlussendlich zu dem unbefriedigenden Verweis, dass es sich bei dem untersuchten Phänomen um eine nur schwer durchschaubare Mischung aus Wissen und Nichtwissen[16] handele, oder dass es viele Schattierungen zwischen Wissen und Nichtwissen[17] gebe.

Liegt eine weitere Ursache der Konjunktur in der Überschätzung der Rolle der gesellschaftlichen Erkenntnis und der Unterschätzung der sozialen Risiken des Wissens? Lassen sich die sozialen Phänomene, sofern wir diese überhaupt spezifizieren können, die auf die Existenz (und die Konstruktion?) von Nichtwissen verweisen, mit anderen Begriffen sehr viel besser fassen? Auf jeden Fall ist ein Schlüssel zum Erkennen des Mythos vom Nichtwissen der Begriff des Wissens selbst, ein weiterer die Frage nach seiner Abgrenzung vom Begriff der Information. Viele alltägliche Redensarten wie auch bedeutungsschwere philosophische Beobachtungen scheinen in das Thema vom angeblichen Nichtwissen zu passen: Es gibt viele Dinge, die wir alle wissen (oder über die wir alle informiert sind); selbst wenn wir viel wissen, wissen wir, dass wir wenig wissen, oder je mehr wir wissen, desto weniger wissen wir. Was genau meinen wir, wenn wir sagen, dass wir nichts wissen?[18]

Wissen als soziales Konstrukt und Handlungsvermögen

In der Diskussion zum Begriff des Nichtwissens kommt es häufig zu einer Vermengung der Begriffe von Wissen und Information. Auffällig ist weiter, dass oft mit einem alltäglichen Wissensbegriff operiert wird, der wiederum seine Nähe zum Informationsbegriff kaum verbergen kann. Ich unterstelle dagegen, dass man den Begriff der Information von dem des Wissens trennen sollte, so schwer diese Unterscheidung auch praktisch durchzuhalten ist. Fehlende Informationen sind, wie ich zeigen werde, kein "Nichtwissen".[19] Was genau Wissen ist, und wie sich Wissen von Informationen, Humankapital oder anderen intellektuellen oder kognitiven Eigenschaften unterscheidet, ist eine essenziell strittige Angelegenheit. Weder der Begriff des Wissens oder die Art der Produktion, der Verteilung, seine Anwendung oder die Folgen des Wissens sind – zumindest für den wissenschaftlichen Beobachter – Selbstverständlichkeiten.

Um die Bedeutung von Wissen für die Gesellschaft und für die Praxis sozialen Handelns im Allgemeinen und für entwickelte Gesellschaften im Besonderen demonstrieren zu können, und um voll erfassen zu können, dass Wissen nicht nur der Schlüssel zu den Geheimnissen von Natur und Gesellschaft ist, sondern zum Werden der Welt, muss Wissen zunächst soziologisch definiert werden; es muss möglich sein, zwischen dem, was man weiß, dem Inhalt des Wissens und dem Wissensprozess selbst zu unterscheiden, dass heißt, die Art und Weise zu bestimmen, wie Menschen im Prozess des Aneignens von Wissen partizipieren.

Anstatt Wissen als etwas zu definieren, das der Mensch zu seinen Besitztümern zählt oder relativ leicht erwerben kann – eine Vorstellung, die eher auf den Begriff der Information zutrifft –, sollten der Wissensvorgang und die Wissensrelationen vielmehr als Handlung gesehen werden, als etwas, das der Mensch tut. Wissen kann als eine Transaktion bezeichnet werden, als ein Phänomen, das nicht unabhängig von sozialen Interaktionen existiert. Auf der Basis dieser Überlegung kann man Wissensformen deshalb nach der Art der involvierten Partizipation unterscheiden.

Wichtig ist die Tatsache, dass Wissen objektiviert werden kann, das heißt, die geistige Aneignung von Dingen, Fakten und Regeln kann symbolisch vonstatten gehen und intersubjektiv artikuliert sowie auf Dauer eingerichtet werden, sodass der direkte Kontakt zu den Sachverhalten zukünftig nicht mehr nötig ist. Darin liegt die soziale Bedeutung von Sprache, Schrift, Druck und Datenspeicherung. Wissen kann in Materialien, Apparaten und anderen Artefakten enthalten und eingeschlossen sein. Wissen manifestiert sich in und zirkuliert als kulturelles Kapital.

