Der Dortmunder Torschütze Timo Konietzka (hinten) und sein Teamkollege Lothar Emmerich (vorn) bejubeln das erste Tor der Fußball-Bundesliga am 24.08.1963 im Bremer Weserstadion.
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Wirtschaftsmacht Bundesliga


24.6.2013
Die Bundesliga feiert in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Passend zum Jubiläum standen sich am 25. Mai 2013 mit Bayern München und Borussia Dortmund erstmals zwei deutsche Mannschaften im Finale der Champions League gegenüber. Das rein deutsche Finale dokumentiert eindrucksvoll, wie erfolgreich sich die Bundesliga in den vergangenen Jahren auch international entwickelt hat. Kaum noch etwas erinnert heute an die Anfänge der Bundesliga in der ersten Saison 1963/64. Das Spiel selbst ist fast unverändert geblieben, die wirtschaftlichen Dimensionen haben sich dagegen grundlegend gewandelt: Fußball ist mittlerweile ein Milliardengeschäft – über zwei Milliarden Euro Umsatz hat die Bundesliga in der Saison 2011/12 gemacht. Die Popularität des Fußballs hat fast die gesammte Bevölkerung erreicht. Das wiederum lockt Medien und Sponsoren. Die Kommerzialisierung und die Popularität des Fußballs bringen indes auch Probleme mit sich: Der Fußball ist "attraktiv" geworden für Wettmanipulationen und Korruption; darüber hinaus wird er wieder zunehmend als öffentliche Bühne für Gewalt und Rassismus missbraucht. Ob er will oder nicht, der Fußball übernimmt in diesem Spannungsfeld eine wichtige soziale Funktion und Verantwortung.

Der Konflikt zwischen voranschreitender Kommerzialisierung und bewahrender Tradition hat die Frage aufgeworfen, wem eigentlich der Fußball gehört – den Fans, den Funktionären oder gar den Sponsoren und Medien? Die rechtliche Autonomie des Fußballs, seine wirtschaftliche Monopolstellung und seine gesellschaftliche Bedeutung haben in Teilen eine "Parallelwelt" geschaffen, die eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Der Profifußball besteht mittlerweile aus einer Reihe von Akteuren mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen, Netzwerken, tradierten Normen und branchenspezifischen Handlungsmustern. Aus diesem Gefüge entstehen Strukturen, Abhängigkeiten und Konflikte. Im Folgenden werden die wichtigsten Zusammenhänge des Fußball-Business rund um die Bundesliga dargestellt und diskutiert.

Ökonomische Entwicklung



Fußball dominiert mit großem Abstand den professionellen Sport in Deutschland – das gilt für die Zahl der Aktiven wie auch passiv Interessierten, aber viel mehr noch gemessen an wirtschaftlichen Kennzahlen. Nach Umsatz rangiert selbst die 3. Liga im Fußball noch vor der Handball-Bundesliga (HBL), der Deutschen Eishockeyliga (DEL) und der Deutschen Basketball-Bundesliga (BBL).[1] Der Abstand des Fußballs wächst sogar noch – die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland hat ihm einen zusätzlichen Schub verliehen. Nahezu alle Alters- und Einkommensschichten interessieren sich für Fußball, insgesamt zwei Drittel der Bevölkerung. Über 44.000 Zuschauer kommen durchschnittlich pro Spiel in die Stadien. Mit der Saison 2011/12 hat die Bundesliga beim Umsatz sogar die Zwei-Milliarden-Euro-Grenze überschritten. In der Saison 2001/02 war es noch rund eine Milliarde Euro. Auch die Zweite Bundesliga entwickelt sich solide. Die Kombination aus sportlichem Erfolg und gesunder finanzieller Basis machen die Bundesliga womöglich zu einem Erfolgsmodell und Vorbild auch auf europäischer Ebene.

