Ein alter Mönch mit Sonnenbrille sitzt in der Shwedagon Pagode am 06.02.13 in der Stadt Yangon in Myanmar.

Religionskritik und -offenheit in den Medien


3.6.2013
Zwei Worte auf Italienisch reichten, um Menschen in aller Welt in den Bann zu ziehen. Mit einem "buona sera" stellt sich der Argentinier Jorge Mario Bergoglio am 13. März 2013 als Papst Franziskus der Welt vor. Die rührend einfache Art seiner ersten Rede, sein Auftritt im schlichten weißen Gewand, die überraschende Namenswahl sorgten für Begeisterung in den ersten Kommentaren, die über Vorschusslorbeeren weit hinausgingen. Das war 2005 ähnlich. Damals bescherte das Konklave mit der Entscheidung für den Deutschen Joseph Ratzinger gerade in dessen Heimatland eine in ihrem Enthusiasmus gelegentlich irritierende Stimmung. "Wir sind Papst" – solche Papstseligkeit dominierte weithin quer durch die Medien. Das Sterben Johannes Pauls II., seine weltweit begleitete Beisetzung, die Suche nach einem "Neuen" – vatikanisches Ritual und kirchliche Selbstinszenierung trafen sich beim ersten Papstwechsel in Zeiten der globalen medialen Gleichzeitigkeit mit medialer Lust an der Inszenierung. Umso tiefer gerieten dann die Verwirrung und Entfremdung beim Streit um die ultrakonservativen Piusbrüder, beim Bekanntwerden der weltweiten Missbrauchsfälle. Der Klimawechsel in der Berichterstattung über Papst Benedikt XVI. liegt laut einer Studie auch in einem "Übermaß an Berichterstattung und Inszenierung in den Jahren 2005/2006" begründet: "Dem außerordentlichen medialen Hoch der katholischen Kirche folgte schnell ein ausgeprägtes mediales Tief."[1]

Nun gab es wieder eine Papstwahl, und doch war 2013 vieles anders. Wegen des schlingernden Krisenkurses der katholischen Kirche, aber auch wegen der medialen Entwicklung. Mit der Wiederkehr der Religion, die Soziologen heutzutage in Abkehr vom bis in die 1990er Jahre vermuteten Verschwinden von Religion sehen, gehen neue Ausformungen der betonten Distanz von Religion einher. Als Millionen Fernsehzuschauer am 13. März nach dem weißen Rauch noch rätselten, wer denn der Neue sein werde, lief beim ZDF unter den Tweets zum Hashtag "#NeuerPapst" auch Oliver Pochers Zwitschern durch den Bildschirm: "Bin gerade noch bei der Anprobe! Komme aber gleich zum Winken auf den Balkon." Da öffnete öffentlich-rechtliche Berichterstattung mit Qualitätsverpflichtung ihre Arena mitten in einem Top-Thema dem Zirkus der sogenannten sozialen Medien. Man hätte wissen können, was dann blüht: Wer bei einem Religionsthema – sei es die Kopftuchdebatte, der Missbrauchsskandal oder der Beschneidungsstreit – in die einschlägigen, anonym zu bedienenden Kommentarfunktionen von Online-Medien eintaucht, entdeckt bei allem ansonsten Wunderbaren der "Neuen Medien" wahre Abgründe. Das Netz egalisiert. Und enthemmt. Freie Radikale auf allen Seiten. Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Kirchenkritik oder -hass. Gleich nach der Wahl des neuen Papstes machte "die tageszeitung" (taz) den Kommentar "Junta-Kumpel löst Hitlerjunge ab" zum Aufmacher: "Der neue Papst ist, den bislang vorliegenden Informationen nach zu urteilen, ein reaktionärer alter Sack wie sein Vorgänger. Der war seinerseits einem reaktionären alten Sack gefolgt, der wiederum einen reaktionären alten Sack beerbt hatte. Alter Sack I. folgte Alter Sack II., Alter Sack II. aber folgte Alter Sack III. – in einem fort, jahrein, jahraus."[2] Ideologiekritik in scheppernder Lautstärke. Es gab die üblichen Proteste bis hin zur Beschwerde beim Presserat. Doch kaum ein Pfarrerhaushalt wird das einst alternative Blatt abbestellt haben. Denn auch mit einem solchen Text kann eine Zeitung Leserinteressen bedienen. Auf einem Niveau, das der durchaus kirchendistanzierte "Spiegel" als Flaggschiff der kritischen Publizistik nie nötig hätte.

Der "taz"-Text passt in eine neu entflammte Debatte um juristisches Vorgehen gegen Religionsbeschimpfung, die es immer mal wieder in deutschen Feuilletons gibt. Eine Gesellschaft, deren religiöse Bezüge schwächer werden oder einer Religionspluralität weichen, deren Spitzen zugleich die Rede von der Bedeutung nicht nur säkularer Werteprägung pflegen, muss sich mit diesem Phänomen stets neu auseinandersetzen. Religionsfreiheit lässt den Raum, zu glauben oder auch nicht zu glauben, dies auch medial zu thematisieren, Glauben zu kritisieren, vielleicht auch zu beschimpfen. Eine Gesellschaft muss das aushalten, Journalisten und Journalistinnen müssen entsprechend verantwortungsvoll damit umgehen.