Ich möchte Wissen als Fähigkeit zum sozialen Handeln (Handlungsvermögen) definieren, als die Möglichkeit, etwas in "Gang zu setzen". Wissen bezieht sich somit auf Prozesskenntnisse. Wissen ist ein Modell für die Wirklichkeit. Wissen illuminiert. Wissen ist Entdecken. So sind beispielsweise Sozialstatistiken nicht unbedingt ein Abbild der gesellschaftlichen Realität, sondern ihre Problematisierung; sie verweisen darauf, was sein könnte und sind in diesem Sinn Handlungsvermögen. Neue Erkenntnisse erweitern unsere Handlungsmöglichkeiten und damit ist unvermeidbar, dass Erkenntnisse politische Eigenschaften haben. Wissen als Handlungsvermögen ist mitbestimmend bei dem, was für Politik konstitutiv ist: verändern oder bewahren. Unsere Definition von Erkenntnis als Handlungsvermögen oder als ermöglichendes Wissen ähnelt dem Begriff des Know-how im Sinne von Daniel Sarewitz und Richard Nelson. Diese bestimmen Know-how als Wissen, "some articulated and some tacit, that guides the actions of skilled agents who aim to achieve a particular practical objective".[20]Die Handlungsmöglichkeiten in einer Gesellschaft sind natürlich nicht gleichmäßig verteilt, genauso wenig wie jeder einzelne Marktteilnehmer alles weiß.

Das Wachstum des Wissens repräsentiert demzufolge eine Ausweitung der Möglichkeitshorizonte. Ob die Ausweitung der Handlungsmöglichkeiten auch automatisch eine Zunahme der Enttäuschungsmöglichkeiten repräsentiert, kann sehr wohl als strittig gelten (oft auch als Wachstum des Nichtwissens verstanden).

Information und Wissen

Ich möchte Information in Abgrenzung zum Wissensbegriff wie folgt definieren: Der Inhalt von Informationen bezieht sich auf die Eigenschaften von Produkten oder Ergebnissen (Output; Zustand, Vorrat), während das "Zeug", aus dem Wissen gemacht ist und besteht, sich vorrangig auf die Qualitäten von Prozessen oder Ressourcen (Input; Verfahren, Unternehmen), die in Prozessen zur Anwendung kommen, bezieht: Wissen ist Handlungsvermögen, während Informationen uns nicht in die Lage versetzen, etwas in Gang zu setzen. Es ist ebenso wichtig, von Anfang an zu betonen, dass Wissen und Information in begrenzter Hinsicht gemeinsame Attribute haben. Die wichtigste gemeinsame Eigenschaft ist, dass weder Informationen noch das Wissen eigenständig und losgelöst von gesellschaftlichen Kontexten möglich sind.

In einem einflussreichen Aufsatz aus dem Jahr 1970 mit dem Titel "The Market for Lemons"[21] bereitete der Ökonom und spätere Nobelpreisträger George Akerlof anhand einer beispielhaften Analyse der jeweiligen Informationen von Käufern und Verkäufer eines Gebrauchtwagens den Weg zur systematischen Analyse asymmetrischer Informationen.[22] Ein asymmetrischer Informationsstand ist eine der fundamentalen Eigenschaften unterschiedlicher Klassen von Markteilnehmern am Gebrauchtwagenmarkt.

Der Eigentümer und Fahrer des zum Verkauf stehenden Gebrauchtwagens weiß in der Regel sehr viel genauer Bescheid über die Zuverlässigkeit oder über die mechanische Problemgeschichte des Wagens als der potenzielle Käufer. Ein Kreditnehmer ist bei einem Kreditvertrag von bestimmten Intentionen geleitet, den Kredit zurückzuzahlen oder auch nicht. Der Kreditgeber hat in der Regel keinen Zugang zu dieser Information. Noch kann sich der Kreditgeber sicher sein, dass die Investitionsabsichten des Kreditnehmers auch wirklich profitabel sein werden. Allgemein betrachtet sollten asymmetrische Informationen der Marktteilnehmer eigentlich zum "Marktversagen" führen.