Interessant ist die Verteilung der Einnahmen und Ausgaben der Bundesligavereine. Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf (441 Millionen Euro), der Werbung (553 Millionen Euro) und den Medienrechten (546 Millionen Euro) machen mit jeweils rund einem Viertel den größten Anteil an den Gesamteinnahmen aus. Die Struktur der Einnahmen ist über die vergangenen Jahre nahezu konstant gewesen; der relativ stabile und ausgeglichene Mix kann als Vorteil gegenüber einer zu einseitigen Finanzierung und unerwarteten Ausfällen von Einnahmen gesehen werden. Den Einnahmen in Höhe von 2,08 Milliarden Euro standen in der Saison 2011/12 Aufwendungen in Höhe von 2,02 Milliarden Euro gegenüber. Die Bundesliga hat damit einen Überschuss von rund 60 Millionen Euro erzielt. Den größten Posten bei den Aufwendungen machen die Spielergehälter mit 787 Millionen Euro aus, was einem Anteil an den Gesamtaufwendungen von 39 Prozent entspricht.[2]

Die Bundesliga ist wirtschaftlich weitgehend gesund – abgesehen von einzelnen Clubs, die sich aufgrund hoher Investitionen und unerwartet geringem sportlichen Erfolg nun konsolidieren müssen. Ein Blick in die Bilanzen bestätigt die gute Verfassung der Bundesliga: Das Eigenkapital der Vereine betrug zum 30. Juni 2012 rund 779 Millionen Euro. Auf der Aktivseite stehen das Sach- und Anlagevermögen und die Forderungen, auf der Passivseite die Verbindlichkeiten und als Saldo aus Vermögen plus Forderungen minus Verbindlichkeiten das Eigenkapital. Auf der Aktivseite stehen unter anderem Finanzanlagevermögen in Höhe von 474 Millionen Euro, Sachanlagevermögen in Höhe von 237 Millionen Euro und ein Spielervermögen in Höhe von 371 Millionen Euro zu Buche, auf der Passivseite unter anderem 624 Millionen Euro an Verbindlichkeiten. Die Eigenkapitalquote, das ist der Anteil des Eigenkapitals an der Bilanzsumme (Gesamtkapital), beträgt damit rund 44 Prozent.

Besonders eindrucksvoll ist die Entwicklung der Fernsehgelder in der Bundesliga. Gab es in den Anfängen der Bundesliga "nur" eine knappe halbe Million Euro, sind es ab der Saison 2013/14 rund 628 Millionen Euro. Die Liberalisierung der Telekommunikationsmärkte und das Aufkommen des Privatfernsehens haben maßgeblich dazu beigetragen. Zweifelhaft ist aus ökonomischer und ordnungspolitischer Sicht, ob die öffentlich-rechtlichen Anstalten um Fußballrechte mitbieten sollten, da es kein Versagen privater Märkte gibt und Fußball nicht im engeren Sinne zum öffentlich-rechtlichen Programmauftrag gehört.

Geben und Nehmen



Nicht zuletzt macht sich der Wirtschaftsfaktor Fußball auch fiskalisch bemerkbar. Die Bundesliga zahlte in der Saison 2011/12 insgesamt fast 662 Millionen Euro an Steuern und Abgaben, davon 174 Millionen Umsatzsteuer (abzüglich Vorsteuer) und 363 Millionen Euro Lohnsteuer. Allerdings profitiert die Bundesliga auch in besonderer Weise von öffentlich finanzierter Infrastruktur, etwa von der Zuwegung zu Stadien, dem öffentlichen Nahverkehr, Subventionen bei Stadionbauten oder Polizeieinsätzen an Spieltagen.

Gerade in strukturschwachen Regionen stellen Bundesligavereine oftmals einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Um zu verhindern, dass die positiven regionalwirtschaftlichen Effekte durch einen etwaigen Abstieg in Gefahr geraten, unterstützen Kommunen den ortsansässigen Verein oftmals auf vielfältige Weise, etwa durch Aufschub von Steuerschulden oder mithilfe von Subventionen bei Stadionneubauten. Da eine andere Nutzung eines Fußballstadions als durch den regionalen Fußballclub ohnehin kaum möglich ist, stellt der kommunale Besitz des Stadions oft nur eine verdeckte Finanzhilfe für den Verein dar. In Europa befinden sich über die Hälfte der Stadien und Trainingsanlagen im kommunalen Besitz.[3]

Solche staatlichen und kommunalen Hilfen stellen jedoch potenziell auch eine Wettbewerbsverzerrung dar. Vereine mit hoher regionaler Bedeutung antizipieren sogar einen möglichen bailout durch die Kommune und gehen stärker ins finanzielle Risiko. Und tatsächlich fangen die Kommunen in finanzielle Nöte geratene Vereine oftmals auf, was gerade in Zeiten überschuldeter Kommunen höchst umstritten ist.[4]

