Der Dortmunder Torschütze Timo Konietzka (hinten) und sein Teamkollege Lothar Emmerich (vorn) bejubeln das erste Tor der Fußball-Bundesliga am 24.08.1963 im Bremer Weserstadion.

24.6.2013 | Von:
Dietrich Schulze-Marmeling

Wegmarken aus 50 Jahren Bundesliga

Am 28. Juli 1962, um 17:45 Uhr war es endlich soweit: Im Goldsaal der Dortmunder Westfalenhalle votieren die Delegierten des außerordentlichen Bundestags des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit deutlicher Mehrheit für die Einführung einer "zentralen Spielklasse mit Lizenzspielern unter Leitung des DFB", genannt "Bundesliga". Im "Hammelsprung" stimmten 103 Delegierte mit "Ja", 26 mit "Nein".

Deutschland war ein Nachzügler. Im "Fußball-Mutterland" England wurde bereits seit 1885 offiziell professionell und seit 1888 in einer zentralen Liga gespielt. Auf dem Kontinent war 1924 Österreich das erste Land gewesen, das eine Profiliga einrichtete – gefolgt von der Tschechoslowakei (1925), Ungarn (1926), Italien (1926), Spanien (1928), Frankreich (1932) und Portugal (1934). Die DFB-Führung hatte sich jahrzehntelang gegen eine Nationalliga gewehrt, auch weil diese ohne eine Legalisierung des Profifußballs nicht zu realisieren war. Nationalliga und Profifußball waren so zwei Seiten derselben Medaille. Außerdem bedeute eine Nationalliga eine Kräfteverschiebung zugunsten der großen Vereine.

Vom Vertragsspieler zum Lizenzspieler

Die Entscheidung von Dortmund besaß Kompromisscharakter. Denn gestimmt wurde für die Einführung des Lizenzspielers, der noch kein Vollprofi war. "Ein Mittelding, wenn ich so sagen darf, zwischen dem Vertragsspieler und dem Lizenzspieler", wie der neue DFB-Präsident Hermann Gösmann erläuterte.[1] Der Antrag, "dass vom 1. August 1963 die zentrale Spielklasse mit Berufsspielern eingeführt wird", wurde mit 80 zu 49 Stimmen abgelehnt. Mit 91 zu 37 Stimmen angenommen wurde hingegen ein Antrag, der sich einzig dadurch unterschied, dass nicht mehr von "Berufsspielern", sondern von "Lizenzspielern" die Rede war. 91 Stimmen waren nur fünf mehr als für die erforderliche Zweidrittelmehrheit notwendig. So öffnete das erste Bundesliga- und Lizenzspielerstatut zwar das Tor zum Berufsfußball, bemühte sich aber zugleich auch um dessen Einhegung.

Der Vollprofi ließ in Deutschland noch immer auf sich warten. Lizenzspieler mussten zwar nicht mehr wie vorher die Vertragsspieler in den alten Oberligen neben dem Fußball einen "ordentlichen" Beruf ausüben, konnten dies aber, "soweit dadurch ihre vertraglichen Verpflichtungen gegenüber ihrem Verein nicht beeinträchtigt werden".[2] Das vom Verein gezahlte monatliche Gehalt musste zwischen 250 und 500 DM liegen und durfte 1.200 DM nicht überschreiten. In Ausnahmefällen, die der Zustimmung des DFB bedurften, waren auch 2.500 DM gestattet.[3] In England hatte die Spielergewerkschaft 1961 die Abschaffung der Gehaltsgrenzen durchgesetzt. Auch für Ablösezahlungen gab es eine Obergrenze, die bei 50.000 DM lag.

Das Lizenzspielerstatut und die Disziplinarordnung von 1963 kamen noch nicht ohne Fußball-Pädagogik aus; so wurde unter anderem festgelegt, dass Spieler "einen guten Leumund haben" müssten und "insbesondere sportlich einwandfreier Lebenswandel, volle Einsatzbereitschaft und Ritterlichkeit gegenüber dem Gegner" zu ihren Pflichten gehörten.[4] Noch in Dortmund zeigte sich Paul Flierl, der Vertreter Süddeutschlands, angesichts solcher hehren Regelungen skeptisch und warnte: "Ja, glauben Sie denn, dass die Spieler mit diesen Beträgen zufrieden sind? Die Vereine werden erneut unter Druck gesetzt, und sie müssen dann eben wiederum mehr geben, als gesetzlich zulässig ist."[5]