Das Beispiel der Papstwahl mag den Blick eng führen auf die römisch-katholische Kirche – irreleitend ist diese Engführung indes nicht. Da ist die Macht der Bilder, da sind Dramaturgie und Geheimnis, da ist auch das Numinose des Vatikans mit dunklen Gemäuern und angeblich mehr oder weniger schwarzen Kassen. Für das deutsche Fernsehen – und wohl nicht nur da – gilt: Wenn es Religionsthemen in die Hauptnachrichtensendungen schaffen, geht es meist um Catholica. Das zeigen regelmäßige Analysen der Hauptnachrichtensendungen durch das Institut für empirische Medienforschung (IFEM). In die Top Ten der vergangenen fünf Jahre schaffte es die katholische Kirche mit diversen Themen, mit Konklave, Papstreisen, dem Missbrauchsskandal, der Affäre um den Holocaust-Leugner Williamson. Die evangelische Kirche landete (trotz des spektakulären Rücktritts der damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann 2010) nie in diesem Ranking, auch kein jüdisches Thema. Zwei Mal finden sich Bezüge zum Islam: die Proteste von Muslimen in aller Welt gegen das Anti-Islam-Video (September 2012, Platz eins) sowie die durch einen US-Pastor angedrohte Koran-Verbrennung (September 2010, Platz neun). Ansonsten überrascht noch einer der Deutschland-Besuche des Dalai Lama (Mai 2008, Platz zehn). Im oberen Teil des Rankings fest verankert sind nach wie vor die christlichen Hochfeste Ostern und Weihnachten. Mit einer bemerkenswerten Veränderung seitens der Statistiker: Wo sie 2008 noch "Ostern/Ostermärsche" rubrizierten, steht seit einigen Jahren nur noch "Ostern". Und aus "Weihnachten/Weihnachtsgeschäft" wurde "Weihnachtsthemen".

Diese Verschiebung passt. Denn zugleich zeigt sich seit einigen Jahren auch in den Medien eine neue Religionsoffenheit oder -freundlichkeit, die sich nicht an einer Institution orientiert und doch die mehr oder weniger großen Fragen des Lebens thematisiert. Häufig direkt, gelegentlich diffus, meist ausgesprochen adressatenorientiert. Eines der so gelungenen wie meist anspruchsvollen Beispiele ist die Seite "Glauben und Zweifeln", welche "Die Zeit" im März 2010 als neues Ressort einführte. Es soll die Vorstellung von Religion, Ethik und Werten in der säkularisierten Gesellschaft behandeln. Das entspricht den Ergebnissen der oben genannten Studie. Die dafür befragten medialen Meinungsmacher betrachten das Christentum unabhängig von der eigenen Religiosität als legitime Kraft zur Sicherung der öffentlichen Moral. Die Kirchen seien "wesentliche zivilgesellschaftliche Kraft in einer Situation des Umbruchs" und könnten Orientierung geben, indem sie helfen, die eigene religiös-kulturelle Identität zu stärken.[3] In ihrer Deutlichkeit überraschen diese Aussagen, die indes vor dem Bekanntwerden massiver Missbrauchsfälle geäußert wurden.

Doch der Umgang mit dem Thema Religion scheint längst breiter, als es die Äußerungen der Meinungsmacher vermuten lassen. Es geht medial nicht nur um Normensetzung im Großen und Sozialarbeit im Kleinen. Im April 2012 titelte "Die Zeit" "Yoga mit Jesus – Meditation in der Kirche, Coaching im Kloster, Beten im Internet". Die Ausgabe gereichte nicht zur Top-Auflage des vorigen Jahres, sie verkaufte sich aber doch sehr gut. Der Titel, so Chefredakteur Giovanni di Lorenzo im Rückblick, habe "eine Frage aufgegriffen, mit der viele Menschen etwas anfangen können, nämlich die nach der Legitimität einer eklektizistischen Religion: Darf man sich seine persönliche Glaubenslehre aus unterschiedlichen Bausteinen zusammenbasteln?" Diesem neugierigen Blick entspricht vieles, was man in neueren Tagen in Medien findet. Schließlich sind ja auch Journalisten Teil dieser Gesellschaft. Zudem stecken hinter diesem Trend gewiss der vielfältig zu begründende Vorbehalt gegen die real existierenden Institutionen und vielleicht auch ein Empfinden für längst Überkommenes am deutschen Religionsverfassungsrecht.

Spannend wird es für Medien offenkundig, wenn quer durch alte religiöse Formate Menschen eigene Wege wagen. Die deutsche Muslima mit Kopftuch, der ehemalige Priester als Grabredner, die Einsiedlerin, der zum Katholizismus konvertierte ehemalige protestantische Pfarrer mit Familie, die Sehnsucht nach neuen Ritualen. Ein sehenswertes Fernsehbeispiel bot Christine Westermann, WDR-Moderatorin: Sie stellte sich im März im Rahmen der Trilogie "Auf der Suche" der Frage "Wo will ich noch hin mit meinem Leben?" und landete in einem konfessionell nicht gebundenen, am ehesten buddhistisch geprägten Zentrum. Und spätestens, wenn im August 2014 der Dalai Lama zum siebten Mal zu Vorträgen ins Tibetische Zentrum Hamburg und an den Rothenbaum kommt, wird es der Buddhismus in die Hauptnachrichten schaffen. Der hohe Gast könnte glatt "buona sera" sagen.


Fußnoten

1.
Christel Gärtner/Karl Gabriel/Hans-Richard Reuter, Religion bei Meinungsmachern, Wiesbaden 2012, S. 52.
2.
taz vom 15.3.2013.
3.
Vgl. C. Gärtner/K. Gabriel/H.-R. Reuter (Anm. 1), S. 118–122.
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Autor: Christoph Strack für bpb.de
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