Internationaler Vergleich



Die Bundesliga agiert nicht allein auf dem heimischen Markt, sondern ist über die Wettbewerbe des europäischen Fußballverbandes UEFA und die Auslandsvermarktung auch auf internationalen Märkten engagiert. Ein guter Gradmesser für die wirtschaftliche und sportliche Entwicklung der Bundesliga ist ihre Position gegenüber den anderen großen europäischen Ligen. Ein internationaler Vergleich ist jedoch insofern schwierig, als sich die heimischen Märkte und damit das Erlöspotenzial zwischen den nationalen Ligen erheblich unterscheiden. Deutschland stellt gemessen an Einwohnerzahl, Pro-Kopf-Einkommen und Fußball-Affinität den größten Markt in Europa dar. Insoweit ist es nicht überraschend, dass die Zuschauerzahlen in den Stadien und vor dem Fernsehen höher sind. Entsprechend hoch sind die Erlöse aus dem heimischen Markt. Andere europäische Ligen dagegen sind in der internationalen Vermarktung erfolgreicher, wie etwa die spanische Primera División, die aufgrund ihrer vielen Stars attraktiv ist, oder die englische Premier League, die wegen des Commonwealth historisch bedingt einen großen internationalen Markt findet.

Was den Gesamtumsatz aus TV-Rechten, Werbung, Sponsoring, Merchandising und Ticketing betrifft, führt die Premier League die Rangliste der großen Fußballligen seit Jahren unangefochten an (Umsatz 2010/11: 2,5 Milliarden Euro). Es folgen dahinter die Bundesliga (1,75 Milliarden Euro), die Primera División (1,72 Milliarden Euro) und die italienische Serie A (1,55 Milliarden Euro), mit etwas Abstand dann die französische Ligue 1 (1,04 Milliarden Euro).[5] Im Zeitverlauf zeigt sich, dass die Einnahmen für alle Ligen kontinuierlich steigen. Die globale Finanzkrise und die europäische Schuldenkrise haben aber dazu geführt, dass auch der Fußball, wenngleich sich dieser ziemlich robust und krisenfest gezeigt hat, einen Rückgang des Umsatzwachstums hinnehmen musste. Der italienische Fußball hat in den vergangenen Jahren insgesamt an Bedeutung eingebüßt – in den 1980er Jahren noch führend, haben marode Stadien, Gewalt und Rassismus unter den Fans, aber auch Korruptionsskandale unter den Funktionären zu einem Abstieg der Serie A geführt.

Die umsatzstärksten Ligen sind zugleich die sportlich erfolgreichsten: In der UEFA-Fünfjahreswertung, in der sich die Erfolge der Vereine in den europäischen Wettbewerben jeweils in Punkten für ihr Land niederschlagen, führt Spanien vor England, Deutschland, Italien und Frankreich. Die Bundesliga ist in den vergangenen Jahren deutlich dichter an Spanien und England herangerückt. So offensichtlich zunächst der Zusammenhang zwischen Umsatz und sportlichem Erfolg sein mag, die Kausalität ist indes nicht eindeutig: Wer erfolgreich ist, verzeichnet zwar hohe Einnahmen und kann mehr für gute Spieler ausgeben. Wichtig ist darüber hinaus aber nicht nur die Höhe des Gesamtumsatzes, sondern auch dessen Verteilung: Es fällt auf, dass zum Beispiel der Umsatz der Primera División deutlich geringer ist als in der Premier League; jedoch konzentrieren sich die Umsätze im Wesentlichen auf Real Madrid und den FC Barcelona, was jedenfalls zum Teil den sportlichen Erfolg Spaniens erklärt.

"Monopol Bundesliga"



Im Zuge der Kommerzialisierung des Fußballs sind viele lukrative Märkte entstanden. Das "Produkt", das im Mittelpunkt steht, ist der Fußball selbst, also der Spielbetrieb. Dieses wird gemeinschaftlich von den Vereinen erstellt. Gleichzeitig befinden sich die Vereine in Konkurrenz zueinander. Dieses Spannungsfeld zwischen dem individuellen Bestreben, als Verein möglichst erfolgreich zu sein, und dem kollektiven Ziel, eine möglichst spannende Liga mit einem entsprechend hohen Zuschauerzuspruch und hoher Vermarktbarkeit anzubieten, wird oft als "assoziative Konkurrenz" bezeichnet. Wie ausgeglichen eine Liga wirklich sein muss, um attraktiv für den Zuschauer zu sein, und wie man den Spannungsgrad am besten misst, ist empirisch eine schwierige Frage. Zuschauer können auch daran interessiert sein, internationale Stars oder – wie im DFB-Pokal – "Goliath" gegen "David" verlieren zu sehen.