Käufer und Verkäufer, Kreditgeber und Kreditnehmer sind sich oft bewusst, dass ein asymmetrischer Informationsstand vorhanden ist oder vorliegen kann. Daraus folgt, dass auf Käuferseite oder Kreditgeberseite nach Indikatoren gesucht wird, die das Misstrauen gegenüber zur Verfügung stehenden Informationen mindern beziehungsweise sie als mehr oder weniger zuverlässig einstufen lassen. Da die Transaktionskosten des "Erwerbs" relevanter Informationen teuer sein mögen, wird etwa die leichter zu beschaffende Information über die soziale Reputation des Verkäufers oder des Kreditnehmers ein wichtiger Indikator für den Kreditgeber oder den Käufer.

Aus den Überlegungen Akerlofs und anderer Ökonomen lässt sich für meine Analyse des Gegensatzes von Informationen oder Wissen und Nichtwissen die folgende generelle Lektion ableiten: Da das gesellschaftliche Wissen nicht gleich verteilt ist, sondern asymmetrisch streut, müssen wir von einer kognitiven gesellschaftlichen Arbeitsverteilung in allen gesellschaftlichen Institutionen ausgehen. In der Wissenschaft wird dies nicht nur als selbstverständlich angesehen, sondern in der Regel auch als funktionale Eigenschaft der Arbeit der Institution Wissenschaft verstanden. Nicht jeder Wissenschaftler kann die gleiche Frage bearbeiten. Und die Rolle eines jeden Wissenschaftlers lässt sich nicht in Relation zu sich selbst, sondern nur in Relation zu anderen Wissenschaftlern einordnen. Es liegt daher nahe, von einer in allen gesellschaftlichen Institutionen vorhandenen kognitiven Arbeitsteilung zu sprechen. Anders gesagt, es kann deshalb nur sinnvoll sein, von einer Skala der Abstufung des Wissens von Akteursgruppen gegenüber asymmetrischem (begrenztem) Wissen von Akteursgruppen zu sprechen – und nicht von Wissen und Nichtwissen.

Von Nichtwissen zu gesellschaftlich bestimmten Wissenslücken

In einer modernen Gesellschaft mit ihrer arbeitsteiligen Wissensstruktur gehört es zu der als selbstverständlich akzeptierten Realität, dass der Einzelne, soziale Gruppen oder soziale Institutionen den Wunsch nach oder die Hoffnung auf eine Autarkie ihres Wissens schon lange als Illusion aufgegeben haben. Es ist sehr leicht, sich, wie Heinrich Popitz unterstreicht, "die (verschiedenartige) Begrenztheit unseres Wissens voneinander zu veranschaulichen".[23] Begrenztes Wissen entlastet. Wissen ist nicht gleich verteilt. Manager haben in der Regel nicht die technischen Kenntnisse ihrer angestellten Laboranten, Ingenieure oder Fließbandarbeiter – und werden trotz dieser mangelnden Kenntnisse zu Managern. Wissenslücken oder nicht umfassende Verteilungsformen des Wissens, nicht Nichtwissen, sind konstitutiv für arbeitsteilige Gesellschaften. Asymmetrische Wissensbestände führen nicht zum gesellschaftlichen Kollaps. Die Fähigkeit, in einer Gesellschaft kompetent zu handeln, ist nicht eine Funktion des Wissens und der Informationen isolierter individueller Akteure. Ein kompetenter Akteur, zum Beispiel als politisch handelnder Bürger, muss als Einzelner nicht umfassend informiert sein. Dies ergibt sich schon aus der Tatsache der Einbettung des Akteurs in soziale Handlungszusammenhänge (beispielsweise seine relevanten Bezugsgruppen).

Eine Gesellschaft ist ohne diese prinzipielle Begrenzung, das heißt eine kognitive Arbeitsteilung, undenkbar. Man muss nicht alles wissen. Georg Simmel betont wiederholt, dass unser Wissen "gegenüber dem Gesamtdasein, auf dem unser Handeln sich gründet, (…) durch eigentümliche Einschränkungen und Abbiegungen bezeichnet" ist.[24] Schon aus dieser elementaren, für das gesellschaftliche So-sein bestimmenden Tatsache, sollte man nicht schließen, dass der Gegenpart von Wissen Nichtwissen sei. Ein fortwährend in Nichtwissen befangenes Wesen kann nicht existieren. Wie Friedrich August von Hayek mit Recht betont, je größer das kollektive Wissen werde, "desto geringer wird der Anteil am gesamten Wissen, den ein einzelner Verstand aufnehmen kann. Je zivilisierter wir werden, desto verhältnismäßig unwissender muss jeder Einzelne über die Tatsachen sein, von denen das Funktionieren seiner Zivilisation abhängt. Gerade die Teilung des Wissens erhöht die notwendige Unkenntnis vom größten Teil des Wissens."[25]