Der Journalist Helmut Sohre resümierte drei Jahre später: "Die Bundesliga ist weder eine Zufallsschöpfung noch eine willkürliche Maßnahme. Sie ist ein Kind ihrer Zeit, logisch gewachsen. Doch das damit verbundene Lizenzspielertum ist in unserer Epoche der Halbheiten – auch eine Halbheit. Weder Fisch noch Fleisch! Es entstand, weil man aus vielerlei Gründen – nicht zuletzt auch aus steuerlichen – das offene Bekenntnis zum Professionalismus scheute."[6]

16 aus 46

Die Bewerber für die neue Liga mussten eine Reihe von Bedingungen erfüllen. Ihre Stadien mussten mindestens 30.000 Zuschauern Platz bieten und über eine Flutlichtanlage verfügen. Außerdem waren wirtschaftlich solide Verhältnisse vorzuzeigen. Laut Experten mussten die Clubs mindestens 700.000 DM einnehmen, um zu überleben.

Zum Streitfall wurden die Auswahlkriterien. Dies begann mit der Zahl der Bundesligisten. Der DFB entschied sich für 16, aber viele Vereine und das Fußball-Magazin "Kicker" wollten eine Liga mit 18 oder sogar 20 Vereinen sehen. Brisant war vor allem die Verteilung der begehrten Plätze. Der DFB reservierte für West- und Süddeutschland jeweils fünf, Norddeutschland drei, den Südwesten zwei und Berlin einen. Bis zum Meldeschluss am 31. Dezember 1962 bewarben sich 46 der 74 Oberligisten für die neue Liga. Die ersten neun Auserwählten waren der Hamburger SV, Werder Bremen, 1. FC Köln, Borussia Dortmund, Schalke 04, Eintracht Frankfurt, 1. FC Nürnberg, Hertha BSC Berlin und 1. FC Saarbrücken. Die restlichen Sieben wurden erst im Mai 1963 benannt. Karlsruher SC, VfB Stuttgart und 1. FC Kaiserslautern waren keine Überraschung, die Berücksichtigung von 1860 München, Preußen Münster, Meidericher SV und Eintracht Braunschweig indes höchst umstritten, zumal Düsseldorf und Hannover, Großstädte und Landeshauptstädte mit großen Stadien, unberücksichtigt blieben.

In München hatte der TSV 1860 den Vorzug gegenüber dem FC Bayern erhalten, weil die Auswahlkommission kurzfristig und klammheimlich ihre Kriterien verändert hatte. So wurde das Abschneiden in der letzten Oberligasaison 1962/63 zum entscheidenden Faktor erhoben. Die "Löwen" waren Südmeister geworden, der Lokalrivale nur Dritter. Der DFB monierte außerdem, dass dem FC Bayern die "sportliche Vergangenheit" fehlte, wobei der Verband "vergaß", dass die "Roten" der einzige Münchener Club waren, der schon Mal Deutscher Meister geworden war (1932). Im Nachhinein erwies sich die Nichtberücksichtigung als Glücksfall: Wäre der FC Bayern zur neuen Eliteklasse zugelassen worden, hätte er sich angesichts leerer Kassen tief verschulden müssen und wäre anschließend möglicherweise nicht zum erfolgreichsten deutschen Fußballverein geworden.[7]

Fußnoten

1.
Zit. nach: Udo Muras, Geboren im Goldsaal, in: DFB-Journal, (2012) 2, S. 62–66, hier: S. 65.
2.
Zit. nach: Mirjam Bach, "Einsatz und Ritterlichkeit" – Das Bundesligastatut 1963, 13.7.2011, http://www.ndr.de/sport/sportmomente/lizenz103.html« (7.6.2013).
3.
Vgl. Hardy Grüne, 100 Jahre Deutsche Meisterschaft. Die Geschichte des Fußballs in Deutschland, Göttingen 2003; Dietrich Schulze-Marmeling/Gerd Kolbe, Ein Jahrhundert Borussia Dortmund, Göttingen 2009.
4.
Zit. nach: M. Bach (Anm. 2).
5.
Zit. nach: U. Muras (Anm. 1).
6.
Helmut Sohre, Bundesliga intim, München 1966, S. 6.
7.
Vgl. Dietrich Schulze-Marmeling, Die Bayern. Die Geschichte des Rekordmeisters, Göttingen 20125.
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Autor: Dietrich Schulze-Marmeling für bpb.de
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