Im Gegensatz zu den USA, wo der Profisport in "geschlossenen" Ligen organisiert ist, ist in Europa die "offene" Liga mit Auf- und Abstieg vom Profibereich bis hinunter in den Amateurbereich das vorherrschende Modell. Der Anbieter von Fußball in Deutschland ist die Deutsche Fußball Liga (DFL), in der die Profivereine organisiert sind. Sie vergibt einerseits die Lizenzen an die Vereine für den Spielbetrieb und vermarktet andererseits die Fernseh- und Werberechte. Aus ökonomischer Sicht tritt die DFL damit als Monopolist auf den Absatzmärkten und als Monopsonist (einziger Nachfrager) auf den Faktormärkten auf (vgl. Abbildung in der PDF-Version). Die Nachfrage nach Trainern, Spielern, Beratern etc. konzentriert sich bei der DFL als Vertretung der Profivereine. Auf der Vermarktungsseite schöpft die DFL sämtliche Monopolrenten ab: Werden zum Beispiel die TV-Rechte exklusiv an einen Sender vergeben, ist dieser Monopolist auf dem Programmmarkt und kann entsprechende Werbeerlöse erzielen. Diese kalkuliert der Sender aber im Auktionsverfahren um die TV-Rechte schon ein, so dass letztlich diese Einnahmen über die TV-Rechte an die DFL fließen.

Häufig wird beklagt, dass die Einnahmen aus der medialen Vermarktung, insbesondere der Fernsehrechte, im Vergleich zu anderen europäischen Ligen zu gering seien. Dagegen sind die Werbeeinnahmen in der Bundesliga deutlich höher als in anderen Ländern. Wird Fußball stärker im Free-TV vermarktet, verzichtet man möglicherweise auf Mehreinnahmen aus einer alternativen Pay-TV-Vermarktung, jedoch ist im Free-TV die Zahl der Zuschauer deutlich höher und es wird für Unternehmen attraktiver, mehr Geld für Sponsoring auszugeben. Auch lohnen sich Werbespots eher im Umfeld von Fußballsendungen im Free-TV; die Fernsehanstalten erlösen mehr Geld und können im Bieterwettbewerb um die TV-Rechte ihre Angebote erhöhen, wodurch auf Umwegen die Einnahmen letztlich dem Fußball zufließen.

Wettbewerb zwischen Vereinen und Ligen



Proficlubs haben mit "Vereinen" im engeren Sinne kaum noch etwas zu tun. Sie sind zu echten Unternehmen geworden. Ihr Management hat sich professionalisiert, es gibt ein Corporate Governance, das die Aufgaben von Vorständen und deren Kontrolle durch Aufsichtsräte regelt. Und schließlich hat sich die Rechtsform von Fußballclubs gewandelt. Immer häufiger wird die Lizenzspielerabteilung eines Vereins "ausgelagert", um professioneller und unabhängiger agieren zu können, zum Beispiel in der Frage der Finanzierung und der Mitbestimmung. In Europa sind nur noch knapp ein Drittel der Clubs echte Vereine.

Nicht ganz so klar ist indes der Unternehmenszweck. Anders als für "normale" Unternehmen geht es den Proficlubs nicht um Gewinnmaximierung, eher schon um Erlösmaximierung, um mit den Einnahmen in den sportlichen Erfolg zu investieren. Mediale Aufmerksamkeit, Prestige für Vereinsfunktionäre und Zufriedenheit bei den vielfältigen "Stakeholdern" eines Vereins, von den Fans über die Medien bis hin zu den Sponsoren, dürften zu den diffusen Zielen eines Vereins gehören. Vereine konkurrieren primär um sportlichen Erfolg und – daraus abgeleitet – um Zuschauer, Sponsoren und natürlich Spieler. Mit dem bekannten "Bosman-Urteil" sind 1995 Ablösesummen bei abgelaufenen Verträgen und "Ausländerquoten" vom Europäischen Gerichtshof als unvereinbar mit dem Grundrecht auf Arbeitnehmerfreizügigkeit im Europäischen Binnenmarkt erklärt worden. Dieses Urteil bedeutete eine starke Veränderung des Wettbewerbs zwischen den Vereinen, die seitdem – in nationalen Ligen organisiert – auf internationalen Transfermärkten agieren.