Die Aufgabe der Möglichkeit einer Autarkie des Wissens, insbesondere der individuellen Selbstgenügsamkeit des Wissens oder der Überzeugung von grundsätzlich begrenztem Wissen (bounded knowledge), ist sowohl mit Kosten als auch mit Nutzen verbunden. Niemals aber ist der Verlust der Autarkie, sofern es diesen Zustand selbst in traditionellen Gesellschaften gab, als eine Form des Nichtwissens zu verstehen. Gesellschaftliche Innovationen, wie der Markt, das Wissenschafts- oder das Politiksystem, sorgen für die Koordination von Wissenslücken.

Relevante arbeitsteilige Skalen des Wissens unterscheiden sich beispielsweise nach dem Zeitalter, dem Gesellschaftstyp, dem Muster der gesellschaftlichen Ungleichheit, den Interessenlagen oder der dominanten Weltanschauung. In modernen, komplexen Gesellschaften ist die Skala des Wissens breiter als in traditionellen Gesellschaften. Die Distanz zu den Quellen des Wissens ist oft groß. Es bedarf nicht mehr der persönlichen Kenntnis des Wissensproduzenten. Das Wissen, das man nicht hat, sich aber beschaffen kann, umfasst nur in Ausnahmefällen das Wissen, das zur Produktion, Legitimation und Verbreitung des beschafften Wissens notwendig war.

Fazit und Ausblick

Die heutige, heftige Diskussion unter einigen Sozialwissenschaftlern mit der radikalen Polarisierung von Wissen und Nichtwissen ist wie ein Echo aus einer verlorenen Welt oder der Wunsch, wieder in dieser sicheren Welt leben zu können. Es war eine Welt, in der Erkenntnisse noch zuverlässig, objektiv, ontologisch gesichert, wahrhaftig, realitätskonform, einheitlich und unstrittig waren. Es war eine Welt, in der wissenschaftliche Erkenntnisse einzigartig waren und die profane Welt von nicht-wissenschaftlichem Wissen weithin disqualifiziert wurden. Es war eine Welt, in der allein mehr Wissen – um zum Beispiel praktisch erfolgreich handeln zu können – immer besser war (knowledge bias). Die Welt des unstrittigen Wissens ist untergegangen. Ob es ein Verlust ist, wie die Rede von der Kluft zwischen Nichtwissen und Wissen es anscheinend will, oder ob es im Gegenteil eine Form der intellektuellen, wenn nicht sogar der gesellschaftlichen Emanzipation ist, bleibt offen. Die verschwundene, sichere Welt der Polarisierung von Wissen und Nichtwissen löste sich nicht zufällig auf. Es waren bestimmte gesellschaftliche und intellektuelle Umstände dafür verantwortlich.

Die Differenz von Wissen und Nichtwissen ist ein alteuropäischer Kontrast mit Abstammungslinien in vormoderne Kulturen. Die alteuropäische Tradition der Dichotomie von Nichtwissen und Wissen macht sich besonders in der Zurechnung von Personen oder Gruppen zu einer dieser beiden Kategorien bemerkbar.[26] Der Nichtwissende oder genereller die nichtwissende Schicht/Klasse ist dann nicht nur hilflos der Macht des Wissens der Anderen über die Verhältnisse ausgesetzt, sondern auch eine bemitleidenswerte, zurückgebliebene soziale Klasse. Und sofern sich das Vorkommen des Nichtwissens auf andere Gesellschaften und Kulturen bezieht, ist fremdes und nicht das eigene Wissen Nichtwissen. Diese traditionellen Überlegungen zur großen Spaltung von Wissen und Nichtwissen kommen deshalb der Lösung eines von Niklas Luhmann beschriebenen Dilemmas kaum entgegen: "Ist eigentlich die allgemein geteilte Annahme noch berechtigt, dass mehr Kommunikation, mehr Reflexion, mehr Wissen, mehr Lernen, mehr Beteiligung – dass mehr von alledem etwas Gutes oder jedenfalls nichts Schlechtes bewirken würden?"[27] Diesem sozialen Dilemma muss sich das emergente Politikfeld der Wissenspolitik verschreiben.[28]

Wir sollten uns des falschen, absoluten Gegensatzes von Wissen und Unwissen entledigen; es gibt nur weniger oder mehr Wissen und etwas Wissende und etwas anders Wissende. Das praktische Problem ist immer zu wissen, wie viel oder wie wenig man in bestimmten Situationen weiß. Wissen ist kontextspezifisch. Eine Person ist nicht wissend oder unwissend. Sie hat in dem einen Kontext mehr Wissen als in einem anderen Kontext: Eine Person mag über Steuerregeln sehr viel wissen, aber kaum etwas über das Golfspielen.