Der Wettbewerb zwischen den Vereinen ist ein spezieller – er gleicht einem "Rattenrennen": Es kommt darauf an, unter allen Umständen vor seinen Konkurrenten ins Ziel zu gelangen. Die ökonomischen Anreize in einem solchen rat race sind extrem, denn es zählt nur der erste Platz; nur der Sieger erhält das "große Stück Käse".[6] Übertragen auf den Fußball bedeutet dieses: Wer Meister wird, qualifiziert sich für die Champions League, kassiert viel Geld, welches in die Mannschaft reinvestiert werden kann und dafür sorgt, dass man die einmal eroberte Position behaupten und sogar festigen kann. Am Ende aber kann nur einer als Erster durch das Ziel gehen und nur für einen die Rechnung tatsächlich auch aufgehen. Diese Art von Wettbewerb wird auch "positionaler" Wettbewerb genannt. Die Anreize sind sehr kurzfristig angelegt, was erklärt, weshalb im Fußball die verantwortlichen Funktionäre so ungeduldig sind und oftmals Trainer vorzeitig entlassen, bevor diese überhaupt ihr Konzept haben umsetzen können. Die Anreize, dem kurzfristigen Erfolg nachzulaufen, können zudem zu einem "Überinvestitionsverhalten" führen.[7] Die Vereine verschulden sich in der Erwartung, an das große Geld zu gelangen, mit dem sie dann – so die Kalkulation – die Schulden begleichen können.

Die natürliche Monopolisierungstendenz in Ligawettbewerben steht in Konflikt zu dem übergeordneten Ziel einer professionellen Liga, nämlich einen spannenden und attraktiven Wettbewerb zu "produzieren". Der Unterhaltungswert des Sports entsteht zu Teilen aus der Unvorhersagbarkeit des Ausgangs (Uncertainty-of-outcome-Hypothese). Es liegt daher im kollektiven Interesse der Vereine, die gemeinsame Grundlage des kommerziellen Erfolgs, die Ausgeglichenheit zwischen den Vereinen (competitive balance) und somit die Spannung der Liga zu erhalten.[8] Um die beschriebenen Monopolisierungstendenzen abzuschwächen, ist der Ligawettbewerb häufig reguliert. In der Bundesliga findet ein Finanzausgleich statt. Die Fernsehgelder aus der Zentralvermarktung werden unter den Vereinen nach einem Schlüssel aufgeteilt. Eine zentrale Vermarktung der TV-Rechte, wie sie in der Bundesliga praktiziert wird, ist jedoch – anders als oft behauptet wird – keine Voraussetzung für eine Umverteilung der Erlöse; dies kann auch bei Einzelvermarktung über einen gemeinsamen Pool erfolgen.[9]

In der Bundesliga sind die finanziellen Unterschiede zwischen den Vereinen trotz Umverteilung der Einnahmen sehr groß. Allerdings zeigt sich, dass ihre Platzierung am Saisonende nicht immer mit der Höhe ihres Lizenzspieleretats korreliert. Immer wieder werden vor allem durch kleinere Vereine neue und junge Talente entdekt. Viele der Vereine, die überraschende Erfolge feierten, wie zuletzt der SC Freiburg oder Eintracht Frankfurt, stecken jedoch in einer Art "Erfolgsfalle": Durch den sportlichen Erfolg steigt der Marktwert ihrer Spieler. Steigen die Einnahmen nicht in gleichem Ausmaß mit, sind die Spieler nicht refinanzierbar und werden an andere Vereine abgegeben. Die Folge: Vereine wie Freiburg oder Frankfurt fallen wieder in ihre Ausgangslage zurück, bevor sie eine nachhaltige Aufwärtsentwicklung initiieren können. Um dieser Falle zu entgehen, muss ein Verein sich schon fast notwendig für die Champions League qualifizieren. Die UEFA schüttete in der Saison 2012/13 über 1,2 Milliarden Euro an Prämien für die Teilnehmer an der Champions League und der Europa League aus, davon rund 900 Millionen allein für die Champions League. Als fixe Prämie gibt es für jede der 32 teilnehmenden Mannschaften 8,6 Millionen Euro, der Sieger der Champions League kann insgesamt über 60 Millionen Euro einnehmen. Hinzu kommen bei einem solchen Erfolg noch Zuwächse bei den Einnahmen aus Merchandising, Sponsoring und schließlich steigt auch der Wert des Kaders.

In einer schwierigen finanziellen Situation befindet sich die 3. Liga. Sie stellt das Bindeglied zwischen dem Amateurbereich und dem Profifußball dar. Oftmals haben die ambitionierten Drittligisten ähnlich hohe Kosten, aber deutlich geringere Einnahmen als die Vereine der Zweiten Bundesliga. Gelingt der Aufstieg nicht, geraten Vereine oft in finanzielle Probleme, weil sich der teure Kader nicht lange mit den geringen Einnahmen finanzieren lässt. Eine stärkere Angleichung der Einnahmen könnte hier die sportliche Durchlässigkeit zwischen den Ligen und insbesondere zwischen der Dritten und der Zweiten Liga deutlich erhöhen. Zwar ist die Durchlässigkeit durch Auf- und Abstieg formal gegeben, zumeist handelt es sich dabei aber um "Fahrstuhlmannschaften", die zwischen den Ligen hin- und herpendeln, aber kaum Chancen haben, sich zu etablieren.

Auf europäischer Ebene gibt es einen exklusiven "Club" von Clubs, die sich aufgrund ähnlicher Interessen ehemals zu der sogenannten G14 zusammengeschlossen haben.[10] Ihre Verhandlungsmacht gegenüber der UEFA ist relativ groß und so gibt es immer wieder mal die Drohung dieser Vereine, sich abzuspalten und eine eigene europäische Liga zu gründen. Das Marktpotenzial dieser Vereine ist riesig; allein der Erlös von Real Madrid betrug in der Saison 2011/12 erstmals über eine halbe Milliarde Euro. Schlüssel für den dauerhaften Aufstieg von Vereinen in die europäische Spitze ist nationale Dominanz; sie garantiert die wiederkehrenden Einnahmen aus der Champions League. Dies gilt jedoch nur für Vereine aus Ländern mit einem großen heimischen Fußballmarkt. Der Unternehmenswert vieler europäischer Spitzenclubs erreicht mehr als eine Milliarde Euro. Real Madrid führt laut einer Liste des Magazins "Forbes" die Rangliste mit rund 2,5 Milliarden Euro vor Manchester United und FC Barcelona an.[11]

Financial Fair Play?



Im europäischen Profivereinsfußball haben in den vergangenen Jahren die Verschuldung einiger Vereine und der Einfluss von Mäzenen und Investoren deutlich zugenommen. Die UEFA sieht laut eigener Aussage die "Integrität und die langfristige Finanzstabilität des Fußballs" in Gefahr. Zudem wird der Anstieg der Spielergehälter, die unmoralische Ausmaße angenommen hätten, mit Sorge gesehen. Aus diesem Grund hat der europäische Fußballverband mit Beginn der Saison 2013/14 das sogenannte Financial Fairplay eingeführt.[12] Kern dieser Regelung ist die Break-even-Bedingung: Vereine dürfen nur noch so viel ausgeben, wie sie vorher eingenommen haben. Weiterhin gibt es eine Definition der hierfür maßgeblichen "relevanten Einnahmen" und "relevanten Ausgaben". Zu den Einnahmen zählen nur jene aus dem operativen Fußballgeschäft, nicht dazu zählen Gelder von Investoren. Auf der anderen Seite werden bei den relevanten Ausgaben Investitionen in Infrastruktur und Jugendarbeit nicht hinzugezählt, damit die Finanzierung der Substanz und der langfristigen Grundlagen des Fußballs nicht eingeschränkt wird.

Tatsächlich scheinen die Ziele der UEFA auf den ersten Blick plausibel und sinnvoll. Doch wie sieht der empirische Befund aus? Zwar sind die kumulierten Verluste im europäischen Fußball von 2007 bis 2011 deutlich gestiegen (von 600 Millionen auf fast 1,7 Milliarden Euro), wodurch ihr Anteil an den Erträgen auf rund 12 Prozent angewachsen ist, aber dennoch ist ein solcher Wert noch nicht bedrohlich, zumal eine echte Überschuldung nicht droht. Die Summe der Verbindlichkeiten aller europäischen Erstligaclubs betrug 2011 rund 18,5 Milliarden Euro, die Summe aller Vermögenswerte rund 21,8 Milliarden Euro. Bei Erträgen von insgesamt 13,2 Milliarden Euro im Jahr 2011 wurden 6,9 Milliarden Euro für Spielergehälter ausgegeben.[13] Die Verschuldung der europäischen Clubs ist somit allgemein nicht zwingend besorgniserregend. Dass einzelne Vereine in Schwierigkeiten geraten könnten, stellt keine systemische Gefahr für den Fußball dar. Auch der Anstieg bei den Spielergehältern ist durch den Zuwachs an Einnahmen gedeckt. Gerade jene Spieler, die in der Lage sind, "große Spiele" zu entscheiden, lenken aufgrund ihrer Verhandlungsmacht die steigenden Einnahmen der Vereine als Gehalt zu sich um. Der oft als "Inflation der Spielergehälter" bezeichnete Anstieg ist ökonomisch somit gerechtfertigt, denn schließlich sind es die Spieler, die das "Produkt Fußball" erstellen.