Akteure (auch Wissenschaftler) reagieren auf komplexe Gesellschaftsformen mit vereinfachenden mentalen Konstrukten dieser Verhältnisse. Die mentalen Konstrukte sind zwar unvollständig, indem sie die Realität nicht in ihrer vollen Komplexität abbilden. Diese einfachen Modelle verändern sich, reagieren auf Überraschungen, aber sie stellen kaum so etwas wie Nichtwissen dar. Es ist eine der konstitutiven Tugenden liberaler Demokratien, dass Allwissenheit gefährlich sein kann, und dass die Sicherung der Privatsphäre eine Form der sanktionierten Ignoranz bleiben muss.
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Fußnoten

1.
Vgl. Joseph E. Stiglitz, The ethical economist, in: Foreign Affairs, 84 (2005) 6, S. 128–134, hier: S. 133.
2.
Vgl. Friedrich August von Hayek, Die schöpferischen Kräfte einer freien Zivilisation (1960), in: ders., Die Verfassung der Freiheit. Gesammelte Schriften in deutscher Sprache. Abteilung B, Tübingen 20054, S. 31–50. Er ergänzt diesen Gedanken und betont, "man könnte sagen, daß die Zivilisation beginnt, wenn der Einzelne in der Verfolgung seiner Ziele mehr Wissen verwerten kann, als er selbst erworben hat, und wenn er die Grenzen seines Wissens überschreiten kann, indem er aus Wissen Nutzen zieht, das er nicht selbst besitzt." Ebd., S. 31.
3.
Vgl. ders., Economics and Knowledge, in: Economica, 4 (1937) 13, S. 33–54; Ernst Helmstädter, Arbeits- und Wissensteilung als Prozesse gesellschaftlicher Interaktion, in: Martin Held/Gisela Kubon-Gilke/Richard Sturn (Hrsg.), Jahrbuch Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik, Marburg 2004, S. 97–125.
4.
Karin Knorr Cetina, Epistemic Cultures. How the Sciences make Knowledge, Cambridge 1999, S. 64.
5.
Vgl. Reiner Grundmann/Nico Stehr, Expertenwissen. Die Kultur und die Macht von Experten, Beratern und Ratgebern, Weilerswist 2010.
6.
Wie etwa darüber, dass fast alle Menschen zwei Augen haben oder es so etwas wie Wetter gibt.
7.
So beispielsweise Michael F. Jischa, Management trotz Nichtwissens. Steuerung und Eigendynamik von komplexen Systemen, in: Armin von Gleich/Stefan Größling-Reisemann (Hrsg.), Industrial Ecology, Wiesbaden 2008, S. 271–283, hier: S. 280.
8.
Siehe beispielsweise Stefan Dietrich, Formen des Nichtwissens, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9.7.2007, S. 1. Der Begriff des Unwissens spielt außerdem eine nicht geringe Rolle in kulturkritischen Äußerungen von Intellektuellen und Wissenschaftler zum "Geisteszustand" moderner Gesellschaftsmitglieder; vgl. Mark Bauerlein, The Dumbest Generation: How the Digital Age Stupefies Young Americans and Jeopardizes Our Future, Tarcher 2008; Susan Jacoby, The Age of American Unreason, New York 2008.
9.
Vgl. Norbert Elias, Das Credo eines Metaphysikers. Kommentare zu Poppers "Logik der Forschung" (1985), in: ders., Aufsätze und andere Schriften III. Gesammelte Schriften, Bd. 16, Frankfurt/M. 2006, S. 7–59, hier: S. 41f.
10.
Vgl. Patrick Sturgis/Patten Smith, Fictitious Issues Revisited: Political Interest, Knowledge and the Generation of Nonattitudes, in: Political Studies, 58 (2010) 1, S. 66–84.
11.