Das eigentliche "Marktversagen" im Fußball besteht in der Art des Wettbewerbs, wie sie oben geschildert wurde. Das Verbot, Schulden zu machen und Geld von Investoren zu verwenden, trägt nur oberflächlich dazu bei, die finanziellen Probleme im Fußball zu lösen; es geht die Symptome an, aber nicht die Ursachen. Im Gegenteil: Die Ausgeglichenheit und Durchlässigkeit im Fußball, die competitive balance, wird sogar negativ beeinflusst. Die extremen Anreize des "Rattenrennens" werden nicht durch ein Verbot des Schuldenmachens geheilt, sondern durch eine stärkere Umverteilung der Einnahmen gemildert. Mehr noch: Ohne eine begleitende Umverteilung stellt das Financial Fairplay sogar eine Beschränkung des Wettbewerbs dar. Die bestehende Hierarchie wird zementiert, weil es keine Möglichkeit mehr für die kleineren Vereine gibt, über eine temporäre Verschuldung in den Aufbau eines erfolgreichen Teams zu investieren. Wenn die Ausgaben auf die Höhe der Einnahmen beschränkt sind, bleiben die reichen Clubs reich und die armen Clubs arm. Financial Fairplay schützt also die Position der führenden Clubs und errichtet eine Markteintrittsbarriere für kleinere Vereine. Darüber hinaus ist zweifelhaft, ob allein die Höhe der Verschuldung ein adäquater Indikator für gutes Management und solide Finanzen ist, denn gerade kleinere Vereine müssen ihre Investitionen fremdfinanzieren. Auch die Überwachung und Sanktionierung von Verstößen gegen das Financial Fairplay dürfte die regulatorische Praxis vor erhebliche Probleme stellen. Klarer Gewinner des Financial Fairplay dürfe in der Bundesliga Bayern München sein. Die nationale Dominanz wird gestärkt, weil kleinere Vereine nicht aufholen können, die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhöht sich, weil die europäischen Konkurrenten ihre Vereinsfinanzen konsolidieren müssen. Insofern ist die Frage, ob Financial Fairplay wirklich fair ist, berechtigt.[14]

Wettmanipulation und Korruption



Durch das "große Geld", das um ihn herum zirkuliert, gerät der Fußball immer wieder in den Verdacht von Korruption und Wettmanipulation. Der erste Skandal in der Bundesliga ereignete sich 1970/71, als es durch Schmiergeldzahlungen zu Spielmanipulationen gekommen war. Im Jahr 2005 hat der "Hoyzer-Skandal" im Zusammenhang mit Wettmanipulationen für Schlagzeilen gesorgt, und jüngst war zu lesen, dass Interpol mehrere Dutzend Fälle von verschobenen Spielen verfolgt. Die Bekämpfung der "Wettmafia", in der offenbar auch Spieler, Funktionäre und Schiedsrichter beteiligt sind, gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Verbände, um die Integrität und Glaubwürdigkeit des Fußballs zu retten.

Die Liberalisierung der Wettmärkte und die Kommerzialisierung des Fußballs machen den professionellen Fußball anfällig für Korruption und Manipulation. Jedoch gibt es kaum ein Mittel dagegen. Auch eine Regulierung und mehr Transparenz der Wettmärkte stellen keine Lösung dar. Im Prinzip reicht eine private Wette zwischen zwei Milliardären irgendwo auf der Welt, um einen Anreiz zu bieten, Spieler oder Schiedsrichter zu bestechen. Im Fußball passieren zudem so viele unbeabsichtigte Fehlleistungen, dass eine Absicht nur sehr schwer aufzudecken und nachzuweisen ist. Gleichzeitig spielt der Zufall eine so große Rolle, und es fallen so wenige Tore, dass eine Manipulation leichter möglich ist als beispielsweise im Basketball, wo ein einzelner Fehlwurf kaum dem schlechteren Team den Sieg gegen ein besseres einbringt.

Auch Funktionäre geraten immer wieder in den Verdacht der Korruption. Die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland oder an Katar 2022 wurden jüngst als Beispiele genannt. Wie andere Sportverbände, die ihre Sportart vermarkten sollen, hat auch der Weltverband FIFA kein Interesse daran, Korruption aufzudecken, weil dies dem Ruf der Sportart und schließlich seiner Vermarktung schaden könnte. Ähnlich verhält es sich im Radsport mit der Aufklärung von Dopingfällen. Die Ausarbeitung eines Code of Honour oder von Compliance-Regeln helfen nur wenig. Die Kontrolle müsste einer externen Instanz übertragen werden, um Unabhängigkeit und Transparenz zu gewährleisten.

Ausblick



Die Bundesliga stellt mittlerweile einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Im Spannungsfeld von rechtlicher Autonomie, wirtschaftlicher Monopolstellung und gesellschaftlicher Verantwortung entstehen zahlreiche Interdependenzen und Konflikte. Die wichtigste Frage in diesem Zusammenhang ist wohl, wie der Fußball in seiner unaufhaltbaren Kommerzialisierung die Glaubwürdigkeit erhalten kann, die Werte des Sports – Fairness, Solidarität und Verantwortung – gegenüber den vielfältigen Stakeholdern, aber insbesondere gegenüber der Gesellschaft zu vertreten. Der Schlüssel hierfür liegt in der Transparenz – ob für die DFL, die UEFA oder die FIFA. Ansonsten verlieren die Verbände die Legitimation dafür, die Geschicke des Fußballs zu lenken und gleichzeitig seine Tradition und Kultur zu bewahren. Dafür ist es notwendig, den Fußball nicht allein als Business, sondern zuallererst als Spiel zu verstehen.

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Fußnoten

1.
Die 3. Liga erzielte 2010/11 einen Umsatz von 112,3 Millionen Euro, die HBL 84,4 Millionen, die DEL 79,2 Millionen und die BBL 60,9 Millionen. Der Umsatz der Fußball-Bundesliga lag in jener Saison bei über 1,9 Milliarden Euro. Vgl. Finanzreport deutscher Profisportligen, in: Sponsors, (2011) 12, S. 55.
2.
Vgl. Deutsche Fußball Liga (Hrsg.), Bundesliga Report 2013, Frankfurt/M. 2013, online: »http://www.bundesliga.de/media/native/autosync/report_2013_dt_72dpi.pdf« (3.6.2013).
3.
Vgl. UEFA, Benchmarking-Bericht zur Clublizenzierung in Europa – Finanzjahr 2011, Nyon 2012.
4.
Im März 2012 erklärten der EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia und der UEFA-Präsident Michel Platini, künftig stärker gegen Staatshilfen im Fußball vorzugehen, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden.
5.
Der Bundesliga-Umsatz weicht hier von der oben genannten Zahl ab, da in diesem Vergleich die Transfererlöse nicht enthalten sind. Vgl. Deloitte, Annual Review of Football Finance, London 2012.
6.
Vgl. George A. Akerlof, Economics of caste and of rat race and other woeful tales, in: Quarterly Journal of Economics, 90 (1996), S. 599–617.
7.
Vgl. Henning Vöpel, Wettbewerb und Regulierung in der Fußball-Bundesliga, in: Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 38 (2009) 12, S. 629–634.
8.
Vgl. u.a. Stefan Szymanski, Income inequality, competitive balance and the attractiveness of team sports: some evidence and a natural experiment from English soccer, in: The Economic Journal, 111 (2001), S. F69–F84.
9.
Vgl. Jörn Kruse/Jörn Quitzau, Fußball-Fernsehrechte – Aspekte der Zentralvermarktung, Diskussionspapier Nr. 14, Universität der Bundeswehr Hamburg 2003.
10.
Mittlerweile ist die "G14" durch die European Club Association (ECA) ersetzt worden, der 207 Vereine aus 53 UEFA-Mitgliedsländern angehören.
11.
Vgl. Bayern erstmals mit Milliarden-Wert, 17.4.2013, »http://www.sport1.de/de/fussball/fussball_bundesliga/newspage_704945.html« (1.6.2013).
12.
Vgl. UEFA, Club Licensing and Financial Fair Play Regulations, Nyon 2012.
13.
Vgl. UEFA (Anm. 3).
14.
Vgl. Henning Vöpel, Do we really need Financial Fairplay in European club football?, in: CESifo DICE Report, (2011) 3, S. 54–59.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Henning Vöpel für bpb.de

 
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