Vgl. Walther Ch. Zimmerli, Management von Nichtwissen, in: Bulletin. Magazin der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich 272/1999. Es ist es sicher kein Zufall, dass die Diskussion um das Nichtwissen zunimmt, je prominenter die These von der Transformation der modernen Gesellschaft in Wissensgesellschaften in Politik und Wissenschaft wird, und damit manifeste Zweifel an der Theorie der Wissensgesellschaft Ausdruck finden. Vgl. beispielsweise Sheldon Ungar, Ignorance as an Under-identified Social Problem, in: British Journal of Sociology, 59 (2008), S. 301–326. Zumindest fällt auf, dass wachsende rhetorische Verweise auf die gesellschaftliche Bedeutung von Nichtwissen in einen engen Zusammenhang mit der dann so gekennzeichneten vermeintlichen, sogenannten oder selbsternannten Wissensgesellschaft geführt werden. Siehe etwa Peter Wehling, Wissen und seine Schattenseite: Die wachsende Bedeutung des Nichtwissens in vermeintlichen Wissensgesellschaften, in: Thomas Brüsemeister/Klaus-Dieter Ebel (Hrsg.), Evaluation, Wissen und Nichtwissen, Wiesbaden 2008, S. 17–34, hier: S. 17.
12.
Vgl. F.A. v. Hayek (Anm. 2), S. 32.
13.
Vgl. Joanne Roberts/John Armitage, The Ignorance Economy, in: Prometheus. Critical Studies in Innovation, 26 (2008) 4, S. 335–354, hier: S. 346.
14.
Peter Wehling, Nichtwissen – Bestimmungen, Abgrenzungen, Bewertungen, in: Erwägen, Wissen, Ethik – EWE, 20 (2009), S. 95–106, hier: S. 95.
15.
Nur folgende Begriffe seien summarisch erwähnt: Mangel an Wissen, Irrelevanz, Ignoranz, das Unbekannte, blinde Flecken, Irrtum, Ahnungslosigkeit, Unsicherheit, das Verborgene, Noch-nicht-Wissen, Vorurteil.
16.
Vgl. P. Wehling (Anm. 11), S. 18.
17.
Vgl. M.F. Jischa (Anm. 7), S. 280.
18.
Vgl. Ralf Dahrendorf, Uncertainty, science and democracy (1962), in: ders., Essays in the Theory of Society, London 1968, S. 232–255, hier: S. 233.
19.
Peter Wehling kennzeichnet zum Beispiel die unzureichende Information "kommt der angekündigte Gast um 17 Uhr oder um 18 Uhr?" als einen Fall von "Nichtwissen". Es handelt sich bei diesem Beispiel allenfalls um eine vage Information, wie noch genauer zu zeigen sein wird. Vgl. P. Wehling (Anm. 14), S. 99.
20.
Daniel Sarewitz/Richard P. Nelson, Progress in know-how. Its origins and limits, in: Innovation, (2008) 3, S. 101–117, hier: S. 101.
21.
"Lemon" etwa im Sinn von einem "Montagsauto".
22.
Vgl. George Akerlof, The Market for Lemons: Quality Uncertainty and the Market Mechanism, in: Quarterly Journal of Economics, 84 (1970) 3, S. 488–500. Auch Wilbert Moore und Melvin Tumin verweisen auf rollenspezifisches Wissen und dem damit einhergehenden privilegierten Status der Rolleninhaber, die über ein Mehr an Wissen verfügen und kontrollieren. Vgl. Wilbert E. Moore/Melvin M. Tumin, Social functions of ignorance, in: American Sociological Review, 14 (1949), S. 787–796, hier: S. 788f.
23.
Heinrich Popitz, Über die Präventivwirkung des Nichtwissens. Dunkelziffer, Norm und Strafe, Tübingen 1968, S. 6.
24.
Georg Simmel, Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft (1908), in: ders., Soziologie. Gesamtausgabe, Bd. 11, Frankfurt/M. 1992, S. 383–455, hier: S. 385.
25.
F.A.v. Hayek (Anm. 2), S. 36. Herv. N. St.
26.
Vgl. Peter Burke, A Social History of Knowledge. From Gutenberg to Diderot, Oxford 2000.
27.
Niklas Luhmann, Ökologie des Nichtwissens, in: ders., Beobachtungen der Moderne, Opladen 1992, S. 149–220, hier: S. 154.
28.
Vgl. Nico Stehr, Wissenspolitik. Die Überwachung des Wissens, Frankfurt/M. 2003.
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